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Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Sendung 38: Gehen Die Alten voran?   
Die Lage   
Von Adam 2000, Segregation und Sun City   
Pilotprojekte und Vorbilder   
Komponenten der Lösung   
Prozesse   
Musikauswahl   
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Sendung 38: Gehen Die Alten voran?    

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hier ist wieder einmal Franz Nahrada aus Bad Radkersburg und Wien mit der 38. Sendung der Reihe "Willkommen im Globalen Dorf". ˧

Die Reaktionen auf die letzte Sendung waren sehr zwiespältig. Ich habe tatsächlich ein sehr dunkles Bild gemalt von unserer Zukunft, die - nicht nur in meiner Wahrnehmung, sondern in der von von vielen Autoren - dominiert wird von einem immer mächtiger werdenden Amalgam von finanzieller, technologischer und politischer Macht, fast wie ein neues Feudalsystem. Diese schon heute immer spürbarere Entwicklung hat nichts mehr zu tun mit dem Bild von Freiheit und Gleichheit, über das sich das über uns herrschende System leider immer noch höchst erfolgreich legitimiert. Die Realität sieht anders aus, die Gesellschaft wird immer mehr gespalten und die große Mehrheit der Menschen werden ihrer ökonomischen Mittel beraubt - egal ob es sich um formell eigenständige Produzenten handelt oder das was man einmal die Arbeiterklasse nannte. Der Spruch "Ihr werdet nichts mehr besitzen und glücklich sein" von Klaus Schwab ist nicht das Produkt eines Exzentrikers, sondern tatsächlich eine programmatische Ansage hinter der ein breiter elitärer Konsens steht. Die Welt gehört einer winzigen Minderheit und sie ist aufgeteilt. Der großen Masse wird Fremdbestimmung und Abhängigkeit als ultimates Glücksversprechen verkauft. Ich möchte jetzt nicht im einzelnen auf die neuen außerökonomischen Mechanismen der Produktion von Konformität eingehen, die ich das letzte Mal angedeutet habe, nur wiederholen dass ich nicht an die Neutralität und Menschenfreundlichkeit der verschiedensten Technologien und Innovationen glaube, die unser Leben in immer größerem Ausmaß von proprietären Produkten und Prozessen abhängig machen und uns auf vielfältigste Art transparent und kontrollierbar machen. Es ist im einzelnen schon fast nicht mehr unterscheidbar wo die Wohltat endet und die Repression beginnt. Die transhumanistischen Träume von der großen Transformation sind auf einem Fundament errichtet, das aus den Elementen Künstliche Intelligenz (KI) und Total Interconnectedness (TI) besteht. Mit jedem Tag wird die "programmierte Gesellschaft", von der auch ich in meiner Jugend begeistert war, machbarer und wahrscheinlicher ... und meine Begeisterung schwindet mit jedem Tag.. ˧

Gleichzeitig existieren aber auch jede Menge positive Ansätze, suchen Menschen nach neuen Lösungen, die Freiheit und Würde bewahren, auf Vielfalt und Eigenmacht aufbauen. Viele von uns spüren dass das herrschende politisch-ökonomische System in Wahrheit keine menschenwürdige Zukunft mehr bietet, dass seine Flucht in die Logik von expansiver Geopolitik und immersiver Biopolitik nur kaschiert, dass die Koexistenz von Kapital und Arbeit, die relativen Gleichgewichte und Machtbalancen der vergangenen Jahrzehnte zugunsten der vom Kapitalismus hervorgebrachten neofeudalen Elitenherrschaft aufgegeben werden die mit großer Energie daran arbeitet, die von so verschiedenen Autoren wie Günter Anders und Norbert Wiener vorausgesagte Antiquiertheit des Menschen, "seine zunehmende Obsoleszenz angesichts der Perfektion seiner Produkte", Wirklichkeit werden zu lassen. [1]. ˧

In unserer das letzte mal erwähnten Utopie gehen wir, wie auch schon in den vielen vergangenen Sendungen dargestellten Teilaspekten des "Planeten der Dörfer" davon aus, dass sich diese Elitenherrschaft des finanziell-technologischen Komplexes mit ihrem Traum von der uniformen Weltmaschine nicht durchsetzen wird; in dem Maß in dem sie ihre destruktiven Pläne immer deutlicher offenbart und manifestiert, in dem die Unfähigkeit zum Ausgleich und Kompromiss Verarmung, Krieg und Umweltzerstörung immer größeren Ausmaßes hervorbringt und die angebliche Ohnmacht der Politik gegenüber "Sachzwängen" ihre Komplizenschaft mit der Agenda des 'Klassenkampfes von oben' immer deutlicher macht, in demselben Maß wird letztlich ihre Glaubwürdigkeit verschwinden und werden sich selbstorganisierte, kooperative und fundamental gewaltfreie Alternativen Gehör verschaffen, ihre Entfaltungsräume aufbauen und ins System eindringen. Diese Hoffnung liegt dieser Sendereihe zugrunde, die zeigt dass eine andere Zukunft immer noch und zugleich mehr denn je möglich ist. Menschen werden, wie der schon erwähnte Yuval Noah Harari in seiner "kurzen Geschichte der Menschheit" schrieb, durch gemeinsame Erzählungen in die Lage versetzt in unfassbaren Dimensionen zu kooperieren, und solche Erzählungen können, wenn sie denn geglaubt und umgesetzt werden, den Lauf der Dinge entscheidend verändern. ˧

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Das heutige Thema behandelt scheinbar eine Randerscheinung auf diesem Gebiet, und wir kehren in der genaueren Betrachtung dieser Randerscheinung von der Utopie in die Gegenwart zurück. Die heutige Sendung trägt den Titel "gehen die Alten voran ?" und beschäftigt sich mit einer ungeheuer großen Gruppe, die die Obsoleszenz besonders stark verspürt - Menschen die alt geworden sind und dadurch immer schon ihren Ausschluss aus der produktiven Gesellschaft zu spüren bekamen. ˧

Ich gehöre zu dieser Gruppe. Ich bin letzten Dezember 68 Jahre alt geworden, und bin im Geist ein achtundsechziger. Sehr sehr spät, aber hoffentlich nicht zu spät, habe ich begonnen mich mit der Frage zu beschäftigen wie speziell die Alten - und damit auch ich - das über sie verhängte Urteil der Obsoleszens, der Überflüssigkeit bekämpfen können. Ich habe viel recherchiert und entdeckt und möchte zeigen, dass gerade in dieser Gruppe sich wunderbare Beispiele finden für neue Wege und letztlich für die andere mögliche fundamentale Transformation, die unserer Welt offensteht. ˧

Das klingt zunächst paradox. Wir leben zwar seit geraumer Zeit immer länger, aber das bedeutet nicht unbedingt dass die Lebensqualität und unsere Handlungsmöglichkeiten damit Schritt halten. Eine gute Zusammenfassung dieses Paradoxes bietet Hajo Schumacher in seinem Buch "Restlaufzeit". ˧

"Wie mentale Drohnen schwirren die Horrorbilder vom Altern durch unsere Köpfe. Rentenlücke, Demographiekatastrophe, Gebrechlichkeitspflegeschaft, Demenzepidemie.Ich weiß dass ich nicht allein bin mit meinen Fragen, den Unsicherheiten, der wachsenden Panik. Wer den Verfall der eigenen Eltern erlebt, wer die jährliche Rentenmitteilung überfliegt und kein stattliches Erbe in Aussicht hat, der ahnt: Wir Babyboomer hatten das satteste und unbeschwerteste Leben aller Zeiten...aber wie mag das Ende werden? Wie werden wir unser pralles Dasein durch eine immens steigende Lebenserwartung retten? Wie lange schaffen wir es, Treppelifte und Inkontinenz wegzujuxen? Was ist mit Schmerzen, Armut, Suizid? Gibt es einen Ausweg aus Pflegeknast und Hirnschwund? Oder ist unserer Generation das elende Altern vorherbestimmt?" (p.9) ˧

"Früher war das Leben dreigeteilt in Jugend/Ausbildung, Arbeit/Sparen und ab 65 einige Jahre Fernsehsessel/Rente. Das Leben endete im Schnitt mit 70. Wer heute um die 50 ist, hat gute Chancen 90 zu werden. Aus dem gedrittelten Leben ist ein gevierteltes geworden. Wir haben 20 Jahre Lebenszeit Lebenszeit ... geschenkt bekommen aber leider nicht die passenden Entwürfe dazu ... wir leben einfach weiter obgleich wir für den Fortbestand unserer Art nicht mehr gebraucht werden. So fällt uns die Verantwortung zu, eine neue, komplexe und ethisch anspruchsvolle Gemengelage zu bewältigen und zu gestalten, sozial verträglich, unaufgeregt, selbstbewusst, womöglich sogar generationensolidarisch - eine immense kulturelle Aufgabe, die weit über Finanzfragen "hinausreicht." ˧

Die Lage    

Das Buch ist 2014 erschienen, also noch lange vor den Schrecken der Coronazeit und der sogenannten Zeitenwende. Es war damals schon absehbar dass es kaum Aussicht auf einen Zuwachs sozialstaatlicher Leistungen geben würde, schon seit geraumer Zeit wurde für die Notwendigkeit zusätzlicher privatwirtschaftlicher Altersvorsorgen getrommelt, während Kapitalmarktforscher aber auch die International Labor Organisation bald feststellten dass hier lediglich die Versicherungs- und Finanzwirtschaft gefüttert wurde, über Versicherungskosten und Portfoliomanagement, hohe Ausgaben für Marketing, Kundengewinnung, Risikoauslese und Gewinnausschüttung an Aktionäre Milliarden verlorengingen [2] [3]. Die Finanzkrisen und die Entwertung spekulativer Anlagen haben schon damals die Alterversorgung einer ganzen Generation teilweise ins Bodenlose stürzen lassen. Dennoch wurden diese Instrumente weiterhin zur Rechtfertigung des Abbaus öffentlicher Solidarsysteme benutzt, mit dem Resultat dass mit EU Richtlinien weiterhin mannigfaltige Pensionsreformen mit wesentlichen Senkungen der Leistungen durchgezogen werden konnten. Und nun, angesichts der politischen Beschlüsse dass koste es was es wolle der Krieg gegen Russland gewonnen werden muss, sind die Schleusen der Geldentwertung weit geöffnet und die Verarmung wird breit spürbar. ˧

Aber der Verfall geht tiefer, die scheinbar verlängerte Lebenszeit bedeutet durchaus auch ein Mehr an persönlichen Risiken und Gefahren. Die Alterungsprozesse werden ja nicht wirklich aufgehalten, auch wenn viele sie kosmetisch kaschieren. Gesundheit wird zum knappen Gut und Medizin wird immer teurer. Wenn wir immer älter und immer mehr werden, dann ist kaum damit zu rechnen dass genug Pflegepersonal für alle bereit steht. "Der Welt - Alzheimer Bericht 2013 sagte schon damals eine Verdreifachung der Demenzen voraus [4], eine der häufigsten Geiseln des Alterns. Depression ist unsichtbarer, aber offensichtlich genauso verbreitet. ˧

Das Institut für Suizidprävention in Graz stellt fest [5] : Die Suizidrate steigt in Österreich mit dem Alter an. Über ein Drittel aller Suizide in Österreich entfallen auf Menschen über 65. Das Suizidrisiko ist in der Altersgruppe der 75 bis 79-Jährigen fast zweieinhalb Mal, in der Altersgruppe der 85 bis 89-Jährigen fast fünfmal so hoch wie das der Durchschnittsbevölkerung. in Deutschland, so lese ich bei Schumacher, ist es nicht anders. Und er fügt hinzu: ˧

"Nicht in der Statistik tauchen jene auf, die das Essen verweigern, Medikamente falsch dosieren oder absichtlich unglücklich fallen. Die Angst vor dem Tod scheint geringer als die Angst vor dem Dämmern, den Schläuchen, dem Hinternabputzen, dem Totalverlust an Selbstbestimmung." [6]. ˧

Ich erinnere mich an meine Mutter, die in einem klaren Moment als ich sie am Muttertag 2015 mit einem Rollstuhl auf das Dach des Pflegeheims bei Kosterneuburg führte, mich inständig bat, sie über die Brüstung zu werfen. ˧

Ich könnte endlos weitererzählen, vom Verschwinden der sinngebenden Sexualität, vom Leben in Einsamkeit, vom Schwinden der Hoffnung, von den vielen Fallen im Alltag, den Stürzen, den morschen Knochen und fragilen Gefäßen, und von der Unausweichlichkeit des Pflegeheims, wo sich Elend addiert, multipliziert, potenziert. ˧

Wir können das alles nicht ausblenden, und viele Probleme werden nicht einfach verschwinden nur weil wir uns entschlossen haben uns ihnen zu stellen. Und dennoch können wir vieles verändern. Wie das in Worte fassen? ˧

Gerade lese ich in Facebook den Post eines genialen Erwachsenenbildners und Regionalentwicklers, Hans Rupp aus Göttlesbrunn in Niederösterreich im Römerland-Carnuntum. Ich gestatte mir zu zitieren: ˧

"Erstmals nach der OP wieder unterwegs durch die Göttlesbrunner Weingärten komm ich ins Sinnieren über "damals" (vermutlich ein untrügliches Zeichen, dass ich langsam alt werde ...- Was heißt "langsam" höre ich dich fragen? Und was meinst du mit "werde"...?)
Sinnieren über..''
... meine ersten Schritte als Bio-Winzer (weil ich grad an einem meiner ehemaligen Weingärten vorbei komme), damals in den 80ern.
... die unglaubliche Freude, als wir die Biomasse-Fernwärme in Betrieb nehmen konnten (weil ich in der Ferne den Schlot des Heizhauses sehe), damals im Herbst 1990.
... die vielen anderen öko-sozialen Initiativen, die v.a. von innovativen Bäuerinnen und Bauern ausgingen, von denen eine ganze Reihe in der Bauernakademie "gesponnen" wurden (weil mein Auge gerade über die Windräder schweift), damals in den 80er und 90er Jahren.
Alles nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein. Gut, dass es mittlerweile viele sind, sodass es immer stärker tröpfelt. "Bald wird es regnen", sinniere ich." ˧

Und ein anderer begnadeter Regionalentwickler, Martin Huber aus Gmünd im Waldviertel, antwortet ihm: ˧

"Wünsche Dir gute Besserung! Mittlerweile sind in meinem Umfeld eh auch allem krank! Im letzten Jahr sind meine Eltern gestorben und zwei meiner guten freunde in meinem Alter! Wir haben keine bleibende Stätte hier .... Am Tag nach dem Tod meiner Mutter war ich beim Reinhard, Priester von Kleinraming. Er hatte vor dem Pfarrhaus ein Plakat: "Du bist noch hier. Also mach was draus!" ˧

Ich möcht mich bei den beiden bedanken für diese Worte und Bilder. Und jetzt kann ich auch den Hajo Schumacher zitieren, der schreibt: ˧

"Langsam wird mir klar, wo die Korridore der Möglichkeiten entlanglaufen. Die schlechte Nachricht: ich kann mich auf niemanden verlassen. Die gute Nachricht: ich kann mich selber entscheiden. Niemand schreibt mir später vor wo ich stehe, wohin ich will, was ich anstrebe. ich bin für mich selbst verantwortlich, im Guten wie im Schlechten. 70 Prozent gestaltet der ältere Mensch selbst, nur 30 Prozent werden gestaltet, von Finanzen, Gesundheit, Umgebung, sagen die Altersforscher.
Vor allem ich entscheide, ob ich auch als Senior meinen Status über das Auto definiere, ob ich meinen Körper halbwegs fit halte. Ich bestimme wann und wo ich überhaupt anfange, mir konstruktive Gedanken über mein eigenes Leben zu machen" [7] ˧

Und damit sind wir letztendlich auch schön langsam auf die Positivseite gekommen. Wir haben Freiheit, und trotz allem haben wir Mittel. Zum Beispiel zu meinem Freund Fritz Endl, Großvater aus Leidenschaft, der es in seinem dritte Lebensabschnitt zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, Chronist, Vernetzer und Mediator in einem Wiener Grätzl zu sein. Immer wieder betont er, dass er seine Pension als bedingungsloses Grundeinkommen versteht, das ihn geradezu zu einem aktiven Leben im Alter verpflichtet. ˧

" Mein Leben als ehemaliger Lehrer wird auch in der Pension von Steuergeldern finanziert. Daher empfinde ich es auch als Teil meiner gesellschaftlichen Verantwortung, mich nach Möglichkeit in Richtung eines "GUTEN LEBENS FÜR ALLE" und von "GLOBAL DENKEN, LOKAL HANDELN" zu engagieren." [8] ˧

Dieses Grundeinkommen bedeutet zumindest einmal Zeit zu haben und investieren zu können. Aber es gibt noch mehr auf der Habenseite, das mir in dieser Richtung einfällt. Wir haben auch eine Fülle an Kompetenzen erworben in unserem Leben. Unnachahmlich drückt das ein Verein in Wien aus, der sich "Wohnen ohne Alterslimit" nennt: ˧

"Wir sehen unsere Eltern und Großeltern älter werden. Wir sehen uns selbst auf diesem Weg. Kennen wir die Richtung des Wegs, die Stationen? Wer bestimmt sie? Wieviel Zeit haben wir? Macht uns der Weg Angst? Macht uns das Ende des Weges Angst?
Sind wir bereit, uns mit dem eigenen Altwerden auseinanderzusetzen? Ja!
Wir haben Erfahrungen und Beobachtungen gemacht, schlechte und gute, und Lehren daraus gezogen.
Wir wissen daher, was wir nicht wollen: alt werden unter Bedingungen der Vereinsamung, Entmündigung und Entwürdigung in lebensfeindlichen Pflegeinstitutionen.
Und wir wissen, was wir können: Wir sind versiert darin, anspruchsvolle Lebensentwürfe umzusetzen in selbstbestimmten, solidarischen Organisationen. Wir haben elternverwaltete Kindergruppen, Alternativschulen und Wohnprojekte gegründet. Jetzt ist WOAL unser Projekt!"
[9] ˧

Über das WOAL Projekt könnte ich eine eigene Sendung machen, hier nur so viel, quasi als Fußnote. Die Intiatorinnen sind zum Großteil im Pflegebereich tätig und haben genau deswegen auch die Kompetenz abzuschätzen, wie ein Gemeinschaftsprojekt dimensioniert sein muss, damit es aus eigener Kraft auf die mannigfaltigen Fallstricke des Alters antworten und Demenz, Krankheit und Tod bewältigen kann. Nach langen Jahren der Vorbereitung und Verfeinerung des Konzeptes seit 2015 - das Problem aufwerfend und lösend wie Menschen im dritten und vierten Lebensabschnitt gemeinsam, selbstorganisiert und solidarisch wohnen, leben und bei Bedarf bis zum Lebensende betreut und gepflegt werden können - ist es WOAl nun gelungen, eine Ausschreibung für ein großes Baugruppenprojekt in Wien Oberlaa zu gewinnen, wo sie mit 89 Personen ein Konzept von 12 Clusterwohnungen zu je 7 bzw. 8 BewohnerInnen realisieren werden, angebunden an eine Fülle von ergänzenden Angeboten in unmittelbarer Nähe und einer aktiven Rolle der Gemeinschaft im neu entsteghenden Stadtteil. Eine Clusterwohnung hat z.B. 350 m2, davon sind fast die Hälfte luxuriöser Gemeinschaftsbereich, während die individuellen Wohneinheiten von je 25 m2 bewusst „klein“gehalten sind. Wer darüber mehr erfahen möchte findet unter www.woal.at sehr detaillierte Unterlagen, und natürlich auch Termine für diejenigen die mitmachen wollen. Fußnote Ende. ˧

Die Sache mit den Kompetenzen trägt aber noch weiter. Wir alten haben auch viel in unserem Berufleben gelernt, wir besitzen Wissen das die Gesellschaft beiseite geschoben hat. Man könnte ergänzen: Wir waren auch Techniker, Planer, Manager, Handwerker, wir haben Häuser saniert, Permakulturgärten angelegt. Wir haben Menschenkenntnis erworben, wertvolle Lebenserfahrung angehäuft. Und all dieses Wissen und Können wird gebraucht. Es gibt keinen maßgeschneiderten vorfabrizierten Ruhestand. Und obwohl wir alle am zunehmenden Nachlassen unserer Kräfte leiden und leider auch an abnehmender Anpassungsfähigkeit, obwohl wir also immer mehr das werden was wir früher als "eigen" bezeichnet haben, Gewohnheiten und Eigenheiten und spezielle Vorstellungen vom Leben die uns oft daran hindern aufeinander zuzugehen, bleibt uns nichts anderes übrig als es trotzdem zu versuchen und vielleicht gerade aufgrund unserer Eigenheiten Resonanzen zu finden. Dabei gilt sowohl "gleich und gleich gesellt sich gern" als auch dass Gegensätze auch die Würze des Lebens sein können und mit ihrer Anziehungskraft für lebendigkeit sorgen können. Es stehen uns viel mehr Möglichkeiten zur Verfügung als wir glauben und wir müssen uns diesen Möglichkeiten fokussiert zuwenden.Nicht alle Wünsche werden erfüllt werden können, aber vielleicht können wir Dinge erreichen von denen wir nicht mal zu träumen gewagt haben. Und das schöne ist: wir sind nicht mal die allerersten Pioniere. Seit Jahrzehnten schon entwickeln sich auf der ganzen Welt Subkulturen, die uns einen ersten Vorgeschmack geben auf die kommende Vielfalt des selbstbestimmten Alters. Manche dieser Subkulturen sind vielleicht abschreckend, aber das ist eben genauso wie mit der Welt der Globalen Dörfer insgesamt: Wir schaffen Lebensumgebungen in denen verschiedenste Lebensentwürfe Platz haben. ˧

Musik ˧

Von Adam 2000, Segregation und Sun City    

Meine erste Begegnung mit der Vorstellung dass es einen Bedarf an sozialer Innovation für das Alter und auch dementsprechende Visionen gibt, hatte ich in meiner Gymnasialzeit. Damals fiel mir das schon 1966 erschienene Buch "Adam 2000 -Von den Möglichkeiten menschlicher Existenz" von Ernst Gehmacher, der 2021 verstorben ist, in die Hände, dass ich wie viele andere Zukunftsbücher damals begeistert las. Es beschreibt eine Vision die noch sehr geprägt ist vom sozialdemokratischen Forschungsglauben, aber Gehmacher war damals schon unglaublich hellsichtig und beschrieb neben vielen anderen Dingen auch tatsächlich die Herausbildung von Altendörfern, wo sich Menschen abseits vom Trubel der Städte einem beschaulichen Leben widmen. Das war damals noch eine komplett abwegige Zukunftsvision, und ich erinnere mich dass ich in meinem Soziologiestudium im ersten Semester 1973 ein Proseminar zu Soziologie und Raumordnung besuchte und das Buch vorstellte. Dozent Silberbauer, der später Leiter der niederösterreichischen Landesplanung wurde, sah mich streng an und sagte "Sie plädieren also für Segregation?". Ich wusste nicht genau was ich darauf antworten sollte. Im Buch beschreibt Gehmacher Menschen die in lebendigem Kontakt zu ihren Familien sind, auch gerne besucht werden weil die Umgebung für die hektischen Städter ein Vademecum ist, und die einfach in einer für sie idealen Lebensumgebung sind. Die Segregation der Alten hatte ich hingegen in der Stadt, meiner unmittelbaren Lebensumgebung, verspürt, wo alte Menschen schon zur Zeit meiner Kindheit vom Lebensprozess ausgeschlossen und vereinsamt wurden. Mir war das sehr nahe gegangen weil ich es unmittelbar in meiner Familie erlebt hatte. ˧

Erst viel später Begriff ich dass das scheinbare Paradies auch seine Schattenseiten haben kann. Blende auf Sun City, Arizona, eine Art „Endstation vom Reißbrett", die älteste Seniorengemeinde der USA. Dort leben 40.000 Menschen, Durchschnittsalter 73,5 Jahre, Mindestalter 55 Jahre. In Sun City gibt es keine Kinder, keine Unordnung und keine Kriminalität. Der Kalifornier Del Webb hatte schon in den 50er Jahren die Idee einer Seniorensiedlung mit Clubcharakter, mit Poolanlagen, Golfplätzen und Bowlingbahnen, nachdem ein anderes religiös geprägtes Modell gescheitert war. Sun City wurde 1960 eröffnet. Die Bewohner müssen ihr Areal theoretisch nicht mehr verlassen: Es gibt Kirchen, Supermärkte, Pflegedienste und Krankenhäuser. ... In Amerika leben mittlerweile Hunderttausende Rentner in solchen Siedlungen. Die größte davon ist «The Villages» im Herzen Floridas eine Stunde von Orlando, ein Familienunternehmen das über alle Maßen erfolgreich war und mittlerweile Sun City in den Schatten stellt. Dort leben fast 120.000 Ruheständler auf einem Areal von 90 Quadratkilometern, in der größe der landeshauptstadt Linz, im schnellstwachsenden bezirk der USA. 365 Tage im Jahr spielt man hier mit Inbrunst Golf, sonnt sich, flirtet und tanzt zur Musik der eigenen Jugend – Rock’n’Roll. Oder engagiert sich in einem der 1600 Clubs zu fast jedem denkbaren Thema. Engagiert sich ehrenamtlich. Hält sich fit. Alles ist altengerecht organisiert. Fast zu schön um wahr zu sein, im Vergleich zu traurigen Altenheimen in Deutschland oder Österreich, in denen alte und kranke Menschen vor sich hinvegetieren. ˧

Die lebenslange Mobilität in den USA und die Vorliebe für Künstliches und Vorfabriziertes legt solche Modelle nahe. Aber, wie erwähnt haben sie ihre Schattenseiten. Etwa das komplizierte Regelwerk dem man sich hier unterwirft - wie überall in den USA spiegeln die Neighborhoods die Einkommensklasse wider, unterscheiden sich die Häuser nur in farblichen Nuancen, besteht ein subtiler Konformitätsdruck bis hin zur Höhe der Gartenbepflanzung. Im Deli kostet ein Sandwich zehn Dollar, Häuser gibts hier ab einer Viertelmillion, Kinderbesuch ist für maximal 30 Tage zugelassen, Schulen gibt es keine. Von vorneherein haben hier nur diejenigen eine Lebensbasis, die irgendeinem Stratum der Mittelklasse angehören. Von der immensen Armut und Obdachlosigkeit draußen ist nichts zu spüren. Wie angenehm. ˧

Es scheint an diesem Punkt eine enorme kulturelle Differenz zu Europa zu geben. Bei einer Umfrage im Jahr 2011 („Die Alternsfreundliche Stadt“, Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen) haben sich 98% der Befragten gegen eine derart massive Segregation ausgesprochen und nur zehn bis 20% wollten überhaupt mit der Idee liebäugeln. Die stärkste Motivation dagegen war das Absgeschnittensein von anderen Generationen [10]. ˧

Ich habe selbst massiv dazugelernt bei meinen 7 Besuchen in den USA in den neunziger Jahren. Ja, das ganze Land ist wie ein Archipel extrem homogener sozialer Inseln. Und ja, das führt einerseits zu erstaunlichen und bewundernswerten Qualitäten. Fast wie in meinem utopischen Zukunftsentwurf gibt es Manifestationen von kulturellen Kreationen, sei es Siedlungen in Wäldern mit hohen sozialen und ökologischen Standards oder kühne architektonische und technologische Experimente wie Arcosanti oder traditionalistische Kulturen wie die Amish. Und eben beispielsweise auch die Sun Cities. Und doch habe ich diese Inseln als relativ abgeschottet erlebt, als einseitig, dadurch auch oberflächlich und auf Dauer sogar langweilig. ˧

Irgendwann bin ich draufgekomen warum ich doch lieber in Europa lebe, obwohl mir hier dieser in den USA verbreitete Spirit abgeht, mit dem Kulturen regelrecht und mühelos kreiert werden. Es ist wiederum dieses europäische wechselseitige Kommunizierenmüssen und auch Blockieren, dieses sich aneinander abschleifen verschiedner Schichten und Interessen - wie Kieselsteine poliert werden, was indirekt auch zu einer tieferen und authentischen Realität und zu insgesamt reicheren Kulturen führt. Es ist wahnsinnig schwer in Worte zu fassen. Aber natürlich wäre es wünschenswert, wenn wir beide Seiten leben könnten und bewusst ein Mosaik von Subkulturen schaffen könnten wie in alten europäischen Städten, Orte mit flair und eben auch geprägt von spezifischen Bedürfnissen, darunter eben auch den altersspezifischen. Und ich glaube dass wir auf dem Weg dorthin sind, und das hat gerade nichts mit der scheinbar allgegenwärtigen Amerikanisierung zu tun. ˧

So. Jetzt hab ich gerade die Einleitung geschafft und könnte jetzt beginnen zu erzählen was es schon alles auf diesem Gebiet gibt - doch die Grenzen unserer Sendezeit sind schon bald erreicht, und ich hab ja noch einen Sendungsgast. Ich merke schon dass auch das heutige Thema nach Fortsetzungen schreit und kann nur andeuten, welche Geschichten ich darin unterbringen würde und hoffentlich werde: über die Pioniere zum Beispiel. ˧

Pilotprojekte und Vorbilder    

Etwa wie sich in Dänemark ab 1960 eine spezifische Form des gemeinschaftlichen Wohnens entwickelte, das sogenannte Cohousing, und wie durch die besonders mobile Altenpflege die Gelegenheit und der Anreiz für eigene Seniorenprojekte entstand. Mehrere hunderte Seniorenwohngemeinschaften machen Dänemark zum größten Experimentierfeld für gemeinschaftliches Wohnen im Alter. [11] ˧

Ein weiteres Beispiel ist das italienische Dorf Tiedoli, aus dem zeitweise alle jungen Menschen ausgezogen waren. Ein Architekt baute zunächst sechs moderne Wohnungen für die Senioren der Gemeinde. Diese gestalterischen Veränderungen im Dorf kamen so gut an, dass wieder mehr Bewohner dazuzogen, darunter auch immer mehr junge, die zum Beispiel in Pflege und Therapie Existenzmöglichkeiten fanden. ˧

Kolokation [12] ist ein österreichisches Pionierprojekt in Wien, gegründet 2013 ,der Name kommt aus dem Französischen: colocation, die Wohngemeinschaft (Abk.: WG). Das erklärte Vereinsziel war es, gemeinschaftliche Wohnprojekte in bestehenden Altbauhäusern zu planen und umzusetzen, doch mittlerweile sind vor allem zwei Wohngruppenprojekte in Stadtentwicklungszonen realisiert worden. Mal sehen ob ich bald mehr drüber berichten kann. ˧

Komponenten der Lösung    

Das Gestalten des Alters beschränkt sich bei weitem nicht aufs Wohnen, und doch scheint die Wohnfrage die Basis zu bilden. Viele Komponenten spielen dabei eine Rolle. ˧

Vielleicht die wichtigste Komponente ist der Raum und die Umgebung. Alleine darüber könnte ich mehrere Sendungen machen. Was in Ernst Gehmachers Vision auch heute noch gültig ist: entschleunigend und zugleich aktivierend, naturnahe und barrierefrei, Begegnung und Bewegung unterstützend. Doch wir können viele weitere mehr oder weniger unabdingbare Merkmale hinzufügen. Barrierefrei. Kultiviert. Gesunderhaltend. Rückzugsmöglichkeiten schaffend. Nahe an Zentren und Versorgungsmöglichkeiten gelegen. erschwinglicher Luxus wie eigenes Schwimmbad und so weiter ... Die Liste ist lang und sie muss vielleicht noch ergänzt werden um Faktoren wie Sinnstiftung, Kreativität fördernd und das schon erwähnte Mosaik der Subkulturen in der Nähe. Ich werde auch berichten wie die Gemeinschaftskultur ausstrahlt und auch die Mainstream Altenpflege als auch den Mainstream Wohnbau zu verändern beginnt.. ˧

Ein weiterer Faktor ist eine spezifische Gemeinschaftskultur, die auf die Bedürfnisse der Alten Rücksicht nimmt. Das WOAL Projekt hat den blinden Fleck herkömmlicher Gemeinschaftsprojekte aufgezeigt: Krankeit, Unfall, Demenz und Tod sind hier eben nicht Ausnahmen. Aber auch die Reduktion der Alten zu Leihomas und -opas im Mehrgenerationsverbund ist für viele nicht erstrebenswert. Das Finden gemeinsamer Ziele und gemeinsamer Tätigkeiten hingegen und damit auch das Aktivieren von Erfahrung und Kompetenz macht vieles möglich. ˧

Wirtschaftliche Basis und Finanzierung: Wenn die neue Lebensqualität kein Traum bleiben soll, braucht es Geld das über Erspartes und Einkommen hinausreicht. Öffentliche Unterstützung und private Initiative müssen einander ergänzen, innovative Modelle wie Vermögenspool spielen eine große Rolle. Häuser und Wohnungen müssen oft verkauft werden: all dies erfordert eine Menge Knowhow und Unterstützung. ˧

Deswegen ist Fachliche Begleitung von Gemeinschaftsprojekten fast unabdinbar. Das reicht von der Finanz- und Organisationsberatung bis hin zur Moderation der Gemeinschaftsbildungsproesse; von Fragen der Architektur und Gestaltung bis hin zur Entdeckung von menschlichen Schwachstellen. Immerhin scheitern nach Aussage von Forschern 4 von 5 Gemeinschaftsprojekte, zumeist an unausgesprochenen Differenzen oder überhöhten Erwartungen. ˧

Das sind nur einige der Komponenten. Auch eine Einbindung von Technologien zur Unterstützung Selbständigen Lebens im Alter, das sogenannte Ambient Assited Living, gehört dazu. Bemerkenswert ist, dass ein Erprobungs- und Vorausschauprojekt des Austrian Institute of Technology mit neuen Ideen zur Assistierung älterer Menschen im alltäglichen Lebensvollzug bewusst in einem Gemeinschaftsprojekt, der Sargfabrik in Wien Penzing, beheimatet wurde. Offensichtlich ist den Forschern klar, dass das was heute noch ein winziges Segment ist, die gemeinsame autonome Gestaltung des Alters, der Regelfall von morgen werden könnte. ... ˧

Prozesse    

Hannes Michael Heissl ˧


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https://www.7jahrelaenger.de/7jl/magazin/5-originelle-konzepte-fuer-altersheime-55258 ˧

Musikauswahl    

https://freemusicarchive.org/music/Mt_Gigantic/old_smiler/Grandpa_Plays_the_Drums/ ˧

https://freemusicarchive.org/music/Steve_Gunn/Live_at_WFMU_on_The_Long_Rally_With_Scott_McDowell_October_7_2011/Steve_Gunn_-_03_-_Old_Strange/ ˧

besser: ˧

https://freemusicarchive.org/music/Steve_Gunn/Live_at_WFMUs_Monty_Hall_Oct_18_2015_1735/Old_Strange_1226/ ˧

https://freemusicarchive.org/music/Still_Time/single/03_Old_Soul/
Still_Time
Old_Soul
Attribution-NonCommercial? 4.0 International (CC BY-NC 4.0) ˧





[1] https://zeitenundformen.files.wordpress.com/2014/01/anders-d-antiquerth-d-menschh.pdf p.26 und passim

[2] https://www.presseportal.de/pm/63861/3305359

[3] https://www.solidarwerkstatt.at/soziales-bildung/das-privatisierungsexperiment-ist-gescheitert

[4] Schumacher p.19

[5] https://ifsg.at/suizidalitaet/statistiken/

[6] Schumacher p.30

[7] Schumacher p.62

[8] http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?FritzEndl

[9] http://wohnen-ohne-alterslimit.at/about/die-idee/

[10] https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/content/titleinfo/5195091/full.pdf Seite 31

[11] https://www.age-stiftung.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/Weitere_Publikationen/DK_50plus_web_01.pdf

[12] https://augustin.or.at/kolokation-gemeinsam-urban-wohnen/