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Willkommen im Globalen Dorf / 69 Vom Zeitalter der Imperien zum Zeitalter der Gemeinschaften / Langversion |
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Liebe Hörerinnen und Hörer, hier ist wieder einmal Franz Nahrada aus Bad Radkersburg, und ich begrüße Euch zur 69. Ausgabe von „Willkommen im Globalen Dorf“. ˧ Nachdem ich Euch in den letzten beiden Sendungen sehr ausführlich und sehr konkret von unseren aktuellen Projekten erzählt habe, möchte ich heute wieder einmal auf eine grundsätzlichere, theoretische Ebene zurückkehren. Wobei – und das wird sich hoffentlich im Laufe dieser Sendung zeigen – diese theoretische Ebene mit der Intention unserer praktischen Projekte sehr viel enger verbunden ist, als es zunächst den Anschein haben mag. ˧
Es ist ein hoher Anspruch, die Gegenwart verstehen zu wollen. So beginnt der einleitende Essay von Christoph Pfluger in der neuesten Ausgabe des "Zeitpunkt" mit dem Titel "den Irrsinn verstehen". Und ich fand auch keine bessere Einleitung für den heutigen theoretischen Bogen - möchte daher seine Gedanken paraphrasieren. ˧ Selten hatte ich so sehr wie heute den Eindruck, dass uns die Wirklichkeit zwischen den Fingern zerrinnt, noch während wir versuchen, sie zu begreifen. ˧ Die Ereignisse überschlagen sich. Die Erklärungen widersprechen einander. Jeder sieht eine andere Wirklichkeit, jeder durch seine eigene Brille. Und die Schnittmenge dessen, worauf wir uns noch gemeinsam verständigen können, scheint immer kleiner zu werden. ˧ Also suchen wir nach Schuldigen. ˧ Wir sehen Egomanen und Despoten, Ideologen und Marionetten an den Hebeln, an denen wir die Macht vermuten. Im Osten, im Westen, im eigenen Land. In den Zentren des Geldes, der Daten und der Kriegsmaschinen. Und wir fragen uns immer häufiger: Sind die wirklich so dumm? Sind sie schlecht informiert? Sind sie getrieben, gesteuert, gekauft, erpresst? Oder ist das Problem vielleicht viel größer als die Personen, auf die wir gerade mit dem Finger zeigen? ˧ Denn eines ist doch merkwürdig. ˧ Die überwältigende Mehrheit der Menschen will leben. Sie will ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen, eine Zukunft für ihre Kinder. Sie will Sicherheit und Frieden. Und trotzdem scheint die Welt mit einer geradezu selbstmörderischen Energie auf immer neue Konfrontationen zuzurasen. ˧ Wir erleben eine neue Aufrüstung. Wir erleben Kriege, die immer weitere Kreise ziehen können. Wir erleben einen Wirtschaftskrieg, in dem am Ende möglicherweise alle verlieren. Wir erleben Gesellschaften, die innerlich auseinanderdriften. Und wir erleben politische Systeme, die immer weniger den Eindruck vermitteln, diese Entwicklungen noch wirklich steuern zu können. ˧ Vielleicht liegt genau hier ein Teil des Problems. Und ein anderer Teil ist: ˧ Es entsteht eine gefährliche Kluft zwischen der Geschwindigkeit der Systeme und der Geschwindigkeit unserer Fähigkeit, gemeinsam vernünftige Entscheidungen zu treffen. Demokratische Meinungsbildung braucht Zeit. Gute Entscheidungen brauchen noch mehr Zeit, Geduld, Information, Widerspruch und Verständigung. Aber die Gegenwart rast. Finanzmärkte reagieren in Sekunden, digitale Erregungswellen in Minuten, militärische Eskalationen in Stunden. Und je größer und komplexer unsere politischen Gebilde werden, desto länger werden gleichzeitig die Wege, auf denen Menschen tatsächlich Einfluss nehmen können, und damit wächst auch der Raum für Entscheidungen, die sich demokratischer Kontrolle immer weiter entziehen.“ ˧ Und dann sitzt man da und fragt sich: Was wird hier eigentlich gespielt? ˧ Wer steuert wen? ˧ Wer verfolgt noch ein langfristiges Ziel? ˧ Und wer reagiert nur noch auf Zwänge, die er selbst nicht mehr beherrscht? ˧ Vielleicht ist aber schon diese Frage falsch gestellt. ˧ Vielleicht suchen wir immer noch nach den Spielern, während längst das Spiel selbst außer Kontrolle geraten ist. ˧ Vielleicht sind wir so sehr daran gewöhnt, Geschichte als Kampf großer Mächte zu betrachten, dass wir uns gar nichts anderes mehr vorstellen können. ˧ Ein gängiger und doch im Kern grundfalsches Narrativ lautet: Die Vereinigten Staaten verlieren an Macht – also muss China aufsteigen. Der Westen verliert seine Vormachtstellung – also entsteht eben eine neue, multipolare Weltordnung. Ein Imperium geht, das nächste kommt. Die Vorstellung ist, wie seien in einem Interregnum, wo die alte Macht sich überdehnt hat und die neue noch nicht so weit ist, die Nachfolge anzutreten. Mit dieser Vorstellung wird von vielen Kommentatoren hantiert. Sie scheint plausibel, auch für die Brutalität mit der der alte Welthegemon an seiner Macht festhält und alle roten Linien überschreitet. Venezuela. Kuba. Grönland. Kanada. Iran. Alles vor wenigen Jahren noch undenkbar. Sie scheint auch plausibel für die Geschwindigkeit mit der China mit seinen gar nicht wenigen Verbündeten in die Fußstapfen der USA von 1945 treten will. Neue Seidenstraße. Kredite die um ein Vielfaches höher sind als der Marshall Plan. Ein technologisches Innovationstempo das die Welt noch nicht gesehen hat. ˧ Aber was, wenn genau das nicht mehr funktioniert? ˧ Was, wenn wir nicht einfach den Übergang von einem Welthegemon zum nächsten erleben? ˧ Was, wenn das Zeitalter der Hegemonien selbst an sein Ende kommt? ˧ Und was, wenn die immer heftigeren Konflikte unserer Gegenwart gerade deshalb entstehen, weil noch immer um eine Position gekämpft wird, die in der Welt, die gerade entsteht, niemand mehr dauerhaft einnehmen kann? ˧ Mit dieser Frage möchte ich heute beginnen. ˧ Und ich möchte sie mit zwei Texten des Krisentheoretikers Tomasz Konicz verbinden, die mir in den letzten Tagen begegnet sind. Denn Konicz stellt eine ebenso düstere wie, wie ich meine, bedenkenswerte These auf: Wir erleben möglicherweise nicht einfach eine weitere Krise innerhalb der bestehenden Weltordnung. Wir erleben eine Veränderung der Qualität der Krise selbst - die es unmöglich macht die Welt überhaupt noch auf die gewohnte Weise zu ordnen. ˧ Und wenn das stimmt, dann stellt sich eine noch viel wichtigere Frage: ˧ Wenn die Krise eine neue Qualität annimmt – muss dann nicht auch unsere Antwort eine neue Qualität annehmen? ˧ Auch darum soll es heute gehen. ˧ Um das Ende einer alten Vorstellung von Ordnung. ˧ Und vielleicht um den Anfang einer neuen. ˧
Vom Zeitalter der Imperien zum Zeitalter der Gemeinschaften Das ist der Titel und das Programm der heutigen Sendung. ˧
Also stellen wir gleich eingangs die Frage: warum sollte China die Vereinigten Staaten nicht beerben können? ˧ Auf den ersten Blick spricht doch vieles dafür. ˧ China ist längst zur industriellen Werkbank der Welt geworden. Es verfügt über eine gewaltige Produktionskapazität, baut seine technologische Kompetenz in atemberaubendem Tempo aus und investiert mit der Neuen Seidenstraße in Infrastrukturprojekte weit über die eigenen Grenzen hinaus. Gleichzeitig wirken die Vereinigten Staaten wie eine Macht im imperialen Niedergang: hoch verschuldet, innerlich polarisiert, deindustrialisiert und zunehmend versucht, den Verlust ihrer Vormachtstellung durch politischen, wirtschaftlichen und militärischen Druck aufzuhalten. ˧ Eigentlich ein vertrautes Bild. ˧ Ein altes Imperium steigt ab. Ein neues steigt auf. ˧ Der italienische Ökonom und Weltsystemtheoretiker Giovanni Arrighi hat solche historischen Ablösungen ausführlich untersucht. Seine These lautet, sehr vereinfacht gesagt: Die Geschichte des kapitalistischen Weltsystems lässt sich tatsächlich als eine Folge hegemonialer Zyklen verstehen. ˧ Eine neue Macht steigt zunächst durch ihre überlegene Fähigkeit zur materiellen Expansion auf. Sie wird zum Zentrum der Produktion, der Innovation, des Handels. Irgendwann aber gerät dieses Modell an seine Grenzen. Die Gewinne verlagern sich zunehmend aus der realen Produktion in die Finanzsphäre. Das Kapital wird nicht mehr in erster Linie durch die Herstellung neuer Güter vermehrt, sondern durch Kredite, Spekulation und Finanzgeschäfte. ˧ Arrighi nennt diesen Übergang zur finanziellen Expansion ein charakteristisches Zeichen des beginnenden Abstiegs einer Hegemonialmacht. ˧ Und tatsächlich lässt sich dieses Muster historisch beobachten. ˧ Großbritannien wurde mit der industriellen Revolution zur Werkbank der Welt. Später wurde London zum globalen Finanzzentrum. Schließlich wurde das britische Empire von den Vereinigten Staaten abgelöst, die über eine wesentlich größere industrielle Basis verfügten. ˧ Und auch die Vereinigten Staaten durchliefen eine ähnliche Entwicklung. ˧ ˧ Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie nicht einfach deshalb die führende Macht, weil sie über die stärkste Armee verfügten. Ihre Hegemonie hatte eine materielle Grundlage. Sie konnten der Welt etwas anbieten. ˧ Eine neue industrielle Produktionsweise. Massenproduktion. Massenkonsum. Einen gewaltigen technologischen Entwicklungsschub. Und zumindest in den Zentren des Systems für einige Jahrzehnte einen gesellschaftlichen Wohlstandszuwachs, von dem große Teile der Bevölkerung tatsächlich profitierten. ˧ Das ist ein entscheidender Punkt. ˧ Hegemonie bedeutet nämlich mehr als Herrschaft. ˧ Ein Imperium kann andere mit Gewalt unterwerfen. Ein Hegemon dagegen muss eine Ordnung schaffen, von der zumindest genügend andere Akteure glauben, dass auch sie von ihr profitieren können. ˧ Die amerikanische Nachkriegsordnung konnte genau das über lange Zeit leisten. ˧ Doch irgendwann begann auch dieses Modell an seine Grenzen zu stoßen. Und um zu verstehen, was damals geschah, reicht es nicht, nur auf die üblichen wirtschaftspolitischen Erklärungen zu schauen. ˧
Natürlich spielte die Globalisierung eine entscheidende Rolle. Kapital wanderte dorthin, wo Arbeitskräfte billiger waren, Umweltauflagen geringer, Steuern niedriger und die erwarteten Renditen höher. Ganze Industrien wurden aus den alten Zentren des Kapitalismus in neue Produktionsstandorte verlagert. Die Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten und später auch anderer westlicher Länder war also durchaus eine Folge des globalen Kostenvergleichs und des Kapitalexports. ˧ Aber der deutsche Krisentheoretiker Robert Kurz, der leider 2012 verstorben ist und von dem sowohl Tomasz Konicz als auch ich viel gelernt haben, hat auf eine tiefere Schicht dieser Entwicklung hingewiesen. ˧ ˧ Denn der Kapitalismus lebt von einem eigentümlichen Widerspruch. ˧ ˧ Sein Ziel ist die Vermehrung von Geld. Aus Geld soll mehr Geld werden. Aber nach der Marxschen Werttheorie entsteht der neue Wert, der diese Vermehrung überhaupt ermöglicht, letztlich durch menschliche Arbeit im Produktionsprozess. ˧ Maschinen übertragen den Wert, der in ihnen steckt, auf die Produkte. Neuen Wert aber schafft, in dieser Theorie, die lebendige menschliche Arbeitskraft. ˧ Gleichzeitig zwingt die Konkurrenz jedes einzelne Unternehmen dazu, genau diese menschliche Arbeit möglichst weitgehend einzusparen. Wer mit weniger Arbeitszeit mehr produzieren kann, hat einen Kostenvorteil. Also wird rationalisiert, automatisiert und digitalisiert was das Zeug hält. ˧ Was für das einzelne Unternehmen vernünftig und sogar überlebensnotwendig ist, wird für das Gesamtsystem zum Problem. ˧ ˧ Denn der Kapitalismus sägt damit gewissermaßen an dem Ast, auf dem er selbst sitzt. ˧ Er steigert unaufhörlich die Produktivität der Arbeit – und drängt zugleich jene lebendige Arbeit aus dem Produktionsprozess, die nach seiner eigenen inneren Logik die Substanz der Wertschöpfung bildet. ˧ Lange Zeit konnte dieser Widerspruch durch die Ausweitung der Produktion überkompensiert werden. ˧ Eine Maschine ersetzte vielleicht hundert Arbeiter. Aber wenn durch neue Produkte, neue Märkte und neue Industrien tausend neue Arbeitsplätze entstanden, konnte die Masse der insgesamt verwerteten Arbeit trotzdem weiter wachsen. Genau das geschah in den großen industriellen Expansionsphasen. ˧ Der Fordismus war vielleicht das eindrucksvollste Beispiel dafür. Die Fließbandproduktion rationalisierte die Arbeit enorm, schuf aber zugleich eine gewaltige neue Massenproduktion: Autos, Haushaltsgeräte, Chemieprodukte, Infrastruktur – und mit ihr Millionen neuer Arbeitsplätze und neue Massenmärkte. ˧ Die entscheidende These von Robert Kurz lautet nun: Mit der dritten industriellen Revolution, der Mikroelektronik, verändert sich dieses Verhältnis. ˧ Computer, digitale Steuerung und Automatisierung rationalisieren nicht mehr nur einzelne Tätigkeiten. Sie durchdringen gleichzeitig nahezu alle Bereiche der Produktion. Erstmals, so Kurz, wird menschliche Arbeit in einem solchen Ausmaß aus dem Produktionsprozess verdrängt, dass die Entstehung neuer Produktionszweige den Verlust an wertschöpfender Arbeit nicht mehr ausreichend kompensieren kann. ˧ Und heute, mit Robotik, künstlicher Intelligenz und einer immer umfassenderen Automatisierung, könnte sich dieser Prozess in einer vierten industriellen Revolution noch einmal dramatisch beschleunigen. ˧ ˧ Das ist natürlich eine umstrittene Theorie die bei den Ökonomen absolut unbeliebt ist. Schließlich ist die logische Schlussfolgerung, dass sich der Kapitalismus und mit ihm das gesamte Geld- und Marktsystem aus den temporären in eine finale Krise bewegt. ˧ Aber sie erklärt etwas, das mit der bloßen Geschichte von Globalisierung und Billiglohnkonkurrenz schwer zu erklären ist. ˧ Denn die Arbeit verschwand ja nicht einfach nur aus Detroit und tauchte in gleicher Form in Shenzhen wieder auf. Die industrielle Produktion selbst wurde immer produktiver, automatisierter und arbeitssparender. Immer größere Mengen von Waren konnten mit immer weniger menschlicher Arbeitszeit hergestellt werden. ˧ Und damit geriet der zentrale Motor der bisherigen Kapitalakkumulation ins Stottern. ˧ Wenn aber in der realen Warenproduktion nicht mehr genügend profitable Anlagemöglichkeiten entstehen, sucht das Kapital andere Wege, sich zu vermehren. ˧ Es fließt in die Finanzmärkte. Noch viel radikaler als gegen Ende der britischen Hegemonie. ˧ In Aktien. Immobilien. Kredite. Derivate. Spekulative Vermögenswerte. ˧ ˧ Ansprüche auf zukünftigen Reichtum beginnen schneller zu wachsen als die reale Produktion, auf die sich diese Ansprüche letztlich beziehen. Robert Kurz spricht hier, in Anlehnung an Marx, vom Anwachsen des fiktiven Kapitals. ˧ Und genau hier treffen sich die beiden Entwicklungen. ˧ ˧ Auf der einen Seite die Globalisierung: Produktion wird über den ganzen Planeten verteilt, immer dorthin, wo sie am günstigsten organisiert werden kann. ˧ ˧ Auf der anderen Seite eine tiefere Krise der Wertschöpfung selbst: Die mikroelektronische Revolution macht das System ungeheuer produktiv, aber sie untergräbt zugleich seine eigene Grundlage – die massenhafte Verwertung menschlicher Arbeit. ˧ Die Antwort darauf war nicht der unmittelbare Zusammenbruch. ˧ Die Antwort war Kredit. ˧ Immer mehr zukünftiger Reichtum wurde gewissermaßen in die Gegenwart vorgezogen. Schulden wuchsen schneller als die reale Wirtschaftsleistung. Finanzblasen erzeugten Vermögen. Und die Vereinigten Staaten konnten, gestützt auf den Dollar als Weltwährung, mehr importieren und konsumieren, als sie selbst produzierten. ˧ So entstand seit den 1980er Jahren jene eigenartige Weltwirtschaft, die Tomasz Konicz als globale Defizitökonomie beschreibt. ˧ Sie war nicht einfach nur eine Fehlentwicklung oder das Ergebnis falscher Politik. In der Lesart von Kurz und Konicz war sie eine historische Form der Krisenverzögerung. ˧ Das System hielt sich am Laufen, indem es immer größere Ansprüche auf eine Zukunft erzeugte, deren wirtschaftliche Grundlage zugleich immer prekärer wurde. ˧ Und genau diese Defizitökonomie bildete schließlich den Boden für jene erstaunliche Symbiose zwischen den Vereinigten Staaten und China, von der wir gerade gesprochen haben. ˧
Die Vereinigten Staaten konnten mehr konsumieren, als sie produzierten. Sie importierten Waren aus aller Welt und bezahlten dafür mit einer Währung, die zugleich die wichtigste Reservewährung der Welt war. ˧ Und genau hier begann die erstaunliche und historisch einzigartige Symbiose zwischen den Vereinigten Staaten und China. ˧ China produzierte. Amerika konsumierte. ˧ China exportierte Waren in die Vereinigten Staaten und erzielte gewaltige Handelsüberschüsse. Einen Teil dieser Überschüsse legte es wiederum in amerikanischen Staatsanleihen an. Damit finanzierte China gewissermaßen jenen amerikanischen Konsum mit, der wiederum die chinesische Exportindustrie am Laufen hielt. ˧ Ein gigantischer Kreislauf. ˧ Und zugleich ein historisches Paradox. ˧ Denn genau in diesem Kreislauf schien sich zunächst das alte Muster des hegemonialen Übergangs zu wiederholen. ˧ Die absteigende Macht verschuldet sich bei der aufsteigenden. ˧ Die alte Macht verliert ihre industrielle Basis. Die neue wird zur Werkbank der Welt. ˧ Großbritannien und die Vereinigten Staaten vor hundert Jahren. ˧ ˧ Die Vereinigten Staaten und China heute. ˧ ˧ Also doch: Das amerikanische Jahrhundert geht zu Ende und das chinesische beginnt? ˧ Genau hier sagt Tomasz Konicz: Nein. ˧ ˧ Denn diesmal fehlt etwas Entscheidendes. ˧ ˧ China übernimmt nicht ein gesundes Weltsystem, das nur auf einen neuen Motor wartet. China ist selbst Teil eines Weltsystems, dessen Motor ins Stottern geraten ist. ˧ Und mehr noch: China ist längst selbst von denselben Widersprüchen erfasst, die den Niedergang der alten Zentren bestimmen. ˧ Nach der großen Finanzkrise von 2008 konnte China den Einbruch seiner Exportmärkte durch gewaltige kreditfinanzierte Investitionen auffangen. Es wurden Städte gebaut, Straßen, Hochgeschwindigkeitsstrecken, Fabriken und vor allem Immobilien. Das hat die chinesische Wirtschaft noch einmal enorm wachsen lassen. ˧ Aber auch dieses Wachstum beruhte bereits zunehmend auf Verschuldung. ˧ Und genau darin liegt für Konicz der historische Unterschied. ˧ Als die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg zur unangefochtenen Hegemonialmacht aufstiegen, lag vor ihnen noch eine lange Phase realer industrieller Expansion. Der Fordismus hatte noch Jahrzehnte des Wachstums vor sich. ˧ China dagegen scheint, zugespitzt gesagt, bereits in die Krisenphase einzutreten, bevor es die globale Hegemonie überhaupt übernommen hat. ˧ Es ist ein möglicher Hegemon, dem die historische Wachstumsreserve fehlt, auf der eine neue stabile Weltordnung aufgebaut werden könnte. Und das ist kein politisches Missgeschick, sondern eher ein beweis dafür, dass die chinesischen Kommunisten Marx nicht wirklich durchdacht haben. Wenn Deng Hsiao Ping sagte: "es ist egal ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie frißt Mäuse", dann ist das nur eine Fortsetzung von Maos empiristischen Pragmatismus gewesen. Doch schon Mephisto sagt im Faust: ˧ "Verachte nur Verstand und Wissenschaft des Menschen allerhöchste Gaben dann hast dem Teufel Dich ergeben und musst elendiglich zugrunde gehen" ˧ Kaum zu glauben, dass diese große Nation mit dem höchsten intellektuellen Potential der Welt und ihren unbestrittenen technologischen Leistungen die Elementargesetze der politischen Ökonomie so stuzr ignoriert. ˧
Und dazu kommt eine zweite Grenze, die bei allen früheren hegemonialen Zyklen noch nicht in dieser Form existierte. ˧ Die ökologische Grenze. ˧ Jeder bisherige Hegemonialzyklus hat die materielle Expansion des kapitalistischen Weltsystems vergrößert. Mehr Produktion. Mehr Energie. Mehr Rohstoffe. Mehr Transport. Mehr Konsum. ˧ Aber wie soll ein neuer globaler Wachstumszyklus aussehen, der nun auch noch Milliarden Menschen auf das materielle Verbrauchsniveau der alten Industrieländer hebt, während gleichzeitig Klimasysteme kippen, Böden zerstört werden, Wasser knapp wird und der Kampf um Ressourcen härter wird? ˧ Das ist die eigentliche Provokation in Konicz' Argumentation. ˧ China scheitert als möglicher neuer Welthegemon nicht daran, dass es zu schwach wäre. ˧ Es könnte daran scheitern, dass die Welt, in der ein neuer Hegemon noch einmal dieselbe Rolle spielen könnte wie einst Großbritannien oder die Vereinigten Staaten, einfach nicht mehr existiert. ˧ Wir hätten es dann nicht mit einem normalen Machtwechsel zu tun. ˧ Nicht mit dem Übergang von einem amerikanischen zu einem chinesischen Jahrhundert. ˧ Sondern mit etwas viel Beunruhigenderem: ˧ Die alte Ordnung verliert ihre Fähigkeit, die Welt zu stabilisieren. Aber keine neue Macht kann an ihre Stelle treten und eine neue, dauerhaft tragfähige Ordnung schaffen. ˧ Und genau das könnte erklären, warum unsere Gegenwart so chaotisch, so widersprüchlich und so gefährlich erscheint. ˧ Wir erleben vielleicht kein geordnetes oder auch chaotisches Interregnum zwischen zwei Imperien. ˧ Wir erleben möglicherweise eine Welt, in der die Voraussetzungen für Imperien und Hegemonien selbst zerfallen. ˧ Und damit sind wir bei der zweiten, noch grundsätzlicheren These von Tomasz Konicz. ˧ Denn vielleicht verändert sich nicht nur die geopolitische Ordnung. ˧ Vielleicht verändert die Krise selbst ihre Qualität. ˧ Wir zwar einerseits sind gewohnt, von Krisen im Plural zu sprechen. ˧ Von der Wirtschaftskrise. Der Klimakrise. Der Energiekrise. Der Krise der Demokratie. Der Krise der Globalisierung. Von Kriegen und geopolitischen Konflikten. Von Lieferkettenproblemen, Inflation, Migration und dem Verlust gesellschaftlichen Zusammenhalts. ˧ Wir behandeln diese Krisen aber andererseits meistens so, als wären sie voneinander getrennte Probleme. Für jedes gibt es ein eigenes Ministerium, eigene Experten, eigene Konferenzen und eigene Lösungsvorschläge. ˧ Aber was, wenn diese Trennung selbst zunehmend falsch wird? ˧ Was, wenn wir es nicht mehr mit vielen Krisen zu tun haben, sondern mit verschiedenen Erscheinungsformen eines einzigen multiplen Krisenprozesses? Eines Krisenprozesses, der zwar die von Robert Kurz diagnostizierte innere Schranke der Wertproduktion einschließt, aber weit darüber hinausgeht – weil ökonomische, ökologische, geopolitische, soziale und politische Krisendynamiken inzwischen ineinandergreifen, sich gegenseitig verstärken und gemeinsam eine neue Qualität hervorbringen? Eine Qualität für die uns noch das Wort fehlt, weil es nicht einfach um eine "multiple" Krise geht, sondern mehrere eigenständige Krisendynamiken, die sich systemisch verschränkt rückkoppeln. Man könnte vielleicht von einer "polydynamischen" Krise sprechen. ˧ Genau hier setzt Konicz an. ˧ Er beschreibt die Krise des gegenwärtigen Weltsystems nicht als einen großen Zusammenbruch, der irgendwann plötzlich über uns hereinbricht. Nicht als jenen einen großen Crash, nach dem alles anders ist. ˧ Die Krise ist vielmehr ein historischer Prozess. ˧ Sie entwickelt sich über Jahrzehnte. Sie verlagert sich. Sie verändert ihre Form. Sie bricht an verschiedenen Stellen aus, wird scheinbar wieder eingedämmt und taucht an anderer Stelle erneut auf. ˧
Lange Zeit traf dieser Krisenprozess vor allem – wie Robert Kurz nicht müde wurde zu belegen – die Peripherien des Weltsystems. ˧ ˧ Vielleicht müssen wir uns noch einmal in das Jahr 1989 zurückversetzen, um zu verstehen, was damit gemeint ist. ˧ ˧ Die Berliner Mauer fiel. Wenig später zerfiel die Sowjetunion. Fast die ganze westliche Welt feierte den Sieg von Marktwirtschaft und Demokratie. Francis Fukuyama sprach sogar vom „Ende der Geschichte“. Das westliche Modell schien sich endgültig als überlegen erwiesen zu haben. ˧ ˧ Robert Kurz sah dasselbe Ereignis – und kam zu einer völlig anderen Schlussfolgerung. ˧ ˧ Für ihn war der Zusammenbruch des sogenannten Realsozialismus nicht der Sieg eines gesunden Kapitalismus über ein gescheitertes Gegenmodell. Denn die Sowjetunion war in seinen Augen gar kein grundsätzlich anderes System gewesen. Sie war der Versuch einer nachholenden Modernisierung gewesen: ein staatlich organisierter Weg, mit den entwickelten kapitalistischen Industrieländern gleichzuziehen. ˧ ˧ Auch dort ging es um Industrialisierung. Um Produktivitätssteigerung. Um die Verwandlung von Menschen in Arbeitskräfte. Um Produktion, Wachstum und die Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Nur eben unter staatlicher Regie. ˧ ˧ Und dieser Versuch brach als Erster zusammen. ˧ ˧ Kurz' provozierende These lautete deshalb: Was im Osten kollabiert, ist nicht das Gegenmodell zur westlichen Moderne. Es ist der schwächere Teil derselben Moderne. ˧ ˧ Das Weltsystem beginnt an seinen weniger konkurrenzfähigen Rändern zu brechen. ˧ ˧ Man könnte sich das vielleicht wie einen zugefrorenen See vorstellen. Wenn das Eis unter Spannung gerät, bricht es zuerst dort, wo es am dünnsten ist. Das bedeutet aber nicht, dass der Rest des Eises gesund und stabil ist. ˧ ˧ In den neunziger Jahren schien diese Diagnose zunächst absurd. Der Westen triumphierte. Die Globalisierung nahm Fahrt auf. ˧ ˧ Doch gleichzeitig zerfielen Staaten. ˧ ˧ Die Sowjetunion löste sich auf. Jugoslawien zerbrach in einem blutigen Krieg. In vielen Ländern Afrikas und Teilen Lateinamerikas hatten Schuldenkrisen, Strukturanpassungsprogramme und der Verlust wirtschaftlicher Perspektiven schon zuvor ganze Gesellschaften destabilisiert. Später sprach man von „failed states“, von gescheiterten Staaten, als wären dies jeweils lokale Unglücksfälle. ˧ ˧ Kurz sah darin etwas anderes. ˧ ˧ Für ihn waren das keine voneinander unabhängigen Katastrophen ferner Länder. Es waren frühe Erscheinungsformen einer Krise des gemeinsamen Weltsystems. Diejenigen, die unter den Bedingungen steigender Produktivität und wachsender Konkurrenz nicht mehr mithalten konnten, wurden zuerst aus dem Prozess erfolgreicher Kapitalverwertung herausgedrängt. ˧ ˧ Die Krise kam also nicht überall gleichzeitig. ˧ ˧ Sie fraß sich, wenn man so will, von den schwächeren Zonen des Weltsystems in Richtung seiner Zentren. ˧ ˧ Was uns lange als das Chaos der anderen erschien – Schuldenkrisen, Massenarmut, Staatszerfall, Bürgerkrieg –, konnte deshalb auch als Vorbote eines Prozesses gelesen werden, der keineswegs an den Grenzen Europas oder Nordamerikas Halt machen musste. ˧ ˧ Und tatsächlich rückten die Krisenerscheinungen immer näher an die Zentren heran. ˧ ˧ Die Dotcom-Krise. ˧ ˧ Die große Finanzkrise von 2008. ˧ ˧ Die Eurokrise, in der plötzlich mit Griechenland ein Teil der Europäischen Union unter eine Art ökonomische Zwangsverwaltung geriet. ˧ ˧ Die Pandemie. ˧ ˧ Inflation. ˧ ˧ Krieg. ˧ ˧ Nicht alles davon hat dieselbe Ursache. Und es wäre falsch, jedes Ereignis einfach aus einer einzigen Theorie abzuleiten. ˧ ˧ Aber das Muster, auf das Kurz früh hingewiesen hatte, wurde immer schwerer zu übersehen: Die Instabilität blieb nicht an der Peripherie. ˧ ˧ Sie wanderte ins Zentrum. Oder besser gesagt, in die Zentren. Und heute ist sie endgültig dort angekommen. Auch und gerade in China. ˧
Jede einzelne dieser Krisen konnte noch als Ausnahme erscheinen. ˧ ˧ Und nach jeder Krise wurde versucht, die Maschine wieder in Gang zu setzen. ˧ ˧ Mit neuen Krediten. Mit billigem Geld. Mit Konjunkturprogrammen. Mit noch größeren Eingriffen der Zentralbanken. ˧ ˧ Aber die Probleme verschwanden nicht. Sie wurden weitergeschoben. ˧ ˧ Und dabei wuchs das Krisenpotential. ˧ ˧ Konicz verwendet dafür einen Gedanken, der aus der Dialektik stammt: Quantitative Veränderungen können irgendwann in eine neue Qualität umschlagen. ˧ ˧ Das lässt sich am Klimawandel besonders anschaulich verstehen. ˧ ˧ Ein wenig mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre bedeutet zunächst nur: ein wenig mehr Erwärmung. Noch ein wenig mehr. Und noch ein wenig mehr. Ein scheinbar gradueller, quantitativer Prozess. ˧ ˧ Aber ein komplexes System reagiert nicht immer linear. ˧ ˧ Irgendwann können Kipppunkte erreicht werden. Eisschilde schmelzen. Permafrostböden tauen. Wälder können durch Hitze, Dürre und Brände schließlich mehr CO₂ freisetzen, als sie aufnehmen. Meeresströmungen verändern sich. Und plötzlich führt ein weiteres Zehntelgrad nicht einfach nur zu ein bisschen mehr von dem, was vorher schon da war. ˧ ˧ Das System beginnt sich qualitativ zu verändern. ˧ ˧ Und etwas Ähnliches, so Konicz, geschieht auch im ökonomischen und gesellschaftlichen System. ˧ ˧ Ein bisschen mehr Verschuldung kann eine Krise überbrücken. Noch mehr Verschuldung kann Wachstum finanzieren. Noch mehr Liquidität kann Finanzmärkte stabilisieren. ˧ ˧ Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Mittel, mit denen man die Krise bekämpft, selbst zum Teil der Krise werden. ˧ ˧ Senkt man die Zinsen und schafft neues Geld, um Wirtschaft und Finanzmärkte zu stabilisieren, drohen Inflation und neue Spekulationsblasen. Erhöht man die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen, geraten hoch verschuldete Staaten, Unternehmen und Haushalte unter Druck und eine Rezession droht. Und am Schluss haben wir Stagflation, Rezession und Inflation zusammen. ˧ Was gestern noch Krisenmedizin war, kann morgen die nächste Krise auslösen. ˧ ˧ Und nun kommt der entscheidende Punkt. ˧ ˧ Diese Prozesse laufen nicht nebeneinander her. ˧ ˧ Sie beginnen sich miteinander zu verbinden. ˧ ˧ Die Klimakrise führt zu Dürren und Ernteausfällen. Ernteausfälle erhöhen die Lebensmittelpreise. Steigende Lebensmittelpreise verschärfen soziale Konflikte und politische Instabilität. Politische Instabilität kann Staaten zerfallen lassen und Fluchtbewegungen auslösen. Fluchtbewegungen wiederum verschärfen politische Konflikte in den Zielländern und stärken autoritäre Bewegungen. ˧ ˧ Kriege zerstören Infrastruktur und unterbrechen Lieferketten. Unterbrochene Lieferketten verteuern Energie, Rohstoffe und Lebensmittel. Steigende Preise erhöhen den sozialen Druck. Staaten reagieren mit Subventionen und neuen Schulden. Neue Schulden verengen wiederum ihren zukünftigen Handlungsspielraum. ˧ ˧ Der Kampf um knapper werdende Ressourcen verschärft geopolitische Konflikte. Geopolitische Konflikte führen zur Aufrüstung. Aufrüstung bindet enorme materielle und finanzielle Ressourcen, die für den ökologischen Umbau fehlen. Und die ökologische Krise verschärft wiederum den Kampf um Ressourcen. ˧ ˧ Die Krisen beginnen einander zu ernähren. ˧ ˧ Und plötzlich verändert sich das ganze Bild. ˧ ˧ Die Wirtschaftskrise ist nicht mehr nur eine Wirtschaftskrise. ˧ ˧ Die Klimakrise ist nicht mehr nur eine Umweltkrise. ˧ ˧ Der Krieg ist nicht mehr nur ein militärischer Konflikt. ˧ ˧ Die politische Krise ist nicht mehr nur eine Frage schlechter Regierungen. ˧ ˧ Alles greift ineinander. ˧ ˧ Und genau darin besteht die neue Qualität der Krise. ˧ ˧ Vielleicht können wir uns das wie ein Netz vorstellen. Solange nur ein einzelner Faden reißt, lässt er sich reparieren. Aber wenn immer mehr Fäden gleichzeitig unter Spannung geraten und das Reißen des einen die Belastung der anderen erhöht, dann haben wir es nicht mehr mit einzelnen Schäden zu tun. ˧ ˧ Dann wird das Netz selbst instabil. ˧ ˧ Und damit verändert sich auch die Bedeutung jener geopolitischen Konflikte, mit denen wir begonnen haben. ˧ ˧ Wenn die ökonomische Expansion nicht mehr alle Beteiligten mit wachsenden Überschüssen versorgen kann, wenn ökologische Grenzen immer spürbarer werden und wenn gleichzeitig die globalen Schuldenberge weiter wachsen, dann wird der Kampf um die Verteilung härter. ˧ ˧ Solange der Kuchen wächst, kann man darüber streiten, wer das größere Stück bekommt. ˧ ˧ Wenn der Kuchen aber nicht mehr wächst – oder seine Herstellung die Küche in Brand setzt –, verändert sich der Charakter des Streits. ˧ ˧ Dann wird aus Konkurrenz immer leichter ein Verdrängungskampf. ˧ ˧ Vielleicht erklärt das auch etwas von jener Irrationalität, mit der wir diese Sendung begonnen haben. ˧ ˧ Vielleicht sind die Mächtigen nicht einfach nur verrückt geworden. Vielleicht handeln sie zunehmend innerhalb eines Systems, dessen Zwänge selbst immer irrationalere Ergebnisse hervorbringen. ˧ ˧ Jeder Staat versucht, seine Wirtschaft zu schützen. ˧ ˧ Jeder versucht, sich Rohstoffe zu sichern. ˧ ˧ Jeder versucht, seine technologische Basis zu verteidigen. ˧ ˧ Jeder versucht, im globalen Wettbewerb nicht zurückzufallen. ˧ ˧ Und gerade indem jeder versucht, sich selbst zu retten, wird das Gesamtsystem instabiler. ˧ ˧ Die Globalisierung zerfällt in konkurrierende Blöcke. Lieferketten werden zu geopolitischen Waffen. Technologien werden abgeschottet. Ressourcen werden strategisch gesichert. Handelsbeziehungen werden Sicherheitsfragen. ˧ ˧ Und damit schließt sich der Kreis zu unserer Ausgangsfrage. ˧ ˧ In einer solchen Welt wird es immer schwieriger, eine neue stabile Hegemonie aufzubauen. ˧ ˧ Denn Hegemonie braucht mehr als militärische Überlegenheit. Sie braucht eine Ordnung, die auch für andere genügend Vorteile produziert, damit sie sich ihr anschließen. ˧ ˧ Doch was geschieht, wenn das System immer weniger gemeinsame Gewinne und immer mehr Verteilungskämpfe hervorbringt? ˧ ˧ Dann wird aus Hegemonie Herrschaft. ˧ ˧
Aus Kooperation Aus Konkurrenz wird Feindschaft. ˧ ˧ Und aus der Weltordnung wird ein Kampf darum, wer die Kosten der Krise auf wen abwälzen kann. ˧ ˧ Das ist die düstere Konsequenz, zu der Tomasz Konicz gelangt. Und sie ist sachlich gesehen richtig. ˧ Aber genau an diesem Punkt möchte ich beginnen, mich von ihm ein Stück weit zu entfernen. Ich habe schon oft in dieser Sendung darauf hingewiesen, dass sich kritische Intelligenz von visionärer Intelligenz unterschiedet. Und hier ist ein entschiedener Moduswechsel angesagt. ˧
Und ich tu das nicht weil ich seine Diagnose für falsch halte. Im Gegenteil. Vielleicht müssen wir die Radikalität dieser Diagnose erst einmal wirklich an uns heranlassen. ˧ ˧ Aber eine Diagnose ist noch keine Zukunft. ˧ Wenn die Krisen sich systemisch miteinander verbinden, dann können wir ihnen nicht mehr mit isolierten Einzelmaßnahmen begegnen. ˧ Dann brauchen auch unsere Antworten eine neue Qualität. ˧ Vielleicht besteht die entscheidende Frage unserer Zeit also nicht mehr darin, wer die Welt von oben wieder in Ordnung bringen wird. ˧ Vielleicht müssen wir eine ganz andere Frage stellen. ˧ ˧ Wie entsteht Handlungsfähigkeit von unten, wenn die großen Systeme ihre Fähigkeit verlieren, Sicherheit, Versorgung und gesellschaftlichen Zusammenhalt zuverlässig zu garantieren? ˧ Und damit beginnt der zweite Teil unserer Reise. ˧ Denn während die großen Systeme immer stärker unter Druck geraten, entstehen an vielen Orten – oft klein, unspektakulär und kaum beachtet – andere Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens. ˧ Formen, in denen Menschen beginnen, die Grundlagen ihres Lebens wieder gemeinsam zu tragen. ˧
Systemische Resilienz ˧ Wie also entsteht Handlungsfähigkeit von unten, wenn die großen Systeme ihre Fähigkeit verlieren, Sicherheit, Versorgung und gesellschaftlichen Zusammenhalt zuverlässig zu garantieren? ˧ Vielleicht müssen wir zunächst die Konsequenz aus unserer Diagnose ziehen. ˧ Wenn die Krise polydynamisch ist, dann muss auch Resilienz polydynamisch werden. ˧ Wenn Wirtschaft, Ökologie, Versorgung, soziale Beziehungen und politische Stabilität auf zerstörerische Weise miteinander verkoppelt sind, dann können wir sie nicht länger so behandeln, als wären sie voneinander unabhängige Baustellen. ˧ Vielleicht liegt genau darin eine der Schwächen unserer bisherigen Antworten. ˧ Wir versuchen, jedes Problem mit einem eigenen Instrument zu lösen. Für die Wirtschaft gibt es Wirtschaftspolitik. Für das Klima Klimapolitik. Für soziale Probleme Sozialpolitik. Für Bildung Bildungspolitik. Und für Sicherheit neuerdings vor allem Aufrüstung. ˧ Aber wenn die Krisen sich gegenseitig verstärken, dann brauchen wir Strukturen, in denen sich auch die Lösungen gegenseitig verstärken. ˧ Und hier stoßen wir auf eine merkwürdige Leerstelle. ˧ Denn wir haben uns daran gewöhnt, die Organisation unseres Lebens im Wesentlichen zwei großen Systemen zu überlassen. ˧ Dem Markt und dem Staat. ˧ Der Markt soll möglichst effizient produzieren und verteilen. Der Staat soll dort korrigieren, regulieren und absichern, wo der Markt versagt. Und seit Jahrzehnten streiten wir darüber, von welchem der beiden wir mehr und von welchem wir weniger brauchen. ˧ Aber vielleicht ist das eine falsche Alternative. ˧ Denn es gibt noch eine dritte Form gesellschaftlicher Organisation, die viel älter ist als der moderne Markt und der moderne Staat. ˧ Die Gemeinschaft. ˧ Menschen können Dinge nicht nur kaufen oder von einer Behörde bereitgestellt bekommen. Sie können sie auch gemeinsam organisieren, gemeinsam finanzieren, gemeinsam nutzen und gemeinsam Verantwortung für sie übernehmen. ˧
Natürlich ist Gemeinschaft kein Zauberwort. Gemeinschaften Aber in den letzten Jahrzehnten sind an vielen Orten neue Formen von Gemeinschaft entstanden, die gerade nicht auf Abschottung beruhen. ˧
Kooperativen. Commons Das Prinzip ist ebenso einfach wie radikal. ˧ Eine Gruppe von Menschen kauft nicht einfach Gemüse bei einem Bauern. Sie trägt gemeinsam die Landwirtschaft. ˧ Die Frage lautet nicht mehr: Was kostet ein Kilo Tomaten? ˧ Die Frage lautet: Was kostet es, einen Hof ein Jahr lang so zu betreiben, dass die Menschen, die dort arbeiten, davon leben können, dass der Boden erhalten bleibt und dass gute Lebensmittel entstehen? ˧ Diese Kosten trägt die Gemeinschaft gemeinsam. ˧ Und sie teilt auch das Risiko. ˧ Wenn die Ernte gut ist, gibt es mehr. Wenn sie schlecht ist, gibt es weniger. Produzenten und Konsumenten stehen einander nicht mehr als Verkäufer und Käufer gegenüber. Sie übernehmen gemeinsam Verantwortung für die Bedingungen, unter denen ihre Versorgung überhaupt möglich ist. ˧ Und plötzlich verändert sich sehr viel. ˧ Der Landwirt muss nicht mehr jeden einzelnen Salatkopf auf einem anonymen Markt verkaufen. Die Gemeinschaft bekommt nicht nur Lebensmittel, sondern eine Beziehung zu dem Boden, von dem sie lebt. Geld wird nicht abgeschafft, aber es bekommt eine andere Funktion. Es dient nicht mehr nur dem Tausch einzelner Waren, sondern der gemeinsamen Ermöglichung einer notwendigen Tätigkeit. ˧ Und nun kommt die vielleicht entscheidende Frage. ˧ Warum eigentlich nur Landwirtschaft? ˧ Warum sollte dieses Prinzip nicht auch in anderen Bereichen funktionieren? ˧ Bei Energie. ˧ Bei Wohnen. ˧ Bei Mobilität. ˧ Bei Pflege und Gesundheit. ˧
Was wäre, wenn Gemeinschaften Genau für diese Idee gibt es inzwischen einen Namen. ˧ Community Supported Everything. ˧ CSX. ˧ Gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften. ˧ Und ich muss gestehen: Als ich mich näher mit diesem Begriff beschäftigt habe, hatte ich einen Moment des Wiedererkennens. ˧ Denn vielleicht ist das gar nicht einfach ein weiteres alternatives Wirtschaftsmodell neben vielen anderen. ˧ Vielleicht berührt es etwas, wonach wir mit der Idee der Globalen Dörfer seit Jahrzehnten suchen. ˧ Ein Globales Dorf war für mich nie die Rückkehr in eine abgeschlossene, idyllische Vergangenheit. ˧ Es ist das genaue Gegenteil. ˧ Es ist eine Gemeinschaft, die lokal handlungsfähig und zugleich global lernfähig ist. ˧ Eine Gemeinschaft, die die Möglichkeiten des weltweiten Wissens nutzt, aber nicht jede Grundlage ihres Lebens an anonyme globale Systeme delegiert. ˧ Die nicht versucht, autark zu werden, sondern resilient. ˧ Die nicht alles selbst machen muss, aber wieder versteht, wovon sie abhängig ist, und dort Verantwortung übernimmt, wo sie es kann. ˧ Vielleicht liegt hier tatsächlich eine Antwort auf jene Entwicklung, mit der wir diese Sendung begonnen haben. ˧ Wenn die großen Imperien immer weniger in der Lage sind, eine stabile Ordnung für die Welt zu schaffen, dann muss daraus nicht zwangsläufig nur Chaos entstehen. ˧ Vielleicht kann Ordnung auch anders wachsen. ˧ Nicht von einem neuen Zentrum aus. ˧
Sondern aus vielen handlungsfähigen Gemeinschaften Nicht Autarkie. ˧ Nicht Abschottung. ˧ Nicht ein Rückzug aus der Welt. ˧ Sondern vernetzte Selbstorganisation. ˧ Vielleicht besteht die Alternative zur systemischen Krise tatsächlich in der systemischen Gemeinschaft. ˧
Und vielleicht beginnt das Zeitalter der Gemeinschaften Ich möchte diesen Gedanken heute bewusst nur bis zu dieser Schwelle führen. ˧ Denn die Frage, wie eine solche gemeinschaftsgetragene Ökonomie konkret aussehen könnte, führt uns unmittelbar zu einem Thema, das mich in den letzten Monaten immer stärker beschäftigt hat: zur Biosphäre. ˧ Was wäre, wenn ein Biosphärenpark nicht nur ein Gebiet wäre, in dem Natur geschützt wird? ˧ Was wäre, wenn er zugleich zu einem Lernraum würde, in dem Menschen neue Formen des Wirtschaftens erproben – Formen, die die Regeneration der Natur und die Lebensqualität der Menschen nicht länger als Gegensätze behandeln? ˧ Und welche Rolle könnten dabei gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft, Energie, Mobilität, Handwerk, Bildung und all die anderen Bereiche spielen, die unter dem Begriff Community Supported Everything zusammenkommen? ˧ Darüber möchte ich in einer der nächsten Sendungen ausführlicher sprechen. ˧ Für heute möchte ich Euch mit einer Vermutung zurücklassen. ˧ Vielleicht erleben wir tatsächlich das Ende einer Epoche. ˧ Aber das Ende des Zeitalters der Imperien muss nicht das Ende von Ordnung bedeuten. ˧ Es könnte auch der Anfang einer anderen Form von Ordnung sein. ˧ Einer Ordnung, die nicht von oben aufgezwungen wird, sondern von unten wächst. ˧ Einer Ordnung, die nicht auf der Macht eines Zentrums beruht, sondern auf der Handlungsfähigkeit vieler miteinander verbundener Orte. ˧ Vielleicht ist genau das die historische Aufgabe, vor der wir stehen. ˧
Vom Zeitalter der Imperien zum Zeitalter der Gemeinschaften Und vielleicht sind die Globalen Dörfer ein kleiner Teil dieser Antwort. ˧
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