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Willkommen im Globalen Dorf / 68 Mura Calling / Zweiter Sendungsentwurf |
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˧ 11254 Zeichen (inkl. Leerzeichen) DAs ist eine Kurzversion zur Orientierung ˧
Eine Sendung aus der Reihe Willkommen im Globalen Dorf – Folge 68 ˧
Es gibt Landschaften, die so selbstverständlich geworden sind, dass wir aufgehört haben, sie wirklich zu sehen. Wir gehen an ihnen vorbei, überqueren sie auf Brücken, fahren mit dem Auto an ihnen entlang. Sie sind Kulisse – aber nicht mehr Gesprächspartner. ˧ Vielleicht ist genau das die größte Herausforderung unserer Zeit: Wir haben eine technische Macht entwickelt wie keine Generation vor uns. Aber wir haben vielerorts die Fähigkeit verloren, uns als Teil jener lebendigen Systeme zu begreifen, die unser eigenes Überleben ermöglichen. ˧ Ein Fluss zeigt uns das besonders deutlich. Ein Fluss ist keine Linie auf einer Landkarte. Er ist eine Lebensader. Er verbindet Quellen und Mündungen, Berge und Ebenen, Tiere und Pflanzen, Dörfer und Städte. Er trägt Geschichten, Erinnerungen, Kulturen. ˧ Die Mur ist ein solcher Fluss. Über Jahrhunderte war sie Verbindung. Dann wurde sie Grenze. Politische Geschichte, Sprachen, nationale Erzählungen – all das hat den gemeinsamen Raum zerschnitten. Doch unter der Oberfläche blieb etwas erhalten: Die Landschaft selbst kennt keine Grenze. Die Vögel fragen nicht nach Pässen. Die Fische kennen keine Staatszugehörigkeit. Das Wasser fließt weiter. ˧ Aus dieser einfachen Wahrheit entstand eine der großen europäischen Naturschutzideen: das UNESCO-Biosphärenreservat Mur–Drau–Donau, oft „Europäischer Amazonas“ genannt. Fast 700 Kilometer Flusslandschaft, fünf Länder, Auwälder, Nebenarme, eine außergewöhnliche biologische Vielfalt. ˧ Doch ein Biosphärenreservat ist mehr als ein Schutzgebiet. Es ist ein Lernraum. Ein Experimentierfeld für die Frage: Wie können Menschen nicht gegen die Natur, sondern als bewusster Teil ihrer Kreisläufe leben? ˧ Diese Frage beschäftigte viele Menschen in der Region lange bevor Mura Calling entstand. Einer von ihnen war Heinrich Schmidlechner, Bürgermeister von Bad Radkersburg. Er gehörte zu jenen, die verstanden: Die Mur ist nicht nur ein Fluss. Sie ist ein gemeinsames Erbe – und eine gemeinsame Verantwortung. ˧ Auch dank dieser Beharrlichkeit entstand ein grenzüberschreitendes Biosphärenmanagement, das heute unter der Leitung von Andreas Schuster Naturerhaltung, Bildung und regionale Entwicklung miteinander verbindet. ˧ Doch eine Frage blieb offen: Wie erreichen wir die nächste Generation? ˧ Wie sorgen wir dafür, dass Kinder und Jugendliche die Biosphäre nicht nur als Begriff im Schulbuch kennen, sondern als etwas, das sie erleben, erforschen und mitgestalten? ˧ Genau hier beginnt die Geschichte von Mura Calling. ˧
In der europäischen Förderlandschaft hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Lange waren es große Institutionen – Verwaltungen, Universitäten, Organisationen –, die grenzüberschreitende Projekte trugen. Doch im Interreg-Programm Slowenien–Österreich entstand eine neue Möglichkeit: Kleinprojekte, getragen von der Zivilgesellschaft. ˧ Das klingt unscheinbar, ist aber bedeutsam. Denn Vereine, engagierte Bürgerinnen und Bürger, lokale Initiativen – sie können experimentieren, Brücken schlagen, Themen aufgreifen, die in großen Strukturen oft keinen Platz finden. ˧ Auf slowenischer Seite war es der Verein Mura Rafting. Auf österreichischer Seite die DorfUni. Zwei sehr unterschiedliche Organisationen – verbunden durch eine gemeinsame Überzeugung: ˧ Die Mur soll nicht länger Grenze sein. Sie soll wieder Ort der Begegnung werden. ˧ Der Name des Projekts lag fast auf der Hand: Mura Calling. Die Mur ruft. ˧ Aber was bedeutet dieser Ruf? Nicht Rückkehr in eine romantische Vergangenheit. Sondern eine neue Beziehung zwischen modernen Menschen und ihrer Landschaft. Eine Beziehung, in der digitale Werkzeuge nicht als Gegensatz zur Natur verstanden werden, sondern als Hilfsmittel, sie bewusster wahrzunehmen. ˧ So entstand die Idee, Place-Based Learning mit digitalen Plattformen wie der ARK-App und der Greensteps-Methode zu verbinden. Der Ort selbst wird zum Lehrbuch. Der Spaziergang zur Entdeckungsreise. Die Landschaft zu einem Netzwerk aus Geschichten, Fragen und Erkenntnissen. ˧ Doch jede gute Idee braucht irgendwann den Schritt aus dem Papier hinaus in die Wirklichkeit. Dieser Schritt fand am 10. Oktober 2025 statt – auf der Mur. ˧
Am 10. Oktober 2025 wurde die Idee von Mura Calling erstmals Wirklichkeit. Nicht in einem Konferenzsaal, nicht in einem Klassenzimmer, sondern auf dem Wasser. ˧ Auf der slowenischen Seite der Mur trafen sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Franca Miklošič aus Ljutomer und des BORG Bad Radkersburg zu ihrer ersten gemeinsamen Exkursion. Zwei Schulen, zwei Länder, wenige Kilometer voneinander entfernt – und doch getrennt durch Geschichte, Sprache, Gewohnheit. ˧ Vielleicht ist das eines der Paradoxien Europas: Die politischen Grenzen sind offen, aber die inneren Landkarten in unseren Köpfen brauchen länger, um sich zu verändern. ˧ Die Boote legten ab. Langsam glitten sie flussabwärts. Die Jugendlichen sahen die Mur nicht mehr von außen, sondern aus ihrer Mitte. Das Wasser, die Ufer, die Auwälder – alles wurde unmittelbarer, lebendiger. ˧ Ein Fluss vom Wasser aus zu erleben, verändert die Perspektive. Man ist nicht mehr Beobachter. Man ist Teil der Bewegung. ˧ Die Fahrt führte zu einer Flussbiegung, wo es eine Jause gab – inklusive originaler Gibanica. Ein kleines Detail, aber eines, das zeigt: Lernen beginnt oft mit einem gemeinsamen Essen. ˧ Das Ziel war die Liebesinsel bei Ižakovci – ein Ort voller Geschichten, Symbolik und Tradition. Dort begannen die ersten Gespräche. Zögerlich zuerst, dann neugieriger. Schülerinnen und Schüler aus zwei Ländern lernten nicht nur über die Mur. Sie lernten miteinander. ˧ Und genau hier entstand ein Gedanke, der Mura Calling bis heute trägt: Der Biosphärenraum ist kein Museum. Er ist ein lebendiger Raum. ˧ Ein Raum, in dem Menschen leben, arbeiten, lernen, Verantwortung übernehmen. Ein Raum, der nicht von außen erklärt werden kann, sondern von innen erfahren werden muss. ˧
Nach dem ersten Treffen im Oktober stand eine Erkenntnis im Raum: Die Idee funktioniert. Aber sie muss wachsen. Und sie muss von jenen getragen werden, die später damit arbeiten. ˧ Eine der größten Herausforderungen in Bildungsprojekten ist, dass gute Konzepte oft von außen an Schulen herangetragen werden. Doch echte Innovation entsteht anders: Sie entsteht gemeinsam. ˧ Deshalb wurde der nächste Schritt von Mura Calling nicht als Wiederholung geplant, sondern als Erweiterung. Ein viel größerer Versuch. ˧ Auf der österreichischen Seite, in Bad Radkersburg, sollte ein ganzer Aktionstag entstehen. Nicht mehr nur zwei Schulen. Nicht mehr nur eine Altersgruppe. Sondern viele – vom Kindergarten bis zur Oberstufe. Und erstmals auch Gäste aus Ungarn und Kroatien. ˧ Die Frage war mutig: Kann eine Stadt für einen Tag zu einem gemeinsamen Klassenzimmer werden? ˧ Der 20. Mai 2026 sollte die Antwort geben. ˧
Große Veränderungen beginnen selten mit großen Worten. Sie beginnen mit Menschen, die etwas ausprobieren. Und manchmal wissen sie selbst nicht genau, ob es gelingen wird. ˧ So war es auch am 20. Mai 2026 in Bad Radkersburg. ˧ Mehr als zweihundert Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Schulen, verschiedenen Altersgruppen und mehreren Ländern machten die Stadt und die Landschaft rund um die Mur zu ihrem gemeinsamen Lernraum. ˧ Während die Gruppen entlang der Mur und durch die Stadt aufbrachen, fand ein besonderer Moment statt: Unter dem Titel „Raus aus dem Schneckenhaus“ gestaltete Marlene V. Eibel gemeinsam mit Kindergartenkindern aus Österreich und Slowenien eine kleine Potentialentfaltungsreise. ˧ Es war ein symbolischer Auftakt. Denn was bedeutet es, aus dem Schneckenhaus herauszugehen? Es bedeutet, die eigene kleine Welt zu verlassen. Mut zu haben. Neugierig zu werden. Sich auf das Fremde einzulassen. ˧ Währenddessen erkundeten die Gruppen mit Smartphones, Aufgaben und offenen Augen ihre Umgebung. Sie stellten Fragen. Sie entdeckten Zusammenhänge. Sie lernten Pflanzen und Tiere kennen, historische Orte und kulturelle Geschichten. Und sie entdeckten einander. ˧ Ein besonders schöner Aspekt dieses Tages war die Rolle der älteren Schülerinnen und Schüler. Sie wurden zu Begleiterinnen und Begleitern, zu Übersetzerinnen und Übersetzern, zu Vermittlern zwischen den Generationen. ˧ Die Region selbst wurde Teil des Lernraums. Der Jagdschutzverein bereitete Stationen am Grünanger vor. Die Radkersburger Kurkonditorei spendete Baumkuchen. Kleine Gesten – und doch zeigten sie etwas Großes: Eine lernende Region entsteht dann, wenn eine ganze Gemeinschaft Verantwortung übernimmt. ˧ Gegen Mittag kamen die Gruppen am Frauenplatz zusammen. Ein kleiner Platz in einer kleinen Grenzstadt – und für einen Moment ein Bild davon, wie Europa aussehen könnte. ˧ Kinder und Jugendliche aus Österreich, Slowenien, Ungarn und Kroatien begegneten einander. Die jüngeren Kinder bemalten Steine. Die älteren schrieben Wünsche auf kleine hölzerne Tafeln. Wünsche von Frieden, Dankbarkeit, Hoffnung. ˧
Nach den Erfahrungen im Oktober und am 20. Mai stellte sich eine neue Frage: War das ein schönes Ereignis – oder der Anfang von etwas Größerem? ˧ Die Antwort führte zum 6. Juli: einer gemeinsamen Fahrt auf der Mur, mit Menschen aus fünf Ländern. Keine Konferenz, keine fertige Strategie – sondern ein Gespräch auf dem Wasser. ˧ Ein Fluss lehrt uns etwas über Zusammenarbeit: Kein Zufluss fragt den anderen nach seiner Sprache. Kein Seitenarm konkurriert mit dem Hauptstrom. Die Stärke eines Flusssystems entsteht aus der Vielfalt seiner Wege. ˧ Vielleicht ist das die Metapher für eine zukünftige Lernregion entlang von Mur, Drau und Donau. ˧
Die großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimawandel, Artenverlust, gesellschaftliche Spaltungen – lassen sich nicht allein durch Technik lösen. Aber Technik kann uns helfen, wieder bewusster zu leben. ˧ Die ARK-Plattform und die Greensteps-Methode verwandeln das Smartphone in eine Lupe für die eigene Umgebung. Vielleicht wird eines Tages jedes Dorf seine eigene digitale Intelligenz besitzen – ein gemeinsames Gedächtnis der Landschaft. ˧ Mura Calling ist ein kleiner Schritt in diese Richtung. Ein Versuch, eine neue Kultur zu entwickeln: eine Kultur, in der Schulen Knotenpunkte einer lernenden Gesellschaft sind, in der Grenzen ihre trennende Bedeutung verlieren, in der ein Fluss ein Gesprächspartner wird. ˧
Am Anfang stand ein Fluss. Dann ein paar Boote. Ein gemeinsamer Tag. Und plötzlich eine Idee, die größer wurde als das Projekt, aus dem sie entstanden ist. ˧ Die Mur ruft. Und vielleicht ruft sie nicht nur die Menschen an ihren Ufern – sondern alle, die bereit sind, eine neue Beziehung zu ihrer Landschaft zu entdecken. ˧ Die Reise beginnt erst. ˧
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