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Sendung vom 23.3.2020    

nachzuhören hier: https://cba.fro.at/446982 ˧

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Sendung vom 23.3.2020   
Intro   
Corona - Krise   
Bausteine   
Kapazitäten und Notwendigkeiten für lokale Gemeinschaft   
Von John McKnight   
Links:   
Storytelling lokales Empowerment   
Homeworking und online Socializing   
aus politisch linker Perspektive:   
Fertiger erster Sendungsteil:   
Musik   
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Intro    

Einen schönen guten Abend - oder zu welcher Tageszeit Du dies auch immer hörst. Willkommen bei der sechsten Folge von "Willkommen im Globalen Dorf", einer Sendereihe zum tieferen Verständnis der Idee der Globalen Dörfer. ˧

Mein Name ist Franz Nahrada und ich lebe an sich hauptsächlich in Bad Radkersburg, aber mache diese Sendung heute aus meinem Wiener Domizil, wo ich seit Beginn der Coronakrise hängen geblieben bin. ˧

Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber für mich ist diese Krise, die so plötzlich und komplett unerwartet gekommen ist, wie das Erwachen in einen dystopischen Film hinein. Seither verbringe ich meine Tage zumeist beim Studium der vielen Facetten der Coronakrise. ˧

Es ist eine Binsenweisheit, aber man muss damit beginnen: Diese Krise zeigt uns nicht nur die Fehler und Schwächen unseres scheinbar so mächtigen und unabänderlichen Gesellschaftssystems in einem grellen Licht - sie hat auch zu einer für alle deutlich sichtbaren abrupten Umwertung aller Werte geführt. Zumindest für einige Zeit ist der Primat der Wirtschaft vor dem menschlichen Wohlergehen zum Stillstand gekommen. Ich erinnere mich vor vielen Jahrzehnten hat Bruno Kreisky gesagt, dass ihm "ein paar Milliarden Schulden weniger schlaflose Nächte bereiten, als (ihm) ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr bereiten würden.“ Jahrzehntelang galt das als der sündige Gedanke schlechthin, wurde verfemt und gebrandmarkt, bis letzte Woche Sebastian Kurz sagte: "Das Virus bedroht das Wichtigste das es für uns alle gibt, nämlich unsere Gesundheit ... österreich ist auf Notbetrieb heruntergefahren ... der erste Schritt ist uns gemeinsam gelungen. Viele machen sich zurecht sorge um ihren Arbeitsplatz, und auch da dürfen wir unsere Augen nicht verschließen. es muss die Möglichkeiten geben, in schlechten zeiten zu helfen. Wir wollen alles Menschenmögliche Tun, um Arbeitslosigkeit und Zahlungsunfähigkeit in Unternehmen zu verhindern - Unser Zugang ist: Koste es was es wolle! - um österreichische Arbeitsplätze zu retten" ˧

Um es von Anfang an klar zu stellen: Die Panik angesichts der italienischen verhältnisse ist gerechtferigt und die Reaktion der Politik hat bis dato grosso modo geholfen, Leben zu retten. Das ist für mich mittlerweile klar geworden, und wenn man was aussetzen kann, dann Mangel an Konsequenz und Kreativität. Nicht auszudenken was geschehen wäre wenn sie nicht mit voller Wucht auf die Bremse getreten wären. Alles andere ist für mich verhandelbar. Das nicht. ˧

Wenn aber so gleichsam alles was bisher an unumstößlichem Dogma galt, mit gutem Recht über den Haufen geschmissen wird, dann stellen sich ganz neue Fragen: wie geht es weiter? wie lange kann das mit dem Stillstand der Wirtschaft gut gehen? Wie wird die Welt nach Corona aussehen? Was können wir alle mehr tun als zu hause zu bleiben und uns die Hände zu waschen? Wenn wir nicht das Pech haben, in Supermarkt oder Krankenhaus unseren gefährlichen Dienst leisten zu müssen? ˧

Diese Frage wird uns im zweiten Teil dieser Sendung intensiv beschäftigen, ohne dass wir schon an ein schlüssiges Ende geraten können. Soviel sei aber schon vorausgeschickt: Wenn sich diese Wirtschaft zunehmend weniger Menschen leisten konnte, wenn sie Existenzsicherheit und Wohlstand schon vor der Corona Krise immer mehr bedrohte, wenn sie die Anforderungen im Arbeitsleben hinaufschraubte und das Gesundheitssystem systematisch stressiger machte, weil Leistungen wie Operationen und Kuren mit immer längeren Wartezeiten und immer strengere Zugangsbedingungen verknüpft waren, wenn die Kluft zwischen Besitzenden und Habenichtsen immer tiefer wurde, wenn der normale Mensch schon bisher lebensfeindliche Verhältnisse akzeptieren musste, wenn Kriege geführt und dieser Planet geplündert und unbewohnbar gemacht wurde, wenn Flüchtlinge einfach an den grenzen verrecken dürfen - dann ist die Corona - Krise und die Rhetorik 'das jedes Menschenleben wertvoll' ist, tatsächlich ein Weckruf. Dann wird es notwendig sein, das Wirtschaftssystem nachhaltig umzubauen, und eben auch die gesamte sozialräumliche Struktur, die damit verbunden ist. Und es wird wohl niemanden überraschen, wenn ich hier und heute die Forderung aufstelle, dass die Logik Globaler Dörfer in unserem Leben Einzug hält. Wir verstehen immer mehr, dass wir voneinander abhängig sind und uns das Gegeneinander in einer Konkurrenzgesellschaft langfristig nicht weiter bringt, uns viel mehr Schaden und Unsicherheit bringt. Wir verstehen dass in unserem künftigen Leben die Kraft der Nähe eine entscheidene Rolle spielen wird. Und wir bekommen es vor Augen geführt, dass die Probleme die wir sehen gemeinsame Probleme der ganzen Menschheit sind - was auch heißt, dass sich die gesamte Welt zusammentun sollte, um das neue Grundmuster möglich zu machen. ˧

Doch zunächst - durchaus mit unserem Haupt-Thema verknüpft - Ein Rückblick. Sozusagen in letzter Minute vor dem Ausbruch der Krise konnten wir anhand eines vernetzten Events demonstrieren, wie sich der Weg zu den Globalen Dörfern gestalten lässt: Die DorfUni vom Grazer Elevate Festival. Im Forum Stadtpark konnten wir am 7. März mit einer Wiener, zwei steirischen und 2 oberösterreichischen Gegenstellen nuicht nur demonstrieren, dass sich lokale Bildungsveranstaltungen durch Inputs von außen spannender und ertragreicher gestalten lassen, sondern auch, dass diese Inputs in Zukunft von Medienkompetenten Gemeinden selber kommen werden. Der Traum der DorfUni besteht ja darin, dass sich Gemeinden zunehmend zu Kompetenzzentren entwickeln, die zumindest ein Thema aus dem Kreis der besseren gestaltung des lokalen Lebens aktiv in die Hand nehmen und bei Forschung, Entwicklung und Anwendung so viel relevantes Wissen hervorbringen, dass es sich lohnt, es mit anderen zu teilen. ˧

Am Nachmittag des Folgetages hatte ich noch Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Redakteurin Magdalena Anikar vom Grazer Freien Radio Helsinki - und dieses Gespräch gab mir die Gelegenheit, noch einmal die wichtigsten Gedanken aus dieser Sendereihe zu rekapitulieren und mit der DorfUni zu verbinden.... ˧

Dorfuni Interview mit Radio Helsinki: https://cba.fro.at/445473 ˧

00:00- 2:18 persönliche Vorstellung - Kritik an der Entwicklung der "globalen Städte"
02:18-6:02 der begriff "Globales Dorf" - virtueller Raum als Commons und realer Raum. nochmal zusammenfassung. McLuhans? Ambivalenzen. Renaissance des Lokalen - Blick aufs Ländliche als Vorahnung einer neuen Dynamik
6:02 - 10:23 Die Eigendynamik bringt neuen Umgang mit dem Boden - dem Land - Städte weltweit sind überfüllt - Menschen abgeschnitten von ihrer Subsistenz - Währenddessen entwerten sich die lanwirtschaftlichen Produktionen - Ressourcenintensiv - Klmafeindlich - Artenschwund - langfristige Bodenvernichtung - dabei wachsen technische Möglichkeiten für urbanes Leben im ländlichen Raum"
10:23 - 16:20 Wie soll man sich das "Smart Village" vorstellen ? Wichtigkeit des "kultuellen narrativs" - Gleichgesinnte an einem ort - Themendorf - das in den Mittelpunkt, was einigen menschen besonders wichtig ist - gemeinsames Ziel. Nicht ideologisch - universell sondern partikulär - lokal. Cradle to Cradle. Dorf ist immer eine Instanz einer Vielfalt von lebensentwürfen. Wissen teilen - aber immer auch unter der Berücksichtigung von Relevanz. Vertiefen mit ganz Ähnlichen global / Ergänzen mit ganz Unterschiedlichen regional.
16:20 - 20:51 Die Wirtschaft hat die internalisierung von Selbstbezogenheit - hedonismus - Egoismus geschafft. Wir soll sich da noch eine Verhaltensänderung ergeben? Die Verhaltensdefizite sind uralt und werden jetzt plötzlich durchschaubar. Sie sind nicht über nacht aufzulösen. Kraft positiver Beispiele und gelebter Visionen. Transition Bewegung. DorfUni - Idee: den virtuellen raum dazu benutzen, den realen raum zu stärken.
20:51 - 24:28 Zurück zu Bodenqualität: der Boden ist das gemeinsamste das man überhaupt haben kann. Düngewirtschaft: Phosphor - Grüne revolution - 5 Abbaugebiete auf der Welt - Co Vorkommen mit Uran - das sich anreichert - Phosphor eine endenwollende ressourcen - Aber der Mensch produziert Phosphor via Urin - "der Mensch kann auch ein Nützling sein" ˧

Corona - Krise    

Ja .. und jetzt ist ein Notstand eingetreten, der so viele Facetten hat, dass es wahrscheinlich viele Monate dauern wird, bis wir ein halbwegs klares Bild haben. Mehrere Faktoren scheinen aber jetzt schon ziemlich deutlich zu sein: ˧

Das erste ist wohl, dass wir mit grausamer Konsequenz erkennen müssen, dass Städte und die mit ihnen einhergehende globale Gesamtfabrik eben auch diese gewaltige Schattenseite haben, die sie in diesem Moment zu Hotspots der Ausbreitung der Krankheit macht. Viele Menschen auf engem Raum, unüberschaubare und chaotische Bewegungen von Menschen und Waren um den ganzen Erdball, extreme Abhängigkeit von externer Versorgung - all das spielt zusammen. Das lässt im Moment einen völlig neue Stadt - Land gegensatz sichtbar werden. Eine sehr bezeichnende Meldung fand ich auf der Website "thelocal.dk" aus Dänemark: ˧

"Von Norwegen bis Frankreich und Spanien hat der Coronavirus-Sperrmechanismus in weiten Teilen Europas die Landbevölkerung gegen die Stadtbewohner aufgebracht, die auf dem Land auf die Pandemie warten, die über den Kontinent hereinbricht. ˧

"Parigo home, virus!" verkündete Graffiti, die in der Lokalzeitung in Cap-Ferret, einer kleinen Stadt im Südosten Frankreichs, abgebildet sind und den abfälligen Beinamen für Menschen aus der französischen Hauptstadt - von denen viele dort ein zweites Zuhause haben - verwenden. ˧

Das Bild fasste die Stimmung vieler Menschen in einer isolierten Region zusammen, die bisher wenig von der Epidemie betroffen war, nun aber eine Explosion von importierten Fällen befürchtet. ˧

Am Montagabend verließen die Pariser die Hauptstadt in Scharen am Vorabend der landesweiten Hausarrestregelung, die Präsident Emmanuel Macron angekündigt hatte, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen." ˧

Link ˧

Eine andere Meldung, die ein ganz wesentliches Faktum beleuchtet, kommt aus Italien. Auch wenn Dörfer es nicht vertragen. überrannt zu werden, haben sie eine erstaunliche Problemlösungskapazität und können schaffen, wozu Städte zumindest in Europa nicht imstande sind: ˧

"3.304 Menschen wohnen in der Gemeinde Vò Euganeo im Nordosten Italiens – ein stark vom Coronavirus getroffener Ort, der sein erstes Covid19-Todesopfer am 21. Februar beklagte. ˧

Alle 3.304 Einwohner haben in den vergangenen Wochen einen Coronavirus-Test gemacht, egal, ob sie Symptome der Krankheit zeigten oder nicht. ˧

Jetzt folgte die Jubelmeldung: Das kleine Dorf hat es durch die Durchtestung und die darauf folgende Isolation geschafft, Neuinfektionen zu verhindern. 66-mal war die Infektion zunächst nachgewiesen worden. Nach zwei Wochen ein zweiter Test – sechs hatten das Virus noch. ˧

„Das gesündeste Dorf Italiens“ nennt man sich jetzt stolz. „Es ist vorbei“, sagt Venetiens Gouverneur Luca Zaia der italienischen ANSA. Man könne am Beispiel Vò sehen: „Ein Abstrich kann Leben retten.“ ˧

Link ˧

In der Tat hat die flächendeckende Testung in in Vò Euganeo noch etwas gezeigt: 50 bis 75 Prozent der positiv Getesteten zeigen keinerlei Symptome der Krankheit. Menschen ohne Symptome waren damit für mindestens Hälfte aller Neuansteckungen verantwortlich. ˧

Auf dieser Grundlage konnte die Gemeinde sehr feinkörnig reagieren und praktiv auch die symptomfreien befallenen Menschen dazu bringen, auf jedweden Kontakt zu verzichten. Zusammen mit der in der Lombardei ohnehin gegebenen Absperrung aller Gemeinden konnte das wiederum dazu führen, dass der öffentliche Raum zurückerobert werden konnte. Dies aber ist die Bedingung als geselslchaft handlungsfäig zu bleiben. ˧

Das schreckliche daran: die Politik nimmt von dieser Art der Krisenbewältigung keine Notiz. Der Gouverneur der Lombardei, Attilio Fontana hat sich bemüßigt gefühlt, die Hoffnung auf flächendeckende Testung in der ganzen Region zu zerschmettern. ˧

Er hat den Status Quo als Argument angeführt: „Mit den derzeitigen Mitteln ergibt das keinen Sinn – in einem Gebiet mit zehn Millionen Einwohnern würde das Jahre dauern.“ ˧

Es wird hier ganz deutlich: die Lösung existiert, sie funktioniert, aber die Mehrheitsgesellschaft fühlt sich dadurch nicht inspiriert sondern bedroht. Sie will nicht möglich machen dass es geht - man müpsste hat 10 Millionen Tests produzieren und die Bürger auf Gemeindeebene aufklären. Das wäre eine gewaltige Anstrengung und würde die Macht der Zentralen enorm einschränken. Aber es würde möglich machen, was wir am dringendsten brauchen: befreite sichere öffentliche Räume. Das hatten wir schon in unserer Sendereihe. Erinnern wir uns an Riace in Kalabrien und wie Bürgermeister Domenico Lucano dort die enorme Kraft der Dörfer bei der Lösung des Migrationsproblems unter Beweis stellte: nur um vom italienischen innenminister verfolgt und kriminalisiert zu werden. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf: lokale Autonomie gilt es nicht zu fördern, sondern zu zerschlagen. Noch gilt diese Logik. Und es macht offensichtlich keinen Unterschied welche politische Richtung gerade am Ruder ist. ˧

Wir können uns lediglich damit trösten, dass die Beharrungskraft von Systemen immer so funktioniert. Die genaue Betrachtung dessen, was in einer verpuppten Raupe passiert, erinnert uns frappant an diese Logik. Auf der einen Seite poppen einzelne Imagozellen auf, die die DNA des Schmetterlings in sich tragen. Auf der anderen Seite reagiert das noch vorhandeene Immunsystem der Raupe panisch und schickt Fresszellen, um diesen vermeintlichen Eindringling zu eliminieren, was in dern ersten Wellen auch noch gelingt. Doch die Imagozellen werden immer mehr, kommunizieren miteinander und beginnen Gewebe zu entwickeln. Und langsam, langsam löst sich die Raupe auf und der Schmetterling kann sich entwickeln. ˧


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Schauen wir weiter zu einem eher positiven und spannenden Kollateraleffekt der Corona - Krise. Das Werkzeug, das wir für die DorfUni verwendet haben, das Videokonferenztool Zoom, ist bekannt dafür, eine vorher noch nie dagewesene Qualität und Stabilität der Bildübertragung zu gewährleisten. So konnten wir auch die Wiener Kurzvorlesumg von Helga Kromp Kolb und den Grazer Beitrag von Transition Friesach in HD Qualität streamen - und in Bad Radkersburg, Gleisdorf, Munderfing und Schlierbach (und einigen anderen Gemeinden wie nestelbach) auf großen Bildschirmen oder Leinwänden zeigen. Ebenso wie wir die Resultate des intensiven nachdenkens an jedem Ort mit allen Orten teilen konnten. ˧

Nun scheint es, als bekämen solche Online Tools den Status einer Lebenswichtigen Infrastruktur. Was früher eher absurd schien, ist jetzt notwendig: auch innerhalb unserer Dörfer, Nachbarschaften und sogar in Häusern mit unseren Nachbarn Tür an Tür zu kommunizieren. Das durch "Social Distancing" unterbrochene lokale Leben kann in einer möglicherweise vorher noch gar nicht gekannten Intensität wiederaufleben. Auch wenn wir uns noch nicht wieder physisch in kleinen und stabilen Kreisen versammeln können, so ist genau diese Möglichkeit intensiver Kommunikation die Voraussetzung, das soziale leben intakt zu halten und sogar zu verbessern. Wir lernen welch hohes Gut unsere Gemeinschaft, unsere nachbarschaft ist. Wir lernen, dass wir in nie gekannten Ausmaß auch jene mit einebziehen können, die gerade unserer Hilfe bedürfen, weil sie alt oder krank sind, zu einer Risikogruppe gehören und vielleicht schon viel länger ans Haus gefesselt als wir das alle jetzt gezwungenermaßen sind. ˧

Wir lernen dass wir nicht nur bierernste Themen über diese Netzwerke teilen können. Wir können virtuelle Mittagessen oder Jausen veranstalten, was bekanntlich die beste Zeit für Smalltalk ist, wir können virtuelle Parties mit Greenscreens feiern und so ein Gefühl für Gemeinschaftskultur bewahren und fördern. ˧

Ich möchte hier eine längere Passage aus deiner Universitätsvorlesung eines gewissen John McKnight vorlesen - er ist Autor vieler Bücher und leitet das ABCD Institut (ABDC bedeutet Asset Based Community Development) an der größten katholischen Privatuniversität der USA in Chicago,der DePaul? Universität. Er hielt diese Vorlesung schon 2008, aber sie ist brandaktuell! ˧

Bausteine    

Kapazitäten und Notwendigkeiten für lokale Gemeinschaft    

Von John McKnight    

"Es entwickelt sich eine neue weltweite Bewegung, die sich aus Menschen mit einer etwas anderen Vision für ihre lokalen Gemeinschaften zusammensetzt. ... Bewegungen haben keinen Geschäftsführer, keine Zentrale und auch keinen fixen Plan. Stattdessen entstehen sie, wenn Tausende und Abertausende von Menschen gemeinsam neue Möglichkeiten für ihr Leben entdecken. Sie haben eine Berufung. Sie sind berufen. Und gemeinsam artikulieren sie diese Berufung. Sie rufen sich selbst. Und sie rufen andere. ˧

In vielen Nationen sind so die Menschen vor Ort aufgerufen , sich zusammenzuschließen, um so eine gemeinsame Aufgabe zu verfolgen. Es wäre ein Fehler, diese Bewegung als XYZ oder "Community Building Bewegung" zu bezeichnen. Das sind nur Namen. Sie sind unangemessene Worte für Gruppen von BewohnerInnen vor Ort, die den Mut haben, ihren eigenen Weg zu entdecken - eine Kultur zu schaffen, die von ihrer eigenen Vision geprägt ist. Es ist eine handgemachte, hausgemachte Vision. Und wohin wir auch hinschauen, es ist eine Kultur, die überall auf der Welt auf die gleiche Weise beginnt: ˧

Zuerst sehen wir, was wir schon haben - individuell, als Nachbarn und an diesem unserem Ort. ˧

Zweitens erfahren wir, dass die Kraft dessen, was wir haben, dadurch wächst, dass wir neue Verbindungen und Beziehungen unter uns und zwischen dem, was wir haben entstehen ˧

Und drittens wissen wir, dass diese Verbindungen nur dann entstehen, wenn wir individuell oder kollektiv daran arbeiten, diese Verbindungen herzustellen - sie entstehen nicht einfach von selbst. ˧

Wir wissen auch, dass diese drei Schritte oft von großen Unternehmen, Regierungsbehörden, professionellen und akademischen Institutionen blockiert werden können. Sie sagen uns oft: "Ihr seid unzulänglich, inkompetent, problematisch oder kaputt. Wir werden Euch reparieren." ˧

Es ist unsere Berufung, diese Stimmen, die Abhängigkeit schaffen, zu ignorieren, denn wir sind aufgerufen, unseren Weg zu finden - und nicht ihren Weg zu gehen. ˧

Wir streben danach, in einer Demokratie zu leben. Eine Demokratie ist eine Politik, die uns die Freiheit gibt, unsere eigene Vision zu schaffen, und die Macht, diese Vision zu verwirklichen. Wir streben danach, Bürger zu sein - Menschen mit der Vision und der Macht, unseren eigenen Weg zu schaffen, eine Kultur der Gemeinschaftsfähigkeit, der Verbindung und der Fürsorge. ˧

Leider denken viele Führungspersönlichkeiten und sogar einige Nachbarn, dass die Idee einer starken lokalen Gemeinschaft irgendwie "nett" ist, eine putzige Sache zur Freizeitgestaltung - aber nicht wirklich bedeutsam, lebenswichtig oder notwendig. Wir wissen jedoch, dass starke Gemeinschaften vital und produktiv sind. Vor allem aber sind sie deswegen notwendig, weil alle Institutionen ihre Grenzen haben. ˧

Egal, wie sehr sie sich bemühen, unsere besten Institutionen können viele Dinge nicht tun, die nur wir tun können. Und das, was nur wir tun können, ist für ein anständiges, gutes, demokratisches Leben unerlässlich. ˧

Die Menschen in der neuen Bewegung wissen, wozu nur wir als lokale Nachbarn und Bürger die Macht haben. ˧

Erstens sind unsere Nachbarn die Hauptquelle unserer Gesundheit. Wie lange wir leben, wie oft wir krank sind, wird durch unser persönliches Verhalten, unsere sozialen Beziehungen, unsere physische Umgebung und unser Einkommen bestimmt. Als Nachbarn sind wir aber Menschen, die diese Dinge ändern können. Medizinische Systeme und Ärzte können das nicht. Deshalb sind sich die Wissenschaftler einig, dass die medizinische Versorgung weniger als 10% dessen ausmacht, was uns erlaubt und ermöglicht, gesund zu sein. Tatsächlich befürworten die meisten sachkundigen medizinischen Führungskräfte Gesundheitsinitiativen in den Gemeinden, weil sie erkennen, dass ihre Systeme die Grenzen ihrer gesundheitsfördernden Macht erreicht haben. ˧

Zweitens liegt die Frage, ob wir in unserer Nachbarschaft sicher und geschützt sind, weitgehend in unserem Bereich. Viele Studien zeigen, dass es zwei wichtige Faktoren gibt, die unsere lokale Sicherheit bestimmen. Der eine ist, wie viele Nachbarn wir beim Namen kennen. Der zweite ist, wie oft wir in der Öffentlichkeit - außerhalb unserer Häuser - präsent und mit unseren Nachbarn verbunden sind. Die Tätigkeit der Polizei ist ein geringerer Schutz im Vergleich zu diesen beiden Gemeinschaftsaktionen. Aus diesem Grund befürworten die meisten sachkundigen Polizeibeamten die Selbstkontrolle von Nachbarschaften und Gemeinden. Sie kennen ihre Grenzen und begrüßen unsere Bewegung. ˧

Drittens: Auch das Allergrößte, die Zukunft unserer Erde respektive die Umwelt ist im wesentlichen eine große lokale Verantwortung. Das "Energieproblem" ist unsere lokale Domäne, denn wie wir uns selbst transportieren, wie wir unsere Häuser heizen und beleuchten und wie viel Abfall wir erzeugen, alldas zusammen ist ein wichtiger Faktor für die Rettung unserer Erde. Deshalb ist unsere Bewegung eine wichtige Kraft, die uns und unsere Nachbarn dazu aufruft, Bürger der Erde zu sein und nicht nur Konsumenten des natürlichen Reichtums. ˧

Viertens haben wir in unseren Dörfern und Nachbarschaften die Macht, eine widerstandsfähige Wirtschaft aufzubauen, die nicht von den Megasystemen der Finanzen und der Produktion abhängig ist, die sich als so unzuverlässig erwiesen haben. Die meisten Unternehmen beginnen vor Ort, in Garagen, Kellern und Speisesälen. Als Nachbarn haben wir die lokale Macht, diese Unternehmen zu fördern und zu unterstützen, damit sie einen lebensfähigen Markt haben. Und wir haben die lokale Macht, unsere eigenen Ersparnisse zu vor Ort zu behalten, damit wir nicht Gefangene unserer berüchtigten großen Finanzinstitute sind. Wir sind auch die verlässlichste Quelle für Arbeitsplätze, denn in vielen Ländern ist die Mund-zu-Mund-Propaganda unter Nachbarn immer noch der wichtigste Zugang zu Beschäftigung. Die Zukunft unserer wirtschaftlichen Sicherheit ist jetzt eindeutig eine Verantwortung, eine Möglichkeit und eine Notwendigkeit für die Menschen vor Ort. ˧

Fünftens stellen wir fest, dass ein ganz wichtiger Teil unserer Domäne die Produktion der Lebensmittel ist, die wir essen. Deshalb sind wir mit der lokalen Lebensmittelbewegung verbündet und unterstützen die lokalen Produzenten und Märkte. Auf diese Weise werden wir unseren Teil zur Lösung des Energieproblems beitragen, das durch den Transport von Nahrungsmitteln von den Kontinenten weg verursacht wird. Wir werden unseren Teil zur Lösung unserer wirtschaftlichen Probleme beitragen, indem wir unsere Dollars vor Ort in Umlauf bringen. Und wir werden unsere Gesundheit verbessern, indem wir Nahrungsmittel essen, die frei von Giften und Erdöl sind. ˧

Sechstens: Wir sind Bewohner von Gemeinden, die unsere Kinder aufziehen müssen. Wir alle sagen mitunter, dass es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen. Und doch trifft dies in den modernen Gesellschaften selten zu. Stattdessen bezahlen wir Systeme, um unsere Kinder zu erziehen - Lehrer, Berater, Trainer, Jugendarbeiter, Ernährungsberater, Ärzte, Privatfirmen wie mc Donalds, Jobcenter. Wir werden als Familien oft darauf reduziert, dass wir dafür verantwortlich sind, andere für die Erziehung unserer Kinder zu bezahlen und sie zu ihren bezahlten Kindererziehern zu transportieren. Unsere Dörfer sind oft nutzlos geworden - unsere Nachbarn sind weder für ihre noch für unsere Kinder verantwortlich. Daher sprechen wir überall von dem lokalen "Jugendproblem". Es gibt kein "Jugendproblem". Es gibt ein Dorfproblem von Erwachsenen, die ihre Verantwortung und Fähigkeit vergessen haben, mit ihren Nachbarn den Reichtum der Kinder und Jugendlichen zu teilen. Das ist unsere größte Herausforderung und unsere hoffnungsvollste Möglichkeit. ˧

Siebtens sind wir vor Ort die Stätte der Daseinsvorsorge. Unsere Institutionen können nur Dienstleistungen anbieten, keine Zuwendung. Wir können keine Zuwendung kaufen. eine solche Zuwendung ist die frei gegebene Verpflichtung aus dem Herzen des einen für den anderen. Als Nachbarn kümmern wir uns um einander. Wir kümmern uns um unsere Kinder. Wir kümmern uns um unsere Älteren. Und es ist diese Fürsorge, die die grundlegende Kraft einer Gemeinschaft von Bürgern ist. diese Umfassende Pflegearbeit im weitesten Sinn kann nicht von Systemen geleistet, verwaltet oder gekauft werden. Unser Weg wird durch die Macht zur mitmenschlichen Zuwendung ermöglicht. Demokratie ist die Art und Weise, wie wir für unsere Freiheit und Verantwortung sorgen. Es sind also die neuen Verbindungen und Beziehungen, die wir vor Ort schaffen, die eine Gemeinschaft bilden, denn wenn wir uns zusammenschließen, manifestieren wir unsere Fürsorge für die Kinder, die Nachbarn und die Erde. ˧

Zusammengefasst: ˧

Gesundheit, Sicherheit, Wirtschaft, Umwelt, Nahrung, Kinder und Fürsorge sind die sieben Verantwortlichkeiten unserer Bewegung. Sie sind die Notwendigkeiten, die nur wir erfüllen können. Und wenn wir versagen, kann keine Institution oder Regierung erfolgreich sein. Denn wir sind das wahre Fundament der Gesellschaft. ˧

Glücklicherweise stehen im Zentrum unserer Bewegung drei universelle und reichlich vorhandene Kräfte. Die drei Grundlagen unserer Berufung sind: ˧

Das Geben von Geschenken - die Geschenke der Menschen in unserer Nachbarschaft sind grenzenlos. Unsere Bewegung ruft diese Gaben hervor. ˧

Zweitens, die Kraft der Vereinigung - wenn wir unsere Gaben miteinander verbinden, werden sie verstärkt, vergrößert, produktiv und gefeiert. ˧

Drittens, die Gastfreundschaft: Wir heißen Fremde willkommen, weil wir ihre Gaben schätzen und unsere eigenen teilen müssen. Unsere Türen sind offen. Hier gibt es keine Fremden. Nur Freunde, die wir noch nicht kennen. ˧

Unsere Bewegung ist eine Bewegung des Überflusses. Es gibt keine Grenzen für unsere Gaben, unsere Verbindungen und unsere Gastfreundschaft. ˧

Wir haben eine Berufung. Wir sind die Menschen, die wissen, was wir brauchen. Was wir brauchen, umgibt uns. Was wir brauchen, sind wir - füreinander. Und wenn wir gemeinsam handeln, werden wir unseren Weg finden. Den Weg der Bürger. Den Weg der Gemeinschaft. Den demokratischen Weg. ˧

Wir sind zu nichts Geringerem berufen. Und es ist kein so wilder oder utopischer Traum. ˧

John McKnight ist Co-Direktor des Asset Based Community Development Institute an der Northwestern University. ˧

Sein Vortrag "Community Capacities and Community Necessities" wurde als Teil der Eröffnungsrede auf dem "From Clients to Citizens Forum" am Coady International Institute der St. Francis Xavier University in Antigonish, Nova Scotia, am 8. Juli 2009 gehalten

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Links:    

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-welt-nach-corona-wird-jetzt-ausgehandelt ˧

https://www.nzz.ch/meinung/glokalisierung-statt-globalisierung-der-corona-krise-entwachsen-zwei-moegliche-zukunftsszenarien-alle-gegen-alle-oder-die-wir-weltgesellschaft-ld.1546705 ˧

https://www.degrowth.info/en/2020/03/a-degrowth-perspective-on-the-coronavirus-crisis/ ˧

Storytelling lokales Empowerment    

https://acceptify.at/de/konsensierung/schaffenwir/anzeigen ˧

Homeworking und online Socializing    

https://blog.zoom.us/wordpress/2020/03/16/creating-culture-community-amid-social-distancing-work-from-home/?subscribe=success#488 ˧

aus politisch linker Perspektive:    

https://justpaste.it/ruhevordemsturm ˧

"Gegen die zu befürchtende Irrationalität der öffentlichen Diskurse wird nur eine unsererseits rationale Einschätzung helfen können. Witze oder Relativierungen, die eine Epidemie mit anderen Großproblemen wie der Klimakatastrophe in nicht vorhandene Beziehungen setzen, sind dann nicht hilfreich." ˧

"Gerade prekär Beschäftigte, in „Minijobs“ schuftende, aber auch die, die sich als „Freie“ oft genug von einem Job zum nächsten hangeln, werden in Kürze vor großen Problemen stehen. Viele werden voraussichtlich bald ganz ohne Einkommen dastehen, z.B. in der Gastronomie, im Messebau oder der Veranstaltungstechnik. Auch die anderen, Befristete, Minijobber und Zweitjobberinnen oder hinzuverdienende Rentner und Rentnerinnen, werden in Not geraten. Bleiben sie zuhause, verlieren sie ihr Einkommen und vielleicht den Job, gehen sie weiter Pakete oder Pizza ausfahren, werden sie möglicherweise krank und infizieren danach andere. Dass sie – wie die Wirtschaft und absehbarerweise auch Teile des Mittelstands – unter einen „Rettungsschirm“ der Politik geholt werden ist zweifelhaft." ˧

"Von Wohnungslosen, Illegalisierten, Menschen in Lagern und anderen Gruppen gar nicht zu reden. Deren Probleme, die schon im Normalmodus niemanden interessieren, werden bei den bevorstehenden Entscheidungsfindungen keine Berücksichtigung finden. Ein gutes Beispiel sind die Gefangenenaufstände in den italienischen Knästen, die maßgeblich dadurch motiviert sind, dass Angehörige unter der Quaratäne nicht mehr zu den Gefangenen dürfen, obwohl ihre Besuche drinnen ein fundamentaler Bestandteil der Versorgung mit Alltagsgütern von draußen sind. Es haben alle Medien über die Toten der Knast-Aufstände berichtet, nirgendwo war hingegen etwas über die Not zu erfahren, die die Abriegelung der Knäste für die Gefangenen mit sich bringt." ˧

Fertiger erster Sendungsteil:    

Dorfuni Interview mit Radio Helsinki: https://cba.fro.at/445473 ˧

Wetransfer der Sendung https://we.tl/t-ilUmQfhjWY ˧

Musik    

Jingle aus: ˧

downloaded from http://freemusicarchive.org ˧

Sunday Lights by Blue Dot Sessions (3:37) Sunday Lights by Blue Dot Sessions is licensed under a Attribution-NonCommercial License.
http://freemusicarchive.org/music/Blue_Dot_Sessions/Onesuch_Village/Sunday_Lights ˧

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