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Gespräch Mit Berta Klement


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8.4.1992

Berta Klement ist ein Enkerl von Karl Weber.
Hauseigentümerin von Bucheng.170, wo sie auch wohnte und Quellenstr.154.=

(Klement: K, FritzEndl: E)

E. Das Stammhaus ihrer Familie war ja in der Quellenstraße 215 Ecke Knöllgasse.

K: Mein Urgroßvater Leopold Weber hat in der Neugasse gewohnt, im „abbrennten Haus“, da steht noch drüber ein Eckhaus zur Wiedner Hauptstraße, schräg gegenüber vom …Brunnen.

E: Von dort ist vermutlich auch die Familie Weber zum Gutshof hier arbeiten gekommen?

K: Das war ein Fuhrwerkergasthof zum Einkehren, zum Pferdewechseln. Das war ja schon relativ entfernt vom Mittelpunkt der Stadt. Warum das „abrenntes Haus“ heißt, kommt daher: Die Kaiserin Maria Theresia ist immer gerne unters Volk gegangen und hat gerne Karten g´spielt. Und da ist sie gerne zu den Fuhrwerkern in dieses Haus gekommen. Es hat damals zum Kartenspielen gehört, wenn jemand verloren hat, dass er ein Jammergeschrei anhebt: „Ich bin abrennt!“ soviel wie „Ich hab´ verloren!“ Und die Maria Theresia hat das mit viel Charme und Spaß ertönen lassen, wann sie wieder einmal „abrennt“ ist und das ist den Leuten im Bewusstsein geblieben und daher hat das Haus diesen Namen bekommen. Die Maria Theresia ist dort „abrennt“.

E: Und dort hat ihr Urgroßvater gewohnt? Von daher ist ihre Familie hierher gekommen?

K: Ja. Das hier war ja damals wirklich außerhalb der Stadt. Damals war durch das gemeinsame Arbeiten die Bedeutung von gegenseitiger Hilfe noch direkt einsichtig…Die jungen Burschen hatten Ehrgeiz, selber ein Pferdefuhrwerk zu lenken, die Mädchen wollten möglichst rasch melken lernen. Wir hatten im Stall, einem Ziegelbau, Montafoner Kühe, Schweine und Hühner.

E: Deshalb ist dann das Haus, wo heute das „Schlemmereck“ ist, erbaut worden, damit sie in der Nähe sind, sozusagen als Familienhaus?

K: Ja. Und immer mit einer unglaublichen Strebsamkeit, auch an den kulturellen Dingen der Zeit teilzunehmen. Daher sind die Weberhäuser fast alle gekennzeichnet durch besondere Stukkaturen außen. Manche haben das noch ganz. Durch die Erschütterungen des Krieges ist es oft hinunter gefallen. Es ist die Architektur der Gründerzeit mit dieser Vielwisserei von Architekturformen der Griechen oder der Renaissance und dieses Durcheinander in den Köpfen von lauter Accessoires. Das ist alles hier verwendet worden und der Bauherr war ein einfacher Fuhrmann. Aber er hat ja auch seine Töchter…also meine Mutter, die hat die französische Staatsprüfung gemacht und Gesang studiert an der Akademie, meine Tante ebenso…. also er hat wirklich immer auf den Abschluss an das Bestmögliche geschaut. Es ist kein klassenbewusstes Steckenbleiben, das sich in der Kultur gespiegelt hat. Nein, er wollte, dass seinen Kindern kulturelle Erhebung ermöglicht wird. Das liegt auch in der Linie des Malers. Johann Baptist Reiter (Bruder von Karl Webers Frau Maria), dessen Bilder heutzutage sehr geschätzt und hochbezahlt werden und auch im Oberen Belvedere hängen. Ich selbst besitze zwei Bilder von ihm.

E: Da ist schon eine Kunstader in der Familie Weber drinnen.

K: Diese Kunstader geht ja noch weiter. Wir haben als Kinder erlebt, wenn irgendwer in unserer Familie von diesem Maler gesprochen hat, dann ist man immer verstummt, weil die Familie Weber eher daran interessiert war, wirtschaftlich ordentlich dazustehen. Das waren so Grundnaturells. Und für solche Menschen sind natürlich Künstler suspekt. Der Maler Reiter muss auch ein herrlicher Kauz gewesen sein. Gelegentlich hat er gegenüber der alten Matzleinsdorfer Kirche, der Rauchfangkehrer-Kirche, gewohnt. Einer seiner besonderen Späße war, dass er am Sonntag Geld gewechselt hat. Das hat er dann vom Balkon zu den Kindern geworfen und sich daran ergötzt, wie sich die Kinder um das Geld gebalgt haben. Und etwas, wo er so ganz und gar kein Vorbild für die Jugend gewesen ist: Er ist gelegentlich vierspännig mit einem Mohrenknaben in Wien umhergefahren. Da ist ihm – zu Recht – vorgeworfen worden, so was tut man nicht. Gelegentlich hat er ja auch nicht viel verdient und da soll er für besondere Weine in Gumpoldskirchen Etiketten gezeichnet haben. Das entspricht diesem Spätbiedermeier, das oft in kleinen, alltäglichen Dingen große Kunstfertigkeit investiert hat. Also warum nicht auch so etwas? Das waren die Designer von damals. Jedenfalls ist in unserer Familie stets die Erzählung verstummt, wenn das Reden auf ihn gekommen ist und er war auch sonst das schwarze Schaf. Er war zum Beispiel auch in Ungarn und soll mit Zigeunern mitgezogen sein, weil ihn das sosehr inspiriert hat. Ich kann das nur aus der damaligen Kind-Perspektive erzählen: „Dass du nicht auch so eine wirst wie der!“ sagte er zu mir. Sein Vater hat Bauernkästen getischlert und er hat sie bemalt. Oder er hat die geschnitzten Figuren auf den Schleppschiffen der Donau bemalt. Und da soll einmal der Graf Daun gekommen sein, der einen schön bemalten Kasten haben wollte. Dadurch hat er diesen begabten Buben als Künstler entdeckt und hat ihn an der Akademie ausbilden lassen…Damals haben die „Sponsoren“ selber einem gebildeten Gesellschaftskreis angehört und das hat erzieherisch gewirkt. Denn ein Künstler spürt, welches Auge seine Sache sieht, ob der eine Sensibilität hat oder ob das ein Bankangestellter sieht, der das Werk nur als Abschreibposten für die Steuer betrachtet.

E: Das erinnert mich auch etwas an das Bild des Unternehmers allgemein: Unternehmer wie Karl Weber, die auch sozial denken und zu den Menschen in ihrem Betrieb auch eine persönliche Beziehung aufzubauen versuchen. Der es aber diesen Menschen damit oft gar nicht leicht macht, weil es oft einfacher ist, ein anonymer Arbeitnehmer zu sein, wo einem aber auch oft der Chef wurscht ist und die Firma bei Unstimmigkeiten leichter gewechselt wird. Früher war das aber nicht einfach, weil viele gemeinsam mit der Familie des Chefs aufgewachsen sind, sodass oft starke persönliche Beziehungen entstanden sind.

K: Das spielte eine enorme Rolle. Es war eine patriarchalische Beziehung. Ich kann mich noch an das Begräbnis meines Großvaters erinnern. Damals war ich zehn Jahre. Er wurde zuerst in der Wohnung aufgebahrt oder im Haus, da wurde in schwarz ausgeschlagen, sehr repräsentativ. Und dann sind sie zum Inzersdorfer Friedhof gefahren. Den Sarg haben die Kutscher getragen, zu Fuß. Sie haben sich abgewechselt, bis sie dort waren. Das muss man erlebt haben, so eine Prozession von mehr als hundert Leut´. Ich kann mich erinnern, da waren welche darunter, die haben gesagt „Er war wie unser Vater“.

E: So etwas wie ein Ersatzvater.

K. Ja und das hat auch dann, möchte´ ich sagen kulturell bildend gewirkt, nicht dieses Inkognito von vielen heutigen Begräbnissen. Dort hat man das Gefühl gehabt, sie haben ihn nie außer Augen und aus dem Gefühl gelassen, bis er wirklich beerdigt war.

E: Ich sehe ein Problem darin, dass dann, wenn diese Identifikationsperson nicht mehr da ist, die ganze Struktur insgesamt in Gefahr gerät. Das ist bei solch patriarchalischen Strukturen ganz allgemein so: Es muss dann jemand anderer da sein. Darum auch das Bestreben von Patriarchen, einen Nachfolger, der ihre Linie fortsetzt, schon zu Lebzeiten aufzubauen. Er soll diese Struktur erhalten. Mein Eindruck ist auch hier: Wie Karl Weber, der allseits anerkannte Chef, nicht mehr da war, haben die Probleme begonnen. Der erhoffte Nachfolger Leopold ist im Krieg gefallen und dann kam seine Tochter Karoline, die es besonders in dieser Männerstruktur der Kutscher als Chefin schwer hatte.

K: Ja und vor allem hätte es ein Mann sein müssen, der richtig in der damaligen Zeit steht. Weil, der große Erfolg meines Großvaters war ja der, dass er ein „Kind seiner Zeit“ war, in jeder Hinsicht.

E: Das kann einer von außen nicht, weil sich die anderen sonst nicht identifizieren können. Er hätte müssen genauso mitwachsen wie ihr Großvater. Das wäre ein glücklicher Zufall gewesen.

K: Genau und dann die Mechanisierung , die ja die Pferde nicht mehr gebraucht hat. Das war eine derartige Umstellung. Ein Pferd braucht eine bestimmte Mentalität, das steht und fällt mit dem Gefühl dafür und ein Motor.

E: Und das war die Stärke von Karl Weber

K: Ja, dieses Verwachsensein von klein auf.

E: Trotzdem, eine Chance wäre da gewesen, wenn ein Mann, der mitgewachsen ist und der vielleicht g´sagt hätte: „Okay, Pferde sind heute etwas Sentimentales. Jetzt stürzen wir uns auf ein motorisiertes Fuhrunternehmen!“ Oder er hätte ein Taxiunternehmen aufgebaut.

K: Ja, aber was soll´s, das ist Schicksal.

E: Aber dennoch, auch wenn es nicht viele Generationen waren, die das aufgebaut haben, es ist doch faszinierend, es nachzuerleben…Es scheint mir im Vergleich zu weit größeren Familien über mehrere Generationen diese Familie über zwei, drei Generationen noch menschlich überschaubarer zu sein. Da hat wirklich noch jeder jeden gekannt. Das ist schon ein Vorteil, statt dass alles zu groß wird und man pflegt Rituale weiter, die gar nicht mehr lebendig sind, dass eine Familientradition künstlich am Leben erhalten wird über die fünfte und sechste Generation.

K: Ja, ich hab´ immer den Eindruck gehabt, mein Großvater hat noch Maß halten können. Schon allein darin, dass er keinen Wert auf den Titel „Kommerzialrat“ gelegt hat. Ich hab´ auch einmal gehört, er sollte einmal zum Bezirksvorsteher vorgeschlagen werden. Daraufhin hat er meiner Mutter erklärt, er kann nicht rechtschreiben, weil er zu wenig in die Schul´ gegangen ist. Er hat seine Grenzen gekannt und hat g´sagt: „Na, des kann i net. I waß, was i kann und was i net kann.“ Und das zeichnet doch einen Menschen aus. Ich meine, wie viele Gottoberste ruinieren ganze Völker, weil sie ihre Grenzen nicht erkennen. Und das kann man glaube ich vor allem lernen. Er hat immer nach dem Besten gestrebt, aber er hat nie g´sagt: „I bin der G´scheiteste und der Tüchtigste.“

E: Da ihn sein Vater mit neun Jahren aus der Schule genommen, damit er mit dem Kühleiswagen fährt, ist es kein Wunder, dass er nicht gut rechtschreiben konnte.

K: Es gibt ein Bild von der goldenen Hochzeit. Da hat er draufgeschrieben: „Großvatta“ mit Doppel-T geschrieben, justament, weil er g´sagt hat: „I muaß schreib´n wie i des hör´ und i bin der Vatta“. Das liegt auf dieser Linie.

E: Und Mutter hat er mit einem T geschrieben?

K: Ja. Damit hat er gezeigt, wie er sich behauptet gegenüber den Schriftgelehrten. Füe die schriftlichen Sachen hat er sich immer einen „Schönschreiber“ gehalten, weil er g´sagt hat, er hat eine „zu schwere Hand“ und hat immer nur seinen Namenszug darunter gesetzt. Die Schrift für Dokumente war ja völlig unpersönlich, wie heute bei der Schreibmaschine.

E: Die habe ich im Grundbuch gesehen….Was finden sie noch wichtig in Zusammenhang mit ihrer Familie?

K: Na ja, ich finde, es ist eigentlich einen Skandal, wie wenig man meine Großmutter beachtet hat. Eine Frau, die immerhin zehn Kinder g´habt hat und die dann im Wagerl gesessen ist, weil´s wirklich nicht mehr steh´n hat können. Sie ist um vier in der Früh aufg´standen, weil um fünf sind die Kutscher kommen und jeder hat einen Gulden g´habt und jeder hat müssen was Warmes essen, bevor´s in die Arbeit gegangen sind. Das hat sie gemacht.

E: Die Rolle der Frauen zeigt sich auch da. Die Aufbauleistung von Karl Weber und seinem Vater stehen außer Zweifel, aber…. K: Die Kindesfrau hat in der Nacht schlafen können als Angestellte, aber wenn so kleine Kinder eines der Reihe nach in der Nacht die Mutter gebraucht haben, so hat sie müssen da sein. Das war ein unglaublicher Kräfteverschleiß. Das kann man sich ja gar nicht vorstellen.

E: Was war denn ihre Tätigkeit?

K: Sie hat das Gasthaus organisiert. Da waren riesige Reindln zu heben, die Herde zu heizen und die Strickerei….In der Nazizeit, da waren´s doch immer so, dass die Mütter geehrt worden sind und da hat man ihr auch g´sagt: „Du warst ja eine so brave Mutter“ Irgendwer hat einmal g´sagt: „Na wann kriegt den die Frau Weber ein Mutterkreuz? Mit zehn Kindern müßt´ sie´s bekommen.“ Und das hat sie aufgeschnappt, nicht irgendwie politisch, aber wenn irgendwer geklopft hat oder sie ist gern beim Fenster gesessen und hat hinunter geschaut, dann hat sie oft g´fragt: „Na, wann kommen denn die?“ Und wenn man sie g´fragt hat: „Na wer denn?“ hat´s g´sagt: „Na die mit dem Kreuz.“

E: Eine Anerkennung ihrer Arbeit war ihr offenbar doch noch sehr wichtig.

K: Ja, das hat man nicht gemacht und das hat sie sehr getroffen. Warum, das wissen wir bis heute nicht. Die Familie Weber war den Nazis vielleicht trotz ihrer Tüchtigkeit suspekt. Und man hat dieser Frau, die derartiges geleistet hat, nicht die Anerkennung gegeben, die sie verdient hätte. Aus einem instinktiven Rechtsgefühl hat sie daher immer gefragt: „Wann kommen denn die?“

E: Wann war denn das?

K: Anfang der 40-er Jahre. Da war sie schon über achtzig. Bei so einem alten Menschen kommt natürlich diese Lebensleistung in der Frage „Wann kommen denn die?“ zum Ausdruck. Von ihrer Arbeit in der Küche hat sie nie geredet, aber die Kinder waren halt doch ein Mittelpunkt. Sie wollte über ihre Kinder dazu gehören, weil das Politische hat´s ja nicht mehr verstanden. Wer hat´s denn überhaupt damals verstanden? Aber das Zusammengehörigkeitsgefühl war ihr wichtig. Wie sie hat nur mehr sitzen können durch die Knochenabnützung, da haben sich wirklich ihre Töchter sehr um sie gekümmert. Aber wir Enkerln sind immer wieder hingegangen „der Großmutter was vorlesen.“ Da waren so dicke Steinbrenner-Kalender für Bauern. Zuerst haben wir halt die rührseligen Geschichten vorgelesen und dann haben wir auch die Witze darin lesen dürfen. Und etwas ist sehr merkwürdig: Meine Großmutter war ein äußerst musikalischer Mensch, sie hat eine wunderschöne Stimme gehabt. Und als alter Mensch hat sie auch mit meiner Mutter und anderen immer Volkslieder gesungen. Da hat sie immer die zweite Stimme gesungen und hat aber steif und fest behauptet, sie singt die erste Stimme. Das heißt, innerlich hat sie die erste gehört und hat sich selber begleitet. Man sieht, wie sich das bei einem alten Menschen spalten kann. Aber es war absolut richtig.

E: Da hat sich die künstlerische Linie in der Familie Weber fortgesetzt. Auch bei ihnen selbst habe ich mir schon öfters gedacht: Vielleicht sehen sie manche wirtschaftlich denkende Familienangehörige ähnlich wie den Maler Reiter: „Na ja, die Berta, eine Künstlerin, die nichts Ordentliches arbeitet.“

K: Ja, ungefähr so. Aber man kann auch ruhig von der Kehrseite reden. Die unverheiratete Karoline, die den Fuhrwerkhof mit Ach und Krach weitergeführt hat, hat ja auch an der Akademie Gesang studiert und war eine ausgezeichnete Koloratursängerin. Sie wollte nach Brünn zur Bühne gehen und hat dort insgeheim ein Engagement gehabt. Wie sie das offiziell machen wollte und ihrem Vater, dem lieben Fuhrmann, davon erzählt hat, ist er außer sich geraten und hat g´sagt: „Na, du wirst mir net so ane!“ Sie hat dann seine Mutter betreut und hat das sicher sehr brav gemacht. Sie hat aber auch immer wieder kleine Hauskonzerte gegeben. Da hab ich selber auch mitgemacht, weil ich einmal ganz gut Gitarre spielen konnte. Da sind auch namhafte Künstler aufgetreten, zum Beispiel Senta Benes, eine damals weltbekannte Cellistin. Meine Tante hat auf jeden Fall auf Qualität geachtet.

E: Ihr Ausspruch, dass sie jetzt genug hat vom Stall und Mist, wird dadurch besser verständlich. Dass sie sagt: „So, jetzt reicht es. Ich hab´ meine Tochterpflicht getan und hab´ nicht meinen Neigungen nachgegeben.“

K: Ja, denn das ist doch unvorstellbar, was da in einem sensiblen Menschen vorgeht. Das sind derart andere Welten, auch wenn man dabei aufwächst. Ich meine, als Künstler ist man geboren, man kann nicht aus seiner Haut heraus. Das war für meine Tante Karoline ein Opfergang. Für den lieben Großvater war seine Arbeit Lebenserfüllung von der Picke auf. Und wenn jemand Anschluss an eine kulturelle Entwicklung hat wie Karoline Weber und wieder zurückg´staucht wird, ist es schon verständlich, wenn sie etwas verbittert geworden ist. Sie hat müssen eine Rolle spielen, während ihr Vater immer er selber war. Sie hat, glaube ich, von Haus aus gespürt, dass ihr diese Rolle nicht liegt.

E: Heute würden sich manche Töchter wehren, gegen ihren Willen die Firma ihres Vaters übernehmen zu müssen.

K: Ja natürlich. Und sie war eine bildhübsche Erscheinung.

E: Das ist schon schade, dass sie das eine nicht hat machen dürfen und das andere nicht machen wollte und sie daher keine Einheit war. Sie war nicht mit ihrem Beruf ident wie ihr Vater.

K: Sie hat schon sozial gedacht. Wenn sie so ihre “Gastereien“ gegeben hat, ihre Hauskonzerte. Da hat sie Gleichgesinnte großzügig unterstützt, auch junge Künstler, die ihre ersten Schritte gemacht haben. Dort ist auch ein gewisser Lebensstil gepflegt worden. Man wollte eben Qualität ausdrücken.

E: Das hat im Familienhaus in der Quellenstraße 215 stattgefunden?

K: Ja, in einem Zimmer war das Klavier, in einem anderen waren die Instrumentalisten. Im Zimmer daneben war ein schöner Tisch gedeckt. Und dann ist man von einem Zimmer ins andere gewandert. Wenn mehr Leute gekommen sind, hat man halt die Türen aufg´macht.

E: Lebt in diesem Haus von der Familie Weber noch jemand?

K: Es gehört Frau Traxler.

E: Aber Frau Traxler selber wohnt ja in einem anderen Haus, in Quellenstr.203.

K: Das hängt damit zusammen: Wir sind die sogenannte „Erlebnisgeneration“. Da sind derartige Dinge über uns hereingebrochen. In einem Alter, wo man sich zu entwickeln beginnt, haben wir das Leben schon von seinem Ende her so vielfach gesehen. Das kann sich niemand vorstellen. Ich finde diese ganze Redereien, wer was wem wann gemacht hat – das kann von Leuten, die nicht Gleiches erlebt haben, gar nicht richtig beurteilt werden, weil das so an der Grenz des Erträglichen war.

E: Sie meinen die Kriegszeit, die Zeit davor und danach?

K: Und das hat ihr, Frau Traxler, sagen wir die Freude genommen. Stellen sie sich vor: Ihr Vater war ein gut renommierter Tierarzt, so gut, dass ihn die Tschechen gar nicht haben hinauslassen, weil´s keinen Ersatz g´habt haben. Sie haben ihn zurück gehalten als Gefangenen für den Schlachthof in Krumau an der Moldau. Seine Tochter Gertrude hat mit Auszeichnung maturiert in Krumau. Das war damals blutiger Ernst. Ich könnt´ ihnen noch einige Geschichten erzählen. Darum find´ ich es so ungeheuerlich, wenn die heutige Politikkaste so herumkneten an Leuten dieser Generation. Die haben nicht die Dimensionen im Griff, die damals waren. Und daher werden sie nicht gerecht. Das sind lauter juridischen Winkelzüge. Das waren damals Phänomene, das lässt sich nicht greifen.

E: Könnten sie mir das bitte erklären, wie das mit den damaligen Grenzen war, mit Böhmen, mit den Umsiedlungen?

K: Das passt da vielleicht nicht so ganz hinein.

E: Mich interessiert sehr das Schicksal der Frauen wie das ihrer Großmutter, von Karoline Weber und von Frau Traxler.

K: Ihr Vater, der Herr Veterinär Dr.Traxler, der ist auch aus dem ganz kleinen Dorf Krumau im Böhmerwald, das ist eine sehr starke Gegend. Er hat in Wien studiert und wurde als armer Student Hauslehrer von Leopold Weber, der später im 1.Weltkrieg gefallen ist. Und er hat die Tochter, die spätere Mutter von Frau Traxler, geheiratet. Da sind die dann hinauf nach Krumau gezogen. Sie war eine besonders Tüchtige. Ich glaub´. Sie hat dann eine Aufgabe beim Roten Kreuz übernommen. Er war auch ein gut renommierter Tierarzt. Im 45-Jahr hat man ihnen ihre Villa im Böhmerwald weggenommen, ohne irgendwelche Entschädigung. Dann ist sie nach Wien und hat Chemie studiert, hat aber Asthma bekommen und musste aufhören. Wenn sie sagen, was war das Schicksal der Frauen: Wenn man erst einmal die kriegsversehrten Frauen hernehmen würde.

E: Über die wird weniger g´sprochen. K: Überhaupt nicht.

E: Die Männer kriegen dann Denkmäler. Und sie haben nichts mehr davon, wenn´s g´fallen sind. Auch viele Frauen waren Kriegsopfer.

K: Na und ob.

E: Nach dem Krieg haben ja dann vor allem einmal die Frauen begonnen, das Land wieder aufzubauen. Die Männer waren nicht mehr oder noch nicht da. Die Frauen haben gezeigt, was sie alles könnten, wenn sie die Männer nicht in die Küche drängen würden. Wer hält denn die Gemeinschaft noch immer zusammen? Nach männlichen Leistungskriterien wird ja bis heute nicht wirklich anerkannt, was Frauen leisten. Dafür finde ich die Schicksale der Frauen auch in dieser Familie typisch und sie spiegeln auch die Geschichte wieder. Auch hinter Karl Weber ist eine Frau gestanden wie hinter vielen erfolgreichen Männern.

K: Das ist schon wahr.

E: Alleine hätte er es ja auch nicht geschafft.

K: Nein.

E: Und das ist heute noch genau dasselbe.

K: O ja.

E: Und Frauen trifft es besonders oft, dass sie wie Karoline Weber auf eigene Hoffnungen verzichten muss und sie dann in dieser Männerstruktur nicht hineinpassen kann, was ein Mann vielleicht geschafft hätte. Ich kann verstehen, dass Frau Traxler dann sozusagen von einer Krankheit eingeholt worden ist.

K: Ja, sie hat die Dämpfe in den Laboratorien nicht mehr ausgehalten und konnte das Chemiestudium nicht fortsetzen. Und weil sie eher auf der mathematischen Linie ist, so liegt ihr vielleicht diese Hausverwaltung gar nicht so schlecht. E: Sie verwaltet sozusagen die sichtbare Geschichte ihrer Familie… Ich erhoffe mir, auch über die Schicksale von anderen Frauen aus der Familie Weber mehr zu erfahren.

K: Die Familie Weber ist nach dem Krieg in die Innere Stadt gezogen, weil sie den ungerechten Tratsch, den manche Leute über unsere Familie herumerzählt haben, nicht vertragen haben. Ich hab´ mir gedacht, ich muss wissen, was ich verantworten kann und was nicht und dass wer mit Dreck umeinand´ haut, das ist immer schon passiert. Frau Dr.Wanisch ist schon sehr verärgert und verbindet dieses Grätzl mit sehr schlimmen Erfahrungen. Sie ist die Tochter des Magistratsbeamten Josef Wanisch, der sein kleines Privatorchester gehabt hat. Sonst haben´s die Leut´ bewundert und haben gehorcht und dann kommt so was heraus … Ihr Vater hat Häuser verwaltet und ist jeden Samstag durchgegangen und hat geschaut, was los ist.

E: Ich werde mich dennoch bemühen, diese Vorbehalte zumindest gegenüber meinen Chronik-Versuchen abzubauen, aber das braucht sicher seine Zeit.