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72 Die Frage der Verletzlichkeit


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Die Diskussion zog sich immer länger dahin, es kam zu wechselseitigen Konzessionen in dieser Sache, bis Günter – auch er bewaffnet mit maschineller Intelligenz – einen Einwand erhob, der sinngemäß lautete: Mag diese Kritik am einheitlichen Volkswillen theoretisch berechtigt sein – eine solche Dekonstruktion hält keine Rakete auf. Wenn wir die staatliche Einheit zerlegen, nehmen wir einer angegriffenen Bevölkerung dann nicht den einzigen Schutzschild, den sie gegen reale Panzer besitzt?
Die Diskussion zog sich immer länger dahin, es kam zu wechselseitigen Konzessionen in dieser Sache, bis Günter – auch er reichlich ausgestattet mit maschineller Intelligenz – einen Einwand erhob, der sinngemäß lautete: Mag diese Kritik am einheitlichen Volkswillen theoretisch berechtigt sein – eine solche Dekonstruktion hält keine Rakete auf. Wenn wir die staatliche Einheit zerlegen, nehmen wir einer angegriffenen Bevölkerung dann nicht den einzigen Schutzschild, den sie gegen reale Panzer besitzt?

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Die Fragestellung der Sendung   
1. Die nächste Frage   
Diskussion mit Günter E.   
2. Der Staat als Schutz und Kriegsgrund   
3. Was soll geschützt werden?   
4. Das Dilemma der Imagozellen   
5. Elemente einer anderen Schutzfähigkeit   
Redaktionelles   
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Die Fragestellung der Sendung    

Wenn die Keimformen einer neuen Welt der Gemeinschaften in einer Welt entstehen, in der Imperien gegen ihren Niedergang kämpfen, stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann das Feld des Wandels angesichts seiner eigenen ohnehin schon beschriebenen Verletzlichkeit und der zunehmenden Aggressionen zwischen den Staaten überleben, wenn es noch nicht einmal seine Keimformen ausreichend schützen kann? ˧

Eines ist klar: Überlässt es deren Schutz einfach dem Beharrungsfeld und insbesondere militärischen Staat, droht es genau jener Logik einverleibt zu werden, die es überwinden wollte. ˧

Die Sendung sucht daher nach einer Schutzfähigkeit des Wandels, die weder in Aufrüstung noch in schutzloser Kapitulation endet – und das Neue schützt, ohne ihm die Form des Alten aufzuzwingen. ˧


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1. Die nächste Frage    

Willkommen zu einer neuen Ausgabe von „Willkommen im Globalen Dorf". Es ist Oktober 2026, und hier meldet sich wieder, wie alle vier Wochen, Franz Nahrada aus Bad Radkersburg mit der Sendung, die uns in eine mögliche Zukunft führt, über die leider kaum wirklich konsequent nachgedacht wird. ˧

Ich nenne die von mir propagierte Möglichkeit die Welt der globalen Dörfer, die wir bis dato in 71 Sendungen aus vielen verschiedenen Perspektiven unter die Lupe genommen haben. Dabei war immer wieder der Kernpunkt, dass die Zukunft aus einer Neukombination einer Rückkehr in kleinere, autarke Siedlungs- und Lebensformen und zugleich einer intensiven Wissens- und Entwicklungszusammenarbeit auf Weltmaßstab zwischen diesen "Globalen Dörfern" beruht. ˧

In und zwischen den letzten Sendungen hat sich Schritt für Schritt wieder einmal eine spannende Gedankenkette entwickelt. Sie begann mit einer Diagnose unserer Gegenwart, wurde sehr konkret, was die mögliche Zukunft einer Region betrifft, mit dem Fünf-Länder-Biosphärenpark als Beispielfall, hat dann wieder allgemeinere Schlussfolgerungen über das Problem der gesellschaftlichen Transformation gezogen – und führt uns heute zu einer Frage, die wir bisher zwar berührt, aber nicht wirklich konsequent angeschaut haben. ˧

In Sendung 69, „Vom Zeitalter der Imperien zum Zeitalter der Gemeinschaften", ging es um die zunehmende Unfähigkeit der bestehenden Staatenwelt und des herrschenden Wirtschaftssystems, die von ihnen selbst mit hervorgebrachten globalen Krisen zu lösen. Die Konkurrenz der Nationen verhindert immer wieder genau jene Kooperation, die angesichts von Klimakrise, Artensterben, wachsender Ungleichheit und der Gefahr großer Kriege notwendig wäre. ˧

Doch die Kritik an einer untergehenden Ordnung und selbst die Wahrnehmung einer sich ankündigenden neuen reicht nicht aus, um diese neue Ordnung - wobei der Begriff der Ordnung selbst noch als imperialer hinterfragt werden muss - zu schaffen. Deshalb fragten wir in Sendung 70 genauer nach einer „Wirtschaft der Biosphäre": nach Wirtschaftsweisen, die nicht mehr von der grenzenlosen Ausbeutung von Menschen und Natur leben, sondern sich in die Kreisläufe des Lebendigen einfügen. Dabei wurde sichtbar, dass eine solche Wirtschaft nicht bloß durch andere staatliche Vorschriften entstehen kann. Sie braucht andere Formen des Produzierens, Teilens, Lernens und Zusammenlebens, die sich nicht mehr in die Logik der isolierten Formen staatlicher Intervention und Verwaltung pressen lassen. ˧

In der letzten Sendung 71 über das „Feld des Wandels" ging es schließlich um die Frage, wie solche Ansätze zueinanderfinden können. Wie können aus vielen zunächst verstreuten Projekten Zusammenhänge entstehen, in denen sich Landwirtschaft und Hochwasserschutz, Bildung und Regionalentwicklung, Tourismus und Regeneration nicht mehr gegenseitig behindern, sondern verstärken? ˧

Dabei stießen wir auf die Kraft – oder auch das Feld – des Beharrens. Bestehende Institutionen, Eigentumsverhältnisse und Entscheidungsstrukturen sind nicht einfach deshalb aus der Welt, weil irgendwo bessere Lösungen gefunden wurden. Das Alte besitzt Geld, Recht, Verwaltungsmacht, eingespielte Routinen – und nicht zuletzt die Fähigkeit, darüber zu bestimmen, was als realistisch gilt und was nicht. ˧

Noch früher, in Sendung 64 Ende letzten Jahres, hatte ich solche neuartigen Ansätze mit einer biologischen Analogie als „Imagozellen" bezeichnet. Der Begriff stammt aus der Metamorphose der Raupe zum Schmetterling. Im Körper der Raupe liegen Zellgruppen, sogenannte Imaginalscheiben bereit, die bereits den Bauplan des künftigen Lebewesens in sich tragen. Übertragen auf die Gesellschaft können so verschiedene Gegenstände wie autonome Regionen, solidarische Ökonomien, physische und digitale Commons, Genossenschaften, Dorfuniversitäten, offene Werkstätten und regionale Kreisläufe solche Imagozellen sein. Sie sind noch nicht die neue Gesellschaft. Aber sie enthalten Elemente einer anderen gesellschaftlichen Logik. In einem Gespräch zwischen dem philippinische Umweltakivisten Nicanor Perlas und dem deutschen Transformationsforscher Geseko von Lübke ist von derzeit 10 Millionen Initiativen weltweit die Rede, die mehr oder weniger bewusst an einer „neuen Welt“ arbeiten. [1] ˧

Das Bild der Imagozelle hatte allerdings von Anfang an eine beunruhigende Seite. In der populären Erzählung vom Schmetterling, die von der amerikanischen Biologin und Autorin Norie Huddle stammt, heißt es, der alte Organismus erkenne die neuen Zellen als Fremdkörper und bekämpfe sie. Ob die Biologie das genau so hergibt, lasse ich dahingestellt; als Bild für die Gesellschaft ist es treffend: Der alte Organismus begrüßt das Neue nicht unbedingt. Gesellschaftlich bedeutet das: Keimformen können ignoriert, finanziell ausgehungert, gesetzlich behindert, vom Markt aufgekauft, für fremde Zwecke vereinnahmt oder auch mit offener Gewalt zerstört werden. ˧

Das Schicksal der autonomen Region Rojava, die ich damals als Musterbeispiel einer poststaatlichen Organisation von Gesellschaft bezeichnete, führt uns diese Verletzlichkeit heute drastisch vor Augen. Noch in Sendung 64 erschien die autonome Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien als ein erstaunliches Beispiel dafür, dass mitten in Krieg und geopolitischem Chaos ein dezentrales, multiethnisches und stark von Frauen und lokalen Gemeinschaften getragenes Gemeinwesen entstehen konnte. Inzwischen wurde die Region nach einer Offensive der Regierungstruppen im Januar 2026 unter militärischem Druck weitgehend in den syrischen Zentralstaat integriert. ˧

Eine fortschrittliche gesellschaftliche Form schützt sich offenbar nicht schon durch die Überzeugungskraft ihrer Ideen. Eine isolierte Imagozelle kann von einer übermächtigen Umwelt zerstört werden. ˧

Damit stellt sich die nächste Frage in unserer bisherigen Gedankenkette: Wie kann das Feld des Wandels überleben, wenn die alte Welt seine Keimformen nicht nur behindert, sondern angreift, zerstört oder vereinnahmt? ˧

Auf den ersten Blick könnte es wirken, als würden wir damit plötzlich das Thema wechseln und aus einer Sendereihe über Globale Dörfer eine Sendung über Sicherheitspolitik machen. Tatsächlich aber verfolgen wir nur die bisherige Gedankenbewegung weiter. Denn sobald Alternativen die Nische verlassen und beginnen, Eigentumsverhältnisse, staatliche Macht oder geopolitische Interessen tatsächlich zu berühren, stellt sich die Frage ihres Schutzes unausweichlich. ˧

Diskussion mit Günter E.    

Einen unmittelbaren Anstoß dazu gab mir eine heftige Diskussion mit einem guten Bekannten auf Facebook über den Krieg in der Ukraine. Günter hatte meine Posts über die Kriegsursachen und auch die Autoritäten, die ich anführte, in Zweifel gezogen. Ich hatte mich im Gegenzug gegen Formulierungen von ihm wie „die Ukraine will", „die Ukraine entscheidet" oder „die Ukraine verteidigt ihre Zukunft" gewandt. Nicht weil ich die Existenz der Ukraine oder das Recht der dort lebenden Menschen auf Schutz bestreiten wollte. Sondern weil ein Staat eben gerade keine Person mit einem einheitlichen Willen ist. Regierungen, Soldaten, Geflüchtete, Kriegsdienstverweigerer, Oppositionelle und Menschen aus verschiedenen Regionen sprechen nicht mit einer Stimme – auch wenn wir daran gewöhnt sind, dass sich irgendwie gewählte Repräsentanten im Namen eines Volkswillens äußern. ˧

Die Diskussion zog sich immer länger dahin, es kam zu wechselseitigen Konzessionen in dieser Sache, bis Günter – auch er reichlich ausgestattet mit maschineller Intelligenz – einen Einwand erhob, der sinngemäß lautete: Mag diese Kritik am einheitlichen Volkswillen theoretisch berechtigt sein – eine solche Dekonstruktion hält keine Rakete auf. Wenn wir die staatliche Einheit zerlegen, nehmen wir einer angegriffenen Bevölkerung dann nicht den einzigen Schutzschild, den sie gegen reale Panzer besitzt? ˧

Dieses Bild ist wirkungsvoll und scheinbar schlagend. Aber es enthält bereits ein problematisches Framing. Es stellt uns vor die Wahl zwischen dem militärisch handlungsfähigen Staat und schutzloser Wehrlosigkeit. Und es verlangt von einer Kritik der Kriegsursachen, selbst die Funktion einer Luftabwehrrakete zu erfüllen. Es liegt hier ein fundamentaler Kategorienfehler vor. Eine Theorie des Staates beansprucht nicht, ein Luftabwehrsystem zu sein. Sie fragt, warum Gesellschaften sich als konkurrierende nationale Gewaltapparate organisieren, warum diese Konkurrenz immer wieder Kriegsgründe hervorbringt und weshalb die Bevölkerung dann als nationales Menschenmaterial mobilisiert wird. ˧

Eine Analyse der Brandursachen löscht kein brennendes Haus. Aber daraus folgt nicht, dass man auf sie verzichten könnte – besonders dann nicht, wenn immer neue Häuser in Brand geraten. ˧

Meine Gedanken über Dezentralisierung, Resilienz und das Recht auf Verweigerung im Kontext einer umfassenden Staatskritik wurden von Günter zurückgebogen in eine Denkwelt, deren erste und bestimmende Säule wieder der verteidigungsfähige Nationalstaat ist. ˧

Trotzdem hat Günters verkehrter Einwand mich an eine Schwäche erinnert, die wir nicht überspielen dürfen. Mit einem Wort: Er hat mich getriggert. Auch wenn Rojava und die Ukraine politisch so gut wie nichts miteinander zu tun haben – die eine ein postnationalstaatliches Autonomieprojekt, die andere ein Nationalstaat, dessen Bevölkerung keineswegs mit einer Stimme spricht und in dem die Korruption der Regierung laut einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie vom September 2026 unter den abgefragten Sorgen die am häufigsten genannte darstellt –, lässt sich doch eines nicht leugnen: Das Feld des Wandels besitzt heute tatsächlich keine ausreichende Fähigkeit, seine Keimformen und die in ihnen lebenden Menschen zu schützen. Es kann dem militärischen Staat diese Aufgabe aber auch nicht einfach überlassen. Denn dann droht es genau jener Logik einverleibt zu werden, die es überwinden wollte. ˧

Wir müssen daher genauer fragen: Was soll eigentlich geschützt werden? Ein Territorium? Eine Regierung? Die Souveränität eines Staates? Oder das Leben der Menschen, ihre Beziehungen, ihre Lebensgrundlagen und ihre Fähigkeit, über ihre Zukunft selbst zu bestimmen? ˧

Und können Formen des Schutzes entstehen, die das Neue bewahren, ohne ihm die Gestalt des Alten aufzuzwingen? ˧

2. Der Staat als Schutz und Kriegsgrund    

Um das zu beantworten, müssen wir genauer untersuchen, was der Staat eigentlich schützt – und wovor. ˧

Der moderne, manche sagen bürgerliche Staat erscheint seinen Bürgerinnen und Bürgern zunächst als Schutzmacht. Er garantiert Eigentum und Verträge, erhält Straßen, Schulen und Krankenhäuser, organisiert Katastrophenschutz und soziale Sicherung. Nach außen schützt er das Territorium und die Bevölkerung vor Angriffen anderer Staaten. Und wenn tatsächlich Raketen einschlagen, Städte bombardiert und Menschen vertrieben werden, dann ist dieser Schutz keineswegs bloß eine ideologische Einbildung. Die Bedrohung ist real – und ebenso real ist das Bedürfnis, ihr nicht wehrlos ausgeliefert zu sein. ˧

Aber damit ist die Rolle des Staates noch nicht hinreichend beschrieben. Denn der Staat schützt nicht einfach das Leben schlechthin. Er schützt eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung: seine Rechtsordnung, seine Eigentumsordnung, seine Grenzen und die politischen und ökonomischen Verhältnisse, über die er gebietet. Er erhält eine Gesellschaft, deren Mitglieder nicht einfach gemeinschaftlich über ihre Lebensbedingungen verfügen, sondern sich als Eigentümer, Arbeitnehmer, Unternehmer, Steuerzahler und Konkurrenten gegenüberstehen. ˧

Diese Gesellschaft wird durch den Staat nicht geschaffen, als wäre er ihr allmächtiger Urheber. Aber sie ist ohne seine Gewalt auch nicht lebensfähig. Der Staat garantiert das Privateigentum, setzt Verträge durch, definiert das gültige Geld, organisiert Infrastruktur und Bildung und sorgt dafür, dass die Konkurrenz der Einzelnen nach verbindlichen Regeln stattfindet. Er hält also jene Gegensätze zusammen, aus denen die Gesellschaft zugleich besteht. Diese Gegensätze spalten die Gesellschaft zugleich in Klassen, die höchst unterschiedlichen Nutzen und Schaden aus dieser Konkurrenz ziehen. ˧

In der politischen Sprache erscheint dieses widersprüchliche Gebilde als Nation. Aus Menschen mit höchst unterschiedlichen Interessen wird ein Volk, aus einander widersprechenden gesellschaftlichen Interessen wird das nationale Interesse, und aus den Entscheidungen der Staatsführung wird schließlich das, was „wir" wollen. ˧

Der Volkswille ist deshalb nicht einfach die Summe dessen, was alle Menschen tatsächlich wollen. Er ist die politische Form, in der die staatliche Gewalt ihre Entscheidungen als gemeinsamen Willen der Regierten darstellt. Wahlen spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie entscheiden, wer die Staatsgewalt ausübt, aber gerade nicht, was schon vorher feststeht: dass sich die Menschen jedenfalls ihren Beschlüssen unterwerfen müssen. Die Zustimmung zu einzelnen Repräsentanten wird so zur Zustimmung zur politischen Ordnung als ganzer umgedeutet. ˧

Doch diese Ordnung endet nicht an den Staatsgrenzen. Jeder Staat verfügt über eine nationale Ökonomie, deren Unternehmen, Banken und Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt konkurrieren. Der Staat ist am Erfolg dieser Wirtschaft interessiert, weil von ihr seine Steuereinnahmen, seine Kreditwürdigkeit, seine technologische Leistungsfähigkeit und letztlich auch seine politische und militärische Macht abhängen. ˧

Das bedeutet nicht, dass Staat und Unternehmen identisch wären oder dass alle Angehörigen einer Nation gemeinsam wirtschafteten. Die Unternehmen produzieren für ihren privaten Gewinn und stehen auch innerhalb des Landes in Konkurrenz zueinander. Aber der Staat macht ihren Erfolg zu einer nationalen Angelegenheit. Er fördert Exporte, sichert Rohstoffe und Handelswege, verteidigt Investitionen, verhandelt Marktzugänge und benutzt seine politische Macht, um den Unternehmen seines Landes möglichst günstige Bedingungen zu verschaffen. ˧

Imperialismus beginnt in diesem Sinn nicht erst mit der Eroberung fremder Länder. Er beginnt damit, dass die Staatsgewalt die Akkumulation des nationalen Kapitals über die eigenen Grenzen hinaus absichert und aus dessen Erfolg wiederum ihre eigene Macht bezieht. ˧

Jenseits der eigenen Grenzen kann der Staat Eigentum, Verträge und Geschäftsbedingungen nicht selbst garantieren. Dafür braucht er die Gewalt anderer Staaten. Diese fremden Souveräne sind daher notwendige Partner. Zugleich verfolgen sie aber ihre eigenen nationalen Interessen und werden dadurch zu Hindernissen und Konkurrenten. Und daraus entsteht die Grundstruktur dessen, was gewöhnlich internationale Politik genannt wird. Staaten handeln miteinander, weil sie voneinander abhängig sind. Sie schließen Handelsverträge, gewähren Kredite, bilden Bündnisse und schaffen internationale Organisationen. Aber sie tun dies nicht als Glieder einer weltweiten Gemeinschaft, sondern als souveräne Gewalten, die ihren jeweiligen Nutzen und ihre eigene Handlungsfreiheit sichern wollen. ˧

Der Weltmarkt vereinigt die Staaten und bringt sie zugleich gegeneinander auf. Jede erfolgreiche Expansion eines nationalen Kapitals verändert Machtverhältnisse. Der Zugang zu Energie, Rohstoffen, Technologien, Verkehrswegen und Absatzmärkten wird zu einer Frage nationaler Sicherheit. Wirtschaftliche Abhängigkeiten gelten nicht einfach als Ergebnis arbeitsteiliger Kooperation, sondern als mögliche Verwundbarkeit. Handel, Kredit und Technologie werden damit selbst zu politischen Machtmitteln. ˧

Nicht alle Staaten verfügen dabei über die gleichen Möglichkeiten. Mächtige Staaten können ihre Interessen als internationale Regeln durchsetzen, Sanktionen verhängen, Kreditbedingungen diktieren, Bündnisse organisieren und ihre Währungen und Rechtsordnungen weit über das eigene Territorium hinaus wirksam machen. Schwächere Staaten müssen ihre Ökonomien öffnen, sich verschulden, fremde Sicherheitsgarantien suchen oder sich einem der großen Machtblöcke anschließen. ˧

Diplomatie bildet deshalb nicht einfach den friedlichen Gegensatz zum Krieg. Sie ist zunächst die Form, in der Staaten ihre Interessen gegeneinander geltend machen, ihre Machtverhältnisse ausloten und Kompromisse schließen. Hinter der diplomatischen Verhandlung steht jedoch immer die Frage, welche Konsequenzen ein Staat ziehen kann, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden. ˧

Hier kommt das Militär ins Spiel. Seine erste Funktion besteht nicht darin, ständig Krieg zu führen, sondern der staatlichen Außenpolitik Gewicht zu verleihen. Ein Staat, der über keine Möglichkeit verfügt, seine Interessen gegen Widerstand durchzusetzen, muss letztlich akzeptieren, was mächtigere Staaten ihm zugestehen. ˧

Der Krieg ist daher nicht einfach das Ergebnis irrationalen Hasses zwischen Völkern. Und schon gar nicht setzt er eine naturhafte Todfeindschaft voraus. Er ist die äußerste Fortsetzung einer Konkurrenz, in der Staaten ihre Interessen zu Fragen ihrer Souveränität und Sicherheit erklären. Wenn eine fremde Staatsgewalt als unüberwindliches Hindernis dieser Interessen behandelt wird, steht schließlich die gewaltsame Beseitigung ihres Widerstands auf der politischen Tagesordnung. ˧

Das bedeutet nicht, dass jeder Interessengegensatz zwangsläufig zum Krieg führen müsste. Staaten können nachgeben, Kompromisse schließen, Einflusszonen respektieren oder ihre Konkurrenz durch Verträge regeln. Aber sie tun dies auf der Grundlage ihrer Macht und unter dem Vorbehalt, dass die Vereinbarung ihrem nationalen Interesse weiterhin dient. Die Möglichkeit des Krieges ist deshalb kein Betriebsunfall der Staatenwelt. Sie gehört zu einer Ordnung, in der souveräne Gewaltapparate über Territorien, Bevölkerungen und nationale Ökonomien verfügen und einander als Konkurrenten gegenübertreten. ˧

Damit zeigt sich die doppelte Gestalt des staatlichen Schutzes. Der Staat schützt die Bevölkerung vor der Gewalt anderer Staaten. Zugleich organisiert er sie als Mittel seiner eigenen Gewalt. Er erhebt Steuern, beansprucht Arbeitskraft, kontrolliert Grenzen, bestimmt über Ausnahmezustände und verfügt im äußersten Fall über das Leben seiner Bürger als Soldaten. ˧

Gerade im Krieg tritt diese zweite Seite offen hervor. Der Schutz der Bevölkerung kann nicht von ihrer Mobilisierung getrennt werden. Menschen werden rekrutiert, Betriebe auf Kriegsproduktion umgestellt, Informationen kontrolliert, Oppositionelle verdächtigt und individuelle Flucht- oder Verweigerungsversuche dem nationalen Überlebensinteresse untergeordnet. Der Schutzschild verlangt von den Beschützten, selbst zu seinem Material zu werden. ˧

Das heißt nicht, den Unterschied zwischen Angreifer und Angegriffenem zu leugnen. Wer überfallen, bombardiert oder vertrieben wird, hat ein elementares Interesse daran, sein Leben, seine sozialen Beziehungen und seine Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu bewahren. Dieses Interesse ist real, auch wenn ihm kein über den Staaten stehender Souverän einen Schutzanspruch garantiert. Aus ihm folgt aber noch lange nicht, dass die Ziele der angegriffenen Staatsführung mit den Bedürfnissen der betroffenen Menschen identisch wären. Ebenso wenig folgt daraus, dass eine militärische Strategie allein deshalb dem Schutz des Lebens dient, weil sie im Namen der nationalen Verteidigung betrieben wird. ˧

Im Völkerrecht ist der angegriffene Staat Träger des Selbstverteidigungsrechts (Artikel 51 der UN-Charta). Die einzelnen Menschen kommen darin hauptsächlich als Bevölkerung dieses Staates vor. Ihr Wunsch zu bleiben, zu fliehen, zu verhandeln, Widerstand zu leisten oder den Kriegsdienst zu verweigern kann mit der staatlichen Ausübung dieses „Schutzrechts" durchaus kollidieren. Genau dadurch wird aus dem Schutz der Menschen sehr leicht der Schutz der staatlichen Souveränität – und beides wird sprachlich ineinsgesetzt. ˧

Die Formel, nur der verteidigungsfähige Nationalstaat könne eine Rakete aufhalten, enthält also eine Wahrheit – aber nur eine halbe. Der militärische Staat kann Schutz organisieren. Er kann zugleich durch seine Bündnisse, seine Aufrüstung, seine geopolitischen Ansprüche und seine Verfügung über die Bevölkerung jene Gefahren mit hervorbringen oder verschärfen, vor denen er sie anschließend schützt. ˧

Wir stehen deshalb nicht einfach vor der Wahl zwischen Staat und Schutzlosigkeit. Die eigentliche Frage lautet: Können Schutzformen entstehen, die Menschen, Lebensgrundlagen und gesellschaftliche Selbstbestimmung verteidigen, ohne sie erneut in das Material konkurrierender Machtblöcke zu verwandeln? ˧

Diese Frage lässt sich nicht mit einem fertigen institutionellen Modell beantworten. Aber wir können zunächst fragen, was eigentlich geschützt werden soll. ˧

3. Was soll geschützt werden?    

Wenn staatlicher Schutz diese doppelte Gestalt besitzt, müssen wir genauer fragen, was wir eigentlich schützen wollen. ˧

Nicht abstrakt den Staat, nicht eine Regierung und auch nicht den Erfolg einer Nationalökonomie, sondern das Leben der Menschen, ihre Beziehungen und ihre Fähigkeit, gemeinsam über ihre Lebensbedingungen zu bestimmen. Zu schützen wären Wasser und Boden, Wälder und Siedlungen, Wissen und Versorgungseinrichtungen, die Sorge füreinander und jene gesellschaftlichen Keimformen, in denen andere Arten des Zusammenlebens erprobt werden. ˧

Das bedeutet nicht, bestehende staatliche Einrichtungen einfach für überflüssig zu erklären. Krankenhäuser, Feuerwehren, Verkehrswege, soziale Sicherung und Katastrophenschutz sind reale Voraussetzungen unseres Lebens. Aber in der Krise entscheidet sich, welchem Zweck diese Einrichtungen untergeordnet werden. Dienen sie dem Leben der Menschen – oder vor allem der Funktionsfähigkeit des Staates, seiner Wirtschaft und seiner Kriegsführung? ˧

Das zeigt sich besonders deutlich am Begriff der Resilienz. Ursprünglich bezeichnet er die Fähigkeit eines lebendigen oder sozialen Systems, Erschütterungen zu überstehen, sich anzupassen und seine wesentlichen Funktionen zu bewahren. Inzwischen wird Resilienz zunehmend auch zum Leitbegriff staatlicher Kriegsvorbereitung. Dezentrale Energieversorgung, Lebensmittelvorräte, belastbare Kommunikationswege und krisenfeste Gemeinden sollen dann vor allem gewährleisten, dass Staat, Wirtschaft und Militär auch unter feindlichem Druck weiter funktionieren. ˧

All diese Fähigkeiten sind nicht falsch. Die entscheidende Frage ist: Wer verfügt über sie, wer bestimmt ihren Einsatz – und was genau soll durch sie fortbestehen? ˧

Eine resiliente Gesellschaft wäre nicht einfach eine Gesellschaft, die länger Krieg führen kann. Sie müsste vor allem verhindern, dass Menschen durch den Zusammenbruch zentraler Versorgung erpressbar werden. Sie müsste ihnen Handlungsmöglichkeiten erhalten, anstatt sie umso effizienter für fremdbestimmte Zwecke mobilisieren zu können. ˧

Und so sind wir wieder bei den Imagozellen – und bei ihrer eigentümlichen Verletzlichkeit. ˧

4. Das Dilemma der Imagozellen    

Damit kehren wir zu Rojava zurück. Dieses Beispiel zeigt nicht, dass eine bessere gesellschaftliche Ordnung automatisch friedlich bestehen kann. Im Gegenteil: Die Selbstverwaltung musste sich bewaffnen, militärische Bündnisse eingehen und zwischen übermächtigen staatlichen Akteuren manövrieren. Gerade weil sie keine anerkannte staatliche Souveränität besaß, blieb sie von den wechselnden Interessen fremder Mächte abhängig. ˧

Darin liegt das Dilemma jeder isolierten Imagozelle. Bleibt sie wehrlos, kann sie zerschlagen werden. Organisiert sie ihren Schutz nach dem Vorbild der bestehenden Staaten, droht sie jene hierarchischen Strukturen, Gewaltapparate und Feindbilder hervorzubringen, die sie eigentlich überwinden wollte. ˧

Das Neue kann nicht allein deshalb überleben, weil es menschlicher, vernünftiger oder ökologisch tragfähiger ist. Moralische Überlegenheit hält keine Rakete auf. Aber die Fähigkeit, eine Rakete aufzuhalten, beantwortet noch nicht die Frage, welche Gesellschaft durch diesen Schutz entsteht. ˧

Auch unsere eigenen, viel bescheideneren Keimformen in den Zentren des eurtoatlantischen Machtblocks sind mit diesem Widerspruch konfrontiert. Solange sie zur regionalen Entwicklung beitragen, Krisenfolgen abfedern oder neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen, können Staaten und Verwaltungen sie fördern. Sobald sie aber Eigentumsansprüche infrage stellen, militärische Nutzung ablehnen, Rohstoffinteressen behindern oder sich zentraler Kontrolle entziehen, kann dieselbe Staatsgewalt ihnen Grenzen setzen und tut es gemeinhin auch, behandelt unterschiedslos gesellschaftliche Bewegungen, die die Gesetze des Staates brechen, als "kriminell" und "terroristisch". Der bürgerlich-demokratische Staat tut so, als könne er niemals ein historisches Ablaufdatum haben und behauptet sich als die beste aller Welten, selbst wenn jeder Mensch im Wirken dieser souveränen Gewalt zunehmend das Gegenteil sehen könnte. Alle Unzufriedenheit muss zurückgebogen werden in Zustimmung, praktische Alternativen und Experimente sind nicht vorgesehen und werden nicht toleriert. ˧

Eine einzelne Region kann sich weder ökonomischem Druck noch einem autoritären Staat noch einer militärischen Bedrohung allein widersetzen. Imagozellen brauchen daher mehr als lokale Autonomie. Sie brauchen ein tragendes Milieu aus Beziehungen, wechselseitiger Hilfe und grenzüberschreitender Verbundenheit. ˧

Nicht die befestigte Insel, sondern das immer dichter werdende Netz von Außenbeziehungen mit anderen transformativen Bewegungen müsste ihre eigentliche Schutzform sein. Das Feld des Wandels wird global sein oder es wird nicht sein. ˧

5. Elemente einer anderen Schutzfähigkeit    

Eine fertige Friedens- und Sicherheitsordnung lässt sich daraus nicht ableiten. Aber einige Bausteine werden sichtbar. ˧

Der erste besteht darin, gefährliche Abhängigkeiten zu vermindern. Regionen, die einen Teil ihrer Lebensmittel, Energie, medizinischen Versorgung und technischen Fähigkeiten selbst bereitstellen können, sind weniger leicht zu erpressen. Dezentralität allein garantiert noch keine Freiheit. Aber sie verhindert, dass der Ausfall weniger zentraler Systeme das ganze gesellschaftliche Leben lahmlegt. ˧

Der zweite Baustein ist ein ziviler Schutz, der tatsächlich bei den Bedürfnissen der Menschen ansetzt: sichere Unterkünfte, funktionierende Warnsysteme, lokale Rettungs- und Versorgungskapazitäten, unabhängige Kommunikationswege und die Fähigkeit, besonders verletzliche Menschen zu versorgen oder in Sicherheit zu bringen. Solche Strukturen helfen bei Hochwasser, Pandemien und Stromausfällen ebenso wie im Krieg. Ihr Zweck ist nicht die Mobilisierung der Bevölkerung, sondern die Erhaltung ihrer Handlungsfähigkeit. ˧

Drittens gehört dazu die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Nichtzusammenarbeit. Eine Besatzungsmacht oder ein autoritäres Regime benötigt Verwaltungen, Verkehrswege, Betriebe, Daten, Zustimmung und zumindest einen Teil der lokalen Kooperation. Organisierte Verweigerung, Streiks, dezentrale Entscheidungsstrukturen und der Schutz unabhängiger Medien können Herrschaft erschweren. Das ist kein gewaltfreies Zaubermittel und verhindert nicht jedes Massaker. Aber Schutz darf nicht auf Waffen reduziert werden. ˧

Viertens lässt sich auch die Frage bewaffneter Verteidigung nicht einfach wegwünschen. Wo sie unvermeidlich erscheint, wäre zwischen einer Verteidigung zu unterscheiden, die fremdes Territorium bedrohen und weltweit Macht projizieren kann, und einer nichtoffensiven Verteidigung, die darauf angelegt ist, Angriffe und Besatzung zu erschweren. Gerade hier in Bad Radkersburg konnte man Ende Juni 1991 die Effektivität lokaler slowenischer Territorialverteidigungskräfte beobachten. Auch eine solche Verteidigung bleibt gefährlich. Sie braucht demokratische Kontrolle und darf nicht zur Verselbständigung eines militärischen Apparats führen. Aber sie würde Sicherheit nicht länger mit der Fähigkeit verwechseln, dem Gegner noch größere Verwüstung anzudrohen, was unweigerlich zu Eskalation führt, wie wir sie im Moment in der Ukraine beobachten können. ˧

Fünftens braucht jede lokale Schutzfähigkeit internationale Beziehungen unterhalb und quer zu den Staaten: Partnerschaften zwischen Gemeinden und Regionen, wissenschaftliche und kulturelle Netzwerke, gegenseitige Hilfe, gemeinsame ökologische Verantwortung und eine Öffentlichkeit, die Angriffe nicht im Nebel nationaler Propaganda verschwinden lässt. Gerade ein grenzüberschreitender Biosphärenpark kann eine Ahnung davon vermitteln: Der Fluss, das Wasser, die Artenvielfalt und die Lebensgrundlagen hören nicht dort auf, wo staatliche Souveränitäten ihre Grenztafeln aufstellen. ˧

Und schließlich müsste eine andere Schutzordnung die Freiheit der Menschen bewahren, selbst über ihre Beteiligung zu entscheiden. Wer bleiben und Widerstand leisten will, darf nicht im Stich gelassen werden. Wer fliehen, den Kriegsdienst verweigern oder die eigene Regierung kritisieren will, darf aber auch nicht zum Verräter erklärt werden. Eine Ordnung, die Menschen schützen will, darf ihnen nicht im Namen dieses Schutzes ihre Selbstbestimmung nehmen. ˧

Einige dieser Elemente benötigen öffentliche Institutionen und vorläufig wohl auch Staaten. Es geht nicht darum, sich eine staatsfreie Reinheit vorzustellen, die morgen verkündet werden könnte. Es geht darum, innerhalb der bestehenden Widersprüche Fähigkeiten aufzubauen, die nicht auf Machtprojektion, Feindproduktion und immer größere Vernichtungsdrohungen hinauslaufen - und darauf zu vertrauen dass sich das Feld des Wandels gerade in solchen zugespitzten Situationen rapide weiterentwickeln kann.. ˧

Sicherheit jenseits von Aufrüstung und Kapitulation wäre daher kein bequemer Mittelweg zwischen zwei fertigen Alternativen. ˧

Aufrüstung verspricht Schutz durch überlegene Drohung und bereitet damit die nächste Runde der Bedrohung vor. Kapitulation überlässt Menschen den bereits bestehenden Gewalten. ˧

Die andere Möglichkeit beginnt mit einer Verschiebung des Blicks: Sicherheit ist nicht in erster Linie der Besitz eines Staates. Sie ist eine gesellschaftliche Fähigkeit – die Fähigkeit, das Leben zu erhalten, Abhängigkeiten zu vermindern, sich Herrschaft zu widersetzen, Konflikte zu begrenzen und Beziehungen über die Grenzen konkurrierender Machtblöcke hinweg aufzubauen. ˧

Eine Garantie der Unverletzlichkeit gibt es dabei nicht. Wer sie verspricht, lügt. Auch das Feld des Wandels wird Konflikte austragen, Niederlagen erleiden und schmerzhafte Entscheidungen treffen müssen. ˧

Aber vielleicht liegt genau hier seine noch ungelöste Aufgabe: Strukturen hervorzubringen, die schwer zu beherrschen und schwer zu zerstören sind, ohne sich selbst in Festungen zu verwandeln. ˧

Das Neue wird nicht überleben, weil es das moralisch Bessere oder das geschichtlich Gebotene ist. Es braucht eigene Formen des Schutzes. Doch diese Formen dürfen nicht zerstören, was sie schützen sollen. ˧

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wie können wir uns verteidigen? ˧

Sondern: Wie können wir uns verteidigen, ohne selbst zu dem zu werden, wovor wir uns schützen wollen? ˧

Wir haben diese Fragen ansatzweise beantwortet. Viele Fragen sind sicher offen geblieben. Aber jede Antwort wirft neue Fragen auf. Und eine noch unangenehmere Frage drängt sich auf: Nachdem wir gefragt haben, wie sich das Feld des Wandels vor Staaten schützt, müssen wir nun fragen: Wie schützen wir uns vor Gemeinschaften, die selbst zu Herrschaftsapparaten werden? Dem widmet sich Sendung 73. ˧

Redaktionelles    

Erster Entwurf der Sendung mit Chat CPT
Zweiter Entwurf der Sendung mit Chat GPT ˧





[1] https://sabine-schroeder-seminare.de/ueber-imagozellen-und-die-analogie-zu-unserer-zeit/