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Willkommen im Globalen Dorf /
1 Was ist ein Globales Dorf


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Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Jingle   
Einmoderation:   
erstes Kapitel: Urbi et Orbi oder: Die Stadt und die Welt   
Zweites Kapitel: Globales Dorf ?   
Drittes Kapitel: Globale Dörfer !   
Abspann   
Literatur   
Musik   

Jingle    

Einmoderation:    

1 Guten Abend, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, mein Name ist Franz Nahrada aus Bad Radkersburg und ich begrüße Sie zur ersten Ausgabe einer neuen Sendereihe mit dem Titel "Willkommen im Globalen Dorf" - und die heutige Sendung widmet sich hauptsächlich der Erklärung diesen rätselhaften Titels! [0.21]

2 Jeden letzten Montag im Monat möchte ich mich also -und hoffe Sie oder noch besser Ihr mit mir - hier mit einem visionären Thema beschäftigen, mit einer Vison für unseren zukünftigen Lebensraum und mit Menschen, Gemeinden und Gemeinschaften, die diese Vision schon heute umzusetzen beginnen. [0:21] [0:42]

3 Kann es sein, daß es in all den komplexen Entwicklungen der Gegenwart, in all den sozialen, technischen, politischen und kulturellen Turbulenzen und Wandelerscheinungen, in den zunehmenden Spannungen zwischen Staaten und Interessensgruppen, daß es da überhaupt noch ein konkretes und konsistentes Zukunftsbild gibt? [0:21] [1:03]

4 Genau das nachzuweisen ist mein Ziel mit dieser Sendereihe: eine Rezeptesammlung zu präsentieren, Kochanleitungen und Zutaten für ein bewusstes und planvolles Hinarbeiten auf ein erreichbares und erstrebenswertes Ziel. Ein Ziel, das von vielen Menschen auf der Welt bereits verfolgt wird, die mit jedem Tag mehr Werkzeuge vorfinden. sowohl hier und jetzt im Alltag unserer Gemeinden und Nachbarschaften einen Wandel herbeizuführen, das sich aber auch weiterentwickeln und zusammenfügen kann zu einem globalen Projekt, das einer ganz simplen Logik folgt. [0:37][1:40]

5 Wir haben es hier mit einer Entwicklung zu tun, die gerade erst begonnen hat und die das Potential hat, das Gesicht unserer Welt noch einmal massiv zu verändern, und vieles, was uns heute als bedrohlich und zerstörerisch erscheint, umzukehren. Aber dazu müssen wir diese Entwicklung zuallererst einmal verstehen, denn sie braucht unsere bewusste Mitarbeit. Diese gesellschaftliche Veränderung wird nicht ohne uns passieren. In diesem Sinn begrüße ich Sie zur ersten Folge, in der ich einen Überblick über die Thematik gebe, indem ich die Frage beantworte: "was ist eigentlich ein Globales Dorf?" [0:44] [2:24]

(kurze Musik)

erstes Kapitel: Urbi et Orbi oder: Die Stadt und die Welt    

1 In den letzten 300 Jahren haben wir eine beständige und dramatische Bewegung der Menschen in Richtung der Stadt gesehen, zuerst allmählich, dann immer mehr anschwellend. Die Industrialisierung und die Globalisierung führten zur Konzentration von Kapital, zur Massenproduktion und zum Niedergang ländlicher Industrien. Uns ist das alles bekannt, die unglaublichen Errungenschaften auf der einen Seite und auch die dramatischen Folgen auf der andren Seite, die spätestens mit dem Absinken der Kinderzahlen dazu geführt haben, dass sich ländliche Räume zunehmend entleeren. [0:49] [0:49]

2 Mittlerweile prognostiziert die UNO eine weitere Beschleunigung dieses Trends. 2050 sollen 75% der Menschen in Städten leben. Dabei nimmt die Lebensqualität in Städten ab. Die Luftverschmutzung, der Verkehrsstau in der Rush hour ist seit Jahrzehnten städtischer Normalzustand, und er steht symbolisch für den Widerstand, den die Stadt unseren Bedürfnissen entgegensetzt. Die Lebenshaltungskosten steigen beständig an, und trotzdem städtischer Wohnraum ein hochrationell hergestelltes industrielles Massenprodukt ist, ist die beständige Verteuerung aufgrund steigender Nachfrage zum existentiellen Problem vieler Menschen geworden. Man könnte sagen: die Städte ersticken an ihrem eigenen Erfolg. [0:59] [1:48 ]

3. Zugleich passiert speziell in den Städten ein epochaler Wandel: Eine immer raschere Automatisierung frisst die Arbeitsplätze auf, nicht nur die unqualifizierten, sondern zunehmend - mit künstlicher Intelligenz - auch die qualifizierten. Also genau jene Arbeitsplätze, deretwegen die Menschen eigentlich in die Städte gegangen sind. Roboter und künstliche Intelligenz übernehmen immer mehr Aufgaben, das selbstfahrende Auto ist keine Utopie mehr, und an tausend anderen Stellen wird eifrig daran gearbeitet, Menschen überflüssig zu machen. "Der durchschnittliche Mensch wird nichts mehr haben, was es sich zu verkaufen lohnt" - das hat der Kybernetiker Norbert Wiener schon 1948 prognostiziert - und seine Prognose wird zunehmend wahr. Zunehmend füllen sich die Städte mit Abgehängten und Vereinsamten, die von einem immer prekärer werdenden Sozialsystem abhängig sind, während sich die Eliten und Leistungsträger in einem sich ständig schneller drehenden Hamsterrad behaupten müssen und zum Ausgleich die Scheinwelt der glitzernden Warenberge und urbanen Spektakel aller Art genießen dürfen. Und sich ihr gutes Gewissen mit Superfoods und CO² Abgaben für ihre doch so notwendigen Flugreisen erhalten. [1:29] [3:17]

4. Dass dieses ganze System am Zusammenbrechen ist, das ist längst zum ständig verdrängten Hintergrundwissen der meisten Menschen geworden. Dass die scheinbare Rationalität der Städte nur durch eine exorbitante Ausplünderung aller planetaren Ressourcen funktioniert, lässt sich immer weniger verdrängen. Gerade in den leerer werdenden ländlichen Räumen und in den Peripherien hinterlässt der industrielle Zugriff auf Natur und Bodenschätze seine direkten und indirekten Spuren, und was einst blühende Kulturlandschaften und Lebensräume waren, sind heute von Landgrabbern aufgekaufte Agrarwüsten, vielleicht noch ergänzt von einigen privatisierten Reservaten der Wildnis. [0:51] [4:08]

5 Aber wie soll sich daran etwas ändern, wenn die Masse der Menschen von diesem System abhängig geworden ist, nicht viel anders sie in der Zeit der Dörfer von der Grundherrschaft und der Kirche abhängig waren? Ihr Einkommen und ihre Existenz hängen an Gehalt und Kreditkarte respektive Arbeitslosengeld. Sie haben hier wie dort scheinbar keine Möglichkeit, sich dem System zu entziehen, auch wenn mittlerweile schon unsere Kinder auf die Barrikaden steigen und in Frankreich und anderswo steigende Treibstoffpreise zu veritablen Revolten führen. [0:36] [4:44]

6. Diese Sendereihe versucht, einen gangbaren Zukunftsweg zu zeigen. Jeder erfolgreiche Wandel in der Geschichte hat seine Wurzeln in Keimformen, Räumen in denen Neues erprobt und gelebt wurde. Räume, die die Beschränkungen und dBlockaden alter Systeme durch Lebendigkeit und Dynamik konterkarierten und die doch mit den Mitteln und auf der Basis des alten Systems geboren wurden. Ein Beispiel aus der Geschichte gefällig? Vielleicht hätte es lange keinen industriellen Kapitalismus gegeben, wenn nicht seinerzeit die alte Handelsnation Venedig die Vorherrschaft im Mittelmehr verloren hätte. Plötzlich hat dieser reiche Stadtstaat sein sumpfiges und verkommenes Hinterland kultiviert, entstanden im Zug der sog. "Villegiatura" Paläste, Dörfer, Städte, Kanäle, Manufakturen - und schufen dermaßen viel Reichtum, dass der wichtigste Propagandist der kapitalistischen Produktionsweise, Adam Smith ,diese Entwicklung den Feudalherren seiner Zeit als Blaupause für die Steigerung des Reichtums ihrer Nationen anempfohl. Aber diese neue Gesellschaft brachte eine mächtige bürgerliche Klasse hervor, die ihre Geburtshelfer schließlich um ihre Privilegien, ihre Macht und nicht selten auch um ihr Leben brachten. Es wäre nie passiert, wenn sich nicht hundert Jahre lang im Schoß des alten etwas Neues entwickeln hätte können. [1:47] [6:31]

7. Heute ist es das kapitalistische System, das durch sich selber blockiert ist. Und wieder ist es ein Exodus, eine räumliche Verlagerung, die aus dieser Blockade heraus- und in einen Systemwandel hineinführen könnte. [0:19] [6:50]

8. In dieser Sendereihe geht es um die Herausbildung von Alternativen sowohl zur Industriewarengesellschaft als auch zur industriellen Stadt. Alternativen, die nur denkbar sind, wenn wir uns auch das ökonomische System ansehen und zentrale Kategorien wie Lohnarbeit, Konkurrenz, Warenproduktion usw. infrage stellen. Alternativen, die sich nicht durch die vereinzelten Einzelnen,zu denen wir geworden sind realisieren lassen . Alternativen die gemeinschaftliches Denken, Planen, und Handeln erfordern. Die aber genau deswegen auch nicht wie eine Ware auf dem Markt gekauft werden können, obwohl es möglicherweise eine sehr wichtige Rolle für Unternehmen gibt. Schon gar nicht können diese Alternativen von einer politischen Partei eingeführt werden - sie könnte ihnen höchstens Rüchendeckung geben. Es sind Alternativen, die uns in eine völlig neue Zukunft führen, in der sich das gewachsene Verständnis, wie sehr wir als menschliche Wesen mit Natur verwoben sind, mit einem gezielten und sinnvollen Einsatz von sehr hoch entwickelter Technologie und mit einer neuen Gemeinschaftsbildung paart. [1:15] [8:05]

9. Für diese Alternativen oder diese Alternative gibt es heute schon viele Anzeichen, viele Begriffe, viele Konzepte - und doch haben sie einige Hauptmerkmale gemeinsam:

  • die Herausbildung von kleinen, durch Visionen zusammengehaltenen Gemeinschaften,
  • die gesteigerte Aufmerksamkeit auf die Pflege des Lokalen, auf Unabhängigkeit und Selbstversorgung
  • eine Ökonomie, in der der Kreislauf und nicht das Wachstum das bestimmende Prinzip ist.
  • Eine Gesellschaft in der die Kooperation wichtiger ist als der Wettbewerb,
  • in der Wissen mehr wird indem man es teilt.
  • In der jedes Individuum in seiner Einzigartigkeit und seinen Potentialen erkannt wird.
  • In der also die innere Verbundenheit keine esoterische Phrase ist, sondern gelebte Realität. [1:16] [9:21]
9a. Wenn es ein Bild gibt, ein wiedererkennbares Muster, das sich in unzähligen Varianten reproduzieren lässt und doch zugleich auch ein Ideal, ein Leitbild ist, leicht erkennbar und leicht beschreibbar, dann ist es für mich eine neue, noch nie dagewesene Variante von menschlichem Lebensraum, die ich vorschlage, "Globales Dorf" zu nennen. [0:25] [9:46]

(Musik)

Zweites Kapitel: Globales Dorf ?    

1 ich schlage nach im Universallexikon und finde:

" Globales Dorf, [engl. global village], ein bildhafter Begriff, der ausdrücken soll, dass durch die Vernetzung aller Regionen auf der Erde mittels moderner elektronischer Medien die räumlichen Distanzen aufgehoben sind und die gesamte Menschheit zu einer einzigen Gemeinschaft oder genauer Kommunikationsgemeinschaft zusammengewachsen ist. Der Begriff wurde schon 1967 von dem kanadischen Medienphilosophen Herbert Marshall McLuhan (1911-1980) geprägt, der ihn zunächst auf das Fernsehen bezog. Obwohl der Begriff ein Toponym darstellt, versteht McLuhan darunter eher eine historische Epoche als einen Ort." [0:57][0:57]

2 Dann steht da noch, dass der Begriff eine zeitlang populär war, dass er dann aber durch andere Begriffe abgelöst wurde, "elektronisches Zeitalter" oder so. Abgeblich war der Begriff zu harmonisch, suggerierte eine friedliche Verständigung als Resultat der technischen Verbundenheit und war wohl die passende Begleitmusik zum scheinbaren Ende der Geschichte zur kurzen Zeit der totalen westlichen Hegemonie in den neunziger Jahren. McLuhan hat das allerdings ganz anders gesehen. In seinem Buch "War and Peace in the Global Village" sagt er, dass Amerikas Anti-Vietnamkriegs-Stimmung weniger auf eine pazifistische Ideologie zurückgehe, sondern signalisiert den Schmerz der Fernseh-Kunden beim "Verstricktsein" in das blutige Ereignis signalisiere. Die Bilder der Zerstörung eines Dorfes in Vietnam dienen ihm als Illustration, dass wir diese Zerstörung so erleben als wären wir Dorfbewohner die zuschauen. Das Globale Dorf ist somit eher ein traumatisierender Dauerzustand. Mittlerweile sind wir freilich abgestumpft, und die Propaganda der Bilder ist längst zum Raum gekonnter politischer Auseinandersetzung geworden. [1:48][2:45]

3. Aber was meint dann dieser Begriff wirklich? Entfaltet er vielleicht eine innere Dynamik? Ich glaube ja. Mein persönlicher Zugang dazu war folgender: vor über 25 Jahren habe ich in Wien eine Veranstaltung mit dem Thema "Global Village" ins Leben gerufen, die sehr erfolgreich war. Es ging um die Auswirkungen der Kommunikationstechnologie auf Architektur und Stadtplanung, also auf physische Orte. Im Zuge dessen habe ich mit der Witwe von Marshall McLuhan korrespondiert, und sie gefragt, ob wir da nicht einen Fauxpas und illegitimen geistigen Diebstahl begangen hätten, und was ihr verstorbener Mann, was McLuhan denn dazu gesagt hätte, wenn wir den Begriff dann doch ganz wörtlich als Ort verstehen wollten. Die Antwort war sehr spannend. Sie schrieb mir nämlich, dass diese Auflösung eigentlich ganz im Sinn ihres Mannes sei, dass aber der Witz sich erst erschließe, wenn man verstehe, dass das Globale Dorf in beiden Formen gemeint ist. Und sie schickte mir einen Satz den Ihr Mann in seiner Tetraden - Terminologie von Erweiterung, Verdrängung, Wiederentdeckung und Umschlag - was er die vier Gesetze der Medien nannte - sinngemäß folgendermaßen geäußert hatte: [1:22][4:07]

4Die massive Globalisierung unserer Erfahrungs- und Handlungsräume, die scheinbar das Lokale unwichtig gemacht hat und für eine ganze Epoche uns geistig und praktisch zu ortlosen Nomaden gemacht hat, schlägt, wenn sie in ihr Extrem getrieben wird, in eine noch niemals dagewesene Renaissance des Lokalen um. Da bedeutet auch, dass wir das Dörfliche als Lebensform wiederentdecken Soweit - sinngemäß - McLuhan.[0:36][4:43]

5. Was aber genau heißt "ins Extrem getrieben"? Das ist eine sehr dunkle und vieldeutige Redeweise. Eigentlich eher eine Aufforderung zu entdecken, welche Widersprüche, Probleme und Unsinnigkeiten die Globalisierung auf der einen Seite akummuliert - und welche neuen und widerstrebenden Potentiale sie auf der anderen Seite produziert.[0:25][5:08]

6. Ein recht plastisches und repräsentatives, aber vielleicht in dieser Intensität und Anschaulichkeit historisch unerreichtes Beispiel ist die Entwicklung der Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und China, deren Problematik gerade die Ära Trump sichtbar macht. Es begann mit der Benutzung Chinas als riesiger Produktionshalle einer durch moderne Kommunikationsmittel vernetzten "globalen Gesamtfabrik", der Export von Technologie und Kapital und die Etablierung eines Kreislaufes von Importprodukten aus China und Staatsschulden der USA. Manche nennen das den "pazifischen Defizitkreislauf", aber es ist auch der größte logistische und kommunikative Apparat, den die Welt jemals gesehen hat. Diese Vernetzung hat letztlich dazu geführt, dass auch China als Großmacht auftreten kann und seinerseits beginnt, strategisch die Welt als Absatzmarkt und lukrative Anlagesphäre zu betrachten. Also die ursprüngliche Intention der US-Kapitalien, die eigene Wirtschaft durch die Benutzung fremder, billiger Arbeitskraft zu stärken (und im Sinn von Zahlungsfähigkeit und Profit ist das ja jahrzehntelang gut gegangen), diese Intention und die damit verbundene Praxis erzeugt im lauf der Zeit ein Resultat, das der Ausgangsabsicht total zuwiderläuft und zwar gleich mehrfach: Auf der einen Seite wird die eigene produktive Basis in Mitleidenschaft gezogen, und zugleich entsteht ein ökonomischer, politischer und militärischer Konkurrent. Und dies ist nur ein Beispiel, die Spitze eines Eisberges. Die Kommunikationstechnologien und die Verbreitung moderner Techniken haben den Ehrgeiz und die Fähigkeit an allen Punkten der Erde angestachelt, es den ersten Globalisierern gleich zu tun. Das kann natürlich nicht gutgehen.[2:03][7:11]

7 Wir sehen, dass es eine ganze historische Epoche dauert, bis die Akteure begriffen haben, dass die Globalisierung letztlich an ihre Grenzen stößt. Mittlerweile existieren enorme produktive Überkapazitäten auf diesem Planeten, die kostspieligen und teuren Maschinen, dazu gebaut um die Welt mit Waren zu überschwemmen, stehen nun auch auf der anderen Seite des Ozeans. Mittlerweile begreifen sogar die Kinder besser als die Erwachsenen, dass dieses System wie ein heißgelaufener Motor immer ineffektiver und destruktiver wird, die Ressourcen der Erde auffrisst, seinen Abfall überall ausbreitet und insgesamt verrückt ist. [0:46][7:57]

8 Wir stecken aber heute leider immer noch in der Logik von Staaten fest. Diese Logik zwingt dazu, die ganze Welt als Anlagesphäre zu betrachten, auf den Reichtum der Welt zuzugreifen um exklusiv den eigenen zu vermehren. Diese Dialektik der Globalisierung führt zur Regression. Plötzlich tritt die immer schon unterstellte Gewalt unmittelbar in Erscheinung. America First. India First. Und so weiter. Dafür, für die Beteuerung der staatlichen Souveränitäten, müssen weiterhin Milliarden in die industrielle Basis und Billionen in die Rüstung gesteckt werden, denn ohne Gewaltandrohung lassen sich die Rahmenbedingungen lukrativer Geschäfte nun einmal nicht sichern. Dazu muss auch noch einmal der Kommunikationsapparat perfektioniert werden, zum Beispiel um Drohnen und Cruise Missiles über Satelliten zu steuern. Freilich könnte genau dieses globale Netz dazu führen, dass sich die ganze Welt sehr rasch und bevor es zu spät ist, aus der Epoche der Globalisierung befreit und auf einer höheren Ebene zurückkehrt - eben auf einer Ebene der globalen Verbundenheit - in eine Epoche der globaler Dezentralisierung quasi zurückkehrt. Mit anderen Worten: die Globalisierung selbst muss in etwas anderes umschlagen. Sie könnte dazu führen, dass sich der durch die globale, an Erfindungsgeist und Innovation nahezu unendlich gewachsene Wissensreichtum für die Entwicklung ins Kleine mobilisieren lässt, dass dieser Wissensreichtum geteilt wird und uns überall in die Lage versetzt uns autarker zu machen, ohne weiterhin auf fremde Reichtümer und Arbeitskraft angewiesen zu sein und zugreifen zu müssen. [2:03][10:00]

9 Wenn dem aber so ist, dann ist die Wahrheit des Begriffes "Globales Dorf", wenn wir ihn als Toponym nehmen, zunächst dieses: Globale Dörfer. Das Globale Dorf existiert nur im Plural. Das Globale Dorf ist kein Weltumspannendes Harmoniefeld, sondern ein räumliches Muster. The Global Village is a Globe of Villages. Ein Muster für einen Siedlungs- und Lebensraum, der sich mit dem Potentialen und dem Wissen der ganzen Welt ausgestattet in hunderten, tausenden, ja hunderttausenden verschiednen Spielarten entwickeln kann.[0:47][10:47]

____________________________

(Musik)

Drittes Kapitel: Globale Dörfer !    

1 Wenn also unsere Sendung "Willkommen im Globalen Dorf" heißt, dann geht es einerseits um dieses allgemeine Muster das wir durchaus auf einer oberflächlichen Ebene als "Wieder- Verdörflichung" beschreiben können. Aber vergessen wir nicht: gerade die geistig Beweglichen, die Talentierten, die Wissenshungrigen sind es, die in die Städte geflüchtet sind. Es ist nicht zu erwarten, dass das Dorf, in das sie zurückkehren, dasselbe sein wird wie vorher. Es steht zu erwarten, wie vor 500 Jahren in Venedig, dass eine Renaissance und Umgestaltung ländlicher Räume stattfindet. Andrea Palladios Paläste haben damals Venetien eine neue Gestalt gegeben.[0:54][0:54]

2. Und so stelle ich mir die Frage: wie ist eigentlich die materielle Gestalt einer Gesellschaft von Dörfern, einer Gesellschaft die an die Stelle der Expansion, des ökonomisch verkleideten Kampfes um Ressourcen, die Entwicklung von Kreislaufsystemen setzt, die auf maximaler Kooperation und Integration mit natürlichen Kreisläufen basieren?
Wenn wir an diesem Punkt ein wenig utopische Phantasie bemühen müssen, dann nur deswegen, um die große Richtung, den möglichen Megatrend des nächsten Jahrhunderts anzudeuten, der heute beginnen und uns aus den Bedrohungen der Krisenhaftigkeit und des Verlustes unserer elementraren Lebensbedingungen befreien könnte. Denn ohne eine komplette Umgestaltung und Umorganisation des Raumes und unserer sozialen Beziehungen wird dieses Jahrhundertprojekt nicht zu schaffen sein. Es ist zu hoffen, dass sich die Generation, die jetzt gegen den Klimawandel mit Schulstreiks protestiert, sich das dafür notwendige Wissen möglichst schnell erarbeitet.[1:09][2:05]

3 Also kommen wir jetzt zu unserem Gegenstand, dem "globalen Dorf" von morgen. Vorausgeschickt sei: es geht hier keineswegs um das Ende der Städte, vielmehr um einen Umkehrschub, der das uns heute plagende Stadtwachstum umlenkt in ein Wachstum neuer Dörflichkeit, die allerdings attraktiv und mindestens gleichwertig ist in der Lebensqualität auf allen Gebieten des menschlichen Daseins.[0:29][2:34]

4. Man kann sagen, dass es sich beim "globalen Dorf" um eine organische "Evolution nach innen" handelt. Während ja in der meisten bisherigen Geschichte der Menschheit fast jedes neue Evolutionsprodukt, jede neue Gesellschaftsform, jede neue Herrschaftstechnik und jede neue Lebensweise sich traditionell durch eine explosive Expansion nach außen manifestiert hat, geht es hier nach Innen. Das bedeutet, um mit dem Architekturvisionär Paolo Soleri zu sprechen, eine zunehmende Komplexität einhergehend mit zunehmender Miniaturisierung, etwas was zum Beispiel die Säugetiere die Dinosaurier hat überleben lassen - was aber so etwas wie das Grundprinzip der Höherentwicklung ALLEN Lebendigen und nachhaltiger Lebensfähigkeit zu sein scheint. [0:52][3:31]

5. Was uns heute noch wie ein utopisches Märchen erscheint, den verdichtenen Kern menschlicher Fähigkeiten zurück in den Naturraum zu tragen, das wird die durch die Epoche der Globalisierung gegangene Menschheit weltweit gestalten. Ein Naturraum der sich mit dem menschlichen Siedlungsraum paart, durch den es - das Siedlungssystem - bildlich gesprochen ein- und ausatmen kann, assimilieren und dissipieren, und in dem die Menschen - ganz tief innen - sowieso noch immer mehr zuhause sind als in den Städten. Gerade kommt ein wunderbar absurder Film in die Kinos, der heißt "Mortal Engines", Todesmaschinen, in diesem Film sind die Städte zu rollenden, mobilen und gefräßigen Raubstädten geworden, die kleinere Städte beim Kampf um die knapper werdenden Ressourcen ja, richtiggehend fressen. In gewisser Weise ist das eine überdeutliche Parabel auf die Gegenwart, wenn wir unsere Zukunft linear weiterdenken! Es gibt ja auch schon Theoretiker die angesichts des Klimwawandels schon vertikale Bunkerstädte planen, wie wir sie im Fim "Matrix" gesehen haben. Globale Dörfer sind die Antithese zu dieser dystopischen Zukunft: Anstatt sich weiterhin exklusiv in den hochgezüchteten Wirtschaftskampfmaschinen der modernen Städte zusammenzuballen und zu verbunkern, breiten sich die Menschen in der Utopie der Globalen Dörfer in kleineren Einheiten über die ganze Oberfläche des Planeten aus, Einheiten die von ihrer Konzeption her stationäre, hochentwickelte quasi - organische Gebilde sind, die von ihrer Logik her eher Pflanzen gleichen, Stadtpflanzen, Dorfplanzen, die mit Boden und Sonne verbunden sind, mit Techniken, die Wurzeln und Blattwerk ähneln, und die gleich den Pflanzen - und in Gemeinschaft mit ihnen - die stofflichen Grundlagen unseres Lebens synthetisieren. Natürlich wird es Verkehrswege zwischen diesen GD geben, doch sie halten Abstand: Sie werden mit der umgebenden Landschaft, der vorhandenen Biopshäre zu Gesamtkunstwerken verschmelzen, sie interpretieren und verschönern und vor allem: sie befruchten. So wie auch die gefräßige Raupe letztendlich zum Falter wird, der mitunter der Befruchtung der Pflanzen dient, die zuvor von der Raupe gefressen wurden, so wird das Globale Dorf zu einem Bestandteil der Natur, gibt ihr Raum, ernährt sie, schützt sie. Diese Siedlungen werden daher naturgemäß klein sein und doch als - weitgehend stofflich und energetisch autarke - "Zellen" eines über die Netzwerke kooperierenden planetaren Organismus funktionieren. [3:13][6:44]

6. Schauen wir uns in unserer Vision dieses so veränderte oder auch neu entstandene Dorf an, so fällt uns auf, dass wir Elemente von Stadt, Vorstadt und Land in einer organischen Harmonie finden. Ein wichtiges Prinzip ist - das hat das globale Dorf von der Stadt gelernt - Verdichtung, es geht mit der Fläche sorgsam um, es weiß auch um den urbanen Effekt des Zentrums, der Piazza, des sozialen Begegnungraumes, des großen öffentlichen Wohnzimmers.
Allerdings korrespondiert diese Verdichtung auf der einen Seite mit der Weite der Landschaft und des Naturraums auf der anderen Seite und fließenden Übergang dazwischen, vielleicht in konzentrischen Kreisen, und das Ganze natürlich fußläufig. Die Menschen haben erkannt, dass sie zwei Seiten haben, zwei Bedürfnisse. Der Doyen der österreichischen Sozialforschung, Ernst Gehmacher, hat es einmal unvergleichlich wienerisch ausgedrückt: Wir wollen bei der Vordertür den Stephansplatz, und beim Hinterausgang den Wienerwald. [1:12][7:56]

7. Im Zentrum wird vieles von dem, was wir in den Städten an Verdichtung gelernt haben, verbunden werden mit der nochmals verdichtenden "virtuellen Präsenz" all jener Elemente, die wir über moderne Kommunikationstechnologie mit Gegenstellen auf der ganzen Welt gemeinsam möglich machen können. Eine medizinisches Einrichtung angedockt an ein Krankenhaus in der Großstadt, ein Mini-Museum angedockt an digitale Kunstarchive, ein Telepräsenz - Café für Unterhaltungen mit weit entfernten Menschen, egal ob beruflich oder privat. Wir fühlen uns unwillkürlich erinnert an die Gestalt von mediterran klimatisierten Shopping Malls, die zugleich Theater, Konzertsäle und Versammlungsorte für die Menschen vor Ort sind, wir sehen Mehrfachfunktionen von Räumen, Bauen in die dritte Dimension, Gestaltung von Zonen intensivster Urbanität - mitten im Dorf. Doch nicht Shopping ist die zentrale Funktion die diesen Ort prägt, sondern das Bedürfnis und das Ziel, auf Wissen und Bildung der gesamten Welt zugreifen können, es zu übersetzen, zu adaptieren, wirksam zu machen. Das Globale Dorf ist also ein Ort, der in seinem Inneren auf jeden Fall und immer eine miniaturisierte Version einer höheren Bildungsstätte hat, eine Art "Mikro - Universität", verbunden mit Lehrenden und Spezialisten auf der ganzen Welt, die es speziell jungen Menschen erlaubt, jeden Gegenstand zu studieren, auf jede Frage die besten Antworten zu bekommen, und so das Bildungsprivileg der großen Universitätsstädte zu durchbrechen. [1:46][9:42]

8. Es ist heute nicht die Zeit, all die vielen neuen Dinge genau zu beschreiben, die sonst noch mit großer Wahrscheinlichkeit in fast jedem globalen Dorf anzutreffen sein werden. Das wird uns hoffentlich noch viele Sendungen lang beschäftigen, und ich verspreche euch heute schon, dass das keine monologischen Präsentationen sein werden wie heute, sondern Gespräche und Expeditionen. Was wird es allein da nicht für technische Neuerungen geben: integrierte aquaponische Kreisläufe für Nahrungsgewinnung und Brauchwasserreinigung; Containerfabriken; fast hundertprozentiges Recycling und Abfallvermeidung, inklusive Herstellungsmöglichkeit für Bioplaste; Werkstätten mit digitalen Schneideplottern, Fabrikatoren und Fräsen, die Entwürfe aus der ganzen Welt automatisch realisieren können und tendenziell die Arbeitsteilung aufheben; Indoor-Parks, Gartenhallen, Gesundheitshäuser und tausend andere technisch - bauliche Innovationen. Ebenso spannend werden aber auch die sozialen Innovationen: Dorfthema und Kulturleitbild; Reiseschule und Rumspringen; Soziokratie und Entscheidungssimulation; Altersgemeinschaften und kollektive Mentorenschaften; Klöster ohne Gurus; Nomadisums und neue Gastfreundschaft und vieles mehr. All das an Beispielen aus dem hier und heute, aus den Werkstätten der Zukunft die um die ganze Welt schon existieren - in den nächsten Folgen. [1:41][11:23]

9. Und bevor wir für heute Schluss machen, noch ein wichtiger Punkt: Es geht aus dem bisherigen hervor dass es nicht um Abschaffung der großen Städte geht, wir werden sie vielmehr als Knoten im Netzwerk benutzen, als Basis für exzellente, spezialisierte, interdisziplinäre Institutionen und Projekte, und sogar als Zentren periodischen massenhaften Zusammenkommens; sie werden weiterhin auch Produktionsstandorte sein, doch wir werden zunehmend von der Ferne auf sie schauen und sie werden vielleicht sogar sehr bald wieder zum demographischen Minderheitenprogramm werden. Aber sie können auch veritable Mutterstädte werden. Vielleicht ist es dann auch möglich, wenn der Bevölkerungsdruck von den Städten genommen wird, dass wieder sehr viel mehr Grün zurückkehrt in die Städte, sie aufgelockert werden und sich in ihrer Gestalt auch ändern, schrittweise wieder einer Ansammlung von Dörfern annähern, ohne ihre Wissensbasis und ihre Kultur zu verlieren. So wird das Muster "Globales Dorf" Stadt und Land wieder zusammenführen, ja und dann - und nur dann - wird auch die seltsame Ambiguität, mit der Marhall McLuhan über das "Globale Dorf" sprach, verständlich. Denn in der Wissenskoooperation, die weder nationale Grenzen noch kulturelle Grenzen kennt und daher letztlich durch ihre schiere Größe die größten Städte in den Schatten stellt, deutet sich dann doch der Keim eines neuen, noch viel ferner in der Zukunft liegenden Umschlages an: aus den dispersen und autarken Zellen entsteht eine Noosphäre, eine geistige Einheit, über deren Entwicklung wir nur spekulieren können - denn dann wird vielleicht wirklich die ganze Welt zum "nachbarschaftlichen" und sich selbst bewußten einen Globalen Dorf.[2:07][13:30]

(Musik)

Abspann    

Sie hörten die Sendung "Willkommen im Globalen Dorf", erste Ausgabe und Pilotsendung: Was ist ein Globales Dorf?.
Manuskript, Konzeption und Sprecher Franz Nahrada - Wien und Bad Radkersburg. Die Musik die wir heute gespielt haben ist ausnahmslos freie Musik unter einer Creative Commons Lizenz, und alle Details finden Sie auf der Sendungsseite www.agora.at/Willkommen_Im_Globalen_Dorf mit Unterstrichen zwischen den Wörtern. Auf Wiederhören jeweils am letzten Montag des Monats im Abendprogramm von Radio Agora.


Literatur    

Spiegel - Artikel über McLuhan vom 27.03.1967 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46450745.html

https://www.welt.de/kultur/article132727515/Das-globale-Dorf-ist-zum-Albtraum-geworden.html

https://www.researchgate.net/publication/320173113_Imaginierte_Orte_-_Ein_Besuch_im_globalen_Dorf_Oberammergau

https://upliftconnect.com/global-butterfly-effect (Christopher Chase)

Musik    

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