![]() |
Willkommen im Globalen Dorf / 68 Mura Calling / Dritter Sendungsentwurf |
|||||||||||||||||||||||
| Home Neues TestSeite DorfTratsch Suchen Teilnehmer Projekte GartenPlan DorfWiki OrdnerProjekte_alt Dörfer NeueArbeit VideoBridge VillageInnovationTalk AlleOrdner AlleSeiten Hilfe Einstellungen SeiteÄndern |
Veränderung (letzte Korrektur)
(Autor, Normalansicht) Verändert: 1c1
21220 Zeichen ˧
Es gibt Landschaften, die so selbstverständlich geworden sind, dass wir aufgehört haben, sie wirklich zu sehen. Wir gehen an ihnen vorbei, überqueren sie auf Brücken, fahren mit dem Auto an ihnen entlang. Sie sind Kulisse – aber nicht mehr Gesprächspartner. ˧ Vielleicht ist genau das die größte Herausforderung unserer Zeit: Wir haben eine technische Macht entwickelt wie keine Generation vor uns. Aber wir haben vielerorts die Fähigkeit verloren, uns als Teil jener lebendigen Systeme zu begreifen, die unser eigenes Überleben ermöglichen. ˧ Ein Fluss zeigt uns das besonders deutlich. Ein Fluss ist keine Linie auf einer Landkarte. Er ist eine Lebensader. Er verbindet Quellen und Mündungen, Berge und Ebenen, Tiere und Pflanzen, Dörfer und Städte. Er trägt Geschichten, Erinnerungen, Kulturen. ˧ Die Mur ist ein solcher Fluss. Über Jahrhunderte war sie Verbindung. Dann wurde sie Grenze. Politische Geschichte, Sprachen, nationale Erzählungen – all das hat den gemeinsamen Raum zerschnitten. Doch unter der Oberfläche blieb etwas erhalten: Die Landschaft selbst kennt keine Grenze. Die Vögel fragen nicht nach Pässen. Die Fische kennen keine Staatszugehörigkeit. Das Wasser fließt weiter. ˧ Aus dieser einfachen Wahrheit entstand eine der großen europäischen Naturschutzideen: das UNESCO-Biosphärenreservat Mur–Drau–Donau, oft „Europäischer Amazonas“ genannt. Fast 700 Kilometer Flusslandschaft, fünf Länder, Auwälder, Nebenarme, eine außergewöhnliche biologische Vielfalt. ˧ Doch ein Biosphärenreservat ist mehr als ein Schutzgebiet. Es ist ein Lernraum. Ein Experimentierfeld für die Frage: Wie können Menschen nicht gegen die Natur, sondern als bewusster Teil ihrer Kreisläufe leben? ˧ Diese Frage beschäftigte viele Menschen in der Region lange bevor Mura Calling entstand. Einer von ihnen war Heinrich Schmidlechner, Bürgermeister von Bad Radkersburg. Er gehörte zu jenen, die verstanden: Die Mur ist nicht nur ein Fluss. Sie ist ein gemeinsames Erbe – und eine gemeinsame Verantwortung. ˧ Auch dank dieser Beharrlichkeit entstand ein grenzüberschreitendes Biosphärenmanagement, das heute unter der Leitung von Andreas Schuster Naturerhaltung, Bildung und regionale Entwicklung miteinander verbindet. ˧ Doch eine Frage blieb offen: Wie erreichen wir die nächste Generation? ˧ Wie sorgen wir dafür, dass Kinder und Jugendliche die Biosphäre nicht nur als Begriff im Schulbuch kennen, sondern als etwas, das sie erleben, erforschen und mitgestalten? ˧ Genau hier beginnt die Geschichte von Mura Calling. ˧
In der europäischen Förderlandschaft hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Lange waren es große Institutionen – Verwaltungen, Universitäten, Organisationen –, die grenzüberschreitende Projekte trugen. Doch im Interreg-Programm Slowenien–Österreich entstand eine neue Möglichkeit: Kleinprojekte, getragen von der Zivilgesellschaft. ˧ Das klingt unscheinbar, ist aber bedeutsam. Denn Vereine, engagierte Bürgerinnen und Bürger, lokale Initiativen – sie können experimentieren, Brücken schlagen, Themen aufgreifen, die in großen Strukturen oft keinen Platz finden. ˧ Auf slowenischer Seite war es der Verein Mura Rafting. Auf österreichischer Seite die DorfUni. Zwei sehr unterschiedliche Organisationen – verbunden durch eine gemeinsame Überzeugung: ˧ Die Mur soll nicht länger Grenze sein. Sie soll wieder Ort der Begegnung werden. ˧ Der Name des Projekts lag fast auf der Hand: Mura Calling. Die Mur ruft. ˧ Aber was bedeutet dieser Ruf? Nicht Rückkehr in eine romantische Vergangenheit. Sondern eine neue Beziehung zwischen modernen Menschen und ihrer Landschaft. Eine Beziehung, in der digitale Werkzeuge nicht als Gegensatz zur Natur verstanden werden, sondern als Hilfsmittel, sie bewusster wahrzunehmen. ˧ So entstand die Idee, Place-Based Learning mit digitalen Plattformen wie der ARK-App und der Greensteps-Methode zu verbinden. Der Ort selbst wird zum Lehrbuch. Der Spaziergang zur Entdeckungsreise. Die Landschaft zu einem Netzwerk aus Geschichten, Fragen und Erkenntnissen. ˧ Doch jede gute Idee braucht irgendwann den Schritt aus dem Papier hinaus in die Wirklichkeit. Dieser Schritt fand am 10. Oktober 2025 statt – auf der Mur. ˧
Am 10. Oktober 2025 wurde die Idee von Mura Calling erstmals Wirklichkeit. Nicht in einem Konferenzsaal, nicht in einem Klassenzimmer, sondern auf dem Wasser. ˧ Auf der slowenischen Seite der Mur trafen sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Franca Miklošič aus Ljutomer und des BORG Bad Radkersburg zu ihrer ersten gemeinsamen Exkursion. Zwei Schulen, zwei Länder, wenige Kilometer voneinander entfernt – und doch getrennt durch Geschichte, Sprache, Gewohnheit. ˧ Vielleicht ist das eines der Paradoxien Europas: Die politischen Grenzen sind offen, aber die inneren Landkarten in unseren Köpfen brauchen länger, um sich zu verändern. ˧ Die Boote legten ab. Langsam glitten sie flussabwärts. Die Jugendlichen sahen die Mur nicht mehr von außen, sondern aus ihrer Mitte. Das Wasser, die Ufer, die Auwälder – alles wurde unmittelbarer, lebendiger. ˧ Ein Fluss vom Wasser aus zu erleben, verändert die Perspektive. Man ist nicht mehr Beobachter. Man ist Teil der Bewegung. ˧ Die Fahrt führte zu einer Flussbiegung, wo es eine Jause gab – inklusive originaler Gibanica. Ein kleines Detail, aber eines, das zeigt: Lernen beginnt oft mit einem gemeinsamen Essen. ˧ Das Ziel war die Liebesinsel bei Ižakovci – ein Ort voller Geschichten, Symbolik und Tradition. Dort begannen die ersten Gespräche. Zögerlich zuerst, dann neugieriger. Schülerinnen und Schüler aus zwei Ländern lernten nicht nur über die Mur. Sie lernten miteinander. ˧ Und genau hier entstand ein Gedanke, der Mura Calling bis heute trägt: Der Biosphärenraum ist kein Museum. Er ist ein lebendiger Raum. ˧ Ein Raum, in dem Menschen leben, arbeiten, lernen, Verantwortung übernehmen. Ein Raum, der nicht von außen erklärt werden kann, sondern von innen erfahren werden muss. ˧
Nach dem ersten Treffen im Oktober stand eine Erkenntnis im Raum: Die Idee funktioniert. Aber sie muss wachsen. Und sie muss von jenen getragen werden, die später damit arbeiten: Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Gemeinden, Vereine, Partnerorganisationen. ˧ Eine der größten Herausforderungen in Bildungsprojekten besteht darin, dass gute Konzepte oft von außen an Schulen herangetragen werden. Eine Methode. Eine App. Ein fertiges Programm. Und dann erwartet man, dass Lehrkräfte es übernehmen. ˧ Doch echte Innovation entsteht anders. Sie entsteht gemeinsam. Sie entsteht, wenn Menschen nicht nur Anwenderinnen und Anwender sind, sondern Mitgestalterinnen und Mitgestalter. ˧ Deshalb wurde der nächste Schritt von Mura Calling nicht als Wiederholung geplant, sondern als Erweiterung. Ein viel größerer Versuch. ˧ Auf der österreichischen Seite, in Bad Radkersburg, sollte ein ganzer Aktionstag entstehen. Nicht mehr nur zwei Schulen. Nicht mehr nur eine Altersgruppe. Sondern viele – vom Kindergarten bis zur Oberstufe. Und erstmals auch Gäste aus Ungarn und Kroatien. ˧ Die Frage war mutig: ˧ Kann eine Stadt für einen Tag zu einem gemeinsamen Klassenzimmer werden? Kann die Mur nicht nur Naturraum, sondern sozialer Raum sein? Können ältere Schülerinnen und Schüler Verantwortung für jüngere übernehmen? Kann die Zivilgesellschaft zeigen, dass sie Wandel nicht nur fordert, sondern gestaltet? ˧ Der 20. Mai 2026 sollte die Antwort geben. Und sie fiel größer aus, als viele erwartet hatten. ˧
Große Veränderungen beginnen selten mit großen Worten. Sie beginnen mit Menschen, die etwas ausprobieren. Und manchmal wissen sie selbst nicht genau, ob es gelingen wird. ˧ So war es auch am 20. Mai 2026 in Bad Radkersburg. ˧ Die Idee war einfach – und gleichzeitig kühn: Mehr als zweihundert Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Schulen, verschiedenen Altersgruppen und mehreren Ländern sollten für einen Tag die Stadt und die Landschaft rund um die Mur zu ihrem gemeinsamen Lernraum machen. ˧ Ein Experiment. Ein Stresstest. Ein Tag, an dem sich zeigen würde, ob die Vision von Mura Calling mehr war als ein schöner Gedanke. ˧ Würde die Greensteps-Methode mit ihren digitalen Lernpfaden funktionieren? Würde die ARK-Plattform den jungen Menschen wirklich helfen, ihre Umgebung neu zu entdecken? Würden ältere Schülerinnen und Schüler Verantwortung für jüngere übernehmen? Und würden Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen und aus unterschiedlichen Bildungssystemen kommen, wirklich miteinander in Kontakt treten? ˧ Die Antwort begann schon am Vormittag. ˧ Während die Gruppen entlang der Mur und durch die Stadt aufbrachen, fand ein besonderer Moment statt: Unter dem Titel „Raus aus dem Schneckenhaus“ gestaltete Marlene V. Eibel gemeinsam mit Kindergartenkindern aus Österreich und Slowenien eine kleine, berührende Potentialentfaltungsreise. ˧ Es war ein symbolischer Auftakt. Denn was bedeutet es, aus dem Schneckenhaus herauszugehen? Es bedeutet, die eigene kleine Welt zu verlassen. Mut zu haben. Neugierig zu werden. Sich auf das Fremde einzulassen. ˧ Und genau das war die eigentliche Aufgabe des ganzen Tages. ˧ Währenddessen machten sich die Gruppen auf den Weg. Mit Smartphones, Aufgaben und offenen Augen erkundeten die Kinder und Jugendlichen ihre Umgebung. Sie suchten nicht nach einer vorgegebenen Antwort. Sie stellten Fragen. Sie entdeckten Zusammenhänge. Sie lernten Pflanzen und Tiere kennen, historische Orte und kulturelle Geschichten. ˧ Und vielleicht am wichtigsten: Sie entdeckten einander. ˧ Ein besonders schöner Aspekt dieses Tages war die Rolle der älteren Schülerinnen und Schüler. Sie waren nicht nur Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie wurden zu Begleiterinnen und Begleitern. Zu Übersetzerinnen und Übersetzern. Zu Vermittlern zwischen den Generationen. ˧ Sie führten Gruppen, erklärten Aufgaben, halfen beim Organisieren – und am Ende sogar beim Aufräumen. Das BORG Bad Radkersburg zeigte an diesem Tag, was es bedeutet, Verantwortung nicht nur zu unterrichten, sondern zu leben. ˧ Doch Mura Calling blieb nicht innerhalb der Grenzen der Schulen. Die ganze Region begann, Teil dieses Lernraums zu werden. ˧ Der Jagdschutzverein bereitete besondere Stationen am Grünanger vor und brachte die Kinder in direkten Kontakt mit der Tierwelt und den Aufgaben des Naturschutzes. Die Radkersburger Kurkonditorei überraschte die jungen Forscherinnen und Forscher mit gespendeten Baumkuchen. Kleine Gesten – und doch zeigten sie etwas Großes: ˧ Eine lernende Region entsteht dann, wenn nicht nur Schulen, sondern eine ganze Gemeinschaft Verantwortung für das Lernen ihrer jungen Menschen übernimmt. ˧ Gegen Mittag kamen die verschiedenen Gruppen am Frauenplatz zusammen. Ein kleiner Platz in einer kleinen Grenzstadt. Und für einen kurzen Moment wurde er zu einem Bild davon, wie Europa aussehen könnte. ˧ Kinder und Jugendliche aus Österreich, Slowenien, Ungarn und Kroatien begegneten einander. Die jüngeren Kinder bemalten Steine. Die älteren schrieben ihre Wünsche für die Zukunft auf kleine hölzerne Tafeln – inspiriert von einer alten japanischen Tradition. ˧ Und die Wünsche waren erstaunlich. Sie handelten nicht von Konsum oder Besitz. Sie handelten von Frieden. Von Dankbarkeit. Von einer guten Zukunft für alle. ˧ „Peace for everyone.“ „Be grateful for every moment.“ ˧ Und diese Botschaften erschienen in vielen Sprachen – Deutsch, Slowenisch, Italienisch, Englisch, Chinesisch. ˧ Vielleicht konnte man an diesem Tag etwas erkennen, das oft vergessen wird: Die junge Generation ist nicht nur Erbin unserer Probleme. Sie ist auch Trägerin von Vorstellungen und Werten, die wir Erwachsenen manchmal wieder neu entdecken müssen. ˧ Natürlich war der Tag nicht perfekt. Ein Experiment mit über zweihundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern, verschiedenen Altersgruppen und neuen digitalen Methoden zeigt auch, was verbessert werden kann. ˧ Aber gerade das war eine der wichtigsten Erkenntnisse. Denn Mura Calling wollte nie ein fertiges Programm exportieren. Es ging darum, gemeinsam zu lernen. ˧ Die Greensteps-Methode, die ARK-Plattform und die Idee des Place-Based Learning werden ihren wirklichen Wert erst dann entfalten, wenn Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Ländern sie gemeinsam weiterentwickeln und an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen. ˧ Am Nachmittag wurde dieser Gedanke im Pavelhaus noch einmal sichtbar. Dort trafen sich Jugendliche zu Gesprächen, Spielen und einem „Speed-Dating im Kreis“, gestaltet von Lehrerinnen des BORG. Ein Format, das den Austausch über Sprach- und Landesgrenzen hinweg förderte. ˧ Gleichzeitig begannen die Erwachsenen im Seminarraum des Pavelhauses über die nächsten Schritte nachzudenken. Die Gäste aus Ungarn und Kroatien waren nicht mehr nur Beobachter. Sie wurden mögliche Mitgestalter eines größeren Weges. Selbst die verhinderten Partner aus Serbien ließen ausrichten, dass sie beim nächsten Schritt dabei sein möchten. ˧ Ein kleiner Aktionstag an der Mur hatte plötzlich einen Horizont bekommen, der weit über die unmittelbare Region hinausging. ˧ Die Frage war nun nicht mehr: War Mura Calling ein Erfolg? ˧ Die wichtigere Frage lautete: Was könnte daraus werden? ˧
˧
Jedes Projekt erreicht irgendwann einen entscheidenden Punkt. Am Anfang steht eine Idee. Dann kommen die ersten Erfahrungen. Und schließlich die Frage: ˧ War das ein schönes Ereignis – oder haben wir etwas entdeckt, das weiter wachsen möchte? ˧ Nach der Fahrt zur Liebesinsel im Oktober und dem großen Aktionstag am 20. Mai wurde immer klarer: Mura Calling hat etwas berührt, das größer ist als das Projekt selbst. ˧ Aber gerade deshalb war Vorsicht notwendig. Zu viele gute Ideen scheitern daran, dass sie zu schnell zu großen Programmen werden. Sie werden in Anträge gegossen, in Organigramme gepresst, mit Erwartungen überladen, bevor sie Wurzeln schlagen konnten. ˧ Ein lebendiger Baum wächst anders. Er braucht Zeit. Er braucht Boden. Und er braucht Menschen, die ihn als ihren eigenen Baum betrachten. ˧ Deshalb stellte sich nicht die Frage: Wie verlängern wir unser Projekt? Sondern die viel offenere Frage: Was haben wir gemeinsam gelernt – und was möchten wir daraus machen? ˧ Diese Frage führt zu einem besonderen Treffen am 6. Juli. Keine große Konferenz. Keine langen Präsentationen. Sondern eine gemeinsame Fahrt auf der Mur – von Mursko Središće flussabwärts. ˧ Menschen aus Österreich, Slowenien, Ungarn, Kroatien und Serbien werden gemeinsam auf dem Wasser unterwegs sein: Lehrerinnen und Lehrer, Vertreter von Schulen und Gemeinden, Menschen aus der Zivilgesellschaft, Partnerorganisationen. ˧ Der Ort ist bewusst gewählt. Denn ein Fluss lehrt uns etwas über Zusammenarbeit: ˧ Kein Zufluss fragt den anderen nach seiner Sprache. Kein Seitenarm konkurriert mit dem Hauptstrom. Die Stärke eines Flusssystems entsteht aus der Vielfalt seiner Wege – und aus der Verbindung seiner Teile. ˧ Vielleicht ist das die schönste Metapher für eine zukünftige Lernregion entlang von Mur, Drau und Donau. ˧ Eine Region, in der Schulen nicht um Schülerinnen und Schüler konkurrieren, sondern gemeinsam die Qualität des gesamten Bildungsraumes erhöhen. Eine Region, in der ein Biosphärengymnasium in Bad Radkersburg nicht Zentrum, sondern Knotenpunkt ist. Eine Region, in der eine Schülerin aus Ljutomer, ein Schüler aus Lenti, eine Klasse aus Čakovec oder ein Gymnasium in Serbien dieselbe Landschaft aus verschiedenen Perspektiven kennenlernen – und gemeinsam erforschen. ˧ Dabei wird klar: Die eigentliche Innovation von Mura Calling ist nicht die Technologie. ARK und Greensteps sind Werkzeuge. Aber ein Hammer baut kein Haus. ˧ Die Innovation liegt in der Verbindung von digitaler Vernetzung mit einer tiefen Verwurzelung im Ort. Eine Art globales Dorf der Biosphäre. Ein Raum, in dem moderne Technologie nicht dazu dient, uns von unserer Umwelt zu entfernen, sondern uns wieder mit ihr zu verbinden. ˧ Vielleicht ist das eine der wichtigsten kulturellen Aufgaben des 21. Jahrhunderts. ˧ Wir sind global stärker vernetzt als je zuvor. Wir können mit Menschen auf der anderen Seite des Planeten sprechen. Wir haben Zugang zu mehr Wissen als jede Generation vor uns. ˧ Und dennoch kennen viele Menschen die digitale Welt besser als den Bach hinter ihrem Haus. ˧ Mura Calling ist ein kleiner Versuch, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren. Nicht durch Rückzug aus der Moderne. Sondern durch ihre Weiterentwicklung. ˧ Nicht „zurück zur Natur“. Sondern vorwärts zur Natur. ˧ Hinein in eine neue Beziehung zwischen Kultur, Technologie und lebendiger Erde. ˧ Vielleicht ist das der tiefste Sinn einer Biosphärenregion: Nicht ein Stück Natur unter einer Glasglocke. Sondern ein gemeinsames Experiment der Menschheit. Die Frage, wie wir lernen können, auf einem begrenzten Planeten gut zu leben. ˧ Und vielleicht beginnt eine Antwort darauf tatsächlich an einem kleinen Fluss im Herzen Europas. Dort, wo die Mur ruft. ˧
Wenn wir heute über die großen Herausforderungen sprechen – Klimawandel, Artenverlust, gesellschaftliche Spaltungen, Kriege –, suchen wir die Antworten oft in großen Programmen, neuen Technologien, internationalen Vereinbarungen. ˧ Und all das ist wichtig. ˧ Aber vielleicht beginnt ein grundlegender Wandel auch an einem anderen Ort: Dort, wo Menschen wieder lernen, den Raum, in dem sie leben, als etwas Gemeinsames zu verstehen. ˧ Ein Dorf. Eine Stadt. Ein Flusstal. Eine Landschaft. ˧ Die UNESCO hat mit dem Konzept der Biosphärenreservate einen bemerkenswerten Gedanken formuliert: Schutz und Entwicklung sind keine Gegensätze. Der Mensch soll nicht aus der Natur verschwinden. Er soll lernen, wieder ein bewusster Teil ihrer Kreisläufe zu werden. ˧ Doch ein Biosphärenreservat wird erst dann lebendig, wenn es im Bewusstsein seiner Bewohnerinnen und Bewohner entsteht. Wenn ein Kind den Vogel am Flussufer nicht nur als „eine Art“ kennt, sondern als Nachbarn. Wenn Jugendliche aus fünf Ländern erkennen, dass sie nicht nur eine politische Nachbarschaft teilen, sondern eine ökologische Heimat. Wenn Gemeinden verstehen, dass ihre Zukunft nicht allein von ihrer eigenen Entwicklung abhängt, sondern von der Gesundheit des gesamten Flusssystems. ˧ Hier berührt Mura Calling eine sehr alte und gleichzeitig sehr neue Idee: die Allmende – der gemeinsame Raum, für den alle Verantwortung tragen. ˧ Die moderne Welt hat uns enorme Freiheiten gebracht, aber sie hat viele dieser unmittelbaren Beziehungen aufgelöst. Heute stehen wir vor einem Paradox: Wir sind global verbunden – und lokal entwurzelt. ˧ Vielleicht müssen wir lernen, beides gleichzeitig zu sein: Tief verwurzelt. Und weit verbunden. ˧
Das war immer die Vision des Globalen Dorfes: Nicht ein Dorf, das sich abschottet. Und keine globale Welt, in der alle Orte gleich werden. Sondern eine neue Verbindung von lokaler Identität und weltweiter Kooperation Wenn wir heute über künstliche Intelligenz sprechen, stellt sich dieselbe Frage: Wird sie uns weiter aus unseren Lebensräumen herausziehen? Oder kann sie uns helfen, sie besser zu verstehen? ˧ Die Greensteps-Methode und die ARK-Plattform geben eine überraschende Antwort: Das Smartphone wird nicht zum Fluchtpunkt. Es wird zur Lupe. ˧ Vielleicht wird eines Tages jedes Dorf seine eigene digitale Intelligenz besitzen – ein gemeinsames Gedächtnis der Landschaft, ihrer Arten, ihrer Geschichten. Eine „Village Intelligence“, die nicht über die Menschen herrscht, sondern ihnen hilft, klügere Entscheidungen zu treffen. ˧ Die Zukunft gehört nicht der künstlichen Intelligenz allein. Sie gehört der Verbindung von künstlicher und menschlicher Intelligenz – eingebettet in die Intelligenz der lebendigen Erde. ˧ Und genau deshalb ist Mura Calling mehr als ein Bildungsprojekt. Es ist ein kleiner Versuch, eine neue Kultur zu entwickeln. Eine Kultur, in der Schulen Knotenpunkte einer lernenden Gesellschaft sind. In der Grenzen nicht verschwinden müssen, um ihre trennende Bedeutung zu verlieren. In der ein Fluss nicht nur ein Naturraum ist, sondern ein Gesprächspartner. ˧ Eine Kultur, in der die Frage nicht mehr lautet: Wie können wir die Natur nutzen? Sondern: Wie können wir lernen, gemeinsam mit ihr zu leben? ˧
Am Anfang stand ein Fluss. Dann ein paar Boote. Ein gemeinsamer Tag. Und plötzlich eine Idee, die größer wurde als das Projekt, aus dem sie entstanden ist. ˧ Die Mur ruft. Und vielleicht ruft sie nicht nur die Menschen an ihren Ufern – sondern alle, die bereit sind, eine neue Beziehung zu ihrer Landschaft zu entdecken. ˧ Die Reise beginnt erst. ˧
˧
| |||||||||||||||||||||||