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Willkommen im Globalen Dorf / 67 Mitmachraeume |
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Willkommen zur 67. Ausgabe beziehungsweise Aprilsendung 2026 der Reihe Willkommen im Globalen Dorf. Eine Sendereihe für eine andere, dezentrale und friedliche Zukunft. Nunmehr auf Radio Helsinki. In diesen Tagen scheint es ja wirklich so, als wolle die Welt uns wirklich eindringlich vorführen wie es auf ihr nicht zuzugehen hat, wovon wir uns schleunigst verabschieden müssen, wenn wir als Menschheit überleben wollen. Als ob eine lange schwelende Wunde endlich aufplatzt, bekommen wir den unfassbar zerstörerischen Verlauf der Konkurrenz der Nationen und Kulturen vorgeführt, als ob es so drastisch werden müssen, bis es auch die Dümmsten kapieren. Währenddessen ist die neue Welt, die, die wir wirklich wirklich wollen, noch immer scheinbar total in der Defensive. Die heutige Sendung zeigt aber, dass wir wie umwegig auch immer wir zu ihr unterwegs sind. Nach den geistigen Höhenflügen der letzten Sendungen möchte ich Euch heute einfach erzählen, was sich bei uns in der Region Bad Radkersburg gerade abspielt und wie ich da involviert bin. Ich hoffe Ihr habt Muße und Zeit Euch die ganze Sendung anzuhören, denn es wird durchaus bunt und konkret... ˧
Es war Mittwoch der 25. Februar. Eine ehemalige Tischlerei in Bad Radkersburg, zuletzt Blumengeschäft, jetzt lang leer. Dann, an einem Februarmorgen, plötzlich bevölkert von über vierzig Menschen: emeritierter Universitätsprofessor und Pilzbauern, Fahrradhändler und Künstlerinnen, Regionalmanager, Vizebürgermeisterin, Zuzügler und Jugendliche aus Radkersburg, Journalisten und Netzwerker - ein total buntes Bild Die Sessel kamen von der Stadtgemeinde. Die Tische von der freiwilligen Feuerwehr. Der Beamer vom Zehnerhaus, dem lokalen Kongresszentrum, das diese neue Location nicht als Konkurrenz betrachtet, sondern als Erweiterung des kreativen Milieus, das gerade im Entstehen ist. ˧ Sechs Wochen später, Mitte April 2026, eine Mittelschule in Straden, zwanzig Kilometer weiter im steirischen Vulkanland. Wieder ein Nachmittag. Wieder über 35 Menschen. Die meisten davon dieselben wie beim ersten Workshop, Dieselbe Frage, schärfer gestellt: Was wollen wir wirklich? Was braucht diese Region? Und wer macht mit? ˧ Diese Sendung begleitet beide Tage. Den ersten Workshop in Bad Radkersburg am fünfundzwanzigsten Februar, und den zweiten in Straden am fünfzehnten April. Zwei Etappen auf dem Weg zu etwas, das bescheiden klingt und doch ziemlich viel bedeutet: Mitmachräume in der Südoststeiermark. Orte, an denen Menschen nicht konsumieren, sondern machen. Nicht zuschauen, sondern lernen. Nicht allein tüfteln, sondern teilen. Was das bedeutet, warum es gerade jetzt wichtig ist, und was man dabei von Kärnten, Niederösterreich, Frankreich und sogar vom MIT in Boston lernen kann — das hören Sie in den nächsten fünfundfünfzig Minuten. ˧
Am Anfang stand eine Idee, die aus einer ungewöhnlichen Begegnung entstanden ist: zwischen der Initiative DorfUni — einem Netzwerk, das Lernen im ländlichen Raum neu denken will — und dem FarmLab in Kapfenstein, einem kleinen, aber international vernetzten Ort, an dem Handwerk, digitale Fabrikation und Landwirtschaft zusammenkommen. ˧ Franz Nahrada, der Initiator des Projekts, beschreibt den Ausgangspunkt so: Man hat sich zusammengesetzt und gefragt, was passiert eigentlich, wenn man Lernen und Tun wirklich verbindet. Nicht in der Schule, nicht im Betrieb, sondern an einem dritten Ort. Einem Ort, an dem man mit selbstgestalteten Gegenständen in der Hand nach Hause geht — nicht nur mit Informationen im Kopf. Wo aber das Gestalten selbst immer wieder zum Abenteuer wird, neue Fragen aufwirft, die neue Antworten verlangen. Wo lebenslanges Lernen geradezu provoziert wird, und das Bedürfnis danach sich selbst seine Umgebung schafft. ˧ Das Projektziel ist denkbar konkret: fünf Mitmachräume in fünf Jahren, an fünf Orten in der Region. Zwei davon — das FarmLab in Kapfenstein und ein Raum in Bad Radkersburg selbst — zeichnen sich bereits ab. Drei weitere sollen entstehen. Und dafür, das weiß man von Beginn an, reichen Enthusiasmus und gute Ideen allein nicht aus. Es braucht Strukturen, Finanzierung, Netzwerke. Und es braucht Menschen, die sich wirklich einklinken. Der erste Workshop war dafür gedacht, diese Menschen zu finden — und ihnen etwas mitzugeben. Nicht Konzepte von oben, sondern Erfahrungen von woanders: aus Amstetten, aus Kärnten, aus Frankreich, aus Erlangen. Und dann gemeinsam: Was braucht diese Region wirklich? ˧ Hinter dem Projekt steht eine bemerkenswerte Förderkonstellation: Land Steiermark, Bundesministerium für Landwirtschaft und Europäische Union haben gemeinsam Mittel bereitgestellt — eine dreifache Kofinanzierung, die zeigt, dass das Thema ländliche Innovationsräume politisch ernstgenommen wird. Das Konzept, das dabei zum Tragen kommt, heißt im Fachjargon Smart Village — und das österreichische Verständnis davon ist, wie ich erläutert, europaweit als besonders durchdacht anerkannt. Es geht nicht primär um Glasfaser oder digitale Infrastruktur. Es geht um Begegnungszonen. Um Dorfmitten, die wieder lebendig werden. Um Vernetzung, die über die traditionellen Strukturen hinausgeht und auch jenen Menschen Zugänge öffnet, die sich in den üblichen Kanälen nicht wiederfinden. ˧ Dafür wurde diese zweistufige Projektrakete gebaut. Ein erstes Jahr - bei uns leider schon zusammengepresst auf wenige Monate - in dem in einer repräsentativen Gruppe Ideenfindung und Projektentwicklung versucht werden darf, selbst auf die Gefahr hin dass es nicht klappt. Und dann drei Jahre, in denen das gemeinsam erarbeitete umgesetzt wird, in breiteren und schrägeren Konstellationen als üblich. Am Anfang steht eine Grundsatzentscheidung: LIN oder LIP, also allgemeines Innovationsnetzwerk oder konkretes Projekt? Wir entscheiden uns dafür, ein konkretes Projekt anzusteuern. Dafür steht der Ausdruck "Mitmachräume". Wir wollen wirkliche Hotspots schaffen. eben Synthesen aus Lernraum und Makerspace. ˧
Wer noch nie von einem Makerspace gehört hat, ist in guter Gesellschaft. Der Begriff ist englisch, klingt technisch und erklärt sich nicht von selbst. Auch Günter Sterlike, der 2019 einen Makerspace in Amstetten mitgegründet hat, gibt offen zu: der Name ist nicht ideal. Viele Menschen wissen bis heute nicht, was damit gemeint ist. ˧ Also: Was ist es wirklich? Ein Mitmachraum — oder Makerspace — ist im Kern ein gemeinsam genutzter Ort, an dem Menschen mit Werkzeugen, Maschinen und ihren Händen arbeiten. Es gibt offene Werkstätten für Holz, Metall, Elektronik. Manchmal einen 3D-Drucker, einen Lasercutter. Immer aber vor allem: Menschen, die ihr Wissen teilen wollen. ˧ Das klingt zunächst wie ein etwas ambitionierterer Bastelkurs für Erwachsene. Aber das greift zu kurz. Mitmachräume sind in ihrer besten Ausprägung erstens Gegenmodelle zur Wegwerfgesellschaft — beim monatlichen Repair-Café werden kaputte Dinge repariert, nicht weggeworfen. Sie sind zweitens Begegnungsorte zwischen Menschen, die sich sonst nie treffen würden — vom Elektriker bis zur Ernährungsberaterin, vom Schüler bis zur Rentnerin. Und sie stellen drittens, auf einer tieferen Ebene, eine Frage, die über das Basteln weit hinausgeht: Was verliert eine Gesellschaft, wenn Menschen aufhören, die Dinge des Alltags selbst zu machen oder zumindest entscheidend mitzugestalten? Und was hat sie zu gewinnen wenn diese Fähigkeit bewusst wieder ins Zentrum gestellt wird? ˧ Ich hab diesen Unterschied aso uf den Punkt gebracht. Beim Gasthaus ist man immer irgendwie nach Hause gegangen, mit einem vollen Bauch oder einem Rausch oder beidem.. Aus dem Makerspace kommt man mit etwas in der Hand nach Hause. Das klingt einfach. Aber es ist ein Unterschied, der zählt — und der etwas darüber aussagt, wie wir uns als handelnde Menschen in einer Welt voller fertiger konsumierbarer Dinge fühlen. Eine Art Ermächtigung, eine Art Selbstbestimmung, eine Art von Souveränität. Ich hab das in vielen früheren Sendungen speziell anhand der Ideen von Frithjof Bergmann ausgeführt. ˧ Der Begriff „dritter Ort" ist in dieser Debatte zentral. Er stammt aus der Soziologie und bezeichnet Orte jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz — jenseits auch von Schule und formellen Institutionen. Orte, an denen man sich auf Augenhöhe begegnet, in denen keine Hierarchie vorschreibt, wer lehrt und wer lernt. Das Gasthaus war historisch ein solcher dritter Ort. Was ihn ersetzen kann, wenn das Gasthaus schließt und das Vereinsleben schrumpft, ist eine der brennendsten Fragen der ländlichen Raumplanung. ˧ Die Antwort, die das Projekt in der Südoststeiermark versucht, lautet: Ein Ort, an dem man gemeinsam tut. An dem das Tun selbst Neugier weckt. An dem Fragen entstehen, die man dann gemeinsam beantwortet — und dabei von Menschen mit ganz verschiedenen Biographien lernt. Lernen, Tun und Teilen. Eine ständige Spirale. Nicht ein Kurs, nicht ein Programm. Eine lebendige Gemeinschaft rund ums Machen. ˧
Der erste Gastvortrag des Workshoptages kam aus Amstetten. Günter Sterlike ist Mitgründer des dortigen Makerspaces und heute aktives Mitglied eines österreichweiten Netzwerks offener Lernorte. Er hat erzählt, wie aus einer Handvoll Begeisterter in einem dreizehn Quadratmeter kleinen Keller ein gemeinnütziger Verein mit über 160 Mitgliedern wurde — mit einer vierhundert Quadratmeter großen Industriehalle, die sie von der ÖBB mieten, und einem Programm, das von der Holzwerkstatt bis zur Kochgruppe, vom Klimaabend bis zum E-Sports-Treff reicht. ˧ Was er mitgebracht hat, sind nicht nur Zahlen und Erfolgsgeschichten. Es sind Einsichten, die man sich ehrlich erarbeiten musste. ˧ Die erste: Es sind nicht die Maschinen, die einen Mitmachraum ausmachen. Es sind die Menschen. Eine gut ausgestattete Werkstatt ohne Gemeinschaft ist ein leeres Lager. Eine schlecht ausgestattete Werkstatt mit einer lebendigen Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig herausfordern und unterstützen, ist ein Ort, an dem Erstaunliches passiert. Günter hat das in Amstetten selbst erlebt: Was den Makerspace interessant macht, sind nicht die Maschinen — es sind diejenigen, die dahinter und davor stehen. ˧ Die zweite Einsicht: Leidenschaft ist der wichtigste Motor. Weil alle ehrenamtlich arbeiten, kommt niemand aus Pflicht. Wer kommt, kommt weil ihn oder sie etwas treibt — eine Frage, ein Projekt, eine Idee, die man endlich ausprobieren will. Diese Freiwilligkeit ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Sie filtert heraus, was wirklich trägt. ˧ Die dritte Einsicht ist vielleicht die schwierigste: Wie hält man eine Gemeinschaft zusammen, wenn sie wächst? Bis zu etwa fünfzig Mitgliedern funktioniert das fast von selbst — man kennt einander, man trifft sich, man redet. Dann schleicht sich Anonymität ein. Dann braucht es Struktur: Bereichsteams, regelmäßige Treffen, demokratische Entscheidungskultur. Der Verein in Amstetten hat das gelernt, nicht durch Planung, sondern durch Erleben. ˧ Zur Finanzierung: Der Mitgliedsbeitrag ist bewusst niedrig gehalten — 120 Euro im Jahr, also zehn Euro im Monat, für vollen Zugang zu allen Räumen und Maschinen, rund um die Uhr. Das reicht freilich nicht. Es braucht Kooperationen mit der lokalen Wirtschaft, Förderprojekte, Veranstaltungseinnahmen, gelegentliche Sponsorings. Günter beschreibt es als tägliches Klinkenputzen — und er sagt das ohne Bitterkeit. Es funktioniert. Aber man darf sich nichts vormachen: Es ist Arbeit. ˧ Was die Reise von Amstetten nach Bad Radkersburg lehrreich macht, ist nicht nur das Modell selbst. Es ist das Prinzip dahinter. Günter hat keinen Masterplan gehabt. Er hat angefangen, mit wenigen, mit wenig. Der Keller war eng. Die Ausstattung war bescheiden. Aber die Haltung war klar: Wir tun es. Und dann schauen wir, was draus wird. Aus einem Keller wurden Hallen. Aus Hobbyisten wurde eine Community, die sich selbst trägt. Im Workshopraum in Bad Radkersburg saß jemand, der das hörte und nickte. Man konnte es spüren: Das ist keine Geschichte von woanders. Das ist eine Geschichte, die hier auch passieren könnte. ˧ Der Makerspace in Amstetten hat übrigens auch etwas gelernt, das für die Südoststeiermark besonders relevant ist: das Thema Inklusion. Barrierefreiheit im baulichen Sinne ist schwierig, wenn man in alten Industriegebäuden sitzt. Aber soziale Inklusion — der Zugang für Menschen mit Migrationshintergrund, aus bildungsfernen Schichten, aus sozialen Randlagen — funktioniert dort bemerkenswert gut. Ein Mitmachraum, der wirklich offen ist, zieht keine Grenzen. Wer etwas tun will, ist willkommen. Wer etwas kann, gibt es weiter. Wer nichts kann, lernt. Das ist das Modell. ˧
Der zweite Gastvortrag des Tages kam aus Kärnten, per Videobrücke. Nicole Mitsche leitet die Karnischen Werkstätten in Kötschach-Mauthen — ein Bildungsinnovations- und Gründungszentrum im Gailtal, einer Region, die, wie Nicole selbst sagt, sehr sonnig und sehr abgelegen ist. Beides trifft auch auf die Südoststeiermark zu. Und deshalb war ihr Bericht besonders aufmerksam gehört. ˧ Die Geschichte der Karnischen Werkstätten begann mit einer Tragödie. Eine große Industriehalle, jahrzehntelang Arbeitgeber in der Region, wurde von ihrem amerikanischen Eigentümer von einem Tag auf den anderen geschlossen. Arbeitsplätze weg. Halle leer. Ein Schlagloch im Ortsbild, im wirtschaftlichen Gefüge, im Selbstverständnis der Gemeinden. ˧ Was dann passierte, ist ein Lehrstück darüber, was möglich ist, wenn verschiedene Kräfte nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Sechs mittelständische Unternehmen kauften die Halle gemeinsam. Eine interkommunale Zusammenarbeit der Bezirksgemeinden stellte Fördermittel bereit. Das Land Kärnten finanzierte den Umbau. Die Kärntner Wirtschaftsförderung übernahm Personalanteile. Und Nicole — gerade zurückgekehrt aus dem Ausland — übernahm die Projektleitung. Mit einer Naivität, die sie selbst als Vorteil beschreibt: Sie kannte die eingefahrenen Befindlichkeiten nicht, also fragte sie auch nicht danach. Sie machte einfach. ˧ Was die Karnischen Werkstätten heute auszeichnet, ist ihre Rolle als das, was Franz in der Diskussion einen „Bildungsbroker" nannte. Nicole ist das Verbindungsstück zwischen Bildungseinrichtungen, die ihre Angebote nicht in jeden letzten Winkel bringen können, und Unternehmen, die Weiterbildungsbedarf haben, aber keinen direkten Weg dorthin finden. Die Fachhochschule Kärnten bietet Microcredentials an. Das BFI hält Staplerkurse. Die Volkshochschule organisiert Sprachcafés. Alles läuft durch die Karnischen Werkstätten hindurch. ˧ Das Prinzip hat einen einfachen Vorteil im ländlichen Raum, den Nicole klar benennt: Man kennt einander. Wenn man fragt, ob noch jemand helfen kann, findet sich jemand. Die sozialen Netzwerke, die im städtischen Raum aufwendig organisiert werden müssen, existieren auf dem Land oft schon. Man muss sie nur aktivieren — und einen Ort schaffen, der ihnen einen physischen Rahmen gibt. ˧ Ein Satz aus Nicoles Vortrag blieb besonders im Gedächtnis: Projekte im ländlichen Raum sind kein Defizit. Im ländlichen Raum wird leichter ausgetragen, weil jeder jeden kennt. Was in der Stadt als Schwäche gilt — die Überschaubarkeit, die fehlende Anonymität — wird hier zur Ressource. Wenn man das versteht, verändert sich der Blick auf die Region fundamental. ˧ Für die Südoststeiermark ist das eine wichtige Botschaft. Die Region hat in den letzten Jahrzehnten gelernt, sich selbst zu unterschätzen. Das Vulkanland-Netzwerk hat daran gearbeitet, dieses Bild zu korrigieren. Die Werkstatt in Bad Radkersburg und das FarmLab in Kapfenstein setzen das fort — mit einem anderen Mittel: nicht mit Broschüren über regionale Stärken, sondern mit Orten, an denen man diese Stärken anfassen kann. ˧
Der dritte große Vortrag des Tages kam von jemandem aus der Region selbst — einem, der einen langen Umweg gemacht hat, um zurückzukehren. Martin Gutmann ist Architekt. Er ist in Kapfenstein aufgewachsen, auf einem kleinen Bauernhof, wo seine Familie vieles selbst gebaut hat. Mit diesem Hintergrund einer frühen Maker-Sozialisation, wie er es nennt, ging er zum Architekturstudium nach Barcelona. Aus einem Erasmusjahr wurden sieben. Und in diesen sieben Jahren begegnete er einer Idee, die sein Leben veränderte: dem FabLab?. ˧ Was ist ein FabLab?? Kein Raum voller Maschinen, sagt Martin. Sondern Menschen, die gemeinsam Projekte entwickeln. Die Idee kommt vom MIT in Boston, aus einem Kurs mit dem Titel „How to make almost anything". Der Professor, der ihn entwickelt hat, stand vor einem gemischten Publikum — Anthropologen, Künstler, Ingenieure, Softwareentwickler. Er löste das Problem der unterschiedlichen Wissensebenen so: Die Leute unterrichteten sich gegenseitig. Wer etwas wusste, gab es weiter. Wer nichts wusste, stellte Fragen. Und aus diesem Prinzip entstand eine globale Bewegung. Martin hat die FabLab?-Idee in seinen Jahren in Barcelona kennengelernt, hat an der Fab Academy teilgenommen — einem internationalen Lehrgang, der genau diese Haltung des gegenseitigen Lernens und Machens vermittelt. Und er hat, nach Jahren in Wien und einem Umzug aufs Land, begonnen, diese Idee in Kapfenstein umzusetzen. Auf einem kleinen Bauernhof. Mit einer Holzhütte als erster Werkstatt. Mit Schafen, deren Wolle plötzlich zum Material wurde. Mit einem Obstgarten, dessen Holz in die Werkstatt kam. Mit einem zwanzig Jahre alten Industrielaser, der gerettet und wieder zum Laufen gebracht wurde. ˧ Das FarmLab ist die Verbindung von Dingen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören: traditionelles Handwerk, digitale Fabrikation und Landwirtschaft. Schafe scheren und Wolle filzen. Mais anbauen und daraus Materialien für Kunstprojekte entwickeln. Indigo anbauen und Shibori-Techniken erproben. Und parallel dazu: 3D-Druck, Lasercutter, Elektronik. Nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung. Das Lokale und das Globale, das Alte und das Neue, das Handwerkliche und das Digitale — in einem Ort zusammengebracht. ˧ Was das FarmLab besonders macht, ist sein Jahreszyklus: Im Winter, wenn es draußen ruhig ist, kommen die Lämmer, werden drinnen Materialien verarbeitet, Projekte vorbereitet. Im Frühling beginnt das Scheren, die erste Residenz. Im Sommer kommen Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa, färben Textilien, brennen Keramik. Im Herbst wird gebaut — aus verbrannten Fichtenholzbrettern, aus selbst hergestellten Werkzeugen. Das FarmLab nimmt am Programm EU-geförderter Künstlerresidencies teil. Junge Menschen aus ganz Europa kommen für Wochen oder Monate, bringen ihre Ideen mit, begegnen dem Hof, der Region, den lokalen Materialien und Menschen — und gehen mit etwas nach Hause, das sie vorher nicht hatten. Und die Region bekommt im Gegenzug: internationale Impulse, neue Blicke auf das Vorhandene, Verbindungen in ein Netzwerk, das von Slowenien über Frankreich bis Japan reicht. ˧ Ein Beispiel: Ein rumänisch-französisches Künstlerduo kam ohne Filzerfahrung nach Kapfenstein. Gemeinsam mit fünf lokalen Schäferinnen — allesamt Expertinnen im Filzen, aber kein Englisch, kein Rumänisch, kein Französisch miteinander — entstand ein vier Meter langes Filzwerk, das heute gezeigt wird. Und eine japanische Künstlerin entwickelte während ihrer Residenz eine lokale Maisstärke-Alternative für einen japanischen Spezialkleber, den sie sonst importieren muss. Das FarmLab ist Forschungslabor, Begegnungsraum und Werkstatt in einem. ˧ Martin hat am Vorabend des ersten Workshops den Vulkanland-Innovationspreis gewonnen — zusammen mit seiner Partnerin Silvia Brandi, die die Community-Arbeit des FarmLabs? trägt. Silvia kommt aus Italien, hat das Institut für fortgeschrittene Architektur in Barcelona geleitet wo Martin studiert hat, war Kuratorin des internationalen „Fixing the Future"-Festivals. Sie bringt das Netzwerk, die Kuratoriumserfahrung, die internationale Perspektive ein. Und sie ist es, die aus dem FarmLab nicht nur einen Hof macht, sondern einen Ort, an dem Menschen aus der ganzen Welt landen — und gerne für ein paar Tage oder Wochen bleiben. ˧
Ein besonderer Moment des ersten Workshoptages war der Vortrag von Alex, einem Franzosen aus dem Massif Central, der seit über zehn Jahren Europa bereist — mit einem umgebauten Van und dem Ziel, Makerspaces zu besuchen und zu verbinden. Sein eigener heißt Mountain Makers. Er hat das europäische VULCA-Netzwerk mitgegründet, das Mobilitätsprogramme für Maker in ländlichen Räumen entwickelt. Axel Just aus Erlangen, der selbst einen Makerspace in einer von der Stadt erworbenen alten Fabrikationshalle aufgebaut hat, hat übersetzt und ergänzt. ˧ Was Alex mitgebracht hat, sind zwölf Tipps für ländliche Mitmachräume. Einige klingen einfach — und sind es auch. Andere klingen einfach und sind es nicht. Fang klein an, sagt er. Hab keine Angst, mit einer Garage oder einem Keller zu beginnen. Geh aus deinen vier Wänden heraus — organisiere ein Repair-Café im Dorf, nur um Menschen zu treffen. Lass die Leute ihren künftigen Raum selbst mitgestalten, denn das erzeugt ein Gefühl der Zugehörigkeit, das man nicht kaufen kann. Lad internationale Macher ein — nicht als Show, sondern weil Fremde neue Ideen, neue Sprachen, neue Sichtweisen mitbringen. ˧ Und dann, das vielleicht wichtigste Prinzip: Ein Mitmachraum ist dann erfolgreich, wenn die Menschen wegen der Werkzeuge kommen — und wegen der Gemeinschaft bleiben. Wer nur für den 3D-Drucker kommt, wird wiederkommen, wenn er verstanden hat: Hier passiert mehr als Technik. Hier passiert Menschsein. ˧ Axel hat am Ende des Vortrags eine Beobachtung gemacht, die im Raum nachhallte. Was Alex und andere Maker tun, wenn sie von Werkstatt zu Werkstatt reisen, Wissen teilen, Netzwerke knüpfen — das erinnert an eine alte Tradition des Handwerks. Die Walz. Früher zogen junge Handwerker durch die Lande, lernten bei verschiedenen Meistern, brachten das Gelernte an neue Orte. Was das VULCA-Netzwerk und seine Reisenden tun, ist nichts anderes — in zeitgenössischer Form, mit anderen Werkzeugen, auf europäischen Straßen. ˧ Diese Parallele traf einen Nerv. Weil sie zeigt: Mitmachräume sind keine neue Erfindung. Sie knüpfen an etwas an, das es schon immer gegeben hat. Das Wissen, das von Hand zu Hand geht. Die Meisterin, die dem Lehrling zeigt. Der Wandergeselle, der aus der Fremde zurückkommt und etwas mitbringt. Was sich geändert hat, ist der Rahmen. Was gleich geblieben ist, ist das Prinzip. ˧ Ein weiterer Aspekt, den Alex und Axel einbrachten, ist die Frage der Genehmigungen und Versicherungen. Offene Werkstätten bewegen sich in einem rechtlichen Graubereich: Wer ist haftbar, wenn jemand sich an einer Säge verletzt? Wie versichert man Freiwillige, die Maschinen bedienen? Der Verbund Offener Werkstätten in Deutschland hat dafür eigene Lösungen entwickelt — Sammelversicherungen, geteilte Haftungsmodelle, geteiltes Wissen über Sicherheitsregeln. In Österreich gibt es diese Strukturen noch nicht flächendeckend. Das Repair-Café-Netzwerk hat mit der Helvetia-Versicherung eine Lösung gefunden. Für offene Werkstätten braucht es Ähnliches. ˧ Was der Tag in Bad Radkersburg insgesamt gezeigt hat: Es gibt in Europa eine lebendige, wachsende Bewegung von Menschen, die Mitmachräume aufbauen. Sie teilen ihre Erfahrungen. Sie helfen einander. Sie besuchen einander. Und sie wissen: Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Man kann lernen, was woanders schon funktioniert. ˧
Nach den Vorträgen des Vormittags öffnete sich der Tag. Vier Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit konkreten Fragen: Welche regionalen Bedürfnisse gibt es? Welche Räume könnten Mitmachräume werden? Wie kann Bildung in solche Orte kommen? Wie funktioniert Inklusion? Das, was in den Arbeitsgruppen entstand, war nicht sofort ein Konzept. Es war zunächst etwas Wertvolleres: ein Bild der Region, gemalt von denen, die in ihr leben. ˧ Am Tisch zu regionalen Bedürfnissen wurde schnell klar: Es geht nicht um Werkzeuge. Es geht um das Soziale. Intergenerationales Lernen, das Miteinander von Jung und Alt, die Frage, wie man Wissen weitergibt, das sonst verloren geht — das waren die Themen, die sich immer wieder in den Vordergrund drängten. Und die Idee, dass die Region nicht als ein Zentrum gedacht werden sollte, sondern als ein Haus mit vielen Zimmern: Ein Ort für Mobilität und Reparatur, ein anderer Ort für Kulinarik und Kochen, wieder ein anderer für Kreativität und Kunst. ˧ Am Tisch zu Organisation und Infrastruktur wurde über etwas gesprochen, das man selten offen ausspricht: über die Schwierigkeit des Wachsens. Projekte haben eine Startenergie. Und dann kommt irgendwann ein Punkt, an dem die Gründerinnen und Gründer loslassen müssen, und andere übernehmen — und das ist oft der schwierigste Übergang. Beziehungen tragen Infrastruktur, nicht umgekehrt. Das war vielleicht der tiefste Satz des Nachmittags. ˧ Am Tisch zu Möglichkeiten und Inspirationen wurde gestaunt. Dreißig Jahre Telearbeit aus der Region heraus. Eine Wollmarke, die innerhalb eines Jahres entstanden ist. Pionierinnen und Pioniere, die still und beharrlich Neues tun. Und dann der Schluss, der zugleich ernüchternd und ermutigend war: Es ist schon ziemlich viel möglich. Wahrscheinlich mehr oder weniger alles. ˧ Am vierten Tisch, dem zu Zielgruppen und sozialer Dynamik, kam der Satz, der vielleicht das Wichtigste dieses Tages zusammenfasst: Leidenschaft verbindet. Gruppen funktionieren nur, wenn Menschen wirklich brennen. Und dann, als praktische Konsequenz: Das Wort Makerspace ist für ältere Generationen ein Fremdwort. Mitmachraum ist verständlicher. Inklusiver. Bodenständiger. ˧ Michael Fend vom Regionalmanagement Südoststeiermark war an diesem ganzen Tag im Raum. Er hat ehrlich und hoffnungsvoll zugleich geantwortet, als er gefragt wurde, ob das Vulkanland-Netzwerk solche Initiativen unterstützen kann. Die Vernetzung findet statt, hat er gesagt. Es gibt Luft nach oben. Aber die Richtung stimmt. ˧ Was an diesem Nachmittag deutlich wurde: Es gibt in der Südoststeiermark bereits erstaunlich viele Bausteine. Eine HTL mit Maschinenhallen, die sich gerade in Richtung Öffentlichkeit öffnet. Eine Kinderkreativwerkstatt in Bad Radkersburg, die bereits versichert und erprobt ist. Coworking-Räume im Entstehen. Ein Murradweg, der Fahrradkultur und Regionalerkundung verbindet. Vieles existiert schon. Was fehlt, ist die Sichtbarkeit — und die Verbindung. ˧ Der Schritt, der jetzt gelingen muss, ist nicht der große Entwurf. Es ist die Bereitschaft, die ersten praktischen Beiträge zusammenzubringen. Nicht nur die Einsicht zu teilen, dass die Dinge gemeinsam gehen — sondern auch gemeinsam zu beginnen. ˧ ZWISCHENBRÜCKE (ca. 1,5 Minuten) ˧ So endete der erste Workshop. Mit Aufbruchstimmung. Mit offenen Fragen. Und mit dem Versprechen, weiterzumachen. ˧ Sechs Wochen später, am fünfzehnten April 2026, hat sich der Kreis wieder getroffen. Diesmal in Straden, in der Mittelschule. Über 35 Menschen, viele davon schon beim ersten Mal dabei. Manche neu. Und die Aufgabe war konkreter geworden: nicht mehr Vision entwickeln, sondern Aktionen planen. Nicht mehr fragen, was möglich wäre — sondern entscheiden, was als nächstes passiert. ˧
Straden ist kein zufälliger Ort. Die Gemeinde im steirischen Vulkanland hat sich selbst den Titel Lebenskraftgemeinde gegeben — und meint das ernst. Bürgermeister Anton Edler begrüßte die Gäste mit einem Satz, der die Haltung der Gemeinde gut zusammenfasst: Wir wissen, was wir haben. Wir sind bodenständig. Wir können was. Und wir wollen das weitergeben — an unsere Gäste, an unsere Besucher, vor allem aber an uns selbst. Diese Selbstvergewisserung ist nicht selbstverständlich. Viele Gemeinden in ländlichen Räumen haben über Jahrzehnte gelernt, sich an städtischen Maßstäben zu messen — und sich dabei als defizitär zu erfahren. Was fehlt, was nicht da ist, was weggegangen ist: Das bestimmt oft den Blick. Straden setzt dagegen auf das, was da ist. Und auf das, was entstehen kann. ˧ Schuldirektorin Maria Kazianschütz hat die Workshopteilnehmenden in ihrer Schule willkommen geheißen — und dabei fast beiläufig drei Begriffe genannt, die den Nachmittag wie eine Überschrift rahmten: Begegnung, Innovation, Kreativität. Wenn diese drei Dinge aufeinandertreffen, entsteht mit Sicherheit etwas Wundervolles. Das passiert, sagte sie, jeden Tag in der Schule. Und jetzt vielleicht auch bald draußen, in der Gemeinde. ˧ Sabine Paul-Enzinger vom Kulturverein Lebenskraft Straden ergänzte: Ein Buffet war vorbereitet, improvisiert, herzlich. Nicht perfekt. Aber das, fügte sie hinzu, sei eigentlich das Schönste an solchen Tagen: Dass man einfach anfängt. Mit dem, was man hat. Und schaut, was draus wird. Franz und Karola — das Team hinter dem Projekt — hatten inzwischen die Ergebnisse des ersten Workshops aufbereitet und in vier Themenfelder übersetzt: Kreatives Milieu und Attraktivität für Rückkehrerinnen und Rückkehrer. Gutes Leben im Alter und Dialog der Generationen. Zukunftssicheres Wissen und Bildung. Und schließlich: Resilienz und Versorgungssicherheit. ˧ Diese vier Themen waren die Tische, an denen der Nachmittag stattfand. Jede und jeder konnte sich das aussuchen, was ihm oder ihr am Herzen lag. ˧ BLOCK 9: Was die Region wirklich will – vier Tische, vier Gespräche (ca. 9 Minuten) ˧ Tisch 1: Kreatives Milieu und die Frage, warum Menschen kommen und bleiben ˧ Am ersten Tisch wurde die Frage gestellt, die viele Gemeinden beschäftigt: Wie wird man so attraktiv, dass Menschen nicht nur nicht weggehen — sondern auch von woanders kommen? Nicht weil ein Förderprospekt das verspricht, sondern weil wirklich etwas passiert, das es woanders nicht gibt. ˧ Andrea, die für diese Gruppe berichtete, brachte eine Erkenntnis auf den Punkt, die über das Regionale hinausweist: Die Qualität eines Ortes entscheidet darüber, ob man sich dort zu Hause fühlt. Und diese Qualität hängt nicht in erster Linie von Infrastruktur ab. Sie hängt von Menschen ab. Es braucht jemanden, der den Raum öffnet. Jemanden, der kommuniziert, vernetzt, vermittelt — und zwar in einer Sprache, die gemeinsame Bilder erzeugt. Nicht die Fachsprache der Planung, nicht die Sprache des Tourismus. Sondern eine Sprache, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensrealität zusammenführt. ˧ Christian aus Fehring, der für mehrere Jahre mit dem Fahrrad durch Europa gereist war und dabei an Orten gelandet ist, wo er plötzlich wusste: Hier will ich bleiben — hat beschrieben, was dieses Gefühl ausgelöst hatte. Nicht die Landschaft allein. Nicht das Angebot. Sondern eine Person, die ihn mitgenommen und ihm innerhalb kurzer Zeit eine Landkarte von Menschen und Projekten gezeigt hatte, auf der er sich sofort orientieren konnte. In einem Umkreis von fünfzig Kilometern wusste er plötzlich, wen er besuchen könnte, mit wem er sprechen könnte, was er tun könnte. Das ist hochinnovativ, sagte Karola. Und es hat nichts gekostet. ˧ Anna ergänzte eine Dimension, die am ersten Workshop noch nicht so klar war: Die Region hört nicht an der Grenze auf. Die Südsteiermark — Steierska auf Slowenisch — geht weiter. Es gibt eine Grenzregion, in der zwar verschiedene Sprachen gesprochen werden, aber dieselbe Volksmusik gespielt, dieselben Lebensmittel gegessen, dieselben Landschaften erlebt werden. Das ist eine Seltenheit in Europa. Eine Sprache, die sich verändert, aber keine Kultur, die sich trennt. Diese Tatsache ist eine Ressource — für Begegnung, für Austausch, für Projekte, die größer denken als Nationalstaaten. ˧ Franz brachte dabei das Projekt Mura Calling ein, das parallel zum Stradener Prozess läuft und genau diese grenzüberschreitende Bioregion entwickeln will: von Österreich und Slowenien, über Kroatien und Ungarn bis nach Serbien. Eine Region, in der fünf Nationalstaaten durch einen Fluss verbunden sind. Ein Experimentierfeld für das, was nach dem Zeitalter der Nationalstaaten kommen könnte. Wo, wenn nicht hier, ließe sich das ausprobieren? ˧ Tisch 2: Gutes Leben im Alter und Dialog der Generationen ˧ Am zweiten Tisch war es, wie Michel berichtete, zunächst etwas chaotisch zugegangen. Die Vorstellungsrunde war schnell zu einer Diskussionsrunde geworden. Pensionistenverbände waren anwesend, aber das Gespräch drehte sich vor allem um die Jugend — ein scheinbarer Widerspruch, der sich beim genaueren Hinsehen auflöst: Es geht nicht um Alte und Junge als getrennte Welten. Es geht um die Frage, was sie verbindet. ˧ Theater, Musik, Essen, Sport — das waren die Antworten, die spontan kamen. Gemeinsame Aktivitäten, bei denen das Alter keine Rolle spielt. Und dann die tiefere Frage: Was bedeutet eigentlich gutes Leben im Alter? Für manche ist es Genuss — Pensionistenreisen, Freude ohne Verpflichtung. Für andere ist es Sinn — etwas tun, das zählt. Etwas weitergeben, das weiterlebt. ˧ Bernhard brachte eine Perspektive ein, die das Generationenthema aus einem neuen Winkel beleuchtete: Wissenstransfer funktioniert in beide Richtungen. Die Älteren geben Erfahrungswissen weiter. Aber auch die Jüngeren haben Wissen, das die Älteren nicht haben — und das genauso wertvoll ist. Wenn man das zulässt, entsteht ein Kreislauf. Ein Mitmachraum könnte genau dieser Ort sein: kein Kurs, kein Seminar, kein Programm — sondern ein Ort, an dem beide voneinander lernen, weil sie gemeinsam etwas tun. ˧ Tisch 3: Zukunftssicheres Wissen und Bildung ˧ Am dritten Tisch saßen, wie Franz berichtete, zwei Schulleiterinnen und ein Wissenschafter — und die Kombination war besonders fruchtbar. Michael Narodoslavsky, ein Forscher, der seit Jahren an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft arbeitet, brachte eine These ein, die im Raum nachhallte: Die Zukunft der Wissenschaft ist lokal. Die Zukunft der Bildung ist lokal. ˧ Das klingt paradox in einer Welt, die von globalen Plattformen und internationalen Rankings dominiert wird. Aber der Gedanke hat eine innere Logik. Wissen entsteht im Dialog — zwischen denen, die theoretisch denken, und denen, die praktisch handeln. Und dieser Dialog funktioniert am besten vor Ort. Akademische Institutionen suchen heute händeringend nach sogenannten Reallaboren — nach Communities, die bereit sind, Erkenntnisse zu erproben, zu dokumentieren, zurückzuspielen. Die Fachsprache dafür heißt Citizen Science: Bürgerwissenschaft. Die Idee dahinter ist einfach: Nicht nur Fachleute betreiben Wissenschaft. Alle können Daten erheben, Beobachtungen dokumentieren, Erfahrungen kodifizieren. ˧ In Straden gibt es dafür bereits ein konkretes Beispiel. Die Mittelschule hat einen Schulgarten, der gemeinsam mit einer Gruppe junger innovativer Bäuerinnen und Bauern gepflegt wird — den sogenannten Jungen Wilden. Und die älteren Schülerinnen und Schüler bauen gerade eine Solar-E-Bike-Ladestation für die Gemeinde. Photovoltaik, E-Mobilität, Energieautonomie — nicht als Schulstoff, sondern als gelebtes Projekt. Die Schule als Schnittstelle zwischen Wissen und Welt. ˧ Die IHTL — die Höhere technische Lehranstalt in der Region — hat kurz vor dem zweiten Workshop ihr erstes Repair-Café für die Öffentlichkeit veranstaltet. Und dort passierte etwas, das mehr war als Reparatur: Es wurde Wissen transferiert. Es wurden Fragen gestellt und beantwortet. Die Veranstaltung war keine Dienstleistung, sondern eine Bildungsveranstaltung. ˧ Tisch 4: Resilienz und Versorgungssicherheit ˧ Am vierten Tisch wurde über etwas gesprochen, worüber viele lieber nicht sprechen. Stefan Wiltschnig, der für die Gruppe berichtete, begann mit einem Szenario, das zunächst ungewöhnlich klang: Was wäre, wenn eine kriegerische Auseinandersetzung die Infrastruktur zusammenbrechen lässt? Was, wenn Strom, Heizung, Kommunikation wegfallen? ˧ Diese Frage wurde nicht aus Panik gestellt. Sie wurde gestellt, weil man ehrlich sein wollte. Und die ehrliche Antwort war: Im ländlichen Raum ist man in einem solchen Szenario besser dran als in der Stadt. Man kann auf Strukturen zurückgreifen, die in städtischen Ballungszentren längst verschwunden sind. Feuerwehr und Zivilschutz als Gemeinschaftsstrukturen. Werkstätten, die Dinge reparieren können. Maschinenringe, die Fahrzeuge und Geräte teilen. Vorräte, die im ländlichen Alltag noch eine Rolle spielen. Soziale Netzwerke, die im Ernstfall aktiviert werden können. Die Minimalanforderung, auf die sich die Gruppe einigte, war simpel: über den Winter kommen können. Mit Essen, Wasser, Wärme. Das klingt archaisch. Es ist aber eine nützliche Leitfrage für das, was eine Gemeinschaft wirklich trägt. ˧ Konkret wurden dann Ideen zu Samenfesten und Sortengärten, zu Waldgärten als Gemeinschaftsprojekten, zu Selbstversorgungsskills als Bildungsinhalt. Und ein Gedanke, der besondere Aufmerksamkeit verdient: digitale Resilienz. Nicht im Sinne von mehr Technik, sondern im Sinne von autonomen Kommunikationsnetzwerken. Wenn das Mobilnetz ausfällt, wie können die einzelnen Hubs miteinander in Kontakt bleiben? Wie kann man ein Netz aufbauen, das nicht von zentralen Infrastrukturen abhängt? Max brachte dazu noch eine Idee ein, die über das Thema Resilienz hinausweist und zu dem wird, was er ein Herzensprojekt nennt: die Renaturierung von Feuchtgebieten entlang der Mur. Die Landschaft, die heute von Mais-Monokulturen geprägt ist, war einst eine vielfältige Auenlandschaft. Waldgärten, Artenvielfalt, Wasserkreisläufe — das alles ließe sich, als Gemeinschaftsprojekt, wieder entwickeln. Mit Patenschaften für Bäume. Mit Permakultur-Ansätzen. Mit der Ästhetik der Vielfalt als Leitgedanken: Schönheit zieht Menschen an. Was schön ist, wird gepflegt. Was gepflegt wird, bleibt. ˧
Zwischen den Gruppenberichten stellte Karola eine Frage, die über den konkreten Aktionsplan hinausging: Welche innovativen Ideen sind so stark, dass die besten Köpfe Europas Lust haben, hier zu leben? Das ist eine andere Frage als: Wie halten wir unsere Jugend? Oder: Wie machen wir die Region attraktiver? Es ist die Frage nach dem Eigenwert. Nach dem, was man hat, das man nicht kopieren kann. Nach dem, was eine Region zu einem Ort macht, an dem Menschen nicht nur bleiben wollen, weil es gemütlich ist — sondern weil hier etwas passiert, das es woanders nicht gibt. ˧ Michael Narodoslavsky antwortete auf diese Frage mit einem Begriff: Citizen Science. Eine Community, die wissenschaftlich arbeitet, dokumentiert, austauscht, und dabei lokale Themen in globale Debatten einbringt — das wäre bereits international sichtbar. Das würde Menschen anziehen, die forschen wollen. Die nicht in einer Universitätsstadt sitzen, sondern in der Natur, mit echten Daten, in echter Gemeinschaft. ˧ Martin Gutmann ergänzte: Die Region ist internationaler, als sie sich selbst wahrnimmt. Viele Menschen hier haben internationale Biographien. Sind weggegangen, haben anderswo gearbeitet, haben Sprachen gelernt, Netzwerke geknüpft. Und sind zurückgekommen — oder kommen noch. Was fehlt, ist nicht das Internationale. Was fehlt, ist die Sichtbarkeit. Florian brachte eine Kritik ein, die unbequem war und deshalb wichtig: Die Landschaft wird nicht attraktiver durch Marketing. Sie wird attraktiver, wenn sie wirklich schöner wird. Wenn Monokulturen durch Vielfalt ersetzt werden. Wenn Menschen, die durch die Region fahren, nicht Wüsten aus brauner Erde sehen, die auf Mais warten — sondern Landschaften, in denen Tiere, Pflanzen, Wasser und Menschen in einem lebendigen Verhältnis stehen. Das ist keine Romantisierung. Das ist eine politische Forderung. ˧ Und Christian Frantal warf einen Aspekt ein, der selten in solchen Gesprächen auftaucht: Die Region ist leistbar. In einer Zeit, in der junge Familien aus Tirol und Vorarlberg keine Grundstücke mehr finden, in der Eigentum in städtischen Räumen für viele unerreichbar geworden ist — bietet die Südoststeiermark etwas, das nicht geschaffen werden muss, sondern schon da ist: Raum. Zu erschwinglichen Preisen. Mit Leerstand, der auf Nutzung wartet. Ein Fonds, schlug er vor, in den alle einzahlen können, um Grünflächen zu kaufen und anderen Nutzungsformen zu widmen — das wäre ein konkretes Instrument dieser Möglichkeit. ˧ Manfred Mikl brachte schließlich eine Idee ein, die halb scherzhaft, halb ernsthaft klang und doch einen echten Kern hat: Bhutan misst sein Brutto-Nationalglück. Warum nicht ein Brutto-Regionalglück für die DorfUni-Mitmachregion? Ein Index, der nicht nur wirtschaftliche Kennzahlen zählt, sondern auch: Wie zufrieden sind die Menschen? Wie stark fühlen sie sich in ihrer Gemeinschaft? Wie viel Sinn erleben sie in ihrem Alltag? ˧
Silvia Brandi, die Projektkoordinatorin des FarmLabs? und eng eingebunden in den gesamten Prozess, gab am Ende des zweiten Workshops einen klaren Überblick über den Stand der Dinge. ˧
Phase 1 des Projekts ist abgeschlossen. Die beiden Workshops — der erste in Bad Radkersburg, der zweite in Straden — waren geplante Bestandteile dieser Phase. Sie sollten Visionen Gesucht werden aktive Mitgestaltende: Menschen, die nicht nur an Workshops teilnehmen, sondern mitschreiben, mitentscheiden, mitumsetzen. Und Unternehmen sowie Institutionen, die Partner werden wollen — nicht im Sinne von Sponsoring, sondern im Sinne von echtem Engagement. ˧ Wenn Phase 2 genehmigt wird, könnte die Umsetzung noch im November oder Dezember 2026 beginnen. Drei Jahre, in denen konkrete Mitmachräume entstehen sollen. Mit einem Festival als Highlight im zweiten Jahr — einem Maker Festival, das regionale Stärken sichtbar macht, internationale Gäste einlädt und zeigt: Hier passiert etwas. Für diejenigen, die beim Workshop dabei waren und ihre Ideen weitergeben wollen, wird es eine Online-Feedbackmöglichkeit geben. Kein weiterer öffentlicher Workshop mehr in dieser Phase — dafür reicht die Zeit nicht. Aber eine Möglichkeit, den Diskussionsstand zu verfolgen, Ideen einzubringen, und schließlich beim Begleitgremium zu wissen: Was wir gesagt haben, ist angekommen. ˧ Eine Idee, die an diesem Tag besonders in Erinnerung blieb, kam von Anna: Kreativwerkstätten in leerstehenden Gebäuden — nicht nur für Kulturveranstaltungen, sondern für niederschwellige Kunstworkshops, handwerkliche Arbeit, Identity Building durch das gemeinsame Tun. Ein Ort, der nicht nach Makerspace klingt, sondern einfach nach einem Ort, an den man geht. Weil dort etwas passiert. Weil man dort gesehen wird. Und von Doris Manninger kam das Projekt Museo Ario Solar: aus alten Plastikfolien — Landwirtschaftsfolien, Verpackungsfolien, was auch immer — einen Ballon bauen, der fliegt. Allein durch Wärme, ohne Helium. Ein Gemeinschaftsprojekt für Jung und Alt. Ein Objekt, das sichtbar macht, was aus Zusammenarbeit entstehen kann. Buchstäblich: es hebt ab. ˧
Was ist eigentlich das Besondere an diesem Ansatz — verglichen mit dem, was Kommunalpolitik, Regionalförderung oder Bildungseinrichtungen in ähnlichen Situationen sonst tun? Der Unterschied liegt vielleicht in einem Wort: Horizontalität. Mitmachräume kennen keine Klientinnen und Anbieter. Alle bringen etwas mit, alle lernen. Der Ruheständler mit dreißig Jahren Elektriker-Erfahrung ist genauso wertvoll wie die Studentin mit 3D-Modellierungsskills. Das Wissen der Älteren ist nicht überholt. Es ist gefragt. Und das Wissen der Jungen ist nicht selbstverständlich weitergegeben — es braucht Orte, an denen diese Weitergabe passieren kann. ˧ Hier öffnet sich eine Verbindung zu einer größeren gesellschaftlichen Frage: Wie geht eine Gesellschaft mit dem um, was sie weiß? Mit dem Erfahrungswissen, das in Menschen steckt, die bald nicht mehr da sein werden? Mit dem Potenzial, das in Menschen steckt, die noch nicht die Möglichkeit hatten, es zu entfalten? Mitmachräume sind kein Allheilmittel. Aber sie sind ein Ort, an dem diese Frage konkret wird — und konkret beantwortet werden kann. ˧ Karola hat das am Ende des zweiten Workshops in eine Formel gefasst, die über beide Tage hinausweist: Es geht nicht darum, sich gegenseitig zu feiern, weil man sich wohlfühlt. Das haben die Menschen in der Südoststeiermark in den letzten Jahrzehnten gelernt. Es geht darum, so interessant zu werden, dass Menschen von außen kommen — weil sie neugierig sind, was hier passiert. Nicht als Insel der Seligen. Sondern als Ort, an dem etwas geschieht, das es woanders nicht gibt. ˧ Und Franz hat in der abschließenden Fishbowl-Diskussion des ersten Workshops eine Vision entwickelt, die über das Regionale hinausgeht: Ländliche Räume werden in den nächsten Jahren unter enormem Druck stehen. Arbeitsmärkte verändern sich. Klimawandel verändert Landwirtschaft. Soziale Fragen werden lokaler und globaler zugleich. Was jetzt gebraucht wird, sind nicht neue Programme. Was gebraucht wird, sind Orte, an denen Menschen lernen, wie man mit Wandel umgeht. Wie man Wissen teilt. Wie man gemeinsam handelt. Wie man Gemeinschaft nicht verwaltet, sondern lebt. Mitmachräume sind diese Orte. In Amstetten haben sie gezeigt, dass es geht. In den Karnischen Werkstätten haben sie gezeigt, dass es auch in entlegenen Regionen geht. Im FarmLab Kapfenstein haben sie gezeigt, dass es das Lokale mit dem Globalen verbinden kann. Und in Bad Radkersburg und Straden beginnt es gerade. ˧
Es sind jetzt ein paar Tage vergangen seit dem zweiten Workshop in Straden. Die Flipchart-Bögen sind ausgewertet worden. Die Kärtchen mit den Ideen liegen auf dem Tisch der Koordinatorinnen und Koordinatoren. Projektskizzen werden geschrieben. Gespräche werden geführt. Und irgendwo in der Südoststeiermark bereitet jemand gerade das nächste Treffen vor. Was an diesen beiden Tagen — dem Februartag in Bad Radkersburg und dem Aprilnachmittag in Straden — besonders war, lässt sich vielleicht so beschreiben: Es war kein Workshop, bei dem Fachleute den Anwesenden erklären, was sie tun sollen. Es war ein Gespräch unter Gleichen. Über das, was man hat. Was man kann. Was man will. Und was man gemeinsam anfangen könnte. ˧ Am Ende des zweiten Workshops hat Karola die Teilnehmenden mit einem Satz entlassen, der einfach klingt und doch alles enthält: Stellt euch vor, wir machen es wirklich. Es ist möglich. Seid's dabei. Das Globale Dorf, um das es in dieser Sendungsreihe geht, ist kein abstraktes Konzept. Es meint: Was haben wir als Gemeinschaft verloren, als das Dorf aufgehört hat, ein Ort des Miteinanders zu sein? Und was wäre nötig, damit es das wieder werden kann? ˧ Bad Radkersburg, Straden, Kapfenstein, Kötschach-Mauthen, Amstetten, Erlangen, und ein kleines Massif Central in Frankreich — sie alle arbeiten an derselben Antwort. Mit verschiedenen Mitteln. Aber mit demselben Ziel: Räume schaffen, in denen Menschen wieder machen, lernen, teilen. ˧ Wir werden weiter berichten. ˧
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