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Vorbemerkung: Ein für mich klassischer Text .... mich überrascht nach 20 Jahren sowohl die Zeitlosigkeit mancher Passagen als auch die Zeitgebundenheit anderer.... FranzNahrada 2013

Globales Dorf als Lebensraum (1993)    
von Franz Nahrada

ein Artikel für die Zeitschrift SUPERVISOR

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Globales Dorf als Lebensraum (1993)   
Samos (1982 - 1987)   
Kalifornien (1990)   
Bausteine einer informationsgesellschaftlichen Lebensform   
Telearbeit   
Teledorf?   
Lebens-Raum-Intelligenz   
Bildung, Mobilität, Identität   

Als Marshall Mc Luhan den Terminus vom "Globalen Dorf" prägte, meinte er damit primär das Durchdringen aller lokalen, kulturellen und nationalen Grenzen durch die Omnipräsenz der elektronischen Medien. Wenn sich die Vorstellungen der Wiener Projektgruppe GIVE realisieren lassen, erhält der vielzitierte Begriff eine neue Dimension und neue Bedeutung: Global Village meint auch die Wiederentdeckung des dörflichen Lebensraums im Zeitalter der Telekommunikation. GIVE steht für "Globally Integrated Village Environment" und für nicht weniger als den Versuch, Elemente einer völlig neuen und Elemente traditioneller Lebensformen zu amalgamieren und die technischen Möglichkeiten der Telekommunikation in einer passenden sozialen und ökologischen Umgebung zu realisieren. Elektronische Medien und virtuelle Realisationen spielen zunächst auch die Hauptrolle bei der Realisation von GIVE.

Samos (1982 - 1987)    

"Geboren" wurde die Projektidee GIVE in einem griechischen Dorf auf der Insel Samos. Ich hatte zu jener Zeit die besten Verbindungen zu einem Reiseveranstalter und nutzte die Gelegenheit billiger Flüge, um bei jeder sich bietenden Möglichkeit Wetter und Kälte Wiens hinter mir zu lassen. So ergaben sich immer erneuerte Begegnungen mit vielen Bewohnern von Samos, zahlreiche Freundschaften, ein paar Brocken Griechisch und natürlich der Traum vom Eigenheim in der Ägäis. Immer auf der Suche nach noch einsameren und idyllischeren Ecken, hatte ich bald jede Menge Adressen von freundlichen griechischen Vermietern, die ich an meine Wiener Freunde aus der Computerszene weitervermittelte. So saßen wir dann gemeinsam am Strand, mit einer Bottle Rotwein in der Hand, und phantasierten vom "irgendwann bleib I dann durt". Die paar Leute, die diesen Traum wirklich in die Tat umgesetzt hatten, trugen freilich dazu bei, daß wir es bei der Phantasie bewenden ließen: ein Leben als Surflehrer oder Maurer wollten wir bei bestem Willen nicht führen, und unsere Qualifikationen schienen für Griechenland nicht geeignet. Je öfter ich in nach Samos kam, umso mehr konnte ich auch hinter die touristische Fassade blicken. Beim Abgrasen aller ach so idyllischen Dörfer kam ich in so manches, in dem neben Hunden und Katzen nur mehr drei alte Leute zu leben schienen. Die aktive Bevölkerung vieler Dörfer schien verschwunden, dem Tourismus nachgereist oder in die Metropole Athen verzogen. Die Gärten und Felder waren oftmals verwuchert und verödet. Währenddessen begannen die neu entstandenen Touristenzentren ihren Unrat und jede Menge Plastik über die Umgebung auszubreiten, neue Straßen zerstörten die idyllische Ruhe ganzer Landstriche und Supermärkte machten eine ganze Menge von Leuten brotlos.

Es war an einem dieser Tage, an denen das Meer zu kalt war zum Baden, an denen ich von einem Berg auf so ein Dorf herabschaute. Ich begann, mir auszumalen, wie dieses Dorf ausschauen könnte, wenn es zur Heimat von Leuten wie mir würde - Telearbeitern, die ihre Arbeit mit dem Computer tun, und die das angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten überall auf der Welt tun können. Ich hatte einige touristisch aufgemotzte griechische Dörfer gesehen, Kykladenarchitektur mit Küppersbuschküchen, und irgendwie waren diese architektonischen Experimente recht faszinierend. Was wäre, wenn es gelänge, statt einiger weniger Luxusherbergen viele Dörfer als Lebensraum neu zu erschließen? Wäre es möglich, eine neue Synthese mit den ansässigen landwirtschaftlichen Produzenten einzugehen, die angesichts des Agrobussiness ihre Existenz verlieren? Wäre es möglich, daß der Traum vom Aussteigen aus dem Großstadtmief woanders endet als im Photoalbum oder in der herben Enttäuschung? Wie müßte so ein Dorf ausssehen, damit es wirklich zur Heimat urbaner Menschen und nicht zu einem großen Zweitwohnsitz wird? Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr faszinierte mich die Idee, so ein Dorf zum Experimentierfeld für soziale und technologische Umwälzungen zu machen.

Kalifornien (1990)    

Den entgültigen Anstoß, aus der Idee ein Projekt zu machen, gaben Begegnungen in und mit der amerikanischen Kultur. Als Entwicklerbetreuer einer Computerfirma machte ich meine jährlichen Pilgerfahrten ins Silicon Valley. Mehr aus Zufall begegnete ich in Stanford einer jener legendären Figuren der computer culture , die es sogar bei uns zu einer gewissen Berühmtheit gebracht haben. Ich saß also gegenüber von Douglas Engelbart, Erfinder der Maus, erstem Realisator von Hypertext und was seiner Meriten mehr sind.

Irgendwie kam das Gespräch auf mein griechisches Dorf, und Engelbart erzählte mir von seinem "bootstrap"-Projekt. Ich muß zugeben, daß ich nicht auf Anhieb alles verstand, was er mir erzählte, aber eines blieb ziemlich haften: "Technology is dull". Er meinte, daß angesichts der ziemlich rapiden technologischen Fortschritte die wahren Herausforderungen nun auf sozialem Gebiet lägen, und er nun nach 40 Jahren Engineering sich der Frage zuwenden wollte, warum die Gesellschaft so wenig mit der Technologie anfangen könne, immer mehr hinter den technischen Innovationszyklen zurückbliebe. "I charge managers 10000 Dollars a day to tell them that Universities are not flexible enough to deal with technological change. The key to successful implementation is in small research communities." Engelbart nannte diese kleinen Forschungseinheiten "bootstrap - communities": an einem praktischen Problem orientiert, sollten sie instand gesetzt werden, gleichsam reflexartig technologische Neuerungen zu implementieren und damit zu experimentieren. Diese anwendungsbezogene Forschung solle von allen interessierten Institutionen finanziert werden, auch von ökonomischen Konkurrenten. Er nannte mir auch einige Beispiele, wie etwa das Institute for Research on Learning.

Als ich Engelbarts Büro verließ, war das GIVE-Projekt geboren. Warum, fragte ich mich, sollten Computerfirmen nicht an einem Projekt interessiert sein, dessen erfolgreiche Durchführung nicht zuletzt mit der Herausbildung eines riesigen Marktes zusammenfällt? Einem Labor und Ausstellungsort zugleich, in dem die komplexen Änderungen unseres Lebens durch Technologie erprobt, entworfen und vorgestellt werden könnten? In dem Produkte frühzeitig in Anwendungsszenarien gebracht werden können, die zu Modifikationen, Anpassungen und Erweiterungen führen? Einem Testgelände für Villageware, hochentwickelte Hardware und Software, die die Aufrechterhaltung eines urbanen Lebenssstandards in natürlicher Umgebung möglich macht? Einem Ausgangspunkt für industrielle Allianzen, Produktkombinationen aller Art? Und warum sollte es nicht umgekehrt möglich sein, politische und gesellschaftliche Institutionen davon zu überzeugen, daß so ein technologischer melting pot die Kapazität hat, Lebensmodelle für die Welt von morgen hervorzubringen, die die Strukturprobleme von heute lösen - Verkehr, Umweltbelastung, Disproportionalitäten von Stadt und Land, Überbevölkerung? Tatsächlich waren die Reaktionen auf das GIVE-Projekt im ersten Stadium seiner Realisierung - Zeitungsartikel, Vorträge, Reisen - sehr ermutigend. Es scheint, daß viele Menschen mit vielen guten Ideen nur auf eine Umgebung warten, in der sich diese Ideen realisieren lassen. GIVE ist ein solcher Vorschlag, und hoffentlich nicht der einzige. Es ist genauso wichtig, urbane Modelle zu finden, in denen Ökologie und Technologie zu einem guten Leben beitragen, denn die Stadt wird keineswegs aussterben, vielmehr gehen wir einer Epoche industrieller Megazentren entgegen. Es scheint mir nur die Abwesenheit solcher konkreter (und das heißt nicht nur greifbar, sondern vor allem: aus vielen guten Ideen zusammengewachsener) Utopien zu der tiefgreifenden und rückwärtsgewandten Verunsicherung unserer Zeit beizutragen. Wir können mit Händen fühlen, daß die industrielle Epoche nicht mehr die bestimmende Lebensform für die Mehrzahl der Menschen definieren kann: vielmehr erzeugt sie eine wachsende Überbevölkerung von Menschen, die sie nicht mehr braucht, nicht mehr ernähren, ja nicht einmal mehr "ausbeuten" kann. Diese Entwicklung ist es, die auch diejenigen verunsichert, die noch in Arbeit und Brot sind, die die sattsam bekannte "das Boot ist voll" - Mentalität hervorbringt - und die im Zeitalter der technologischen Lösbarkeit fast aller Menschheitsprobleme einen globalen Trend zu chauvinistischer Barbarei hervorgebracht hat. Wo die industriellen Wohlstandsversprechungen ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, herrschen die Dämonen der Vergangenheit genau solange, wie die Modelle einer neuen, informationsgesellschaftlichen Lebensform noch nicht greifbar sind. GIVE will so ein Modell schaffen.

Bausteine einer informationsgesellschaftlichen Lebensform    

Entsprechend dem Engelbart'schen Konzept der "bootstrap community" ist GIVE kein Entwurf vom Reißbrett; vielmehr verweisen die vorhandenen Bausteine für das globale Dorf auf andere, noch fehlende; und im Kontext des sich herausbildenden Netzwerks an Beziehungen zwischen den Elementen einer solchen Lebensform werden die einzelnen Momente permanent modifiziert. Lediglich ein allgemeiner Problemkatalog,eine Auflistung der grundsätzlichen Fragen wird wahrscheinlich über eine gewisse Zeit konstant bleiben.

Auch die Art und Weise, wie diese Fragen behandelt werden, ist keineswegs kostant. In einer frühen Phase des Projekts steht das Expertengespräch, die Datensammlung, die Recherche im Vordergrund. Das Projekt ist nicht nur ein inter-, sondern vor allem ein multidisziplinäres: sämtliche Wissenschaften vom Menschen und seiner Lebensweise sind gefragt, ihren Beitrag zu einem Modell grundlegenden Neugestaltung des Verhältnisses des Menschen zu sich selbst, zu seinem sozialen Umfeld und zur Natur zu leisten. Das GIVE ist eine Aufgabe, die von Architektur, Landschaftsökologie Agronomie und technischen Disziplinen genauso Beiträge erfahren soll wie von Gesellschaftswissenschaften, Ökonomie, Medizin und Psychologie. Aus all diesen Disziplinen , aus ihrer praktischen Anwendung oder auch aus ganz "unwissenschaftlichen" Praktiken rund um den Erdball kommen die Bausteine des globalen Dorfs, die in einer multimedialen Datenbank gesammelt werden sollen.

Danach soll eine Phase der öffentlichen Auseinandersetzung folgen: Ausstellungen, Kongresse, virtuelle Realisationen und Workshops sollen die Kombination der in der ersten Phase aufgefundenen Bausteine zu einem vernetzten sozialen Design bewirken; Feldversuche sollen das Wissen über die Brauchbarkeit von Teillösungen vertiefen. All diese Aktivitäten sollen letztlich in eine Sammlung von Modellszenarien münden, die zum Teil erprobt sind, zum Teil idealtypische Annahmen. (vielleicht auch neue Experimente inspirieren). Diese Szenarien sollen für multidimensionale Entscheidungsmodelle und Simulationen operationalisiert werden.

Erst auf der Grundlage einer soliden Basis an Information und Erfahrung soll in der letzten Projektphase der Aufbau eines oder mehrerer GIVE-Centers in Angriff genommen werden: ein GIVE-Center ist zunächst ein Ort, an dem die oben beschriebene Dokumentationsaarbeit weitergeführt wird, das aber an sich selbst die praktischen Probleme der intentierten Lebensform studiert. Das heißt, daß dieses Center in einer dörflichen Umgebung als Fokus einer Neubelebung und Neubestimmung der dörflichen Gemeinschaft funktioniert; daß es quasi einen Halo an lokaler materieller Produktion und Dienstleistungen hervorbringt, der mit dem Kern an "immaterieller globaler Produktion" gemeinsam eine konsistente Siedlungsform hervorbringt, eine "Tele-Öko-Community".

Dadurch wird das GIVE-Center aber mehr als eine Forschungseinrichtung, es wird quasi selbst zu einer Lebensform, die auch Beispielswirkung haben soll. Am Beispiel des GIVE-Centers soll jedermann studieren können, wie eine erfolgreiche Implementation einer Informationsgesellschaftlichen Lebensform ausschaut. Open Houses, Guided Tours und ein Besucherzentrum sollten ebenso Bestandteile einer solchen Einrichtung sein wie ein Gästehaus fürLangzeitbesucher. Die Einrichtungen des GIVE-Centers sollen mit einem lokalen Teleport geteeilt werden, um einigen wenigen ansiedlungswilligen Pionieren die Aufnahme von geschäftlichen Aktivitäten zu ermöglichen. Diese sollten freilich stets mit einem Aspekt lokaleer Dienstleistung gekoppelt sein. Über diese wenigen Absichtserklärungen hinaus müssen die konkreteren Spezifikationen sich im Prozeß der virtuellen Realisationen herausbilden.

Das GIVE beschäftigt sich also aus der Notwendigkeit der Sache heraus mit sehr vielen Dingen zugleich; erst im Ensemble all der angesprochenen Problemlösungssversuche erhält jeder Teilbereich auch seine endgültige Form, denn er ist wesentlich mit anderen Aspekten der Teleökocommunity verbunden.

Der Versuch, die Teilbereiche zu kategorisieren, hat im wesentlichen zu sieben Forschungsschwerpunkten geführt, von denen das Projekt seinen Aussgangspunkt nimmt:

Telearbeit    

ist wohl der wichtigste und zentrale Ausgangspunkt, bei dem GIVE an der Vorarbeit und den Beiträgen von vielen verschiedenen Institutionen ansetzen kann.

Im GIVE reicht das Spektrum der relevanten Fragestellungen ziemlich weit; da ist zunächst die Frage nach den Technologien der Kooperation, die es möglich machen, unter Umständen besser zusammenzuarbeiten als am Arbeitsplatz selbst. Geistige Arbeit verändert durch "computer supported collaborative work" ihren Charakter: sie ist nicht mehr die Abfolge von individualisierten Detailvorgängen, die eine strenge Abfolge mit allen zeitlichen und räumlichen Limitationen sowie einen enormen metasprachlichen Kommunikationsüberbau notwendig machten; mehrere Menschen können nun am selben geistigen Arbeitsgegenstand, symbolisch repräsentiert durch die Benutzeroberfläche des Computers, zusammenarbeiten, ohne am gleichen Schreibtisch zu sitzen. Die neue Qualität, daß keine räumlichen Einschränkungen existieren, erlaubt eine Ausdehnung der Zusammenarbeit in quantitativer und qualitativer Hinsicht.

Das führt zwangsläufig zu der Frage nach neuen Organisationsformen der Arbeit. Der gegenläufige Trend zur Zentralisierung und Verkleinerung vieler Unternehmen, das spin-off von vielen Angestellten in die Selbständigkeit, muß nicht unbedingt in Partikularisierung und Vereinzelung von kaum lebensfähigen "one mouse shops" enden; wenn lokale Gemeinschaften von Telearbeitern Ressourcen teilen, könnten sich aus ihnen ein neuer Typus von leistungsfähigen und äußerst flexiblen Klein- und Kleistfirmen entwickeln, die bedafsgerecht Listungen jeglicher Art zur Verfügung stellen können. Megainstitutionen und Megafirmen könnten abgelöst werden von flexiblen Allianzen und Netzwerken solcher Klein- und Kleinstfirmen, vorausgesetzt freilich, die kulturellen, logistischen und legistischen Voraussetzungen dafür werden geschaffen.Wir können derzeit sicher nur spekulieren über die neuen Berufsformen, die aus solchen Strukturen erwachsen. Einerseits ist durch die Vergrößerung des Markts eine extreme Spezialisierung auf gewisse Wissensgebiete und Kompetenzen möglich, auf noch so kleine Nischen, andererseits werden gerade deswegen integrative Funktionen notwendig, Vermittler und Information Broker - Menschen, deren Hauptangebot der Zugang zur immer unübersichtlicher werdenden Information ist.

Diese Berufsgruppen werden sich vielleicht in speziellen Netzwerken auf part-time - Basis zusammenschließen und damit wiederum ganz neue, standortunabhängige Organisationen schaffen. Die Möglichkeit, an jedem Ort der Welt seine Arbeit tun zu können, die Bündelung der Energien, die heute auf verschiedene Lebensbereiche verschwendet werden, zwischen denen wir oberflächlich hin- und herpendeln, auf einen einzigen, wird möglicherweise auch die Qualität dessen, was wir heute als Arbeit "erleiden", verändern.

Teledorf?    

Der zweite große Forschungsbereich von GIVE ist der Aspekt der Siedlungsformen, die von der Telearbeit favorisiert und hervorgebracht werden.

Wenn es wirklich möglich geworden ist, Wohnen und Arbeit nicht mehr trennen und mit viel Aufwand zwischen beiden pendeln zu müssen, stellt sich die Frage, wie beides wieder zu einer sinnvollen Einheit gebracht werden kann.

Die Modellvorstellung einer "Tele-Öko-Community" versucht, den globalen Aspekt der immateriellen Produktion mit dem lokalen des physischen Lebens zu verbinden, indem beide Seiten ihr volles Recht zugestanden erhalten.

Gesundheitsvorsorge, Ernährungswesen, Erholung, Bildung, Leben, Begegnungen,Arbeit - das alles soll sich in Gehweite abspielen und nicht zur physischen Segregation und langen Wegen zwingen.

Gleichzeitig steigt die Vielfalt, Qualität und Produktivität der lokal angebotenen Dienstleistungen durch globalen Zugriff auf Information. Eine solche Siedlungsform unterliegt einem gewissen Zwang zur Miniaturisierung, zur optimalen Nutzung vorhandener Räume, um die vielfältigen und komplexen Funktionen auf einem überschaubaren Gebiet unterzubringen. Gleichzeitig steigt die Bedeutung der umliegenden Natur als Naherholungs- und Rückzugsraum sowie als Gegenstand einer dauerhaften Symbiose, eines stabilen Stoffwechsels.

Nirgendwo ist dieses Konzept eines dauerhaften Stadtorganismus derart eindrucksvoll demonstriert worden wie in der Stadtbaustelle Arcosanti in der Wüste von Arizona:eine Stadt, die nur wenige Hektar eines riesigen Grundstücks beansprucht, die mit Glashäusern einen klimatischen Austausch pflegt,in der Sonnenenergie zum Betreiben von Fahrstühlen eingesetzt wird,in der sich die architektonischen Formen aus der optimalen Ausnutzung der Jahreszeiten ergeben und so weiter.

Rurale Urbanität: Realität und Vision der Stadtbaustelle Arcosanti


Neben diesem technisch-ökologischen Aspekt existiert auch ein soziologisch-ökonomischer Aspekt,der von der optimalen Struktur einer solchen Gemeinde bis hin zu Fragen der Kommunikation und Entscheidungsfindung reicht. Wenn auch die Produktivität von lokaler Produktion und Dienstleistung durch den Einsatz von Technologie steigt, wie sehen die möglichen Relationen zwischen den verschiedenen Gruppen einer Population aus? Und wie könnnen sie einander am besten ergänzen und fördern? Grundsätzlich kann Kommunikationstechnologie die interne Kommunikation einer Gemeinde sowohl (zer)stören als auch auf ein neues Niveau bringen. Kommunikation ist aber die Voraussetzung dafür, daß sich Probleme lokal lösen lassen. Die Kommunikationstechnologie kann dazu zwei neue und möglicherweise entscheidende Aspekte beitragen: sie kann einerseits die Wissensbasis schaffen, die es möglich macht, Informationen lokal zu erhalten,die früher nur an zentralen Orten erhältlich waren.

Damit wird die Notwendigkeit der großen Stadt als "Knowledge Base"- der einen beträchtlichen Teil ihrer Identität und Attraktivität ausmacht - relativiert. Sehr viele Interaktionen des kleinen Siedlungsraumes können sich nun nach innen richten - und damit jenen "urbanen Effekt" (Soleri) erzeugen, der die Stärke und Lebensfähigkeit einer Gemeinschaft ausmacht.

Lebens-Raum-Intelligenz    

Hier kann der nächste große Beitrag der Kommunikationstechnologie einsetzen, einer existierenden Gemeinschaft eine effiziente Entscheidungsbasis für ihre gemeinsamen Anliegen zu geben. Die komplexen, vielfältig verflochtenen Zusammenhänge des sozialen Lebens können sichtbar und handhabbar gemacht werden, der Zusammenhang zwischen Bedürfnissen und Resourcen ex ante durch Computersimulation hergestellt werden. Die Kommunikationstechnologie ermöglicht es der Gemeinschaft, ihr eigenes soziales Leben nicht mehr in fetischisierter Form, sondern als wirklichen Lebensprozeß vorstellig zu machen.

Damit ist der dritte Bereich der Forschungsaktivitäten von GIVE angesprochen, nämlich die '''Funktion der Computer-und Kommunikationstechnologie in diesem wirklichen Lebensprozeß'''.

Die Verbindung von globaler immaterieller und lokaler materieller Produktion bedingt einen völlig neuen Typus von Technologie, dessen Entstehung wir gerade miterleben. In Ermangelung eines besseren Begriffes wollen wir diese Tendenz als Tertiärisierung der Technologie bezeichnen, in Anspielung sowohl auf die aus der Volkswirtschaftslehre überkommene Einteilung der Produktion in Sektoren als auch auf Tofflers Konzept der technologischen Menschheitsepochen. Tertiäre Technologie dient primär dazu, materielle Dienstleistungen zu erbringen, sei es im klassischen Sinn der persönlichen Dienstleistung oder im Sinne des Customizing der Industrieware für den Endverbraucher.

Tertiäre Technologie ersstreckt sich über die Bereiche des Haushalts, der Gartenarbeit, der Körperpflege, des Gesundheitswesens und hat vor allem zwei Merkmale: sie setzt eine relativ unspezialisierte Person instand, Funktionen zu verrichten, die ursprünglich nur mit einem hohen Grad an Ausbildung zugänglich waren (Toffler nennt als klassisches Beispiel den Schwangerschaftstest); und, um dies zu erreichen, inkorporiert sie die Geschicklichkeit und die notwendige Information in einem Produkt, das einen hohen Grad von Anpassungsmöglichkeiten aufweist.(Man denke an die modernen Küchenmaschinen mit ihren Myriaden von Aufsätzen). Durch die Kombination von Software, die sowohl den Anwender informiert, als auch die durchaus komplexen Operationen durchführt, ermöglicht sie es dem Anwender, ohne große Mühe eine Menge von Dienstleistungen für den Eigenbedarf zu produzieren. Toffler nennt diese Metamorphose des Konsumenten von Industriewaren zum Produzenten von Diensten für den Eigenbedarf den Prosumer. Der Prosumer ist die dritte Personifikation eines allgemeinen Sozialcharakters nach dem landwirtschaftlich-handwerklichen Produzenten und dem industriellen Konsumenten.

Prosumer-Technologie könnte im globalen Dorf eine entscheidende Rolle spielen: die Anwender von Prosumer-Technologie wären imstande, Dienste nicht nur für sich, sondern auch für einen beschränkten Personenkreis in ihrer Umgebung zu erbringen und damit auch jenen Lebensstandard zu garantieren, der normalerweise nur in Städten oder künstlichen und aufwendigen touristischen Einrichtungen möglich ist. Die Ära des Personal Computers hat den Ausblick auf die Prosumer-Technologie der Zukunft ermöglicht; noch fehlen zwei wesentliche Komponenten, um sie wirklich in weitem Umfang zu realisieren: das eine sind - verkabelte oder drahtlose - Local Operating Networks (LONs), die im Unterschied von LANs die Verbindung von Computern zu Operating Devices, zu den erwähnten Vielzweckmaschinen realisieren;und zweitens fehlen noch die prozessorgesteuerten Operating Devices selbst. Es gibt aber seit einigen Jahren Anzeichen für massive Investitionstätigkeit in diesem Sektor und auch schon die erste Vaporware, so etwa das LON-Venture Echelon des Apple-Finanziers Mike Markulla, für im Silicon Valley und anderswo bereits in ganzseitigen Inseraten geworben wird. Die Integration von LON-Technologie in die physikalische Infrastruktur der TeleÖkoCommunity? und das Experimentieren mit dem sozialen und ökologischen Potential dieser anderen Seite der Computertechnologie wirdden Schwerpunkt des Forschungsbeereiches Tertiäre Technologie bilden; daneben stehen vor allem Fragen der Gesundheitsvorsorge, lokaler medizinischer Dienste und "self-reliance" (wie Biofeedback-Information-Server) im Vordergrund.Technologie mag übrigens nicht der einzige Weg und nicht das einzige Potential sein, unsere diesbezüglichen Probleme zu lösen - aber sie ist definitiv imstande, uns den Zugang zu den anderen Wegen zu erleichtern.

Bildung, Mobilität, Identität    

Neben diesen drei fundamentalen Forschungsprojekten sind weitere ergänzende Schwerpunkte vorgesehen, in denen sich GIVE engagieren soll; es ist der Versuch, auf die Folgeprobleme einzugehen, die das Leben in der TeleÖkocommunity? mit sich bringt.

So benötigt die Teleecocommunity ein Ausbildungssystem, das zu guten Teilen auf Fernlehre oder *Distance Education* beruht. Das Potential, sämtliches Wissen der Welt an Ort und Stelle verfügbar zu haben - nach seriösen Voraussagen wird im Jahr 2000 bereits der überwiegende Teil des menschlichen Wissens in digitaler Form vergegenständlicht sein, zwischen 80 und 90 % - bedarf der Umsetzung in ein völlig neues Ausbildungssystem, das auf einer Kombination von lokaler Supervision, Lernsoftware und Teletutoring beruht. Wir können nicht mit Sicherheit voraussagen, ob die Zukunft eher dem (synchronen) "virtuellem Klassenzimmer" oder dem (diachronen) "electronic Learning" gehört; im ersten Modell besteht eine permanente Interaktion mit einem menschlichen Lehrer, dessen Unterrichtstätigkeit über interaktive Verbindungen in einen Cluster von örtlich weit verstreuten Empfängern, entweder zu Hause oder in einem nahegelegenen Satellite Classroom abgewickelt wird. Im zweiten Modell liegt der Schwerpunkt auf Bildunggssoftware, die zeitunabhängig durchgearbeitet werden kann und zum Zweck der Evaluation und Vertiefung mit einem Netzwerk von Tutoren gekoppelt ist, die entweder nach Terminvereinbarung oder Schichtplan kontaktiert werden können. Es läßt sich aber mit Sicherheit sagen, daß von jedem der beiden Modelle auch positive Impulse auf die Entstehung und Verbreitung von TeleÖkocommunities? ausgehen können, daß die neuen Berufe und Institutionen, die sich mit Distance Learning und verwandten Gebieten beschäftigen, auch zu den raschesten Adaptoren von Modellen wie GIVE gehören werden.

Ein weiteres Problem,das in der Folge der Teleökocommunity auftritt,ist die Frage der Mobilität. Das Eindämmen der erzwungenen Mobilität bedeutet ja nicht nur, daß allein dadurch ein gewaltiger Gewinn an Zeit und Produktivität erzielbar ist, es werden auch mit einem Schlag vorhandene gesellschaftliche Ressourcen für freiwillige Mobilität verfügbar. Nichts liegt der Projektidee GIVE ferner, als jene Gleichsetzung von Informationsgesellschaft mit immobiler Gesellschaft aufzugreifen, die heute vielfach aufgestellt wird. Im Gegenteil, Zur Mobilität der Güterströme zwischen den industriellen Zentren soll sich dieser Vorstellung nach auch eine Mobilität der Personen gesellen, befreit von Hektik und Termindruck der industriellen Dichotomie von Arbeit und Freizeit/Urlaub. Wenn er seine Arbeit überallhin mitnehmen kann, ist der Bürger des Informationszeitalters genauso Nomade, wie er seßhaft ist. Ein Telearbeitstourismus könnte dazu die Vorstufe bilden, der einen fremde Gegenden nicht als schnellverdaulichen 14-Tage-Imbiß, sondern vielleicht über Monate und Jahre hinweg kennenlernen läßt. Ganze TeleÖkoCommunities? könnten von diesem Telearbeitstourismus leben, der vermutlich mit wesentlich angenehmeren Begleiterscheinungen abläuft als der industrielle Urlauberschichtbetrieb. Das GIVE will nicht nur in seinem eigenen Zentrum solchen Telearbeitstourismus einbauen, sondern auch an Modellen der "Konversion" von Orten des Massen-und Schichttourismus zu solchen des Telearbeitstourismus mitarbeiten.

So wichtig auch die jeweilige lokale Community als physisches Bezugssystem auch des globalen Nomaden bleibt, so vielfältig sind die Heimaten und Identitäten dieses Bürgers des Informationszeitalters. Schon jetzt,im Zeitalter der elektronischen Post und Nachrichtenboards, erleben die Teilnehmer an der weltweiten elektronischen Vernetzung,daß sie zu Mitgliedern virtueller Gemeinschaften geworden sind,ausgehend von speziellen Interessen. Die Soziologie virtueller Gemeinschaften ist nicht zuletzt deswegen ein Forschungsgebiet im GIVE, weil erstens die Koexistenz virtueller mit lokalen Gemeinschaften vielfältige und bedeutsame Wechselwirkungen hervorbringen imstande ist. (Wie schon erwähnt, kann externe Kommunikation die interne Kommunikation lokaler Gemeinschaften sowohl stärken als auch schwächen). Zweitens ist die Beschäftigung mit virtuellen Gemeinschaften deswegen wichtig,weil im Informationszeitalter permanent virtuelle Gemeinschaften in lokale überführt werden können - und umgekehrt. Und drittens ist die Virtualität, die Vergegenständlichung in der Sphäre der elektronischen Kommunikation, unter Umständen auch ein probates Mittel, die Kommunikationsprobleme physisch-manifester Gemeinschaften in den Griff zu bekommen, Die oftmals zitierte Geschichte von den Toshiba-Managern, die -anstatt, wie in Meetings üblich, mündlich -eine elektronische Konferenz im Konferenzraum abhielten und dabei wesentlich fruchtbarere Resultate erzielten als zuvor, sei hier nur als Beispiel erwähnt.

Erstrecken sich die virtuellen Gemeinschaften um den Erdball, und ist der Einzelne in viele solcher Gemeinschaften integriert, kommt es zu einem Phänomen, das wir als Kommunikationsstress bezeichnen können. Bereits heute hat die allseitige und jederzeitige Erreichbarkeit durch Kommunikationsmedien von E- mail bis Mobiltelephonie die Anforderung an den Einzelnen, sich ständig in verschiedensten Rollen und Bezugssystemen zu bewegen, in einem Ausmaß erhöht,das sowohl geschichtlich einzigartig ist, als auch Qualität und Intensität der Kommunikation aufgrund permanenter Überforderung zu kurz kommen läßt. Die Wiedergewinnung von Zeit ist ein explizites Anliegen von GIVE, weil hier ein zentrales Problem der Informationsgesellschaft vorliegt. So verschwenderisch die Industriegesellschaft auch mit dem Zeitbudget ihrer Subjekte umgegangen ist und sosehr die Tendenz zur Verwandlung aller Lebenszeit in Arbeitszeit schon hier ihren Ausgangspunkt nimmt, so verheerend könnte sich diese Tendenz in einer Informationsgesellschaft auswirken, die die immanenten Probleme einer entqualifizierten Zeit nicht erkennt.

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