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Vom Verlust der Wegmarken und dem stillen Beginn einer neuen Welt ˧

Die Toleranzgespräche 2025 haben ein Thema von höchster Relevanz aufgeworfen: den Verlust jener geistigen Wegmarken, die noch vor kurzem Orientierung gaben und Sinn stifteten – Ideen wie Fortschritt, Vernunft, Demokratie, Wahrheit oder Menschlichkeit. Doch diese Leitsterne scheinen sich zunehmend an der Realität zu blamieren; sie verlieren ihre Substanz in einer Welt, die sich rasant verändert. ˧

Wo man früher von einer „Insel der Seligen“ sprach, wenn es um Österreich ging, scheint heute „Insel der Gestrigen“ passender. Mit wachsender Geschwindigkeit erodieren die Fundamente, auf denen gestern noch unsere ganze Zivilisation ruhte. Der Platz als neutraler Zufluchtsort hat seinen Wert verloren, seitdem die Stürme der Geopolitik in nie gekannter Intensität toben. Selbst die Zeiten der Kubakrise oder des Zusammenbruchs der Sowjetunion erscheinen im Rückblick beinahe harmlos. ˧

Immer deutlicher zeigt sich, dass von der stabilen Basis der Weltherrschaft des Dollars kaum mehr übrigbleibt als ein wachsender Berg ungetilgter Schulden. Die Erfolge der Globalisierung beruhten auf einer großen Simulation – auf dem Schein von Ordnung, die nur mit Gewalt in die Welt gesetzt wurde. Die Wende zum Trumpismus gleicht einem „Rette sich, wer kann“: ökonomische Potenz wird plötzlich zur nackten Gewalt, die die Erzählung eines kooperativen Vorteils durchstreicht und dementiert. Doch was wie eine Wende aussieht, ist in Wahrheit der Offenbarungseid einer Weltordnung, die längst auf Dominanz und Ausschluss beruht. ˧

Der Westen selbst war um die Jahrtausendwende Vorreiter dieser Haltung – mit seinem „Krieg gegen den Terror“, mit den Kriegen gegen den Irak und Serbien, zahllosen Interventionen und der globalen Einkreisung durch hunderte Militärbasen. Wen wundert es, dass genau daraus – wie bei Goethes Zauberlehrling – massive Gegenkräfte entstanden, die einem solchen Kontrollregime mit allen Mitteln entgegentreten? Die Sozialgeographin Nel Bonilla schrieb jüngst auf ihrem Substack Wordlines: ˧

„Je mehr der Westen jeden Bereich militarisiert, desto stärker reagieren seine Rivalen in gleicher Weise. Je mehr sich die Rivalen anpassen, desto mehr eskaliert der Westen. Doch hinter all dem verbirgt sich eine ausgehöhlte industrielle Basis, alternde Bevölkerungen und ein Gesellschaftsvertrag in Trümmern.“ [1] ˧

Mein verstorbener Freund Frithjof Bergmann verglich die ökonomische Megamaschine einst mit einem „Lokomotivkessel, in dem zunehmend Geigen verbrannt werden“. Aus heutiger Sicht war das noch ein harmloses Bild. Doch es ist nicht sinnvoll, uns allzu lange auf den Verfall zu fixieren, der wie ein Menetekel überall aufscheint – auch dort, wo scheinbar noch Wohlstand blüht. Dieser Verfall hat viele Gesichter: ˧

Erstens: Die gesellschaftliche Suche nach Wahrheit ist einer Lagerbildung und Diskurskontrolle gewichen. Fakten und Fiktionen vermischen sich, Meinung ersetzt Erkenntnis, Gefühle übertönen Vernunft, Worte werden zu Waffen und Begriffe zu Markenzeichen. Zweitens: Der Mensch verliert sich im Übermaß der Information – mehr Wissen, aber weniger Weisheit; mehr Kommunikation, aber weniger Verstehen; mehr Möglichkeiten, aber weniger Sinn. Drittens: Dörfer, Nachbarschaften, Familien, Regionen und ganze Nationen verabsolutieren sich – Inseln in einem Ozean des Misstrauens. Viertens: Die Wirtschaft dient nicht mehr dem Leben, sondern sucht es zu ersetzen. Eine neue Herrschaftsschicht der Superreichen spekuliert offen mit der Herausforderung traditioneller Souveränitäten. Ihr maßloses Wachstum wird zum Gott, und alles, was nicht Profit bringt, gilt als wertlos. Künstliche Intelligenz breitet sich in jenen Bereichen aus, die dem Menschen einst Halt und Identität gaben. Fünftens: Die planetaren Grenzen werden ignoriert – und die Natur antwortet mit Hitzewellen, Fluten und Dürren, mit einem dumpfen Nein zu unserer Hybris. ˧

Manche träumen angesichts dessen von einer Rückkehr zur Normalität, zu jener „guten alten Zeit“, in der alles noch übersichtlich war. Doch diese Zeit kommt nicht wieder. Denn was wir für Normalität hielten, war bereits der Wahnsinn selbst – ein System, das sich von seiner Lebensgrundlage trennt und sie zugleich verschlingt. Viele spüren das instinktiv, wenn sie sich dem offenen Diskurs verweigern und Zuflucht in den Blasen der Gleichgesinnten suchen, die ihnen die sozialen Medien scheinbar anbieten – während sie dabei unmerklich immer stärker vereinzelt, sortiert und kontrolliert werden. ˧

Der Konsens, dass es kein einfaches Zurück zum Status quo gibt, sondern nur die Suche nach einem „Darüber hinaus“, war während der Gespräche deutlich spürbar. Die Umrisse einer neuen Vision werden sichtbar – sie schweben bereits in vielen Köpfen. ˧

Der Umbau, den wir brauchen und den wir vielerorts keimhaft vor uns sehen, ist kein einmaliges Ereignis, keine Machtergreifung, kein Sieg, keine große Offenbarung und schon gar keine Revolution. Er beginnt in den Lücken und an den Rändern des alten Systems – wächst aus heterogenen Elementen zusammen und stellt sich dem Alten nicht frontal entgegen, sondern macht es durch schiere Vitalität und überlegene Funktion obsolet. ˧

Die alte Burg der Raubhauptstadt wird nicht gestürmt. Sie wird langsam, geduldig und anmutig von einem lebendigen Netzwerk umwachsen, das eine überzeugendere Zukunft bietet. Es ist eine stille, subversive und zutiefst biologische Metamorphose. Wie Richard David Hames [2] schreibt: ˧

„Einerseits befindet sich das alte und erschöpfte Paradigma – ein mechanistisches, koloniales, reduktionistisches Relikt – in der Endphase seines thermodynamischen Zusammenbruchs. Es ist eine dissipative Struktur im Sinne Prigogines, die den Abfall ihrer eigenen Operationen nicht mehr verarbeiten kann – sei es Kohlenstoff in der Atmosphäre, Ungleichheit in unseren Gemeinschaften oder Sinnlosigkeit in unseren Seelen. …Doch dieser Zusammenbruch ist die notwendige Voraussetzung für Metamorphose. In der Sprache der Komplexität ist dies ein Bifurkationspunkt – ein Moment maximaler Instabilität und damit maximalen Potenzials. Aus dieser chaotischen Suppe können neue, thermodynamisch elegantere Strukturen entstehen. Unsere ‚Inseln der Kohärenz‘ sind genau diese im Entstehen begriffenen Formen – Systeme, die nicht auf lineare Extraktion, sondern auf zirkuläre Reziprozität ausgelegt sind; nicht auf die Maximierung der Verschwendung, sondern auf die Optimierung des Beziehungsflusses. Sie stellen einen neuen Stoffwechselweg der Zivilisation dar, der die verfallende Materie der alten Ordnung in fruchtbaren Humus verwandelt – für eine Welt, die wieder in ökologischer Integrität wurzelt.“ ˧

„Jede ‚Insel der Kohärenz‘ – eine Genossenschaft für regenerative Landwirtschaft in Sambia, ein gemeindeeigenes Netz für erneuerbare Energien in Dänemark, ein verteiltes Produktionszentrum in Brasilien, ein australisches Unternehmen, das zirkuläre Beschaffung in den Lebenszyklus von Gebäuden integriert – ist eine gesunde Zelle in einem ansonsten kranken Körper. Zunächst erscheinen sie isoliert, sogar dissonant in einer Welt, die noch immer von Konventionen beherrscht wird. Doch wenn sich ihre Vitalität bewährt, beginnen sie zu kommunizieren – nicht über zentrale Steuerung, sondern über die resonante Sprache gelebter Prinzipien.“ ˧

Überall entstehen solche Keime des Neuen – inmitten der selbstbezüglichen Macht- und Prunkentfaltung des Alten. Während die Hierarchie der alten Ordnung zunehmend auf Aufrüstung als Wirtschaftsmotor setzt, blühen Gemeinschaftsgärten, offene Werkstätten und Makerspaces, regionale Wertschöpfungskreisläufe, bioregionales Bewusstsein, geteilte Wissensplattformen, neue Formen von Bildung, Bürgerenergiegemeinschaften und kooperative Lebensweisen. Das Lokale und die Nähe werden wiederentdeckt – als Quelle universaler Kraft. ˧

Das Neue wächst nicht in den Glaspalästen der Geschäftsdistrikte, sondern in den Dörfern, Stadtteilen, Scheunen und Garagen – in den Köpfen und Herzen derer, die nicht länger warten wollen. Es ist nicht perfekt, nicht zentral gelenkt, sondern organisch, lernend und vernetzungsfreudig wie ein Myzel, das unter der Erde alles miteinander verbindet. ˧

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe unserer Zeit: ˧

Nicht das Alte zu stürzen, sondern das Neue zu nähren. Nicht Macht zu übernehmen, sondern Verantwortung zu teilen. Nicht zu herrschen, sondern zu hüten. ˧

Diese stille Revolution hat längst begonnen – in jeder Geste des Teilens, in jedem reparierten Gegenstand, in jedem wiederbelebten Dorf, in jeder Entscheidung für Gemeinschaft statt Konkurrenz. ˧

Hier ist kein Ende, sondern ein Anfang. Und vielleicht war die Unordnung, die wir Wahnsinn nennen, notwendig – damit wir endlich verstehen, was Leben wirklich bedeutet. ˧