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Zusammenfassung

In dieser Folge von "Willkommen im Globalen Dorf" möchte ich die verschiedensten hemmenden Faktoren thematisieren, die der Vision einer dezentralen gewaltfreien Gesellschaft entgegenstehen. Nicht um diese am Ende zu diskreditieren, sondern um uns allen klar zu machen wie groß die Aufgabe wirklich ist. ˧

- Der immer weiter zunehmende Nationalismus und die Abgrenzung der Kulturen werden globale Kooperation enorm erschweren. Ohne gegenseitiges Verständnis ist grenzüberschreitende Zusammenarbeit nicht vorstellbar. ˧

- Die zunehmenden geopolitischen Konflikte führen zu einer Polarisierung der Welt in Blöcke. Dies gefährdet die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit dezentraler Strukturen. ˧

- Die fortschreitende Militarisierung der Gesellschaften lenkt immense Ressourcen in die Rüstungsindustrie anstatt in Friedensprojekte. Auch ideologisch dominiert ein kriegerisches Weltbild. ˧

- Pandemien und andere Schocks treffen periphere Räume aufgrund schwächerer Infrastruktur besonders hart und machen im Vollsinn autarke Systeme nahezu unmöglich. Die Globale Migration zeigt auch wie die klimatische Lebensfeindlichkeit an vielen Peripherien zunimmt. ˧

- Die zunehmende Ungleichheit zwischen Zentren und Peripherien lässt einen freiwilligen Ausgleich durch die Zentren illusorisch erscheinen. Eine Abkopplung ist nicht realistisch. ˧

- Digitale Infrastrukturen sind verwundbar und können im Konfliktfall absichtlich oder unabsichtlich zusammenbrechen, was Isolation bedeutet. ˧

- Die traditionellen Strukturen in vielen Gesellschaften und die Zurückweisung moderner Werte erschweren eine Integration in globale Netzwerke. ˧

[... also eine ekklektische Umschau, ich könnte noch viel erwähnen, das ganze ist sicher auch geschuldet einem Rückfall in eine tiefe gesundheitliche und persönliche Krise, es hängt ja vieles miteinander zusammen. Diese Sendereihe ist vielleicht meine letzte Hoffnung meine Gedanken am Leben zu halten und Menschen zu erreichen.] ˧

Insgesamt sieht es so aus, als ob die strukturellen Barrieren und globalen Entwicklungen eine Umsetzung des Konzepts globaler Dörfer zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr schwierig machen. Vielleicht ist es ein Programm das noch viele Jahre und Jahrzehnte heranreifen muss - vielleicht ist aber auch ein Bewusstseinssprung aus diesem Disasrter möglich.


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Willkommen im Globalen Dorf, 47. Folge.

Danke fürs Reinhören bei der Dezemberausgabe der Sendung "Willkommen im Globalen Dorf" am Weihnachtstag 2023 beI Radio Agora und danach auch bei andern freien Radios und am Archiv der freien Radios. ˧

Die heutige Sendung, ist - wie auch die letzte mit der künstlichen Intelligenz - eine eher düstere. Ich möchte den Faden von selbstkritischen Folgen wie Folge 32 und 35 weiterspinnen und uns allen angesichts der jüngsten Entwicklungen die hemmenden Faktoren für eine kooperative Dezentralisierung drastisch verdeutlichen und zusammenfassen. ˧

Als Einstieg braucht man ja nur die aktuellen Weltereignisse und ihre Reflexion in Medien und öffentlichem Bewusstsein anzuschauen. ˧

Die scheinbare Rationalität und Alternativlosigkeit von Krieg und Gewalt hat gerade durch die Entwicklungen im Nahen Osten, aber auch durch die Entwicklung in der Ukraine eine neue Dimension erhalten; In dem einen Fall wird hierzulande ein bedingungsloses Bekenntnis zur rächenden und überlegenen Gewalt Israels im Gazastreifen gefordert und damit moralische Empörung der Parteinahme für die richtige Partei untergeordnet, im anderen Fall wird gerade die gegen alles bisherige Hochjubeln immer sichtbarere Erfolglosigkeit der ukrainischen Seite zum Argument, die europäischen Gesellschaften mental und materiell noch tiefer in den Konflikt hineinzuziehen. Eine Position wie sie hier vertreten wird, nämlich dem System von Kommando und Kontrolle eine prinzipielle Absage zu erteilen, erscheint nicht einfach als weltfremd; sie hat zunehmend keinen Platz mehr in einem öffentlichen Diskurs in dem die Kriegstauglichkeit zunehmend zu Maßstab des Denkens, Fühlens und Handelns gemacht wird - ob offen wie in den Ansagen des deutschen Verteidigungsministers oder implizit, wenn praktisch durch die milliarednschwere Teilnahme an Waffenprogrammen wie "sky shield" die militärische Neutralität Österreichs für obsolet erklärt wird. ˧

Das ist nur einer der vielen Realitätssplitter die schmerzhaft fühlbar machen dass Minimalvoraussetzungen für eine Welt Globaler Dörfer in großer Gefahr sind. Ein anderes Feld ist zum Beispiel die Abschottung der Netzwerke der Kommunikation, die im Gefolge der zunehmend heißer werdenden Konfrontation der Machtblöcke droht. Das ist im großen wie im kleinen zu spüren. Im Groß0en indem die technischen Barrieren weltweiter Interoperabilität und Standardisierung unter dem Vorbehalt der drohenden Nutzung der Netzwerke für Spionage und Sabotage wachsen und sich längst ein chinesisches und ein westliches Netz eigenständig entwickeln. Im Kleinen wenn die bislang geübte Freizügigkeit des Informationszugangs auch dort eingeschränkt wird wo man bisher auf Offenheit stolz war . Österreich war hier Vorreiter, indem es in einer für westliche Demokratien einzigartigen Radikalität nicht nur Serververbindungen abschaltete, sondern das Republizieren russischer Propaganda zum inkriminierbaren Tatbestand machte. ˧

Hinweise dass ja auch die andere Seite schon lange in dieser Richtung agiert werden längst nicht mehr damig gekontert dass man dann eben ein Beispiel demokratischer Kultur geben müsse. Mit größter Selbstverständlichket wird vielmehr darauf verwiesen, dass das Netz zum Tummelplatz von Manipulation und Einflussnahme geworden ist. Und wenn sich dann eine Industie des "Checkens von Fakten" etabliert ist diese selbst kaum mehr von Manipulation und Einflussnahme zu unterscheiden. Abgesehen davon dass jede Innovation die Grundfunktionalitäten des Netzes immer mehr zu zerstören droht. Ob sich das mit KI verschärft oder wie letztes Mal angedeutet einen Ausweg vorbereiten könnte sei dahingestellt. ˧

Zunächst steht zu befürchten dass die Leistungen der sogenanten künstlichen Intelligenz auf allen Gebieten die ohnehin schon prekäre Glaubwürdigkeit von Information im Netz weiter reduziern werden. ˧

Mittlerweile bin ich selbst mit jedem Tag mehr von Zweifeln befallen, ob sich der hohe Anspruch und die großen Erwartungen die ich dargelegt habe jemals in substantielle gesellschaftliche, räumliche, materielle und politische Realität umsetzen lassen werden. Aber umgekehrt erscheint mir gerade das Festhalten an diesen Ansprüchen der einzige Weg, den verhängnisvollen Rückfällen der Gegenwart in ein Denken der Machtblöcke, der Dominanz, der offenen und subtilen Gewalt, der Gedankenkontrolle und der Selbstgerechtigkeit zu begegnen. Ich möchte aber genau aus diesem Grund heute noch einmal die entgegenwirkenden Faktoren geballt anschauen, ganz illusionslos. ˧

Die ganze Idee Globaler Dörfer setzt ja voraus, dass lokale Gemeinschaften aus verschiedenen Ländern und Kulturen miteinander kommunizieren und in Resonanz gehen, dass Menschen diese Resonanzkerne finden, aufsuchen, zusammenleben und arbeiten können. Ohne ein Mindestmaß an Verständigung und gegenseitigem Respekt der Kulturen kann diese Resonanz nicht funktionieren. Wir erleben gerade in jüngster Zeit eine geradezu beängstigende Aufschaukelung des Hasses und Misstrauens zwischen den Kulturen, Nationalitäten, Religionen. Wahrscheinlich ist der 7. Oktober 2023 und die folgenden Entwicklungen in Gaza mindestens ebenso schwerwiegend für die Verunmöglichung der wunderbaren Potentiale die hier besprochen wurden wie der Ukrainekrieg. Und wir wissen dass weitere Lunten brennen und es nur eine Frage der Zeit ist bevor die Weltmächte im südchinesischen Meer um Taiwan zusammenprallen. ˧

So haben sich aktuelle Entwicklungen zu altbekannten strukturellen Barrieren gesellt und sie verstärkt. Ich möchte heute vor allem über diese Strukturellen Barrieren reden und mit dem Raum beginnen. Aber am Schluss kehren wir zur Politik zurück. ˧

Raum

Ein wichtiges Gegenargument zur Dezentralisierung ist das potenzielle Zurückbleiben der Standards in ländlichen und peripheren Räumen angesichts der exponentiell wachsenden Komplexität unserer Gesellschaft. Während in den Städten ständig Neues entsteht, scheint das Leben in den Dörfern und Kleinstädten zu stagnieren und die Zeit stillzustehen. Sie scheinen einfach auf allen Ebenen überfordert mit der Fülle der Möglichkeiten und Entwicklungen; es mangelt an Ressourcen, Menschen, Spielräumen. Wir haben viele Faktoren kennengelernt die das ausgleichen könnten, von Bildungsvernetzung, Ressourcenteilung, gezielter Einsatz von Kommunikationtechnologien bis hin zur Spezialisierung innerhalb einer Kleinregion. Doch nur wenige haben bislang die Kraft gehabt in diese Richtung aufzubrechen. ˧

Ländliche und periphere Räume können oft mit einer schlechteren Infrastruktur konfrontiert sein, sei es in Bezug auf Straßen, Transportmittel oder Kommunikationsnetze. Dazu kommt eine wachsende Verwundbarkeit der Peripherien in Zeiten der Extremereignisse, ausgelöst vor allem durch den Klimwawandel. Extremwetterereignisse wie Dürren oder Unwetter und Stürme werden immer häufiger und bedrohen speziell die Peripherien. Wir erleben einen Hauch davon, wenn ein Wintereinbruch plötzlich die Stromversorgung in ländlichen Gebieten lahmlegt. Die Steigerung von Resilienz und der Fähigkeit mit lokalen Mitteln solche Situationen zu bewältigen ist eine große strukturelle Herausforderung. ˧

Ich habe immer die externe Unterstützung durch die Zentren , die an ihrer eigenen Saturiertheit und zugleich einer anderen Art von Verwundbarkeit leiden, beim Aufbau solcher lokaler Fähigkeiten als eine notwendige Bedingung der Herausbildung attraktiver Dezentralität gekennzeichnet. Doch weniger denn je ist diese Idee, dass sich Städte in Netzwerkknoten verwandeln und Lebensräume in einem weiten Umfeld schaffen helfen - also die Idee der Mutterstädte - wirkmächtig. Die Zentren sind eben immer noch auf sich selbst und ihre relative Position im Verhältnis zu anderen Zentren fixiert und sehen ihr Heil in weiterem Wachstum. Das verstärkt den vorhin angesprochenen Effekt der zunehmenden Abstände und hat Auswirkungen auf alle Lebensbereicheb bis hin zur Bildung und gesundheitlichen Versorgung. ˧

In entlegenen Gebieten ist etwa der Zugang zu hochwertiger Bildung in der Regel sehr eingeschränkt. Dieses Ungleichgewicht in den Bildungsmöglichkeiten beeinträchtigt die Chancen und das Potenzial der Menschen und Gemeinschaften, das beste Wissen der Zeit zur Lösung von Problemen zur Verfügung zu haben oder aktiv danach zu suchen. Speziell junge Menschen fühlen sich abgehängt und werden durch die Bildungsmöglichkeiten der Städte angezogen. Modelle wie etwa der ländliche Bildungscampus in Saalfelden mit Anbindung an Universitäten sind die absolute Ausnahme geblieben. ˧

Ländliche und periphere Regionen haben in der Regel auch eine begrenzte Gesundheitsversorgung , wodurch die Menschen schlechtere Gesundheitsdienstleistungen und längere Wege zu medizinischer Hilfe haben. Dies betrifft dann vor allem die Äalteren und Gebrechlichen. Ich habe diese Differenz, die oft über Leben und Tod entscheiden kann, gerade am eigenen Leib erfahren - und betrachte das durchaus als eine sehr ernüchternde Schlüsselerfahrung. ˧

Wenn also selbst schon in der Binneninfrastruktur entwickelter Nationen solche Differenzen auftreten, ist es kein Wunder dass über die Grenzen hinweg diese Differenzen dramatisch zunehmen und weltweite Migrationsbewegungen auslösen. Die peripheren Staatswesen sind ja in einem ganz anderen Verhältnis zu ihrer Bevölkerung; diese Staaten machen sich nicht einer eigenen erfolgreichen Ökonomie dienstbar, in der das Zusammentreffen von Kapital und Arbeitskraft der regelungsbedürftige Motor staatlicher Existenz ist; ihre Herrschaft lebt von auswärtigem Interesse, zum Beispiel an den Rohstoffen und Naturschätzen die erst anderswo zu wirklichem Reichtum werden. Auch wenn rund um die Ölquellen, Plantagen, Minen - und was es eben sonst so gibt an Reichtumsquellen - jede Menge Menschen leben, so hat der Staat in diesen Ländern seit jeher ein negatives Verhältnis zu seinen Untertanen gehabt; sie werden eher geduldet solange sie nicht stören, sind Quelle von massenhaftem Fanatismus und gewaltsamer Manpower im Kampf um die Macht, die wiederum ihre ökonomische Quelle in der auswärtigen Finanzierung beziehunsweise im Anteil am Erlös der Rohstoffe auf den Weltmärkten hat. Oft genug ist ja schon die Technologie der Förderung der "Bodenschätze" Grundlage des Engagements ausländischer Konzerne und die zahlen eben eine politische Rente an die Garanten von Ruhe und Ordnung. ˧

In dem Maß in dem die Benutzung fortschreitet werden Menschen überflüssig, auch für die ohnehin schon überfüllten Armutsökonomien und Hüttwnaiedungwn am Rand der peripheren Metropolen. Man kann endlos darüber streiten ob die Migrationsbewegung mehr dem Klimawandel geschuldet ist oder dem Verbrauch von fruchtbarem oder sonst irgendwie profitträchtigem Land durch zumeist ausländisches Kapital - Klar ist dass so und so die Basis einer mehr oder weniger auf Subsistenz gegründeten Lebensweise verschwindet. ˧

Wenn wie wir in dieser Sendereihe dargelegt haben die Vereinten Nationen und ihre entwicklungspolitischen Abteilungen eine "in situ Urbanisierung" fordern, also den Zugan zu urbanen Standards in den Gebieten die überhaupt noch Menschen ernähren, dann müsste sich diese Investition nach grundlegend anderen Kriterien richten als der Errichtung einer konkurrenzfähigen lokalen Landwirtschaft. In einer Welt in der der immense Reichtum und die damit einghergehende Produktivität der Metropolen auch den Effekt hat, mit billigen landwirtschaftlichen Produkten in den abhängig gemachten Nationen residuale Kaufkraft aufzusugen und eben auch die lokale, nichtindustrialisierte Produktion niederzukonkurrieren, müsste von vorneherein lokale Kreislaufwirtschaft, also durchaus eine modernisierte Firm der lokalen Subsistenz, als einzig vernünftiges Modell einer nachhaltigen bzw. regenerativen Entwicklung fungieren. Doch konfligiert dieses Modell eben mit der Situation des permanenten Notverkaufes, in der sich viele Länder befinden, die daraufhin ihre Ressourcen eher auf Geschäftstauglichkeit mustern. Und wo tatsächlich eine Stabilisierung und Ressourcenkonsolidierung stattfindet, wo also Inseln des relativen Wohlstands entstehen, ist es nicht ausgemacht dass sie neue Begehrlichkeiten weckt und erst recht wieder zerstört werden, dazu gleich mehr. Letztlich stehen immer wieder neue politmilitärische Rackets zur Verfügung, die um die Macht putschen, unterstützt von Geheimdiensten und sonstigen Instanzen zur Verhinderung von Geschäftsstörung. ˧

Doch wer will heute überhaupt noch solche radikalen Ziele setzen? In unserer Vision wäre die Entwicklung solcher Inseln und Kerne durch eine Logik der kooperativen Vernetzung mit erfolgreichen Ansätzen der Abkopplung von der Wachstumswirtschaft in den Metropolen - also eben auch Inseln und Kerne - möglich gewesen, wenn sie von vorneherein auf redikal geteiltem Wissen und dem Willen zur Multiplikation beruht hätte; spekulativ ergänzt um Unternehmen die von einem solchen Boom hin zu mehr Eigenmacht und lokalen Kreisläufen profitieren. Diese Entwicklung hab ich als wirkliche Friedenskraft gekennzeichnet, verbunden mit der Notwendigkeit gewaltiger Vorleistungen und Investitionen. ˧

In Sendung 30 habe ich auch die kühne Vision eines Weltfriedensdorfes zuitiert, das im Grunde genommen eine lebendige Weltausstellung regenerativer Technologien - und auch eine direkte Antithese zur Militarisierung hätte sein können. Solchen Träumen scheint durch die geistige Mobilmachung, ja die von vielen schon geforderte Umstellung Europas auf eine Art hochsubventionierte Kriegswirtschaft schon rein ressourcenmäßig für lange Zeit der Boden entzogen zu werden. ˧

Die Auswirkuneg auf das räumliche und natürliche Gefüge unseres Planeten können nur mit dem Wort zunehmende Rücksichtslosigkeit beschrieben werden. Der historische Witz, dass etwa die deutschen Grünen zur Agentur für die massenhafte Umstellung auf besonders umweltzerstörerisches Fracking Gas aus den USA geworden sind lässt erahnen in welce Richtung es da geht. Ein wenig später möchte ich auf diese verhängnisvollen Entwicklungen noch genauer eingehen. Es wird aber Zeit dass wir die anderen Dimensionen ebenso kritisch betrachten, zum Beispiel die soziolulturelle. Denn da sieht es ebensowenig erfreulich aus. ˧

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Soziales / Kultur

  • Erste unerfreuliche Entwicklung: In vielen Ländern steigt der Nationalismus und die Ablehnung von Globalisierung und Migration. ˧
Ich hatte schon einmal in einer Sendung berichtet: Das Dorf Riace in Kalabrien hatte sich unter der langjährigen Führung des Bürgermeisters Domenico Lucano zu einem Modell der Integration von Flüchtlingen entwickelt. In dem kleinen Ort lebten zeitweise über 2000 Migranten, die gut in die dörfliche Gemeinschaft integriert waren. ˧

Sie halfen dabei, das Sterben des Dorfes aufzuhalten, indem sie kleine Handwerksbetriebe und einwandfrei leerstehende Häuser wiederbelebten. Dieses Beispiel inklusiver Dorfentwicklung fand weltweit Beachtung. ˧

Als jedoch 2018 ein rechtsgerichteter Innenminister in Italien das Ministerium übernahm, änderte sich die Politik. Der Bürgermeister Lucano wurde wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung angeklagt, obwohl internationale Beobachter das Verfahren als politisch motiviert einstuften. ˧

In der Folge verließen viele der Migranten das Dorf. Die Integrationsarbeit war zerstört. Rechte Gruppen feierten das Ende des "Anziehungspunktes für illegale Einwanderer". Riace hatte seinen Status als globales Dorf verloren und ist heute nur noch ein normales verlassenes Bergdorf. ˧

Dieses Beispiel aus Italien zeigt sehr anschaulich, wie wachsender Nationalismus auch etablierte integrative Projekte gefährden und letztlich zum Scheitern bringen kann. Dabei wären die Vorteile aus dieser Art Projekten gewaltig, doch nur wenige in Europa wagten es sich für diese lokalen Experimente einzusetzen. Und nur ganz wenige vermögen bewusst zu unterscheiden zwischen einer Migrationsstrategie die ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung durchgezogen wird und einer solchen, die sensibel auf tatsächlichen wechselseitigen Vorteil ud kulturelle Verständigung hinarbeitet. Auch hier habe ich erlebt wie gerade in ländlichen Räumen die Skepsis und der Widerstand groß ist. ˧

  • Zunehmende Abschottung der Kulturen, Tribalisierung, wachsendes Misstrauen. Eine freie Wahl und Lebensgestaltung erscheint absurd. ˧
Wie sehr sich unsere Welt verändert hat merkt manspeziell in Weltgegenden, wo es keine einheitlichen terrorialen Kulturen gab. Etwa in Bosnien: Zu Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens unter Tito lebten die verschiedenen Volksgruppen der Serben, Kroaten, muslimische Bosniaken usw. vergleichsweise harmonisch zusammen. Es gab viele gemischt-ethnische Ehen und die Menschen fühlten sich überwiegend als Jugoslawen. ˧

Nach dem Zusammenbruch des jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus schürten nationalistische Politiker jedoch gezielt Ängste vor der Dominanz anderer Ethnien. Plötzlich wurde wieder auf ethnische Unterschiede abgehoben statt auf die gemeinsame Identität. In der Folge zogen sich die Gruppen mehr und mehr voneinander zurück. Wir wissen wie es ausgegangen ist. Ursprünglich multiethnische Städte und Dörfer wurden "gesäubert". Es kam zu gewaltsamen Konflikten, und Massakern. Paralelles erlebten wir in der Ukraine, Moldavien, Georgien, in Aserbaidschan und Armenien ˧

Aber auch woanders,etwa in Indonesien - ein sehr diverses und mit 225 Millionen Menschen extrem bevölkerunsgreiches Land, über mehr als 10.000 bewohnte Inseln verteilt sich die Bevölkerung mit hunderten ethnischen Gruppen und Religionen. Lange Zeit lebten diese trotz ihrer Unterschiede relativ friedlich zusammen. Dann gab es eine Zeit blutiger Konflikte. In den letzten Jahren haben aber konservative islamische Strömungen an Einfluss gewonnen. Sie fordern eine stärkere Trennung von Muslimen und anderen Glaubensgemeinschaften. ˧

Ein Sprung nach Nordwesten nach Myanmar ins frühere Birma: Hier wurde in vorkolonialer Zeit kaum eine Assimilationspolitik betrieben, es herrschte ein buddhistisches Gottkönigtum wie in Tibet. Nach der Kolonialherrschaft sprich während und abwechslenden Phasen der Militärherrschaft und Demokratie gab es immer wieder Kämpfe zwischen den 130 ethnische Gruppen. Die größte Minderheit sind die Rohingya (ca. 1 Mio.), Muslime aus dem Westen des Landes. In den 1990er Jahren gab es nach dem Ende der Militärdiktatur vorsichtige Annäherungsversuche zwischen der überwiegend buddhistischen Mehrheitsbevölkerung und Muslimen. In einigen Dörfern in Rakhine kooperierten sie friedlich. Ab 2012 kam es jedoch zu zunehmender Hetze buddhistischer Nationalisten und von einflussreichen Mönchsorden gegen die Rohingya - vor allem in sozialen Medien, sprich in facebook. Die Rohynga wurden als illegale Einwanderer dargestellt, denen die Staatsbürgerschaft aberkannt werden sollte. Zitat aus einem Reuters Bericht: "Rohingyas werden als Hunde, Maden und Vergewaltiger diffamiert, die erschossen gehören und deren Überreste an Schweine verfüttert werden sollen. Angeblich bekämen Muslime zehnmal mehr Kinder als Buddhisten; es existierten geheime Pläne, um Myanmar, das zu fast 90 Prozent von Buddhisten bevölkert wird, zu islamisieren." [1] ˧

2017 eskalierte die Gewalt. Rohingya-Dörfer wurden von Sicherheitskräften und buddhistischen Milizen angegriffen, häufig mit Billigung der Regierung. Über 700.000 Rohingya flohen ins Nachbarland Bangladesch. Ihre Dörfer in Myanmar wurden zerstört. Heute leben die Rohingya in Lagern oder werden in internierten Dörfern festgehalten. Ihre Rückkehr ist trotz Abkommen unwahrscheinlich. ˧

Das waren nur einige Punkte auf der globalen Landkarte, aber sie sind leider sehr repräsentativ. ->mehr. Wenn wir bei den Globalen Dörfern die Parole haben "Indigene dieser Welt, seid einig bei Eurer Selbstdefinition als über den Planeten verteiltes Gemeinschaftswerk der Diversität", dann haben wir derzeit verdammt schlechte Karten. 90 Prozent der Palästinenser und 63 Prozent der israelischen Juden glaubten schon Anfang 2023, daß ihr Opferstatus sie dazu berechtigt, alles Gewaltsame gegen die andere Seite zu tun, was eben zum Überleben notwendig ist. Mittlerweile dürfte diese Zahl noch angestiegen sein. Ein Zusammenleben nebeneinander in frieden können sich wohl nur mehr 2% vorstellen. Und eine wechselseitige Unterstützung dei der Entwicklung der Eigenständigkeit... 0,2 Promille? ˧

Und wenn in unserer Vision gerade auch aus traditionellen Kulturen komplexere Lebensentwürfe wachsen können und sogar müssten, wenn gegen die globale Uniformität der Mensch eine wirkliche Wahl zwischen miteinander in friedlichem Wettsreit stehenden unterschiedlichsten Lebensweisen entstehen soll, dann mag das für die meisten Ohren ebenso absurd klingen wie die heute bei den Jungen nicht unpopuläre aber ziemlich zweifelhafte Idee, dass man sich einerseits sein Geschlecht frei aussuchen könne, sich aber vor jeder kulturellen Appropriation - etwa jamaikanischer Dreadlocks - hüten müsse, weil dies einen mangelnden Respekt vor den jeweiligen Kulturen offenbare. Umgekehrt wäre es besser: würde Kultur als freie Gestaltungsentscheidung begriffen und respektiert, dann wäre die Suche nach Resonanz und Weiterentwicklung, wie wir sie in einer der letzten Sendungen als Zukunftsmärchen beschrieben haben, das Lieblingsspiel zukünftiger Generationen. Und natürlich ist es auch spannend zu sehen was unter diesen Umständen aus tatsächlich unverrückbaren Tatsachen wie dem biologischen Geschlecht durch kulturelle Überformung alles werden kann. ˧

  • Traditionen versus Moderne: Mit großer Wahrscheinlichkeit stoßen globale Dörfer auf Widerstand durch traditionelle Gesellschaftsstrukturen und Familienbanden. ˧
Also genau diese gerade erwähnte Weiterentwicklung und Plastitität der Kulturen ist oft der Knackpunkt. Oft werden traditionelle Kulturen durch Dorfälteste, Familienclans, undurchsichtige Netzwerke, religiöse Autoritäten dominiert. Nur selten ist das Idealbild einer freien gemeinschaftlichen Selbstbestimmung, wie ich es immer wieder mit dem indianischen Medizinrad illustriert habe, überhaupt Wirklichkeit. ˧

Mit der gerade dargestellten Abschottung der Kulturen voneinander steigen die restaurativen Tendenzen, die innere Starre. Zugleich aber sind die traditionellen Kulturen das Schatzhaus der Menschheit, gewachsen in Jahrtausenden der Auseinandersetzung von Mensch und Natur, des genauen Studiums, des geduldigen Experimentierens. Daraus erwächst eine große Attraktivität, die sich mit Qualitäten wie Ausgewogenheit und Schönheit verbindet. Sie haben uns ebensoviel zu geben wie wir ihnen. Nur wenn wir voneinander lernen und einander mit Respekt begegnen, können ganzheitliche Lösungen der Lebensgestaltung entstehen - weder rein traditionsverbunden noch ausschließlich modern, sondern klug vereint. ˧

Wir müssen uns aber Rechenschaft darüber ablegen dass gerade die "systemischen Verbrechen der Moderne" weltweit Menschen dazu gebracht haben, sich noch mehr als je zuvor an ihrer traditionalen und religiösen Identität anzuklammern und diese gegen die satanische Moderne hochzuhalten. ˧

Die lokale Akzeptanz für Migration ist auf allen Seiten schwieriger geworden: nur selten finden sich noch Beispiele, wo in der Bevölkerung vor Ort keine prinzipiellen Vorbehalte gegenüber dem Zuzug auswärtiger /ausländischer Menschen bestehen. Man muss sich schon regelrecht freuen, wenn man auf Beispielen wie Bali stößt, wo derzeit noch ein sehr offenes Klima gegenüber der speziellen Gruppe der immigrierenden Alten besteht, wie eine Dokumentation in Arte unlängst gezeigt hat. ˧

Die zwischenmenschliche Begegnung, Vertrauensbildung durch kleinere Pilotprojekte, der Respekt für Kultur und Bräuche, das Respektieren traditioneller sozialer Strukturen und Entscheidungsprozesse wären enorm wichtig. Aber es gibt eben viele Faktoren die solche Prozesse der Kommunikation und Integration hemmen. Es ist heute möglicherweise schwieriger und riskanter wirklich Kontakt aufzunehmen, obwohl Globalisierung und Digitalisierung ist den internationalen Austausch und Informationsfluss scheinbar leichter gemacht haben und unser Wissen über andere Kulturen gestiegen ist. Unbestreitbar ist dass etwa Reisen und Migration innerhalb homogenerer Regionen wie Europa einfacher geworden sind. Aber dagegen ist das Reisen in Länder des globalen Südens wegen der Verschärfung der sozialen Gegensätze und dem Wachstum der Kriminalität in Zusammenbruchsökonomien wahrscheinlich riskanter geworden, auch wenn Ausnahmen wie etwa Costa Rica - wo sich relativ viele Keime von globalen Dörfern entwickelt haben, die Regel bestätigen. ˧

Die Corona-Pandemie hat Mobilität und Kontakte drastisch eingeschränkt und Projekte ausgebremst. Ein wichtiges Element in der Geburtsphase einer Kultur globaler Dörfer wären konkrete Partnerschaften zwischen Gemeinden und Gemeinschaften auf beiden Seiten der Trennlinie. Gemeindenetzwerke, aber auch kirchliche und weltanschauliche Organisationen spielen hier eine große Rolle. Ob sie der wieder zunehmenden Polarisierung der Welt wirklich standhalten können, das werden die nächsten Jahre zeigen. ˧

Wirtschaft

Der Grund für die zunehmende Polarisierung der Welt liegt wie in dieser Sendereihe schon öfters dargelegt in einer Eigenart des Wirtschaftssystems, das mittlerweile alle Staaten der Welt am Laufen hält und die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht. Der zentrale Widerspruch kann so ausgedrückt werden dass die Akkumulation von Kapital notwendigerweise die Kaufkraft vernichten muss auf die seine Verwertung aber angewiesen wäre. Rationalisierungen und Kostensenkungen sind nötig, um Gewinne zu steigern und Konkurrenten im Kampf um Marktanteile zu schlagen. Dazu gehört ganz zentral der die Verbilligung und letztlich der Ersatz wertbildender (Lohn-) Arbeit durch Maschinerie, die aber eben keine Quelle von Wert ist. Auf der Oberfläche erscheint das als Tendenz dass immer weniger Geld da ist die vielen produzierten Waren zu kaufen, als "Überproduktion" oder "Unterkonsumption", die einerseits periodische Krisen, aber zugleich auch die Zusammenbruchstendenz des gesamten Systems auslöst. Dieser Zusammenbruch ist durch die in den letzten Jahrzehnten astronomisch zunehmende Staatsverschuldung nur zeitweise aufzuhalten gewesen; und zugleich ist der Kampf um die Freiheit des Schuldenmachens und die Geltung des Nationalkredits ist eine der Wurzeln des kriegerischen Gewalt. Hier schließt sich der Teufelskreis zwischen Wirtschaft und Politik. ˧

So sehr also technologische Revolutionen zwar an sich dezentraliserendes Potential hätten, so sehr stärken sie gleichzeitigg die Produktivität derer die ohnehin schon im Vorteil sind und wirken unmittelbar zentralisierend, wenn nicht ganz bewusst der Ausgleich und die Stärkung der Geschwächten gesucht wird. ˧

"Globale Städte, die die ganze Welt zur verlängerten Werkbank machen" sind eben keine Bedingung erfolgreicher Dezentralisierung. Der Kapitalexport aus Stadtregionen in ferne Länder, wohin ganze Produktionen verlagert werden, hat wenig damit zu tun in diesen Ländern geschlossene Wirtschaftskreisläufe aufzubauen, denn all dies geschieht aus Kostensenkungsgründen, eingebettet in globale Logistik und fremde Bedarfe. Sind die zeitweiligen Vorteile der Billigkeit der Arbeitskraft abgegrast, zieht die Produktion oft weiter und hinterlässt weitaus größere strukturelle Probleme als zu Beginn der Investitionen. ˧

Aber das führt immer seltener zu Versuchen der Abkoppelung. Im Überlebenskampf peripherer Regionen steigt die Tendenz sich externen Interessen und schrinbaren Gelegenheiten dienstbar zu machen. Der Teufelskreis der wachsenden Abhängigkeit peripherer Regionen von ausgesuchten externen Interessen und bedingten Gelegenheiten ergibt sich aus der zunehmenden Erosion lokaler Handlungsoptionen und Lebensgrundlagen im Kampf ums Überleben, was diese Regionen immer abhängiger von ausbeuterischen Beziehungen macht und ihre Selbstbestimmung untergräbt. ˧

ggf noch Illustrieren ˧

    • Monokulturen (z.B. Palmöl- oder Rohstoffplantagen), die Umwelt und lokale Selbstversorgung zerstören, ˧
    • Steigende Korruption, wenn lokale Eliten mit externen Investoren gemeinsame Interessen finden ˧
    • Der Widerstand vor Ort wird teils gewaltsam unterdrückt, wie in vielen Konflikten um Landrechte oder Ressourcen. ˧
    • Der Tourismus als scheinbar Interkulturelle Begegnungen, Überlebensmöglichkeiten und Einkommen schaffende Form von Eingriff in periphere Regionen. In der Regel werden aus den Dörfern oder auch Städten Dienstleistungsstandorte für Touristen und ihre Selbstbestimmung wird gelähmt. Das attraktivste Land ist gerade gut genug für touristische Einrichtungen, Preise für Lebensmittel, Wohnraum und Dienstleistungen steigen durch die touristische Nachfrage und machen es schwierig für die Einheimischen ihr Leben zu bezahlen, lokale Ressourcen werden übernutzt (Beispiel Wasser in Mallorca), saisonaler Tourismus führt zu prekären Arbeitsplätzen ohne soziale Absicherung, Politischer Einfluss wandert an touristische Unternehmen und Lobbygruppen ab. usw. ˧
Von den wirtschaftlichen Hemmnissen möchte ich abschließend zurückkehren in den Bereich der Politik. ˧
Politik

  • Schwinden dezentraler Gestaltungsmacht. Wie schon eingangs mit Beispielen erwähnt , hat sich gerade in den letzten Jahren eine schleichende strukturelle Veränderung in der Politik abgespielt. Immer mehr Souveränität wandert aus den untergeordneten Einheiten der Staaten und sogar aus den Staaten selbst an übergeordnete Ebenen. Durch den internationalen Kapitalverkehr und globale Wertschöpfungsketten verlieren Regionen und Nationalstaaten an Handlungsspielraum in der Wirtschaftspolitik. Supranationale Organisationen wie EU, WTO, IWF setzen wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, die Staaten nur begrenzt beeinflussen können. Regionen und Kommunen innerhalb von Staaten sind nicht nur stärker von globalen Standortentscheidungen großer Unternehmen abhängig, sondern unterliegen immer mehr Restriktionen und Regelungen, die aus dem Standortwettbewerb resultieren. Lokale Lösungen, Improvisationen jeder Art werden gemessen an Forderungen der Industrie nach Standardisierung und dem Bedürfnis der Verwaltung nach Steuerbarkeit und "Insellösungen" werden immer schwerer. Unter diesen Rahmenbedingungen bedarf es eines enormen Bewusstseins und großer Entschlossenheit, die lokale Eigenart und Lebendigkeit zu wahren. Wir haben in dieser Sendereihe am Beispiel der Pandemie gesehen, wie schwierig Eigeninitiative und kreative Antworten auf Probleme geworden sind. Wir sind auf eine schiefe Ebene geraten, auf vielen Gebieten. ˧
Und so lomme ich nun zum Krieg. Diese schiefe Ebene scheint gerade durch die Entwicklung der Europäischen Union in Richtung Kriegsunion eine neue Dynamik und Wucht zu gewinnen. Ich bin der ständigen Auseinandersetzung müde, ob das alles eine Reaktion auf die bösen Machenschaften des Herrschers im Osten ist, ich bezweifle es ganz prinzipiell. Sicher ist dass Russland sich völkerrechtlich durch den Einmarsch ins Unrecht gesetzt hat, sicher ist aber auch dass es gibt es historisch begründete Sicherheitsinteressen Russlands gab, die im Prozess der Osterweiterung der NATO ignoriert wurden. Die einseitige Schuldzuweisung und die Ignorierung russischer Vorschläge verhindern aber ganz sicher dass wir nicht weiter auf der schiefen Ebene abrutschen. ˧

Ich möchte es noch einmal sehr prinzipiell sagen: Der Krieg ist der größte Gegensatz zur Idee von lokaler Selbstbestimmung in globalen Dörfern. Im Krieg zwischen Nationen opfern Staaten alles, um ihre Macht durchzusetzen - sogar Menschenleben und die Lebensgrundlagen der eigenen Bevölkerung. Mit ihrer Größe wächst ihre Fähigkeit, ihre Tendenz und sogar die Notwendigket, sich mit überlegener militärischer Gewalt auszustatten. Dadurch wird die Welt nicht sicherer, sondern treibt notwendigerweise immer wieder auf Kipppunkte zu, bei denen sich diese Überlegenheit praktisch zu beweisen hat. ˧

Sowohl im Krieg als auch im Frieden behandeln Staaten ihre Menschen wie Untertanen. Die Obrigkeit erklärt sich nicht nur, sie setzt sich so unbedingt als erste Lebensbedingung ihrer Bevölkerung, dass sie ein Leben außerhalb ihres Kommandos gar nicht kennt und auch nicht mehr gelten lässt. Das staatliche Gewaltmonopol erzwingt den Gewaltverzicht der Bürger und ist so die unverzichtbare Grundlage ihres wirtschaftlichen und sozialen Verkehrs miteinander – und selbst dort wo es auf Konfliktlösung und Vermittlung drängt, betreibt es praktisch und beweist nachhaltig deren Unfähigkeit der Selbstorganisation. Im Krieg, diesem Ausnahmezustand der doch jederzeit vorbereitet sein muss, werden die unsichtbaren Grenzen der Freiheit unter staatlicher Garantie lediglich sichtbarer: dann müssen sich die Menschen mit ihrem Staat identifizieren, weil ihr Überleben davon abhängt. ˧

Wir bekommen es gerade wieder mit: Der Krieg entfesselt die absolute Rücksichtslosigkeit gegen Land und Leute, also auch gegen alle Lebensgrundlagen. Wenn ein Staat im Krieg Gebiete an den Feind verliert, zählt dieses Gebiet für ihn nicht mehr. Lieber zerstört er es noch, anstatt dass es in die Hände des Feindes fällt. Für den Staat relativiert sich Leben und Überleben der Bevölkerung am Erhalt seiner eigenen Macht. Dabei ist es "eine brutale Ironie, dass die totale Subsumtion des Menschen unter den Staat, die der ihm im Krieg antut, die unwahre Identität glatt subjektiv wahr macht. Der Staat schickt seine Soldaten ins Feuer, während seine Zivilisten feindlichen Bombardements ausgesetzt sind , sodass deren Überleben tatsächlich am Erfolg der eigenen Truppen hängt. Die feindliche Konfrontation, in die sie von ihrem Staat gestellt werden, erzwingt ihre Identifikation mit ihrer Rolle als Machtressource der Nation." [2] ˧

Kriegsopfer auf beiden Seiten zeigen den Gegensatz zwischen Staat und Menschen. Für staatsfromme Menschen sind nur die vom Feind produzierten Opfer schlimm, nicht die der eigenen Atacken, die werden regelrecht gefeiert Kriegsopfer sprechen dann nicht gegen Krieg, sondern gegen den Krieg des Feindes und für das Recht, ja die Pflicht der eigenen oder der favorisierten Seite, ihren Krieg gegen den Feind, der so viel Tod bringt, zu führen und zu gewinnen" [3] ˧

Der Krieg zwischen Nationalstaaten ist der größte Gegensatz zur Idee von Selbstbestimmung. Im Krieg sind die Menschen bloße Mittel der Staatsmacht. Es war mir jetzt wichtig das noch einmal klar zu machen. Globale Dörfer im Vollsinn sind eigentlich mit einer Welt von solchen Nationalstaaten inkompatibel. Ansätze für eine organische dezentrale Welt der selbstbestimmten kleinen Einheiten können sich in Friedenszeiten entwickeln, im Krieg sind sie nicht einmal mehr als Alternative denkbar. Und leider schmelzen die mentalen Barrieren gegen den jederzeit möglichen Beschluss der politischen Klasse Europas zur Eskalation des Drucks auf die obsolete Möchtegerngroßmacht Russland durch direktere militärische Intervention zusammen wie der Schnee in der Frühjahrssonne. ˧

Die Frage nach der Alternative ist aber dennoch nicht aus der Welt, sondern sie müsste sich für jeden denkenden Menschen der mit diesen harten Realitäten konfrontiert ist umso dringlicher stellen. Kann sich Gesellschaft ohne irgendeine Form von Staat organisieren? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Einerseits braucht die Gesellschaft wie sie ist den Staat, es wäre blind und blauäugig nicht zu sehen dass der gesamte gesellschaftliche Verkehr wie er nun mal eingerichtet ist auf dem staatlichen Gewaltmonopol beruht. Ich habe andererseits darauf hingewiesen, dass die supranationalen Entwicklungen immer auch die Chance der Herausbildung einer anderen Form der Vernetzung oder wenn man will Gesellschaftlichkeit enthalten, der organischen Entwicklung von stabilen Formen der Kooperation oder zumindest Koexistenz kleiner Einheiten die im kummulativen Endeffekt so etwas wie eine Alternative hervorbringen könnten. Ich erinnere auch an die Sendung wo ich auf die Idee der Schweiz hingewiesen habe, in der Pluralität sehr heterogener Einheiten eine schützende Hülle ohne den Zwang zur Identifikation mit einer Nationalkultur zu finden. Elemente solcher Pluralität finden sich auch in der Idee eines Europas der Regionen und sogar in gewisser Weise in dem was die USA so lange als Zielland so vieler Einwanderer attraktiv machte. Es ist wichtig diese Erinnerung lebendig zu halten, um nicht irre zu werden an den Entwicklungen der Gegenwart. ˧

Nichts ist billiger als der Hinweis, dass auch Globale Dörfer nur denkbar sind - unter vielem anderen - mit einem weltweiten Netz an Kommunikationsinfrastruktur, das nicht nur betrieben, sondern eben auch geschützt werden muss, wobei die ursprüngliche Idee des Internet die priorität lokaler Knoten war, die sich selbst im Ernstfall neu zu konfigurieren Imstande sind. Oder dass sie wie im Film "die sieben Samurai" oder "die glorreichen Sieben" archetyopisch beschrieben, mit all dem was sie gemeinsam mit der Natur hervorgebracht haben, zum Angriffsziel predatorischer Räuber und Plünderer werden. Muss nicht zumindest hier ein Sicherheitsapparat existieren, könnte man sich fragen. Ist der praktizierte Standpunkt der Kooperation wirklich ausreichend, um auszuschließen dass von irgendwoher das, was für alle oder einzelne lebenswichtig ist bedroht wird? ˧

Natürlich lässt sich so etwas nie ausschließen. Doch wird gerade hier noch der Unterschied zwischen einer falschen (sprich erzwungenen) Vergesellschaftung und dem Standpunkt den wir hier entwickelt haben sehr deutlich machen. Es ist ein Unterschied ums Ganze, sich selbst zur Wehr zu setzen und sich Verbündete zu suchen, zu dem, Dritte einfach auf die Ausübung und Erduldung von Gewalt verpflichten zu können. So bequem es scheinbar ist, wenn eine Staatsmacht für Ruhe und Ordnung sorgt, so fatal ist es wenn man sich nicht Rechenschaft darüber ablegt warum die Freiheit der Menschen immezu gewaltsam geschützt werden muss. ˧

Die hochskalierte verwaltete Welt von heute kann auf der Verpflichtung des Einzelnen auf Konformität nicht verzichten, sie würde zusammenbrechen. Die Welt der Globalen Dörfer ginge nicht einmal im Traum davon aus, ihre Lebensweise für alle verpflichtend zu machen. Ganz im Gegenteil: sie wäre von dem Vertrauen getragen dass die beständige Möglichkeit der Flucht, des Ausweichens, der Autonomie, dass all dies überhaupt erst eine Gesellschaftlichkeit jenseits von Kommando und Kontrolle möglich machen würde. Dass eine jede Lebensart sich mit einem Ort verbinden und sich praktisch entfalten kann, das wäre ein zu schaffender Grundkonsens auf dem sich auch verlässliche Verinbarungen entfalten könnten. Die Evolution der Megamaschinen in die Richtung zunehmender Autonomie von Gemeinschaften wäre, wenn sie bewusst und entschlossen ins Werk gesetzt würde, die einzige Formel für echten Frieden gewesen. Doch die Ansprüche hochgradig zentralisierter Imperien bescheren uns das Gegenteil. ˧

Manchmal schleicht sich das Gefühl ein, dass genau diese Tendenz der Dezentralisierung im Ansatz unterbunden wird und der Krieg darin - wie viele andere sogenante Sachzwänge auch - noch diesen Kollateralnutzen hat: dass über Alternativen nicht mehr nachgedacht wird. Obwohl wir wissen dass diese Welt gespalten und fragmentiert ist wie schon lange nicht, hat das kaum mehr grundsätzliche Einwände zufolge. Grosso Modo bewegen wir uns in die Richtung eines zunehmenden neuen Konformismus, buntscheckig und wellnessbetont, in der die fundamentalen Fragen der Lebenswelt nicht mehr, dafür aber Stilfragen und Nuancen innerhalb des immer engeren Meinungskorridors umso lauter und schriller verhandelt werden. Die Verpflichtung auf gemeinsame Werte, die Brandmarkung von Abweichlern als Gefährder, die Idee dass es nur einen Fortschritt gäbe, all das macht die Idee globaler Dörfer immer prekärer. Die ist offensichtlich nichts was uns einfach in den Schoß fällt, sondern wird nur mit ungeheurer Energie und Anstrengung realisiert weren können. Energien die ich persönlich nicht mehr im mindesten habe, ich habe nichts zuwege gebracht als ein paar abwegige Gedanken, von denen ich nicht weiß ob sie irgendjemanden berühren. Das ist die Zwischenbilanz die ich am Ende des Jahres 2023 ziehe. Lasst Euch trotzdem die Festtagsstimmung nicht verderben. Die Hoffnung stirbt zuletzt. ˧


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"„Natürlich sind der Krieg und die großen Militäreinrichtungen die größten Gewaltquellen auf der Welt. Unabhängig davon, ob ihr Zweck defensiv oder offensiv ist, existieren diese riesigen, mächtigen Organisationen ausschließlich, um Menschen zu töten. Wir sollten sorgfältig über die Realität des Krieges nachdenken. Die meisten von uns sind darauf konditioniert, militärische Kämpfe als aufregend und glamourös zu betrachten – eine Gelegenheit für Männer, ihre Kompetenz und ihren Mut unter Beweis zu stellen. Da Armeen legal sind, halten wir Krieg für akzeptabel. Im Allgemeinen hat niemand das Gefühl, dass Krieg ein Verbrechen ist oder dass es eine kriminelle Einstellung ist, ihn zu akzeptieren. Tatsächlich wurden wir einer Gehirnwäsche unterzogen. Krieg ist weder glamourös noch attraktiv, sondern monströs. Es liegt in seiner Natur Tragödie und Leid zu schaffen.“ (DAlai Lama) ˧

/DiskussionUS ˧

Voschlag KI Claude für einen hoffnungsvollen Schlussatz: (nicht ganz ernst zu nehmen) ˧

Es gibt einige Gedanken, wie globale Dörfer mit einer Welt von Staaten prinzipiell vereinbar sein könnten: ˧

  • Wenn Staaten die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung untergeordneter Gemeinwesen anerkennen und ihnen einen hohen Grad an Autonomie zugestehen. ˧
  • Wenn zwischen globalen Dörfern und Staaten ein Vertragsverhältnis besteht, das Rechte und Pflichten beider Seiten klar regelt. ˧
  • Wenn globale Dörfer über wirksame Mitbestimmung in übergeordneten politischen Entscheidungen verfügen. ˧
  • Wenn die Identität der Bewohner mehr auf ihre Dorfgemeinschaft als auf den Nationalstaat ausgerichtet ist. ˧
  • Wenn Konflikte durch kommunale Selbstverwaltung und schiedsrichterliche Instanzen gelöst werden. ˧
  • Wenn Staaten Gewalt nur defensiv und als letztes Mittel anwenden, nie offensiv gegen andere Gemeinwesen. ˧
  • Wenn globale Dörfer sich international vernetzen und ihre Interessen bündeln. ˧
  • Wenn die Idee globaler Dörfer gesellschaftlich mehr Unterstützung erfährt und Staaten dadurch Einfluss verlieren. ˧
  • In der Praxis sind allerdings erhebliche Auseinandersetzungen und Konflikte mit dem bestehenden Nationalstaatensystem wahrscheinlich. ˧
(Interessant wie die KI sich bemüht) ˧

Kommunikationstechnologie

(überbleibsel, schon eingebaut) ˧

  • Grundsätzlich ist die Kommunikationstechnologie vulnerabel und in einer Welt in der Konflikte zunehmen, als Basisinfastruktur schutzbedürftig. ˧
  • Das Internet hat sich gewandelt und wird gestaltet durch Interessen von wirtschaftlichen und politischen Machtblöcken. Die verlässlichkeit von Information wird immer mehr zum Problem, die Überflutung mit irrelevantem und manipulativen Inhalten nimmt exponentiell zu. ˧
Musikauswahl

https://freemusicarchive.org/music/universfield/space/finding-peace/ ˧

Attribution-ShareAlike? 4.0 International License. ˧

https://freemusicarchive.org/music/holiznacc0/gamer-soundtrack-caves/cave-4/ ˧

CC0 1.0 Deed ˧

https://freemusicarchive.org/music/universfield/space/a-beautiful-sky/ ˧

Attribution-ShareAlike? 4.0 International License. ˧

https://freemusicarchive.org/music/holiznacc0/gamer-soundtrack-caves/cave-5/ ˧

CC0 1.0 ˧





[1] https://www.dw.com/de/hetze-gegen-rohingya-in-den-sozialen-medien/a-45210059

[2] https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/blutige-lektionen-ueber-den-segen-staatlicher-souveraenitaet

[3] ebenda