Institut für Soziologie - Albert–Ludwigs–Universität Freiburg
Sommersemester 2004
Hauptseminar: Arbeit, Leben, Zeit
Dr. Peter Höfflin
===Ralf Bub ===
Ralf Bub stellt uns seine Hausarbeit zur Verfügung: Zukunft der Arbeit, Zukunft der Gesellschaft: Ulrich Becks und Frithjof Bergmanns Visionen einer neuen Arbeitskultur
Von: Ralf Bub
An: Franz Nahrada
Datum: 11.11.2009, 10:30
Betreff: Meine Hausarbeit auf der Wiki-Seite
Ich bin immer noch voll überzeugt vom Inhalt, will die Arbeit aber nicht frei im Netz stehen haben. Du kannst gerne Teile davon oder die ganze Arbeit ohne Angabe meiner Quelle in anderen Kontexten verwenden.
Noch eine persönliche Frage: tut sich etwas in Richtung der HTEP? Ich habe bisher leider nichts mitbekommen, was wirklich reif ist.
Viele Grüße
Ralf
mit freundlicher Genehmigung des Autors. Alle Rechte vorbehalten.
danke für eventuelle Hilfe beim Editieren! Bitte diesen Text nicht inhaltlich verändern. Anmerkungen bitte auf die Unterseite /Diskussion schreiben!
Hingegen wäre die wikimäßige Anlage der Fußnoten (FN) sehr gewünscht!
[[Inhaltsverzeichnis]]
==Einleitung==
Unsere gegenwärtige moderne und kapitalistische Gesellschaftsordnung hat mit
einer ganzen Reihe von schwerwiegenden Problemen zu kämpfen. Nachdem die
Stimmung nach dem Fall der Mauer in den westlichen Ländern in den 90er Jahren
blendend war und man am Ende der 90er glaubte, dass unsere Wirtschaft mit dem
rasanten Aufstieg der „New Economy“ in den Jungbrunnen gefallen sei, ist die
Atmosphäre seit den Terroranschlägen und der wirtschaftlichen Stagnation um
einiges düsterer geworden. Aufgrund der strukturellen und zunehmenden
Arbeitslosigkeit kommt es auch in den westlichen Ländern zu einer Verarmung von
weiten Teilen der Bevölkerung, während die Spaltung zwischen den armen Ländern
der Dritten Welt und den reichen Industrienationen immer unüberwindlicher wird.
Diese Entwicklung wird von einem ansteigenden Vertrauensverlust in die Demokratie
und die etablierten Parteien begleitet, wie es Wahlbeteiligungen von 36 % in den
Vereinigten Staaten erschreckend deutlich machen.[[footnote] Beck 1999 S.117: die Wahlbeteiligung von 36 % gab es bei den Wahlen zum US-Senat und Repräsentantenhaus 1998] Dazu kommt die Ausbreitung
anomischer Tendenzen: der extrem nihilistische Terrorismus, die Explosion von
Gewalt und Drogenkonsum an den Schulen und die Zunahme an depressiven
Erkrankungen – ausgewählte Beispiele, die allesamt deutlich machen, dass das
soziale Klima rauher wird.[[footnote]Zum Anstieg von depressiven Erkrankungen siehe Daniel Goleman: „The Changing Rate of Major
Depression: Cross National Comparison“. Journal of American Medical Association 02.12.1992 ] Eine Bedrohung, deren Gefahr die des Terrorismus
übersteigt wurde noch nicht erwähnt, die Bedrohung durch Umweltkatastrophen. So
kostete der jüngste Hurrikan auf Haiti über 1600 Todesopfer und viele Zeichen
sprechen dafür, dass der Klimawandel von Menschenhand gemacht wurde.
All diese Entwicklungen haben sich seit dem Ende des Kalten Krieges
verschärft. Wie reagieren unsere Gesellschaften? Welche Lösungen werden
verfolgt? Eine Ideologie hat sich kompromißlos als scheinbare Antwort auf unsere
Probleme durchgesetzt und scheint nun alternativlos als Sieger dazustehen, der
Neoliberalismus. Seine Agenda besteht aus folgenden Punkten: Beschleunigung des
Wirtschaftswachstums, Zurücknahme des staatlichen Einflusses, Flexibilisierung auf
Arbeitnehmerseite, globale Ausbreitung des freien Marktes und Ausdehnung der
Marktlogik auf die Bereiche Bildung, Gesundheit, Soziales, Transportwesen, Wasser
und Energieversorgung.
Ist diese Politik ganz ohne Alternative? Nein!
In dieser Arbeit will ich zwei Ansätze näher beleuchten, die es sich zum Ziel
gesetzt haben, die akuten Probleme unserer Gesellschaft auf wirtschaftlicher,
politischer und individueller Ebene zu beheben, und die darüber hinaus einen
alternativen Gesellschaftsentwurf präsentieren wollen. Beide strahlen Hoffnung aus,
da sie Visionen und nicht lediglich bloße Fiktionen vorstellen. Es handelt sich zum
einen um Ulrich Becks Konzept der Bürgerarbeit, und zum anderen um Frithjof
Bergmanns Bewegung, die unter dem Namen Neue Arbeit, Neue Kultur bekannt ist.
Kein Zufall ist es, dass ein alternatives System der Arbeit bei beiden im Mittelpunkt
steht, da die Ursachen der meisten Probleme im entfesselten Kapitalismus begründet
liegen. Und die Arbeit das System darstellt, dass den Menschen mit der Wirtschaft
und in etwas abgeschwächter Form mit der Gesellschaft verbindet. Dazu kommt das
definitive Ende der Vollbeschäftigung. Im gegenwärtigen Arbeitssystem wird eine
immer größere Anzahl an Menschen von der Arbeit und unter den Bedingungen der
Lohnarbeit von der Gesellschaft ausgeschlossen, während die Beschäftigten unter
immer größer werdender Unsicherheit über ihren Arbeitsplatz leiden. Die Arbeit ist
somit Dreh– und Angelpunkt unserer individuellen Probleme.
Beide Ansätze sollen unter den Gesichtspunkten –
# Analyse der gegenwärtigen Problemlage bzw. Problematisierungen,
# Entwurf für eine alternative Gesellschaftsordnung und
# Verwirklichungschancen
näher vorgestellt
werden. Ich werde Beck und Bergmann in dieser Reihenfolge jeweils ein eigenes
Kapitel widmen, in welchen die ersten beiden Gesichtspunkte behandelt werden. Im
dritten Kapitel werde ich schließlich die beiden Entwürfe vergleichen und
Überlegungen zu ihrer Realisierbarkeit anstellen. Dabei werde ich zu dem Schluß
kommen, dass allein Bergmanns Entwurf die Tiefe und den Drive hat, unserer
Gesellschaft eine schöne und fröhliche Zukunft zu ermöglichen.
== 1. Ulrich Becks Vision der Bürgerarbeit ==
== 1.1. Eine Gefahr für die Demokratie: die Brasilianisierung des Westens ==
Ulrich Becks Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Probleme und das von ihm
entworfene visionäre Gesellschaftsmodell, oder genauer Arbeitsmodell, fußen auf
seiner grundsätzlichen theoretischen Unterscheidung zwischen der Ersten und der
Zweiten Moderne. Als Erste Moderne bezeichnet Beck die kurze „Glücksphase“, die
nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa herrschte, als es innerhalb der
nationalstaatlichen Grenzen einen funktionierenden Interessenausgleich zwischen
den damals noch klar umrissenen gesellschaftlichen Großgruppen gab.(*FN* Beck (Hrsg.) 2000, S.63*FN*) Ihre
prägenden Institutionen waren der National- und Sozialstaat, die parlamentarische
Demokratie und eine erfolgreiche Politik der Vollbeschäftigung. Diese waren
wechselseitig aufeinander angewiesen, so beruht eine „sichere Rente“ auf den
Beitragszahlungen von vielen Vollerwebstätigen. Kulturelle Identitäten und
Arbeitsmuster waren noch klar an das soziale Milieu und das biologische Geschlecht
geknüpft. Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau war fest verankert und der
Arbeitsmarkt zum größten Teil in der Hand der Männer.
Mit dem in den letzten Jahren stattfindenden Übergang zu einer noch diffusen
Zweiten Moderne, den Beck unter den Begriff der „reflexiven Modernisierung“ fasst,
sieht er alte Selbstverständlichkeiten, wie z.B. die Vollerwerbsgesellschaft und die
geschlechtliche Arbeitsteilung, in der Auflösung begriffen, ohne dass sich neue
Deutungsmuster und hinreichende politische Anpassungsprozesse vollzogen
hätten.(*FN* Beck 1999, S.23*FN*) Die gesamtgesellschaftliche Transformation wird durch die „neoliberale
Utopie“ des freien Marktes in Verbindung mit dem technologisch forcierten globalen
Kapitalismus vorangetrieben, wodurch sich die global players der Weltwirtschaft von
nationalstaatlichen Einschränkungen weitgehend gelöst haben und den nationalen
Politikern ihre Bedingungen diktieren können. Auf diese Weise wird der, die Erste
Moderne prägende, institutionalisierte nationale Klassenkompromiß zwischen den
Gewerkschaften, den Arbeitnehmern und Arbeitgebern hinfällig und die
zunehmenden Risiken der Globalisierung werden unter dem Stichwort der
Flexibilisierung auf die Arbeitnehmer abgewälzt.
Becks größte Sorge gilt der Zukunft der Demokratie. Sie ist seiner Ansicht
nach hauptsächlich durch die hohe und strukturelle Arbeitslosigkeit gefährdet, welche
durch weitere Automatisierung, das anhaltende Bedürfnis von Frauen sich mehr in
der Erwerbsarbeit zu verwirklichen und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in
Niedriglohnländer zunehmen wird. Das Kernproblem sieht er darin, dass sich die
Politik und die Individuen auf Vollzeitarbeitsplätze fixiert haben. So versuchen
Politiker die Wirtschaft weiter zu beschleunigen und Arbeitplätze „herzustellen“ und
für Individuen steht die Erwerbsarbeit immer noch im Mittelpunkt der
Identitätsstiftung. Diese wird aber immer weiter wegrationalisiert und so bricht für
viele der Lebensmittelpunkt und die materielle Sicherheit weg, da auch das soziale
Netz im Zuge des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft immer weiter abgebaut
wird. Wodurch sie nach Beck nicht mehr an der demokratischen Ordnung
partizipieren wollen und können und anfällig für totalitäre Versuchungen werden.(*FN* Beck 1999 S.19*FN*)
Die demokratische Ordnung der Ersten Moderne beruhte auf dem Geflecht der
Lenkbarkeit der Wirtschaft durch nationale Politik, der hohen Steuereinnahmen, der
Vollbeschäftigung und den auf diese Weise finanzierbaren sozialen
Sicherungssystemen. Im Zuge der Globalisierung entzieht sich die Wirtschaft
staatlicher Kontrolle und drückt ihr Steueraufkommen, das sich auch von Seiten der
Arbeitnehmer mit einem zunehmenden Anteil von Arbeitslosen relativ verringert.
Aufgrund all dieser Entwicklungen sieht Beck unsere Demokratie bedroht.
Was erwartet uns nach der Vollbeschäftigungsgesellschaft? Beck
prognostiziert eine Brasilianisierung des Westens. Darunter versteht er, dass sich in
naher Zukunft die Arbeitsverhältnisse in Europa denen in Brasilien angleichen
werden und nicht etwa umgekehrt. Das Normarbeitsverhältnis des Westens, die
abgesicherte und hochqualifizierte Vollzeitstelle wird implodieren und im großen
Maßstab von unsicheren und diskontinuierlichen Beschäftigungsverhältnissen
abgelöst werden. Die Menschen arbeiten dann überwiegend als „ambulante
Verkäufer, Kleinhändler und –handwerker, verdingen sich als Dienstboten aller Art
oder sind `Arbeits-Nomaden`, die zwischen verschiedenen Tätigkeitsfeldern,
Beschäftigungsformen und Ausbildungen hin- und herpendeln.“(*FN* ebd. S.8*FN*) Durch die weitere
Deregulierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes nimmt die „Risikogesellschaft“,
einer von Becks zentralen Begriffen, immer weiter an Gestalt an und die Gefahr für
die demokratische Ordnung zu.
Becks entscheidende Frage lautet nun: Wie kann die Demokratie nach der
Vollbeschäftigung überleben? Seine Antwort: durch eine lebendige
Bürgergesellschaft, durch die Aktivierung des politischen Engagements der
Individuen, durch das autonome Arbeiten in selbstinitiierten gemeinschaftlichen
Projekten auf lokaler Ebene. In einer Zeit der zunehmenden Unsicherheit soll den
Individuen ein Stück Souveränität über die eigene Zeit und Freiraum für
eigenständiges Arbeiten außerhalb der Erwerbsarbeit bereitgestellt werden. So dass
sie ihr Leben selbstbestimmt und sinnvoll für sich und die Gemeinschaft gestalten
können. Die Fixierung auf die Erwerbsarbeit soll aufgebrochen werden, indem man
die Wertschätzung für anderes Arbeiten, v.a. auch solches, das durch die neuen
Strukturen erst ermöglicht werden wird, anhebt und gesellschaftlich gratifiziert. Durch
die Etablierung eines dritten Sektors neben Markt und Staat will Beck eine
Transformation von der Nur-Erwerbsgesellschaft zu einer pluralen
Tätigkeitsgesellschaft einleiten. Gerade für die Umsetzung dieser neuen Ideen sieht
Beck den neoliberalen Kapitalismus als ein entscheidendes Hemmnis an.(*FN* ebd. S.11*FN*)
== 1.2. Die Rettung der Demokratie: die Bürgerarbeit ==
Ein paradoxes Resultat der gegenwärtigen Politik besteht für Beck darin, dass wir
das unfreiwillige Nichtstun mehrere Millionen Menschen finanzieren, während im
soziokulturellen und ökologischen Sektor viel sinnvolle Arbeit brach liegt. Dabei denkt
er beispielsweise an die Sterbehilfe, an die Betreuung von sozialen Randgruppen
und im Allgemeinen an Kunst, Kultur und Bildung. Beck plädiert dafür, aus der Not
eine Tugend zu machen und „Bürger-Engagement statt Arbeitslosigkeit [zu]
finanzieren“.(*FN* Beck 2000 S.417*FN*) Wie er sich das konkret vorstellt, will ich im folgenden ansatzweise
darstellen.
In der Beckschen Vision sollen zwei neue Bestandteile einer „zivilen
Infrastruktur“ geschaffen werden, um den Rahmen für die Bürgerarbeit zu spannen:
der Gemeinwohlunternehmer und der kommunale Ausschuß für Bürgerarbeit.(*FN* ebd. S.431*FN*)
Ersterer soll das vorhandene Potential von ungenutzter Arbeitskraft und von neuen
Lösungswegen für ungelöste Probleme abrufen, indem er als „charismatische
Führerpersönlichkeit“ die Menschen mitreißt und als „visionärer Pragmatiker“ kreative
und umsetzbare Ideen entwickelt. Seine Aufgabe ist es, Projektgruppen ins Leben zu
rufen und diese anzuleiten. Beaufsichtigt und abgesegnet wird die Bürgerarbeit von
einem kommunalen Ausschuß für Bürgerarbeit, dem Vertreter aus allen beteiligten Gruppen angehören (aus der örtlichen Politik, Wirtschaft, den Wohlfahrtsverbände,
Projektgruppen, sowie deren Klienten).(*FN* Kommission für Zukunftsfragen S.159f*FN*) Er soll sich lediglich um das
verwaltungstechnische Prozedere kümmern und den einzelnen Gruppen inhaltliche
Freiheit gewähren. Auftretende Konflikte sollen vom Ausschuß gelöst werden und
der Gemeinwohl-Unternehmer ist letztendlich ihm gegenüber verantwortlich.
Die Bürgerarbeit soll freiwillig geleistet werden und sich vornehmlich um
soziale Belange drehen. Beck schätzt die Motivation für eine freiwillige Beteiligung
hoch ein, was er u.a. damit begründet, dass viele Sozialhilfeempfänger arbeiten
wollen und die Bürgerarbeit eine attraktive Möglichkeit sei, sich weiterzubilden und
biographische Übergänge auszufüllen (z.B. vor der Pensionierung). Durch die
Betonung des freiwilligen und sozialen Charakters soll sich die Bürgerarbeit explizit
von anderen Arbeitsformen, wie der Erwerbsarbeit oder der Hausarbeit,
unterscheiden. Sie sei vielmehr eine Form des politischen Handelns und würde zur
Rettung des sozialen Fundaments unserer Demokratie beitragen, für welches das
Geld immer knapper wird.
Ein weiteres zentrales Merkmal der Bürgerarbeit ist ihr antibürokratischer
Charakter, der sich daraus ableitet, dass sie projektorientiert und selbstorganisiert ist.
Auf diese Weise sollen die Mängel der staatlich organisierten Sozialpolitik behoben
werden, die sich meist in einer Versorgermentalität auf die Bereitstellung von
Almosen für einzelne Personen versteift hat. Beck ist davon überzeugt, mit seinem
Konzept soziale Netzwerke aktivieren und „Selbsthilfe-Ressourcen“ der
Gemeinschaft abrufen zu können.(*FN* ebd. S.155*FN*) Wegen ihres befristeten, projektgebundenen
Charakters sei die Bürgerarbeit gerade im Zeitalter der Individualisierung und
Lösung von sozialen Milieus dazu in der Lage, anders als traditionelle Vereine und Organisationen, Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung befriedigen zu können. Kurz
zusammengefasst: da sie antibürokratisch ist, macht Bürgerarbeit Spaß und ist
effektiv.
Eine Frage, der sich alle Visionen einer neuen Gesellschaft stellen müssen,
ist, wie der Lebensunterhalt der Beteiligten gewährleistet werden soll und wie die
Infrastruktur finanziert wird.(*FN* Eine geldlose Gesellschaft kann in den Bereich der Utopien verwiesen werden, so zumindest die
Ansicht der Mehrheit der Intellektuellen*FN*) Beck gibt hierbei klare und nüchterne Richtlinien aus.
Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wird man auch künftig auf die
Erwerbsarbeit angewiesen sein und bei der Finanzierung der Rahmeninfrastruktur für
die Bürgerarbeit durch den Staat soll Kostenneutralität gewahrt bleiben. Beck setzt
stark auf den Anreiz durch die immaterielle Belohnung. In seinem Verständnis
belohnt man sich quasi selbst, indem man aus freien Stücken einer kreativen Arbeit
nachgehen und sich dabei en passant weiterbilden kann. Darüber hinaus sieht er
spezielle Formen der Anerkennung wie z.B. Anrechnungspunkte in
Numerus-Clausus-Verfahren vor und stellt den Beteiligten öffentliche Ehrungen für
ihre Arbeit in Aussicht.(*FN* Kommission für Zukunftsfragen S.164*FN*) Falls bei Einzelnen doch finanzielle Not besteht, tritt die
bekannte Sozial- oder Arbeitslosenhilfe als Existenzsicherung auf den Plan, die
allerdings in derselben Höhe unter dem Namen Bürgergeld an die aktiven
Freiwilligen ausgegeben wird. Auf diese Weise fallen keine zusätzlichen Kosten für
die Bürgerarbeit durch die Bezahlung der Beteiligten an. Dieses Prinzip wird auch bei
der Finanzierung der Infrastruktur nicht verletzt, indem Mittel für die Bürgerarbeit
durch Umverteilungen im Sozialhaushalt gewonnen werden.
Mit welchen positiven Effekten rechnet Beck? Welches Potential hat die
Bürgerarbeit für die Wiederbelebung der Demokratie und die Lösung unserer
dringendsten Probleme, wie z.B. der Arbeitslosigkeit? Beck geht davon aus, dass wir
mit Hilfe der Bürgerarbeit der grassierenden Arbeitslosigkeit Herr werden könnten.
Je mehr die Bürgerarbeit zu einer akzeptierten Beschäftigung wird, desto mehr wird
die Nachfrage nach Erwerbsarbeit zurückgehen (und somit auch die Zahl der
Arbeitssuchenden). Gerade für Arbeitslose könne die Bürgerarbeit zu einem
„Sprungbrett“ zurück in die Erwerbstätigkeit werden, mit der sie die Durststrecke
sinnvoll ausfüllen könnten.(*FN* ebd. S.169*FN*) Mit Hilfe der Bürgerarbeit, so Beck, hat der Staat wieder
Mittel in der Hand, mit welchen er direkt die Arbeitslosigkeit bekämpfen könne. Auf
diese Weise würde er wieder die Legitimation und Einflußmöglichkeit gewinnen, die
er im Zuge der Entwicklung zur Zweiten Moderne verloren habe. Auch das mit der
Arbeitslosigkeit zusammenhängende Problem der leeren Kassen und die
Vertrauenskrise unseres demokratischen Systems könne durch die Bürgerarbeit
gelöst werden. Beck spricht explizit den ökonomischen Nutzen der Bürgerarbeit an.
So führt die unbezahlte Arbeit, z.B. im Bereich der Gesundheit, zur Entlastung des
öffentlichen Haushaltes, zu welcher auch die geringere Krankenquote der
„vitalisierten“ Bürgerarbeiter beiträgt.(*FN* ebd. S.161, zu diesen beiden Argumenten liegen unterstützende empirische Befunde vor*FN*) Indem die Bürger mehr in die Verantwortung
genommen werden, so die Vorstellung des Soziologie-Professors, wird das
Sozialsystem zum einen vor dem Kollaps bewahrt und grundlegend reformiert, zum
anderen wird die Bürgergesellschaft basisdemokratisch auf kommunaler Ebene
wiederbelebt und repolitisiert.
== 2. Frithjof Bergmanns Ansatz der Neuen Arbeit ==
== 2.1 Das Hindernis für die persönliche Entwicklung: die verkrüppelnde Arbeit im Lohnarbeitssystem ==
Ein Ausgangspunkt des Bergmannschen Denkens ist die Polarität der Arbeit.
Darunter versteht er, dass Arbeit zwei Seiten haben kann: sie kann uns verkrüppeln,
wie das ganz offensichtlich bei der Fließbandarbeit der Fall ist, sie kann uns aber
auch grundlegend vitalisieren, uns zu lebensfrohen und selbstbewußten Menschen
machen.(*FN* Bergmann S.13f*FN*) Bergmann bedauert, dass der erste Aspekt in großem Maße unbeachtet
bleibt, da man uns eingehämmert hat, die Arbeit sei ein grundlegend positiver Wert
und Nichtstun eine Vergehen. Und er betont den zweiten Aspekt, die Möglichkeit mit
der richtigen Arbeit als Mensch wachsen und auf eine neue Ebene kommen zu
können. Um eine solche Entwicklung zu ermöglichen, ist es maßgeblich, dass die
Arbeit als sinnvoll und zielgerichtet erlebt wird.
Entscheidend für Bergmann ist die Frage, welche Art von Arbeit durch das
gesellschaftliche Umfeld begünstigt und gefördert wird. Im zur Zeit herrschenden
Lohnarbeitssystem, so seine zentrale Anklage, ist eine, den Menschen sowohl
geistig als auch körperlich verstümmelnde Form der Arbeit auf grundlegende Weise
installiert worden: die abhängige Lohnarbeit. Bergmann sieht dieses System kurz vor
dem Kollaps und führt eine Reihe von Pathologien an, um seine eklatante
Fehlerhaftigkeit zu verdeutlichen.(*FN* ebd. S.83ff*FN*) Als lediglich eine unter vielen Pathologien
betrachtet er die systemisch erzeugte Arbeitslosigkeit. Obgleich die Arbeit
„unendlich“ ist und uns niemals ausgehen wird, wie Bergmann plausibel darstellt,
wird eine künstliche Knappheit geschaffen, indem nur solche Arbeit von der
Wirtschaft nachgefragt und bezahlt wird, die einen zusätzlichen (Geld-)Wert
einbringt.(*FN* ebd. S.102ff *FN*) Des Weiteren vergrößert sich die Kluft zwischen den Armen und Reichen
zusehends, wobei das Gefälle zwischen der Ersten und der Dritten Welt immer steiler
wird. Bergmann sieht den Terror als ersten Vorboten eines möglichen globalen
Kampfes zwischen dem privilegierten Norden und dem verarmten Süden. Von den
weiteren Fehlern des Lohnarbeitssystems, welche er in seinem Buch benennt, sollen
noch zwei erwähnt werden. Durch die neoliberale Politik, die darin besteht, die
Wirtschaft immer weiter zu beschleunigen, steigt der Druck v.a. für die qualifizierten
Arbeitenden sehr stark an. Während auf der anderen Seite Millionen von Menschen
in McJobs? ihr Talent und ihre Fähigkeiten weit unter Wert im künstlich aufgeblähten
Niedriglohnsektor verkaufen müssen.
Bergmann vergleicht die Erfahrung der Lohnarbeit mit der einer milden
Krankheit.(*FN* ebd. S.96*FN*) Beinahe jeder zählt die Tage bis zum Wochenende und nimmt dabei die
nicht lebensgefährlichen, aber stetigen Unannehmlichkeiten der Arbeit auf sich. In
etwas so, wie man auf das Ende einer leichten Erkältung wartet, die einfach auf
passive Weise ausgesessen wird, erträgt man die Zeit bis zum Wochenende oder
dem Urlaub. Auf lange Sicht aber hat dieses bloße Aussitzen während eines großen
Teils des Lebens der Menschen verheerende Folgen. Diese, so Bergmann, können
besonders deutlich in der U-Bahn beobachtet werden. Dort begegnet man den
„Massen“, die sich „wahrlich in einem miserablen und deprimierenden geistigen und
körperlichen Zustand befinden“.(*FN* ebd. S.97*FN*)
Die fatalen Auswirkungen ergeben sich aus der Grundstruktur der Lohnarbeit.
Sie ist in ihrem innersten Wesen fremdbestimmt. Was nach sich zieht, dass man in
den meisten Fällen überwacht wird, zu relativ vorgegebenen Zeiten arbeiten muss
und das zu tun hat, was andere von einem verlangen. Unter diesen Spielregeln leidet
die Qualität der Arbeit in hohem Umfang. Dazu kommt noch, dass der Arbeitgeber für
sein Geld lediglich das Ableisten eines fest umrissenen und oft stupiden
Arbeitsvorgangs abfragt, ohne dass der dahinterstehende Mensch in seiner ganzen
Fülle und seinem ganzen Talent gefordert wird. Marx hat schon vor über 150 Jahren
die Schwächen der Lohnarbeit offen gelegt, aber nach der Analyse von Bergmann
einen entscheidenden Fehler gemacht.(*FN* ebd. S.154*FN*) Der lag darin, dass Marx die Arbeit in
seiner Theorie nur dann als entfremdend gebrandmarkt hat, wenn die
Produktionsmittel nicht das Eigentum der Arbeiter selbst seien. Für Bergmann ist
diese Verknüpfung von Eigentum und Qualität der Arbeit nun viel zu abstrakt. Er
reiste zur Zeit des Kalten Krieges in den Ostblock, und sah wie lustlos und
deprimiert die Menschen ihrer Arbeit nachgingen. Ein Beleg für Bergmann, dass die
Arbeit mit dem eigenen, da kollektiven Eigentum das Erlebnis der Arbeit in keinster
Weise positiv beeinflußte. Nach dieser Reise war die Idee des Sozialismus für ihn
gestorben, da er ihn in seiner konkreten Ausformung für viel zu lustlos und grau
befand.
Warum klammern wir uns noch an das Lohnarbeitssystem, wenn es solche
eklatanten Schwächen aufweist? Bergmann nennt im Großen und Ganzen zwei
zusammenhängende Entwicklungen, welche das Lohnarbeitssystem in unsere Köpfe
und in die Realität einzementiert haben. Zum einen beschreibt er, wie die Macht der
Wirtschaft durch die „Kopplung von Business und Arbeitsplätzen“ seit dem
Zusammenbruch der Sowjetunion drastisch zugenommen hat, zum anderen, wie
nach dem „Ableben der Linken“ der neoliberale Kapitalismus quasi konkurrenzlos
dasteht.(*FN* ebd. siehe Kapitel Ι: „Der Zustand nach dem Kalten Krieg“ S.29-77*FN*) Unter der „Kopplung von Business und Arbeitsplätzen“ versteht Bergmann
das Zusammenspiel von vier Faktoren, dem Omni-Wert der Arbeitsplätze, der
zunehmenden Automatisierung, der Globalisierung und dem Arbeitsplätzemonopol
der Wirtschaft.
Wir haben unser gesamtes Leben um den Arbeitsplatz herum aufgebaut, der
unser soziales Prestige und unser Selbstwertgefühl bestimmt, uns in das
gesellschaftliche Leben einbindet und natürlich das überlebensnotwendige
Einkommen liefert. Kurz gesagt, wir haben ihn zum Omni-Wert gemacht. Im Zuge der
Automatisierung und der Globalisierung ringen nun immer mehr Menschen um die
schwindende Zahl an Arbeitsplätzen. Wobei die Automatisierung auch nicht vor dem
„Hoffnungsträger“, dem Dienstleistungbereich halt macht, man denke z.B. an die
Bankautomaten. Ebenso steigt aufgrund der Globalisierung die Nachfrage nach
Arbeitsplätzen in der Dritten Welt durch die Auflösung der Substistenzwirtschaft und
die darauf folgenden immensen Wanderungsbewegungen in die urbanen
Ballungszentren und in der Ersten Welt durch Verlagerung von Arbeitsplätzen in
Billiglohnländer. Von dieser Entwicklung profitiert nun die Wirtschaft in hohem
Umfang, da sie das Arbeitsplätzemonopol innehat. Sie kann einzelne Städte,
Regionen oder Länder erpressen, in dem sie den Omni-Wert, die heißbegehrten
Arbeitsplätze, an bestimmten Orten im Gegenzug für Subventionen schaffen, oder
sie an andere Orte verlegen kann, wenn ihr gewisse Konditionen, wie die Höhe der
Steuern, nicht passen. Ein Beispiel aus Südafrika macht klar, wie unverhältnismäßig
und dreist Großunternehmen diese Macht ausnutzen und wie unterwürfig und blind
Politiker ihnen zuspielen. So wurden vom Staat mehr als 100 Millionen Dollar in ein
Bergwerk investiert, mit dem mageren Resultat von achtzehn geschaffenen
Arbeitsplätzen.(*FN* ebd. S.247*FN*)
Parallel zu der eben beschriebenen Entwicklung, mit welcher sich die
Einflußsphäre der Wirtschaft enorm vergrößerte, kam es in den letzten 15 Jahren
zum Ableben der Linken.(*FN* So auch die Überschrift eines Unterkapitels in „Neue Arbeit, Neue Kultur“: „Das Ableben der Linken“ S.61-77*FN*) Mit dem überraschenden Bankrott des kommunistischen
Ostblocks, so Bergmann, wurde der Ruf und die Glaubwürdigkeit aller auch nur
entfernt linken Ideen und Bewegungen diskreditiert. Nach dem Tod der einzig
bekannten Systemalternative zum liberalen Kapitalismus stand er praktisch als
überlegener Sieger fest, und es kam u.a. zu Proklamationen, wie der vom „Ende der
Geschichte“.(*FN* Die These vom „Ende der Geschichte“, nach welcher die Evolution der Gesellschaftssysteme nun in der liberalen Demokratie gegipfelt sei, stammt von Francis Fukuyama*FN*) Linke Politik sah sich in der Defensive und hatte nur noch ein
negatives Ziel, „die Willkür der Wirtschaft einzuschränken“.(*FN* Bergmann S.62*FN*) All ihre Bemühungen
waren aber von der Angst überlagert, dass Arbeitsplätze verloren gehen könnten, sei
es aufgrund strengerer Umweltbestimmungen oder der Forderung nach höheren
Löhnen. Bergmann spricht davon, dass unsere gesamte Kultur durch die
Umverteilung von enormen Finanzmitteln von sozialen und kulturellen Einrichtungen
hin zur Wirtschaft und den Einzug ökonomischer Kriterien in alle Lebensbereiche
vernichtet und unsere Lebensqualität dadurch zerstört werde. Die einzige Antwort,
die unsere Politiker und Konzernmanager auf dieses Probleme haben, ist es, die
Wirtschaft noch weiter anzufeuern und noch mehr Wachstum und Profit generieren
zu wollen, ohne dass sie im geringsten wahrnehmen wollen, wie dadurch die
globalen und nationalen Probleme noch weiter verschärft werden.
Warum fügt sich die breite Masse der Menschen diesen fatalen
Entwicklungen? Um diese Frage im Sinne Bergmanns beantworten zu können, will
ich im Folgenden sein Menschenbild vorstellen, auf dem seine Überlegungen und
seine umfangreiche praktische Arbeit beruhen. Als eine der Hauptschwächen der
Menschen hat er ihre Armut der Begierde, wie er sie nennt, ausgemacht.(*FN* siehe Unterkapitel: „Die Armut der Begierde“ in „Neue Arbeit, Neue Kultur“ S.134-141*FN*) Darunter
versteht er die Unfähigkeit der Menschen, ihre wahrhaftigen Wünsche artikulieren zu
können und diesen mit der nötigen Energie nachzugehen. Bergmann hat in seiner
jahrelangen Arbeit mit Menschen feststellen müssen, dass die überwiegende Anzahl
der Menschen völlig im Dunkeln steht, wenn man sie danach fragt, was sie „wirklich,
wirklich wollen“. Vielmehr als von ihrem eigenen Wollen seien sie von äußeren
Umständen, von ihren Familien und Bekannten, von gesellschaftlichen Normen und
Wunschbilder gelenkt, und haben ihr gesamtes Leben nach dem Prinzip des
geringsten Widerstandes gelebt. Dahingehend zeichnet Bergmann sein Bild des
Menschen, als das eines eingeschüchterten, leicht zu verunsichernden und zu
passivem Zynismus neigenden Wesens, das erst mit großer Mühe zu seiner
Entfaltung gebracht werden muß.(*FN* Bergmann S.136*FN*)
Demgegenüber wurde unsere gegenwärtige Kultur auf einem diametralen
Menschenbild aufgebaut. Von der Annahme ausgehend, der Mensch sei von Natur
aus wild und ungehorsam, oder wie es von Hobbes ausgedrückt wurde, der Mensch
sei des Menschen Wolf, wurden die Institutionen unserer Kultur als reglementierende und zähmende Kontrollinstanzen geschaffen.(*FN* siehe Thomas Hobbes: „Leviathan“ [1651/1668]*FN*) Die Natur der Lohnarbeit wurde
schon als dergestalt offengelegt. Aber auch wenn wir unsere Schulen betrachten,
wissen wir wovon er spricht. So ist die anzutreffende Passivität, die kaum
vorhandene Auflehnung der Massen gegen den Verfall ihrer Kultur und die
verkrüppelnde Arbeit im Lohnarbeitssystem aus Bergmanns Sicht nun erklärbar. Den
Menschen fehlt die Kraft und der Wille, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und
sie leben in einer Kultur und v.a. einem Wirtschaftssystem, das ihnen diese Kraft
nimmt und ihren Willen bricht, bzw. einen eigenen Willen erst gar nicht aufkommen
läßt. Am einschüchternsten ist wohl die Aussicht, dass es keine Alternative zum
gegenwärtigen System gäbe und dass die Macht der Konzerne selbst für eine
Kurskorrektur viel zu überdimensioniert sei. An diesem Punkt schwenkt Frithjof
Bergmann mit entschlossener und fröhlicher Miene die Flagge der Hoffnung.
== 2.2 Die Rettung für die persönliche Entwicklung: Die Arbeit, die wir wirklich, wirklich wollen ==
Für die beiden sich gegenseitig bedingenden Problem, das gesellschaftlich
verankerte Lohnarbeitssystem und die individuelle Armut der Begierde, hat
Bergmann eine Lösung entwickelt, in der sich die beiden Ebene diesmal fruchtbar
ergänzen sollen. Auf der Makrobene kann die Abhängigkeit von der Lohnarbeit durch
die High-Tech-Eigenproduktion (HTEP) auf ein erträgliches Minimum reduziert
werden, wodurch auf Mikroebene der Raum und die Kraft gefunden werden kann,
der Arbeit nachzugehen, die man aus tiefstem Herzen tun will. Beide Teilaspekte
finden sich in einem Zentrum für Neue Arbeit vereinigt. Zum einen werden kollektiv
zugängliche Maschinenparks zur Selbsterzeugung von Gebrauchsgütern
bereitgestellt, zum anderen finden Interessierte Unterstützung beim Finden der
Arbeit, die sie wirklich, wirklich tun wollen. Die neu geschaffenen Institutionen sollen
einen weitaus dezentraleren und individuelleren Charakter aufweisen als die
Institutionen der alten, reglementierenden Kultur. Auf diese Weise, so Bergmann,
tragen sie vielmehr zur Entwicklung der einzelnen Menschen bei, da sie weitaus
freier und fröhlicher seien, und nicht jegliche Kreativität im Keime ersticken. Im
Folgenden will ich die HTEP näher beleuchten und im Anschluß daran Bergmanns
Vorstellungen von der „wirklich, wirklich wollen“ – Arbeit in Ansätzen beschreiben.
Das erklärte Ziel der High-Tech-Eigenproduktion ist es, ca. 80 % aller Güter,
oder nicht ganz ernst gemeint, „die 38 Dinge, die man für ein fröhliches Leben
braucht“ selbst oder mit Hilfe von anderen Neue-Arbeit-Zentren herzustellen.(*FN* Bergmann S.275*FN*) Dem
liegt der Gedanke zugrunde, dass Almosen und Sozialtransfers die Leute zu
passiven Konsumenten staatlicher Leistungen degenerieren lassen und man den
Leuten selbst die Mittel in die Hand geben sollte, mit denen sie ihr Leben gestalten
können. Dabei werden keine fertigen Lösungen von einem hohen Roß herab
präsentiert, wenn z.B. eine afrikanische Regierung ein solches Projekt anfragt,
sondern Möglichkeiten gemeinsam mit der Frage angeboten, was die Leute denn
wirklich wollen, was sie wirklich brennend interessiert.
Ist die Möglichkeit, sein eigenes Handy herzustellen oder selbst ein Auto zu
produzieren nicht wie ein Traum aus einer fernen Zukunft? Bergmann sagt nein. Er
geht davon aus, dass wir in naher Zukunft, als Zeitraum nennt er die nächsten fünf
Jahre, diese Dinge mit geringem Aufwand und sehr preisgünstig in kleinen
Werkstätten werden herstellen können. In der Tat geht die Entwicklung im
Produktionswesen auch aus Gründen der Wirtschaftlichkeit in die Richtung, die
Herstellung von komplexen Gegenständen auf kleinem Raum zu ermöglichen.(*FN* ebd. S.218ff*FN*) So
wird die „künftige Produktion in kleinen Werkstätten mit hoch entwickelter
Technologie tatsächlich viel billiger und unvergleichlich viel effektiver sein als die
industrielle Massenproduktion der vergangenen 200 Jahre“.(*FN* ebd. S.210*FN*) Warum ist das so?
Weil es keine „versteckten Kosten“ mehr geben wird, die in Verwaltung, Marketing
und Vertrieb der Produkte in hohem Maße anfallen. Wenn ein Roboter die Arbeit
machen wird, für die man früher viele Roboter gebraucht hat, dann sind auch keine
riesigen, kostenintensiven Fabrikhallen mehr von Nöten. Neben vielen Ingenieuren,
für welche die alten Fließbandfabriken schon Schnee von gestern sind, sind auch
viele Unternehmen dabei, nach dem Motto „small is beautiful“ umzudenken und den
Wert von flexiblen und antibürokratischen Strukturen zu entdecken. Allerdings muss
noch einige Arbeit geleistet werden, bis der Traum von der HTEP endgültig wahr
wird. Es ist nötig, die Produkte in der Art neu zu entwickeln, dass sie problemlos und
mit gängigen Werkzeugen zusammengesetzt werden können und die dazugehörige
Software muss ebenfalls noch geschrieben werden.
Viel ungenutztes Potential steckt auch in unseren Heimcomputern. Bergmann
beschreibt, wie der Umgang mit Computern auf das Gebiet der
Informationsverarbeitung eingeschränkt worden ist, während man sie sehr leicht
durch Zusatzgeräte zu kleine Produktionsmaschinen aufrüsten kann.(*FN* ebd. S.254ff*FN*) Ein Bereich,
in dem der Computer schon massiv zu Herstellungszwecken verwendet wird, ist das
Brennen von CDs mit dem CD-Brenner. In anderen Bereichen wird schon mit hohem
Druck an weiteren Zusatzgeräten gearbeitet. So soll sehr bald ein Gerät zur
Herstellung von Kontaktlinsen bereitstehen, das voraussichtlich weniger als 50 Euro
kosten wird und perfekte Kontaktlinsen für weniger als einen Cent liefern wird. In der
Vision Bergmanns sollen solche Geräte in einem öffentlichen Raum für eine geringe
Benutzungsgebühr für jedermann offen stehen. Eine Revolution auf diesem Gebiet
deutet sich an, wenn der „Personal Fabricator“ zur Serienreife gebracht wird.(*FN* ebd. S.263ff*FN*) Mit
seiner Hilfe wird es möglich sein, mit einem an einen normalen Computer
angeschlossenen Vakuumkasten jedes beliebige Teil in einem einzigen Vorgang aus
verschiedenartigen Materialien herzustellen, ohne das menschliche Arbeit benötigt
wird. Wenn finanzielle Engpässe bei der weiteren Entwicklung der dargestellten
High-Tech-Produktionsverfahren überwunden werden, könnten alle monotonen und
nervtötenden Arbeiten bald der Vergangenheit angehören.
Nach Bergmann wird die HTEP zwei zentrale Auswirkungen auf das Leben
der Menschen haben. Sie werden an Unabhängigkeit gewinnen, da sie praktisch alle
notwendigen Güter zu einem Bruchteil der momentanen Ladenpreise werden
herstellen können, und sie werden durch die attraktiven Möglichkeiten dazu
ermuntert, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.(*FN* In seinem Buch macht Bergmann auch Vorschläge, wie man die festen Kosten von Miete, Telefon usw. minimieren kann, siehe S.284ff*FN*) So könnten u.a. viele junge
Menschen in der Dritten Welt einen riesigen Schub erhalten, wenn man ihnen die
Möglichkeiten offerieren würde, ihre immense freie Zeit zur Herstellung ihres eigenen
Autos oder Kühlschranks zu verwenden. Diese Dinge müßten notwendigerweise
funktional sein und auf Überflüssiges verzichten, damit man sie leicht herstellen
kann, sollen aber schick aussehen, wie Bergmann immer wieder betont.
Die Arbeit mit der HTEP hat weitere Vorteile. So wird sie als sinnvoll erlebt, da sie unmittelbar
auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse abzielt und keine Produktion für einen
abstrakten Markt leistet. Mit dem Geld, das in die Schaffung eines Arbeitsplatzes
investiert werden muss, können sich nach der Rechnung von Bergmann 1000
Menschen mit Hilfe der HTEP selbst versorgen. Das alles spricht dafür, dass die für
viele einschüchternde Macht der Konzerne stark abnehmen wird. Der Neuen Arbeit
geht es dabei aber nicht darum, die Großkonzerne zu bekämpfen und den
Klassenkampf zu beschwören.(*FN* Bergmann S.302f*FN*) Es geht ihr vielmehr darum, sie in die Schranken zu
verweisen und nicht mehr nach ihrer Pfeife tanzen zu müssen, wozu sie auf potente
Mittel und viele Anhänger, insbesondere in der „neuen Wirtschaft“, zurückgreifen
kann. Viele Menschen hoffen auf eine alternative Kultur. Eine alternative,
menschenfreundlichere Kultur hat aber nur dann eine Chance, wenn sie auf der
Grundlage einer alternativen Wirtschaftsform gedeihen kann.(*FN* ebd. S.193*FN*) Diese alternative
Wirtschaftsform ist die vorgestellte HTEP.
In der momentanen Kultur, so Bergmann, vegetieren die Leute aufgrund der
Verbindung zwischen der Armut der Begierde und dem Lohnarbeitssystem vor sich
hin. Die Unterprivilegierten werden im Liberalismus durch das Versprechen der
sozialen Grundsicherung und mit der vorgehaltenen Hoffnung auf sozialen Aufstieg
zu Reichtum und einem schönen Leben mehr oder weniger getröstet. Und während
immer mehr Menschen in Armut versinken gehe es selbst den Reichen richtig
schlecht. Viele unter ihnen seien sehr unzufrieden mit ihrem Leben in materiellen
Wohlstand. Wenn sie nicht gerade durch ihre Arbeit immens gestresst sind,(*FN* ebd. S.412*FN*) sitzen
sie vor ihren überdimensionierten Fernsehern und lassen sich „Jauche ins Gehirn
schütten“, wie es Bergmann erfrischend deutlich formuliert. Die Form der Freiheit, die
sie dabei erleben, ist die, zwischen Lindenstraße und Tatort wählen zu können.(*FN* Bergmann veranschaulicht diese Art der Freiheit mit dem Beispiel, einem Vegetarier die Wahl zwischen Hühnchenbrust und Rinderfilet zu geben. Mehr zu diesem Thema kann in seinem Buch:
„On being free“ nachgelesen werden: „On being free“. Notre Dame 1977 *FN*)
Nach Bergmann ist das eine pervertierte Form der Freiheit. In seiner Vorstellung
sollte die Gesellschaft den Menschen die Freiheit schaffen, wirklich das tun zu
können, was sie aus ihrem innersten Wesen heraus tun wollen. Wie seine Erfahrung
immer wieder gezeigt hat, lechzen die Leute gerade zu nach einer ehrlichen Arbeit,
die ihnen sinnvoll erscheint und in welche sie sich mit ihrer ganzen Person
einbringen können.(*FN* Bergmann S.152*FN*) Wenn man ihnen, meist zum ersten Mal in ihrem Leben, die
Frage stellt, was sie wirklich, wirklich tun wollen, sei das für viele wie eine
„Offenbarung“.
Der einzige Ausgangspunkt für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit ist für
Bergmann das Finden und Erleben der individuell richtigen Arbeit. Von da aus
ergebe sich die weitere Entwicklung des Menschen nahezu von selbst. Mit der
gewonnenen Energie und Erfahrung könne man sich weiteren, noch
tiefergehenderen Fragen über andere Menschen und das Leben zuwenden. Dabei
betont er, dass es nicht darum geht, eine ganz nette, erträgliche Arbeit zu finden
oder Teilzeit zu arbeiten, um nebenher viel Motorrad fahren zu können. Man sollte
keine weiteren Kompromisse machen und eine Arbeit suchen, die einen vor
Begeisterung vibrieren lässt. Bergmann nennt einige Beispiele für die
durchschlagenden Auswirkungen, die eine solche Arbeit haben kann. Eines davon
spielt in einem Hochsicherheitsgefängnis für junge Straftäter, die nicht unter Kontrolle
zu bekommen waren und sich ständig prügelten.(*FN* ebd. S.164ff*FN*) Der Philosoph Bergmann wurde
hinzugezogen, um die Situation zu entschärfen. Auf der Suche nach einer Aufgabe
für die Männer kam er nach einer mühsamen Zeit auf die Idee, aus Bausätzen
Motorräder für den weiteren Verkauf montieren zu lassen. Die Begeisterung der
schweren Jungs ging so tief, dass sich die Atmosphäre grundlegend zum Positiven
wandelte.
Wie kann eine solche, das eigene Leben befruchtende Arbeit gefunden
werden? Und welche Hilfe leistet die Neue Arbeit dabei? Wenn man anfängt, sich die
Frage, was man wirklich will, ernsthaft zu stellen, kann das zu einem recht klaren
Blick auf die Mißlichkeiten der eigenen Situation führen und einen Schock über das
verpasste Leben auslösen. Um Menschen in einer solchen Situation beizustehen,
sind Bergmann und seine Associates dabei, an vielen Stellen Zentren für Neue
Arbeit zu gründen.(*FN* Bergmann nennt alle in irgendeiner Form an der Neuen Arbeit Beteiligten Associates*FN*) Diese können auf vielen Ebenen helfen. So helfen sie z.B. bei
der Akquisition von Stipendien für die Arbeit. Vor allem die vielfältigen Kontakte zur
Wirtschaft und zu anderen Associates auf der ganzen Welt sind bei der Suche nach
neuen Arbeitsmöglichkeiten sehr nützlich. Diese Suche wird durch Gespräche mit
Associates unterstützend begleitet. Beim Führen jener Gesprächen, und hierauf legt
Bergmann viel Wert, ist es wichtig, dass sie sich klar vom üblichen Inhalt und Tonfall
der Berufs- und Sozialarbeiter unterscheiden. Anstatt die frustrierten Menschen
durch Aufrufe zum positiven Denken noch weiter zu verärgern, will er in einen Dialog
kommen und konkrete Möglichkeiten präsentieren.(*FN* ebd. S.328f*FN*) Dabei sei es entscheidend, den
Menschen aus der Neuen Arbeit heraus eine Fülle an realisierbaren Möglichkeiten
vorzustellen, um die Neue Arbeit attraktiv und spannend zu gestalten. So hat die
Neue Arbeit u.a. vielfältige Verbindungen zu den Medien geknüpft, steht in regem
Kontakt mit alternativen Schulen, hat neue innovative Dienstleistungen entwickelt
usw. – alles potentielle Arbeitsfelder, in denen man sich selbst ausprobieren kann.
In der Tat geht der Philosoph Bergmann davon aus, dass die Introspektion
kein geeignetes Mittel ist, um seine Berufung zu finden. Vielmehr ermuntert er die
Menschen zum Experimentieren, da man die Arbeit, die man wirklich will, nicht durch
eine spontane Eingebung erfahren könne. Aus seiner Erfahrung ist ein hartnäckiges
trial-and-error Verfahren dazu notwendig. Hierbei erweist sich das Lohnarbeits-
system wieder als Hindernis. Das in sich selbst hinein Horchen führt seiner Meinung
nach nicht zu dem gewünschten Ergebnis, da wir Menschen neben der Armut der
Begierde noch über ein tiefer gehendes Defizit verfügen: die umfassende
Selbstunkenntnis, d.h. die Schwierigkeit, sich selbst zu erkennen.(*FN* ebd. S.348ff*FN*) Sie zeige sich
beispielsweise darin, dass andere uns oft eher durchschauen, als wir uns selbst,
oder dass andere besser beurteilen können, was uns an Kleidung steht und was
nicht. Deshalb sei es wichtig, nach außen zu gehen, sich in der Welt zu probieren,
und anderen sehr gut zuhören zu können. In Neue Arbeit – Gruppen wird dieses
Prinzip u.a. so umgesetzt, dass man keine psychoanalytische Reise in die Kindheit
unternimmt, sondern überraschende Spiele im hier und jetzt anbietet. Am Ende läuft
alles wieder auf die einfache Frage hinaus, was man wirklich, wirklich tun will. Sie sei
der absolute „Knaller“, da sie unserem Leben eine Ausrichtung gibt und uns zu uns
selbst zurückkommen läßt.
Alles schön und gut – aber wäre es nicht am schönsten den „Bacardi-Traum“
zu leben? Sein ganzes Leben ohne Sorgen mit guten Freunden am Strand
verbringen? Wenn man Alt-Hippies an Aussteigerstränden beobachtet zerplatzt
dieser Traum oft wie eine Seifenblase. Wenn man einfach vor sich hin lebt, fehlt die
Aufgabe, mit der man sich weiterentwickeln könnte. So betont auch Bergmann, dass
man in dieser relaxten „Leere“ ohne Inhalt und höherem Ziel stagniert und zurück
fällt, anstatt sich zu einem lebendigeren, fröhlicheren Menschen zu entwickeln.(*FN* ebd. S.389ff*FN*) Das
Leben mit der Arbeit, die man aus tiefstem Herzen gerne tut, ist für ihn eine spirituelle
Erfahrung, eine Art von Flow-Erlebnis, gegenüber dem alles bisher Gekannte schal
und langweilig schmecke. Nachdem man in dieses intensive Leben eingetaucht sei,
so Bergmann, sei die Motivation groß, auf diesem höheren Level zu bleiben und sich
nochmals weiterzuentwickeln.
Das zentrale Merkmal der Neuen Arbeit, das sie von der überwiegenden
Mehrzahl der anderen Bewegungen von New Age bis zu den Seattle-Protestierern
unterscheidet, ist, dass sie auf zwei Säulen beruht. Sie kann auf ein ausgefeiltes
sozialpolitisches Programm, welches in Ansätzen im ersten Teil dieses Kapitels
dargestellt wurde, zurückgreifen und hat ein sozialpsychologisches Programm
entwickelt, welches die persönliche Entwicklung fördern soll und im zweiten Teil
dieses Kapitels näher erläutert wurde.(*FN* ebd. S.405f*FN*) Und in der Schnittstelle von beidem befindet
sich die Arbeit, wodurch sie für ein Konzept optimal ist, in dem Mikro– und
Makroebene verbunden und als zwei wichtige Teile einer Ganzheit gesehen werden.
Arbeit wird durch gesellschaftliche Strukturen geformt und ist gleichzeitig ein höchst
individuelles Erlebnis, welches das gesamte Leben in qualitativer und quantitativer
Hinsicht durchdringt. Somit ist Arbeit für Bergmann der optimale Ansatzpunkt für die
Schaffung einer lebendigeren und fröhlicheren Kultur.
== 3. Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Verwirklichungschancen von Neuer Arbeit und Bürgerarbeit ==
Kurz zusammengefasst geht es Beck darum, einen Dritten Sektor neben Staat und
Markt zu etablieren, in dem gemeinnützige Arbeiten von Freiwilligen auf
unbürokratische und zeitlich befristete Weise durchgeführt werden können. Auf diese
Weise sollen die strukturellen Probleme der unsicheren Beschäftigungs-
verhältnissen und der Arbeitslosigkeit, sowie der schwindenden Demokratie behoben
werden. Bergmanns Zielsetzung ist es, die Abhängigkeit von der Lohnarbeit und
somit von Arbeitsplätzen mit Hilfe der High-Tech-Eigen-Produktion drastisch zu
minimieren, um so der Arbeit, die man wirklich, wirklich will auf selbstbestimmte
Weise nachgehen zu können. Er will damit die Menschen aus ihrer Lethargie
erwecken und zu Partizipanten und Nutznießern einer neuen fröhlichen und
freiheitlichen Kultur machen. In dieser sollen 1 Tag Lohnarbeit und 1 Tag HTEP in
der Woche genügen, um die materielle und finanzielle Grundversorgung zu
gewährleisten.
Die grundsätzliche Analyse der beiden Ansätze im Makrobereich ist sich recht
ähnlich. Sowohl Bergmann, als auch Beck beschreiben, wie die Wirtschaft durch den
Prozeß der Globalisierung und Entterritorialisierung enorm an Macht gewonnen hat.
Sie kann einzelne, natürlich territorial gebundene Staaten und Regionen, durch die
Androhung der Verlagerung von Fabriken und Arbeitsplätzen erpressen. Neue
Kommunikations- und Transportmittel machen den Standortwechsel in einer
Wirtschaft der freien Märkte zu einer recht einfachen Sache. Unter dieser Situation,
in der die Politik auftretende Probleme durch weitere Zugeständnisse an die
Wirtschaft lösen will, Stichwort Neoliberalismus, kommt es zum Ausbluten der
anderen gesellschaftlichen Bereiche. Die beiden Visionäre wollen dieser Entwicklung
entgegentreten, indem sie Autonomieräume abseits der Marktlogik erobern und den
Individuen Möglichkeiten zur Entfaltung anbieten wollen. Anstatt nur zu klagen und
zu philosophieren, setzen beide auf einen im Lokalen verankerten
„do-it-yourself“-Ansatz.
Während sie sich bei den negativen Auswirkungen der neoliberalen Politik einig sind,
treten doch erhebliche Differenzen in der grundlegenden Herangehensweise an die
Problemlösung zu Tage. Diese lassen sich auch aus dem unterschiedlichen
wissenschaftlichen Hintergrund der beiden Autoren heraus erklären. Der Soziologe
Beck mimt den Sozialtechniker. Er sieht Unstimmigkeiten im gesellschaftlichen
Gefüge und will sie durch Anpassung der gesellschaftlichen Institutionen und einen
Wertewandel, d.h. Aufwertung der benötigten Art von Arbeit, bereinigen. Für ihn liegt
der Kern des Problems in der veränderten gesellschaftlichen Konstellation der
Zweiten Moderne, die das funktionierende Modell der Ersten Moderne – das
"historische Bündnis“ zwischen Kapitalismus, Demokratie und Sozialstaat – abgelöst
hat. Seine Problemanalyse bewegt sich innerhalb der Dependenzen dieser
Makrostrukturen, deren Auswirkungen auf das Leben der Individuen ausstrahlen. So
geht er z.B. nicht auf grundlegende Probleme auf der individuellen, psychologischen
Ebene ein, wie es Bergmann mit dem Fokus auf „die Armut der Begierde“ macht. In
einzelnen Personen vollziehen sich für Beck eher abstrakte gesellschaftliche
Prozesse, wie der der Individualisierung und Verunsicherung. Mit einem Schachzug,
der Institutionalisierung der Bürgerarbeit, will er die von ihm diagnostizierten
Mißstände aufheben, die Arbeitslosigkeit minimieren und die Demokratie reparieren.
Der Philosoph Bergmann hat ein anderes Ziel im Auge. Sein Anliegen ist es,
die Menschheit auf eine höhere Stufe des Seins zu heben. Er verfolgt mehr einen
spirituellen Ansatz, der aber doch mit beiden Beinen in der gesellschaftlichen
Wirklichkeit steht. Anstatt sich die Rettung des historischen Konstruktes der
Demokratie auf die Fahne zu schreiben, geht es ihm darum, jedem Individuum die
tatsächliche Freiheit über sein eigenes Leben zu ermöglichen. Von dieser Prämisse
ausgehend sieht er die Hindernisse auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene
(Lohnarbeitssystem, Kopplung von Business und Arbeitsplätzen, Vorstellung der
Arbeit als Opfer usw.), welche mit denen auf persönlicher Ebene (Armut der
Begierde, Selbstunkenntnis) interagieren. Seine Strategie ist deshalb zweigleisig
angelegt, sie greift auf individueller und gesellschaftlicher Ebene (HTEP usw.) an.
Bergmann geht es ums Ganze. In einem großen Wurf will er für Interessierte eine
gänzlich andere Kultur anbieten und nicht lediglich durch einen Schachzug
oberflächliche Probleme kitten.
Ein zentraler Unterschied zwischen den beiden Denkern ist, dass der
Soziologe Beck kein wirkliches Programm zur persönlichen Entwicklung vorstellt. Im
Gegensatz zu Bergmann hat Beck kein klar gezeichnetes Bild vom Menschen, auf
dessen Grundlage er seine Überlegungen anstellt. So kommt es, dass Beck den
Menschen unwillkürlich als rational-choice-Subjekt konstruiert, als Nutzenmaximierer,
der etwas zur Bürgerarbeit beitragen werde, da es für ihn von Vorteil sei. Da diese
Sichtweise nachweisbar völlig an der Realität vorbeigeht, liegt hier ein schwerer
Mangel von Becks Konzeption der Bürgerarbeit vor.(*FN* Vgl Almond, Green/Shapiro zur Kritik des rational choice Paradigmas in der politischen
Wissenschaft; der Charakter der alltäglichen Entscheidungsprozesse des Menschen lässt das Bild
vom rational-choice-Subjekt fragwürdig erscheinen: Gewohnheiten, emotionale Zustände, mangelnde
Zeit, fehlende Informationen und Anwendung von Heuristiken sind eindeutige Evidenzen für die
nicht-rationale Art der menschlichen Entscheidungsfindung. *FN*)
Unterschiede lassen sich ebenfalls bei der Rolle erkennen, welche der Arbeit
zugeschriebenen wird. Aus Becks Perspektive kann man nicht über die Zukunft der
Arbeit debattieren, ohne über die Zukunft des National- und Sozialstaates
nachzudenken, während die nationale Politik bei Bergmann nur eine untergeordnete
Rolle spielt. Für Beck stellt die gegenwärtige Situation der Arbeitenden ein Problem
dar, da sie zunehmend unkalkulierbar wird und im Zuge der Brasilianisierung des
Westens viele Vollzeitarbeitsplätze in Gefahr sind. Die Lohnarbeit an sich ist für ihn
nur deshalb problematisch, weil sie zunehmend knapp wird, aber trotzdem noch im
absoluten Mittelpunkt steht. In Becks Modell der Bürgerarbeit soll ihr Stellenwert zwar
verringert werden, sie ist aber immer noch die Hauptbezugsquelle des
Lebensunterhalts. Demgegenüber ist aus Bergmanns Sicht die Lohnarbeit an sich
das Übel, das aus den Menschen halbe „Zombies“ macht. Deswegen gehen seine
Bestrebungen in die Richtung, die Abhängigkeit von der Lohnarbeit aufzuheben,
wobei die High-Tech-Eigenproduktion die zentrale Rolle innehat. Mit der Einsicht,
dass die richtige Arbeit einen Menschen elektrisieren und der gesamte
Lebensqualität einen riesigen Schub geben kann, wird es sein wichtigstes Anliegen,
den Menschen beim Finden der Arbeit, die sie wirklich, wirklich wollen zu helfen. In
Becks Modell hingegen tritt die Arbeit in Form der Bürgerarbeit nur als eine Art
sinnvoller Lückenbüßer zwischen den abnehmenden Perioden der abhängigen
Beschäftigung auf.
Nun will ich mich der Frage der Realisierbarkeit der beiden Visionen zuwenden.
Welche Chancen auf eine Verwirklichung haben sie? Auch bei diesem Punkt hat die
Neue Arbeit klare Vorteile gegenüber dem halbherzigen Versuch der Bürgerarbeit.
Neben einer umfassenden theoretischen Fundierung kann die Neue Arbeit schon auf
eine über zwanzigjährige Geschichte zurückblicken, in welcher ihre Grundideen sich
immer wieder in der Realität beweisen mußten. Im Laufe der Zeit konnte in
unzähligen Projekten, die weltweit mit den unterschiedlichsten Gruppen, von
Sozialhilfeempfängern bis zu Topmanagern, und Hintergründen durchgeführt worden
sind, eine immense Bandbreite an Erfahrungen gewonnen werden, die sich in der
weiteren Ausrichtung und Verfeinerung des Projekts der Neuen Arbeit
niedergeschlagen haben. Im Kontrast dazu existiert die Bürgerarbeit nur auf dem
Papier und in den Köpfen einiger Sozialwissenschaftler. Für Bergmann ist es immens
wichtig, mindestens mit einem Bein in der Realität zu stehen. Durch seinen
unermüdlichen Einsatz kann der Urheber der Neuen Arbeit auf ein weltweites
Netzwerk von Gruppen und Associates blicken, das viele Partner in Wissenschaft,
z.B. die an der HTEP arbeitende TU in Chemnitz, in der Wirtschaft, z.B. den
Präsident des größten Autozulieferanten der USA, und in der Politik, z.B. die
südafrikanische Regierung, gewonnen hat.(*FN* Bergmann S.234*FN*) Die Neue Arbeit ist im Vergleich zur
Bürgerarbeit schon in der Gesellschaft verankert und hat die Geburtswehen hinter
sich gelassen, während die Bürgerarbeit noch im Geburtskanal feststeckt und von
den allermeisten Politikern sowieso abgetrieben worden ist.
Ist die Zeit den schon reif für eine der beiden Visionen? Sind genügend
gesellschaftliche Kräfte am Werk, um der gegenwärtigen Entwicklung eine
grundsätzlich andere Richtung zu geben? Bergmann betont in diesem
Zusammenhang immer wieder die Größe und latente Stärke der „anderen,
unangepassten Kultur“ mit welcher die Neue Arbeit aufs Engste verbunden sei. Sie
wurzelt im lebensbejahenden Aspekt der Aufklärung, wurde von Köpfen wie Goethe,
Hesse und Nietzsche getragen und hatte u.a. mit der 68er-Generation einen
Ausbruch, der aufgrund eines fehlenden politischen Programmes wieder erstickte.
Für die gesamte antiautoritär eingestellte Kultur, die nach Bergmann vom
Feminismus über linke Gruppierungen bis zu den Nerds der Computerindustrie
reicht, könnte die Neue Arbeit die große Klammer sein, die alle Kräfte vereint und
dieser großen gesamtgesellschaftlichen Vision zum allmählichen Durchbruch
verhilft.(*FN* ebd. S.423ff*FN*) Insgesamt passt die Neue Arbeit tatsächlich mehr zu der
postmaterialistischen Kultur, als Becks Bürgerarbeit, da in ihr der freiheitliche Aspekt
konsequenter verfolgt und auch zielgerichtet auf die materielle Unabhängigkeit
hingearbeitet wird. Sie kann das gemeinsame politische Programm darstellen, mit
Hilfe dessen sich die aufgesplittete alternative Bewegung zum ersten Mal
gemeinsam artikulieren könnte.
Wie sieht es aus mit der individuellen Motivation, tatsächlich eine dieser neuen
Arten von Arbeit auszuführen? Auch in diesem Gebiet punktet die Neue Arbeit. Die
einfache Frage, was sie denn wirklich, wirklich für eine Arbeit tun wollen, hat die
Menschen nach Bergmanns Erfahrung überall gefesselt und begeistert. Es geht ihm
nicht darum, eine Art der Arbeit künstlich aufzuwerten, wie Beck es mit der sozialen
Bürgerarbeit vorschlägt. Er will die Leute dazu animieren, eine packende und
freudvolle Arbeit zu finden, und liefert ihnen den Rahmen, wie dies zu verwirklichen
ist. So spricht er tiefe Sehnsüchte der Menschen an und bietet nicht nur wie Beck
eine Art bessere Trostpflaster an, das zur Vorbereitung auf und Erholung vom
Arbeitsmarkt dienen soll.
Welcher Vorschlag kann mit der Unterstützung der Politik rechnen? Ich denke,
dass man bei dieser Frage zwischen „dem Norden“ und „dem Süden“ unterscheiden
muss. Obwohl er in der politischen Diskussion quasi nicht vorhanden ist, scheint
Becks Vorschlag eher im Fahrwasser der gegenwärtigen Politik der westlichen
Länder zu liegen. Mit dem Ziel, das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu
bekommen, und der Maxime, die Finanzen zu konsolidieren, bewegt er sich im
Rahmen der kurzfristigen, tunnelartigen Sichtweise der Politiker. Obwohl Bergmann
betont, dass die Neue Arbeit auch für die Wirtschaft gut ist, wird sein Ansatz von
vielen Verantwortlichen im Westen wohl doch als zu radikal und zu weit abseits der
gängigen Politstrategien des Schaffens von Arbeitsplätzen und Senkens der
Arbeitslosenzahlen eingestuft und kann sich von dieser Seite noch nicht die
Unterstützung erhoffen, die Beck mit seinem weniger weitgehenden und beinahe
anbiedernden Vorschlag einfahren könnte. Umgekehrt verhält es sich im Süden, wo
die Not für halbherzige Versuche schon viel zu groß ist. So wurde Bergmann von
einigen Drittweltländern zu Hilfe gerufen, die alle mit der generellen Politik des
Hofierens der Wirtschaft an die Wand gefahren sind. Sein Vorschlag erscheint dort
als einzige Hoffnung, da er die materielle Grundsicherung und Beschäftigung für
viele Menschen zu geringen Kosten verspricht und nicht auf der teuren Schaffung
von Arbeitsplätzen besteht. Auf den Aufruf Becks, „jetzt macht mal was kostenlos für
die Gemeinschaft, um euch selbst zu verwirklichen“, werden die notleidenden Leute
in den südlichen Ländern wohl eher verstört bis zornig reagieren. Dabei wird ein
weiterer Unterschied zwischen Beck und Bergmann deutlich. Beck hat den Fokus
klar auf Europa und die Zukunft der europäischen Demokratie wobei der Rest der
Welt als Teil des Problems auftaucht. Während Bergmann eine Lösung anstrebt, die
im globalen Kontext hilft und allen Menschen ein freudvolles Leben ermöglicht.
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