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Work in Progress! Die Geschichte wird erzählt von Kommerzialrat Franz Nahrada, 1924 - 2000. Gemischt mit vielen persönlichen Erinnerungen....

DIE GESCHICHTE DER NAHRADAS UND DES HOTEL KAROLINENHOF    

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
DIE GESCHICHTE DER NAHRADAS UND DES HOTEL KAROLINENHOF   
1900 - 1918   
1918 - 1935   
1935 - 1945   
EXKURS ÜBERS FLIEGEN   
BOMBENSCHADEN   
1946 - 1960   
1960 - 2000   

Als im Jahre 1881, der aus dem bei böhmisch Budweis liegenden Wrzau, nach Wien gekommene Schmied, Franz Nahrada, geboren 1861, eine Beschäftigung bei der Kaiser Ferdinand Nordbahn begann, ahnte er, unverheiratet, noch nichts von seiner Zukunft. Ihm war es beschieden, in der Fremde mit Ausdauer und Fleiß eine Zukunft besonderer Art zu zimmern.

Nach einer frühen Heirat mit einer zierlichen Frau namens Karoline, geborene Proks, gestalteten sich die ersten Jahre in Wien, der Metropole der Monarchie, sehr dürftig. Sie wohnten in den Eisenbahnerhäusern in Großjedlersdorf. Da auch sie der deutschen Sprache nicht sehr mächtig war, wurde uns eine nette Episode berichtet, als sie von ihrer Herrschaft, wo sie als Dienstmädchen beschäftigt war, zum Einkaufen von Honig geschickt wurde: Um das Wort Honig zu umschreiben, als der Kaufmann sie um ihr Begehr fragte, sich so ausdrückte: “Is a klanes Viech, macht an Stich, was scheißt es süß  - des is”. Zuwanderer eben, Migranten....die sich aber durchaus integrierten.

Bald kam der erste Sohn, Franz, zur Welt. Es war das Jahr 1887.

Franz jun. ging zur Schule, besuchte später die Realschule und als sein Religionsprofessor, trotz der Warnung seines Vaters durch eine schlechte Religionsnote, das Zeugnis, seines bisher einzigen Sprößlings, zu verunstalten drohte, nicht abging, wurde die Drohung mit dem Austritt aus der röm. kath. Kirche wahr gemacht.

Der 2. Sprößling, Karl, folgte 1899. Dieser wurde deshalb später protestantisch erzogen und war der verwöhnte Liebling seiner Mutter, Karoline.

1900 - 1918    

In den ersten Jahren der Jahrhundertwende, es war das Jahr 1904, machten sich Franz sen. und seine Karoline daran, sich weiterzuentwickeln. Sie machten Schulden und wagten einen Schritt in Richtung “Halbselbständigkeit”. Sie bauten ein einstöckiges Haus in der Schulzgasse 9 und errichteten eine kleine Gastwirtschaft.

Vater Franz und der ältere Sohn gingen zur Arbeit - Senior weiter als Schmied und Junior zu Siemens-Schuckert in die Engerthstraße als Mechaniker. Inzwischen schuftete die zarte Karoline zu Hause und im Geschäft.

Während die Männer in der Arbeit waren, kamen sogenannte Bettgeher [1] in die eben verlassenen Betten - Nachtschichtler -, die um billiges Geld, die Betten derer benutzten, die sie eben verlassen hatten. Man mußte die Schulden ja irgendwie loswerden und das war ein Weg dazu.

Die Wohnungsnot war schon damals ein besonderes Problem und es war vielfach bekannt, daß in der Schulzgasse 15 einem zweistöckigen Haus mit 22 Wohnungseinheiten Erwachsene und 96 Kinder gezählt wurden.

Franz jun. durfte, wenn er von der Arbeit heimkam, noch die Ziegen auf die nahegelegene Donauwiese (Überschwemmungsgebiet) zur Weide bringen.

Das Geschäft florierte gut, auch in den folgenden Jahren, alle kannten meinen freundlichen Großvater, Franz sen., besonders die Tschechen. Sie kamen zu Fuß oder mit dem Fahrrad und auch der Turnverein “die Sokols” hielten ihre Treffen in seinem Gasthaus ab.

An einer Feuermauer des Hauses Schulzgasse 13 stand mit großen Lettern geschrieben “NAHRADA FRANZ GASTHAUS - RADFAHRER HILFSTATION”, eine Schrift, die lange verborgen blieb, da das erwähnte 2stöckige Eckhaus Schulzgasse 15 angebaut wurde. Nach Abbruch dieses Hauses im Jahr 1980 war die Schrift einige Jahre zu sehen.

Anmerkung; Im Jahre 1983/84 entstand an der gleichen Stelle ein 3stöckiges Eigentumswohnhaus und verbarg sie wieder.

Junior Franz kam 1905 zum Militär, um seinen Wehrdienst abzuleiten.

Senior spekulierte mit einem an der Jedleseerstraße liegenden Grundstück. Einem Stück, das der Firma Frankl gehörenden Geländes, das vom Hubertusdamm bis zur Jedleseerstraße reichte.

Auf der anderen Seite der Straße, auf dem Gebiet des heutigen Karl Seitz Hofes (Gartenstadt) waren Militärbaracken mit einer Marineschule, Scheinwerferbatterien etc. und wie die Chronik berichtet, Militärpersonal und 1400 Pferde.

Im Jahre 1913 wurde das 2stöckige Wohnhaus mit einem Kaffeerestaurant und einem Hotel vom Baumeister Aubrecht errichtet.

In dem „Hotel“, ich glaube es waren 3 Zimmer, nächtigten, so hörte ich, Angehörige von Soldaten, wenn sie zu Besuch kamen.

Aber wieder waren neue Schulden entstanden, obwohl man sich zu einer billigen Bauweise entschloß. Senior arbeitet noch immer bei der Bahn.

In diesem Wirtshaus spielte sich viel ab. Neben den Tschechen, die als Schneider, Schuhmacher, und anderen Berufen, in Wien ihren Heimsitz hatten - die Bewohner der Häuser der Jahrhundertwende waren vielfach diesen Bevölkerungsgruppen zuzuzählen - besuchten Soldaten aus allen Kronländern, das Gasthaus des Nahrada sen. Dann kam das Unglück von Sarajevo und Junior mußte bei der Mobilmachung wieder den grauen Rock anziehen. Nachdem er bei der Ableistung seines Wehrdienstes bei Riva am Gardasee stationiert war, mußte er mit den Pionieren und Mineuren wieder in die Südtirolerlande, in die Festung “Franzesfeste”.

Im Jahre 1917 mußte auch Karl, der 2. Sohn, nachdem er die gastgewerbliche Ausbildung in der Kurrentgasse abgeschlossen hatte, als Funker zum Kriegsdienst. Beide Söhne kehrten gesund heim und konnten den überlasteten Eltern im Betrieb unter die Arme greifen. Franz jun. hatte seinen Vater gebeten, weitere Gründe der Frankl Gesellschaft, die an das Haus angrenzten zu kaufen. Leider war es aufgrund der bestehenden Schulden damals nicht möglich.

1918 - 1935    

Das Haus Schulzgasse 9 wurde zur Zeit der Inflation verkauft und Senior wetterte wiederholt darüber, daß man nach kurzer Zeit für das Geld nur mehr ein kleines Gulasch für den Erlös  kaufen konnte.

Zur Zeit der Geldsanierung kam auch für Franz jun. die Zeit als Freier aufzutreten. So zog er denn aus vom Karolinenhof - diesen Namen gab Senior dem Hause seiner Gattin und Gefährtin zu Ehren -  und fand in Auersthal die Mutter des Schreibers dieser Zeilen, namens Adelheid, geborene Wernhart. Diese kam in Begleitung mit ihrer älteren Schwester Maria ins Haus um sich umzusehen, wo sie ihr weiteres Leben verbringen sollte. Als die 2 streng katholischen Schwestern die Konfirmationsurkunde des jüngeren Bruders Karl sahen, wollten sie sofort ausreißen, als sei der Satan selbst im Hause. Aber dann wurde doch im Jahre 1923 in Auersthal eine große Hochzeit gefeiert.

Die beiden Neffen der Karoline, Franz und Karl Proks waren die Trauzeugen. Vater Stefan Wernhart spezialisiert auf Eheverträge und Erbangelegenheiten, stattete seine Tochter mit ordentlichem Heiratsgut - Wein, Grundstücken, Vieh und Möbeln - aus. Natürlich  mit dem dazugehörenden Ehevertrag.

Ein Jahr später gebar Adelheid im Haus den 3. Franz, den Verfasser dieser Zeilen. Damals kam die Hebamme ins Haus, und der Raum war dort, wo sich heute das Espresso befindet.

Auf dem Grund gegenüber unseres Hauses, nach Abbruch der Militärbaracken - ein Spital war vorgesehen - begann im Jahre 1925 eine lebhafte Bautätigkeit. Es wurde die Gartenstadt, wie schon erwähnt, der heutige Karl Seitz Hof, eine Wohnhausanlage zu bauen begonnen.

Der Grund wurde händisch ausgehoben und sogenannte Kapskutscher, das sind in 2 Gespannen hintereinander, mit hochrädrigen Wagen, je einem Pferd, schleppten von einem Fuhrmann geführt, den Kelleraushub, über eine schräge Ausfahrt zu einem bestimmten Platz und entluden ihn.

Wir hatten damals in 3 Schichten, 300 Leute zum Essen.

Karoline, Adelheid und 2 Küchenmädchen arbeiteten in einer neuadaptierten Küche. Eine Ammoniakkühlanlage der Firma Vamag wurde zur Kühlung von 2 Eiskästen und einem Bierkühlraum und Fleischkühlraum neu installiert.

Vereine, wie der Sparverein und ein Sportverein Äugler-Brüder (Am Äugel - ist ein Flurname des Gebietes Schulzgasse-Äugelgasse und Hubertusdamm), Fußballverein Viktoria 21, Pittentaler Radler usw., hatten ihren Sitz im Gasthaus. Auch die Tschechen, die in der Schulzgasse ihren Landsmann Nahrada sen. besuchten, kamen, selbst wenn sie in der Zwischenzeit in andere Bezirke gezogen waren, und bildeten eine neue Stammtischrunde.

In der Schulzgasse schon hatten, nicht nur die gemeinsame Muttersprache, sondern die anstehenden sozialen Probleme, dazu geführt, daß das Ideengut der Sozialdemokratie auf fruchtbaren Boden fiel. In diesem Arbeiterviertel herrschte Not, Wohnungen waren überbelegt und die Unsicherheit des Arbeitsplatzes bestand.

In der Zeit um die Jahrhundertwende entstand diese Bewegung, allen Lesern dieser Zeilen geschichtlich bekannt. Nahrada sen. entwickelte sich zu einer Leitfigur und war im Wahlkörper der Sozialdemokratischen Partei . Er blieb Zeit seines Lebens Sozialdemokrat.

Er sagte allerdings einmal, als die Gartenstadt gebaut wurde zu Bürgermeister Seitz: “Du Koarl, wenn Du mir gegenüber ein Wirtshaus in die Gartenstadt machst, wird Floridsdorf schwoarz!” (Das Wirtshaus wurde dann am Ende des Gebäudes untergebracht.) Nahrada sen. behielt damit die zentrale Stellung.

Die neuen Einwohner der Gartenstadt suchten die gemütliche Atmosphäre, das gute Jedleseer Bier der Brauerei in der Pragerstraße beim Gambrinus, das gute Essen, den guten Wein, die freundliche Bedienung, den herrlichen Gastgarten und unsere Kegelbahn.

Senior gab Anstoß für verschiedene Aktivitäten. Die Pittentaler Radler mußten vor der Fahrt zum Ring am 1. Mai mit ihren Rot-Weiß-Rot geschmückten Rädern (die Kreppapierstreifen wurden durch die Speichen gezogen) eine Ehrenrunde um das Parkgelände der Gartenstadt, vor den kritischen Augen des Seniors drehen. Dann durften sie zum Maiaufmarsch fahren.

Am frühen Nachmittag wurden sie, die Kinderfreunde, die Mitglieder anderer Organisationen, wie die der Roten Falken, der Naturfreunde und anderer im Jedleseer Aupark zu einem Picknick erwartet. Senior hatte dort in einer Holzhütte, wo alles vorbereitet war, für das leibliche Wohl aller zu sorgen. Die erschöpft Zurückgekehrten aßen, tranken, spielten und unterhielten sich bis in die Abendstunden. Dies geschah Jahr für Jahr bis dem Senior einmal die Brieftasche mit der Tageslosung gestohlen wurde. Keine weiteren Veranstaltungen dieser Art folgten.

Der Gruß “Freundschaft” wurde zum Symbol gemeinsamen Fühlen und Wollens und zum Ausdruck ehrlicher, aufrichtiger und zwischenmenschlicher Beziehungen.

Wie erwähnt gab es einen wunderschönen und schattigen Garten mit Kirsch-, Linden-, Nuß- und Kastanienbäumen mit einem Fassungsraum von 300 Personen, der in den Sommertagen ständig ausgebucht war und eine Lehmkegelbahn. Ein alter Pferdestall - man hatte vor der Motorisierung Pferde, Landauer und Schlitten - wurde umgebaut und zu einem Personalzimmer umfunktioniert.

Der Schankbursche mußte in der Früh Spatzen schießen, um zu verhindern, daß aus dem Blattwerk geschmacksverändernde Zutaten in die Bierkrüge geraten. Manchmal geschah das trotzdem, man ertrug es mit Humor.

In der Veranda und im Gastgarten wurden jährlich von den Sportvereinen bzw. von den Pittentaler Radlern Weinlese- und Kirtagsfeste abgehalten. Bei dem traditionsreichen Kirtagen und zum sogenannten Nachkirtag war bis viele Jahre nach dem 2. Weltkrieg Frau Szanwald, Mutter des berühmten Sportclubtormanns, mit ihrem Standl vor dem Haus, ein nicht wegzudenkendes Relikt.

Das Hotel wurde auf sieben Zimmer erweitert.

Ein Bruder des Senior, Adolf Nahrada, ebenfalls ein Eisenbahner, war mit seiner Familie (3 Kinder) der erste Hausbesorger im Karolinenhof. 1919 ging er mit seiner Frau und 2 Kindern zurück in die CSR und errichtete in böhmisch Leipa ein Kaffeehaus Nahrada. Seine Tochter Maria heiratete in Kladno, eine 2. Tochter namens Vilma ging nach Dubrovnik, wo in Srebreno ein Hotelkomplex von Tschechen geführt, entstand.

Nach einem gewissen Herrn Bartosch übernahm eine Familie Melena bis zum Bombenschaden im Jahre 1944 den Hausmeisterposten. Melena war Anstreicher in der Lokomotivfabrik. Um ihn als Hotelportier zu kennzeichnen, kaufte ihm Senior eine Kappe mit der Aufschrift “Hotel Karolinenhof”.

Dieser  Herr Melena wurde das Hausfaktotum.

Er war gelernter Tapezierer, Anstreicher, sprach tschechisch, reparierte alles im Haus und sorgte jedes Jahr für den Anstrich der Gartensessel und Tische.

Vor dem Winter mußte er den weißen Kieselschotter im Gastgarten zusammenhäufeln und im Frühjahr zum Neubetrieb wieder verteilen. Er repräsentierte, wenn nötig mit einem Riesenschlüssel und der Kappe das Hotel. Er bewohnte mit Gattin und 4 Kindern eine Zimmer-, Küche-, Kabinettwohnung. Von einer Dienststelle, bei der seine Frau arbeitete, erhielt sie eine Einrichtung mit einem Bett, in dem Napoleon geschlafen haben soll, geschenkt. Wir alle waren stolz auf das Napoleonbett im Karolinenhof. Er ist 1944, nachdem die Wohnung durch Bombenschaden unbenützbar wurde, aus dem Hause verschwunden. Aber davon später.

Senior hatte noch eine Schwester in Wien, namens Maria, sie war mit einem Leopold Mattes in Donaufeld verheiratet. Eine zeitlang betrieb sie ein Gemüsegeschäft in der Bellgasse 36, gegenüber unserem Hause.

Senior und Maria nahmen den Schreiber dieser Zeilen eines Tages nach Budweis mit, um bei einem weiteren Bruder, namens Karl, er war Bahnhofschef von Budweis,  einen Urlaub zu verbringen. Dieser Bruder meines Großvaters hatte 2 Söhne, beide Ingenieure und 2 Töchter, Lehrerinnen.

Im Keller dieses Hauses in Budweis fertigten diese beiden Ingenieure Kindereisenbahnen, Schiffe und Dampfmaschinen in der Art wie Märklin in Göppingen (Württemberg) an. Sie nannten ihre Marke Drake (Drache).

Für mich ging während meines Aufenthaltes ein Jugendtraum in Erfüllung.

Wir verbrachten eine wunderschöne Zeit in Budweis. Ein Erlebnis bei diesem Urlaub erscheint mir allerdings sehr erwähnenswert:

Eines Tages wanderten wir ins Zentrum der Stadt, gingen am Hauptplatz mit seinen wunderschönen Arkadengängen spazieren, kauften uns - ich war noch ein 10jähriger Bub - die berühmten “Barkidietni”, das sind Mini-Frankfurter, bei uns bekannt als Diätwürstchen bei einem Fleischhauer. Senior bemerkte einen Autobus der Firma Zaruba aus Horn, der dort eben eine Pause machte. Er kam mit dem Chauffeur ins Gespräch und fragte ihn über Reiseroute und Ziele aus. Nachdem ihm die Strecke genannt wurde, und er hörte, daß noch Plätze frei wären, bedeutete Senior uns, einzusteigen und das Abenteuer begann.

In Pilsen kaufte Senior uns Toilettartikel, Nachtgewand und Koffer. Ohne Reisepässe fuhren wir über Karlsbad, Marienbad, Franzensbad über die deutsche Grenze nach Meissen zur Porzellanmanufaktur, nach Leipzig, Dresden und über die Grenze zurück über Aussig und Prag nach Budweis.

An den Grenzen D und der CSR nahm der Chauffeur die Pässe aller anderen, ließ sie stempeln und stieg mit dem Zollbeamten ein. Dieser zählte. Da die informierten Mitreisenden beim Zählen ihre Köpfe ständig bewegten, fing dieser immer wieder von vorne an, und gab schließlich auf. So geschah es unter Zittern beim 2 maligen Grenzübergang.

Als ich in Dresden den Senior anflehte mir eine, damals in Deutschland billige Märklin Eisenbahn zu kaufen, erhielt ich eine negative Antwort. Er wollte kein Schmuggelgut, aber daß wir ohne Pässe unterwegs waren, und als solche 2mal die Grenzen überqueren mußten, schien ihn weniger zu motivieren.

In Budweis, da wir 3 Tage unterwegs waren, hatte man schon eine Abgängigkeitsanzeige erstattet und es gab einen Riesenwirbel, doch Senior trug es gelassen. Ruhig, wie er auch während einer Bahnfahrt ausstieg, um Weintrauben zu holen, und erst zurückkam, als der Fahrdienstleiter bereits seinen Stab gehoben hatte, und der Zug bereits angefahren war.

Ihn konnte nichts aus der Ruhe bringen.  Ein Eisenbahner eben.

Eine andere nette story: Senior hat einem Gast, der beim schnapsen schon einige Liter verloren hatte, und an dessen Zahlungsfähigkeit er zweifelte, verboten weiterzuspielen. Dieser sagte, “Dadi” (das war sein Spitzname), “ich hab ein haarneues blaues Sackl (Sakko), das bring´ ich Dir, wenn ich verlier´!” “In Ordnung”, sagte Dadi. Der Gast verlor. Von Dadi aufgefordert, das Sakko zu holen, ging dieser zum Bäcker Rosicky und brachte ihm ein neues blaues Papiersackerl, überreichte es ihm und sagte:”Da hast mein neues, blaues Sackl, wie ich es Dir versprochen habe!”

Senior nahm es mit Humor.

Im Karolinenhof arbeiteten die Brüder Franz und Karl bis 1933. Karl wechselte später in die Liechtensteinstraße 121 und machte dort bei der Vereinsstiege das Gasthaus “Zum Winzerhaus” auf. Nachdem im Jahre 1929 Karoline verstorben war, ging Senior mit seinem Sohn Karl in den neunten Bezirk. Karoline hatte ihren Ehering während ihres ganzen Lebens nicht abgestreift, und er war in ihrem arbeitsreichen Leben ganz dünn geworden, während Senior ihn selten getragen hatte und seiner dadurch noch so stark war, wie bei der Eheschließung.

Im Februar 1934 erlebte der Karolinenhof in bedrohlicher Nähe die Konfrontation mit den militanten Nachkriegsverbänden der Heimwehr, des Schutzverbandes und des Bundesheeres. Auf dem kleinen Turm oberhalb der Mitteleinfahrt in die Gartenstadt wurde ein MG in Stelllung gebracht und auch über der Tanzschule am Ende des Gebäudes. Lastwagen mit Munition und Handgranaten fuhren in die Innenhöfe. Die Tore wurden dann geschlossen und mit Mistkübeln bis oben verrammelt.

Am nächsten Nachmittag, ich glaube es war der 13. Februar, sah ich Soldaten über die Jedleseerstraße (hinter der Brücke) laufen. Ich verkroch mich hinter einem Schreibtisch, um nicht Zeuge der Geschehnisse zu werden. Die Soldaten wurden mit Maschinengewehren von oberhalb der Tanzschule beschossen, manche fielen, wurden von Kamaraden geholt und wieder beschossen.

Die Soldaten wollten zum Hubertusdamm, um von dort aus anzugreifen. Am nächsten Tag wurde die Gartenstadt schon am Morgen von der Attilerie beschossen. Die erste Granate schlug in die Trafik in der Gartenstadt ein. Eine andere in die Jedleseerstraße 65, 2. Stock, die weiteren in die Stiege 1.

Dann war Ruhe.

Abends campierten die Soldaten im Hof des Karolinenhofes. In der Küche bewirtete Adelheid zitternd die Offiziere mit Kaffee. In den Straßen patroulierte behelmte Polizei und vertrieb die Leute mit Rufen:” Weg von den Fenstern!” - Es war Ausnahmezustand.

In den Trafiken konnte man in den nächsten Tagen neue Abzeichen kaufen. Ein dreieckiger rot-weiß-roter Wimpel aus Metall mit einem Eichenlaub und der Aufschrift: “Seid einig!”.

Im April des Jahres 1935 verstarb der Gründer des Hauses und wurde im Karolinenhof aufgebahrt. Das große Eingangstor wurde schwarz umrahmt. Von hier aus ging der Leichenzug in die Kirche Maria Loretto. Alle Verwandten, Vereine, Freunde und Bekannte waren dabei.

Es war der Abschied von einem geliebten Mann.

In der Zeit der Arbeitslosigkeit hatte er stets Großmut bewiesen. Wir versorgten täglich gratis viele Bedürftige. Jeder hatte einen Zettel mit dem Stempel und bekam dafür ein Mittagessen.

Im Oktober des Jahres 1935 verstarb auch Junior. Es wiederholte sich die Zeremonie. Auch bei Junior gab es eine unübersehbare Menschenmenge. Er hatte die Not selbst mitgemacht und versucht, in ähnlicher Weise zu handeln, wie sein Vater. Ein Beispiel ist mir noch gur in Erinnerung: In gewissen Zeitabständen fabrizierten wir Blut-, Leber-, Brat- und Preßwürste nach eigener Schlachtung. In den schweren 30er Jahren sagte er zum Beispiel zu seiner Frau Adelheid:”Stich bitte einige Blutwürste auf, damit die Leute eine sättigende “Blunznsuppe” bekommen können!”. Die Menschen kamen von rückwärts in die Küche, um in Milchkannen diese Suppe zu holen.

1935 - 1945    

Nach dem schweren Verlust meines Vaters, war es Adelheid nicht möglich das Geschäft alleine weiterzuführen. Nach dem Trauerjahr kamen viele Bewerber, sie aber blieb unverheiratet. Der Sohn, also ich, war damals erst 11 Jahre alt und ging in die 2. Klasse des Realgymnasiums Strebersdorf.

Man suchte eine Pächter und fand ihn in Josef Rassinger, der in diesem Betrieb als Kellner schon bei der Erbauung der Gartenstadt gearbeitet hatte und den Gästen bestens bekannt war. Er übernahm das Restaurant und Adelheid betreute bis 1944 das Hotel.

Rassinger war vom 7.8.1935 bis 30.9.1939 als Pächter tätig und erwarb später eine Gaststätte in der Siemensstraße Ecke Rustongasse, das sein Sohn Josef Rassinger jun. bis zu seiner Pension weiterführte. Es folgten Plattenig (vom tschechischen Haus in der Brünnerstraße) vom 1.10.1939 bis 31.7.1941. Von 1.8.1941 bis 31.5.1948 übernahmen Franz Zivkovic und Anna Steiner als letzte Pächter unseres Gastbetriebs. Frau Steiner hatte vorher ein Gasthaus in Greifenstein an der Donau geführt.

Nach dem Tode meines Vaters im Jahre 1935 wurde Onkel Karl, der Bruder meines Vaters mein Vormund. Er war sowohl mein Tauf- als auch mein Firmpate gewesen.

In Strebersdorf erlebte ich am 12.3.1938 ein besonderes Ereignis. Ich war damals ein Schüler des 4.RG bei den Schulbrüdern. Meine Mitschüler und ich hatten die Tage vor dem 12.3.1938 spannend verfolgt. Alle Schüler der Anstalt hatten, wie ähnliche anderer Art (Schottengymnasium, Kalksburg und Therisianum) einheitliche Uniformen, die wir bei besonderen Anlässen zu tragen hatte. (z.B. Einweihung des Kriegerdenkmals in Strebersdorf, Besuch der Erzherzogin Adelheid, usw.)

Daneben waren neben der Anstalt Organisationen wie Pfadfinder, Marianische Kongregation und sog. Neuländer zugelassen.

Ich selbst war Pfadfinderführer einer kleinen Gruppe, der auch Dr. Wilfert, der spätere Jugendpsychiater der Polizei Wien angehörte.

Diese erwähnten Neuländer spielten eine besondere Rolle. Am Abend des 11. März waren die Schüler der oberen Klassen des RGs und des Lehrerseminares auf den Ring entsandt worden, wo sie sich mit den Demonstrationsgruppen der Nationalsozialisten schlugen. Es war von Dr. Schuschnigg, dem damaligen Bundeskanzler eine Volksabstimmung geplant, um die Selbständigkeit Österreichs zu erhalten. Briefmarken waren schon gedruckt (ich sah später noch ungezähnte Bogen im Briefmarken-Dorotheum). Diese Briefmarken wurden nicht mehr ausgegeben, da sich die Ereignisse überschlugen:

Dr. Schuschnigg hielt eine Rede mit den Schlußworten:”Gott schütze Österreich!” in Innsbruck, die ich heute noch in Erinnerung habe. Meine Mitschüler der älteren Jahrgänge kamen spät nachts mit teilweise blutigen Köpfen vom Ring zurück, ich glaube Hofrat Markus Bittner, der spätere Stadtschulratsvizepräsident war mit dabei. Wir jungen schliefen und als wir erwachten, und vom Schlafsaal am Morgen aus den Fenstern guckten, sahen wir, vom Motorengeräusch geweckt, viele Staffeln von Flugzeugen vom Typ DO 17 und JU 52 über die Stadt fliegen; sahen den ersten Polizisten mit einer Hakenkreuzarmbinde auf der Straße.

Wir konnten erfassen, daß etwas besonderes passiert sein müßte, und hörten später im Radio, daß Dr. Seiß-Inquart der neue Bundeskanzler sei. Die Neuländer im Hause entpuppten sich, als sog. “Illegale”, das war der Name für Leute, die nach Verbot politischer Betätigung im Jahre 1934, geheime Parteiarbeit betrieben. Dieses Verbot galt sowohl für Nationalsozialisten, als auch für Kommunisten und Sozialisten. Vor 1934 gab es, wie ich mich erinnere, auch schon Nationalsozialisten (kleine Gruppen) ich sah sie öfter, wenn sie von den Sonnwendfeiern und von anderen Treffen am Überschwemmungsgebiet zurückkamen.

Die Neuländer waren kurz nach dem 12.3. die Bestimmenden in der Schule.

Die Klassen wurden zu HJ Zügen formiert. Lieder wurden gelernt, zur Lederhose mußten weiße Stutzen und weiße Hemden getragen werden und man versuchte allen möglichst schnell NS-Gedankengut aufzuzwingen. Die Schulbrüder wurden unter Druck gesetzt, um allen Schülern durch schulfreie Vormittage zu den Auftritten Hitler im Hotel Imperial am Ring und Görings z.B. in der Nordwestbahnhalle aufzubieten. Am Ende des Schuljahres 1937/38 wurden sämtliche privat- und konfestionelle Schulen, wie die auch der Schulbrüder geschlossen und die weitere Lehrtätigkeit in Schulbildung untersagt. Wir waren in diesem Alter zu unerfahren, um die Tragweite dieser Ereignisse zu erfassen. Dazu kam noch, daß uns alte Sozialisten - vielleicht unter dem Eindruck jahrelanger Unterdrückung, Not und Arbeitslosigkeit - erklärt hatten ”Jetzt haben wir gewonnen!”

In den Ferien wurde ich, wie viele österreichische Kinder, in das sog. Altreich zu Pflegeeltern geschickt. Zunächst kam ich in eine Jugendherberge in der Nähe von Erfurt, wo ich, naiv wie ich war, eine Panzerkolonne fotografierte und mir der Film entfernt wurde, dann zu den Diakonisten (evangelischer Orden), wo eines Tages die Familie Kropp, er war Polizeibeamter, auftauchte und mich zu ihrem Familienverband, sie hatten 2 Töchter und einen Sohn, abholten. Ich verbrachte sehr nette Wochen und wurde von dieser Familie als Hitlerjunge eingekleidet.

Ich beendete mein RG in der sog. Oberschule für Jungen in Wien 13, Hackinger Kai 15, nachdem, wie erwähnt, die Schulbrüder Schule geschlossen, und ich daher in eine andere Anstalt wechseln mußte. Um mit meinen langjährigen Mitschülern zusammen sein zu können, nahm ich den beschwerlichen und weiten Weg bis nach Hütteldorf in Kauf, obwohl das BRG 21, wo ich meine Aufnahmsprüfung gemacht hatte, näher gewesen wäre.

Wenn ich durch die Galvanigasse lief, mußte ich trachten, den 132er zu erreichen, um am Schottenring die Stadtbahn WD (heutige U4) um 7:28 zu erreichen, um rechtzeitig in Hütteldorf-Hacking zu sein und nicht zu spät in die Schule zu kommen.

Vielfach hatte ich Glück, daß damals der Schaffner bei dem Bahnübergang Nordwestbahn, heute Auffahrt zur Nordbrücke, seinen Schlüssel in die Steckuhr drücken mußte, oder der Bahnschranken zu war.

EXKURS ÜBERS FLIEGEN    

Nach der Matura versuchte ich, durch meines Onkels Unterstützung für großjährig erklärt, bei der deutschen Luftwaffe eine Flugzeugingenieurausbildung zu bekommen und wurde nach Blankenburg auf eine Ingenieurschule geschickt, um eine Eignungsprüfung zur Aufnahme als Ingenieur Offizier zu machen. Nach bestandener Prüfung kehrte ich glücklich heim, mußte aber dann erfahren, daß die Ausbildung von Ingenieur Offizieren gestoppt sei, und ich nur die Möglichkeit hätte, eine Flugzeug-Flack-Nachrichtenschule zu machen. Ich entschied mich für die Flugzeugführer Ausbildung.

Ohne den Arbeitsdienst machen zu müssen, rückte ich zur deutschen Luftwaffe ein, kam zunächst nach Hoschatz (Sachsen) zu AB 61, was Flugausbildungsregiment Nummer 61 bedeutet. Am Weg dahin begleitete mich meine Mutter zu meinen Verwandten nach Budweis. Leipzig sah ich zum 2.Mal in meinem Leben und landete bei meiner zukünftigen Einheit.

Nach einer Rekrutenausbildung wurden wir auf verschiedene Luftkriegsschulen verteilt. Ich selbst hatte das Glück auf die Luftkriegsschule 7, nach Tulln, Langenlebarn, beordert zu werden.

Im vorfliegerischen Lehrgang begannen wir nach einer sehr anstrengenden Bodenkampfausbildung am Truppenausbildungsplatz in Malacky (CSR) mit einer Segelfliegerausbildung in Deutsch Wagram. Nach einigen Hüpfern mit dem SG 38 und auch mit einem Windenschlepp auf 100m wurde auf dem Grunaubaby und der zweisitzigen Weihe nach A, B, C Prüfung die sog. Klasse 1 erworben.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Tulln, wurden wir auf einem Arbeitsplatz Seyring verlegt, um den Motorflug zu erlernen. Mit einem Doppeldecker HE 72 und meinem Fluglehrer Nüchterlein, der mir während meiner ganzen Ausbildung auch auf anderen Modellen die Einschulung verpaßte, lernte ich das Starten und Landen. Nach 11 Platzrunden, jeweils mit Start und Landung überließ er mich meinem Schicksal, dies allein zu tun. Der Start glückte, ich drehte meine Platzrunde und bei der Landung über einem Friedhof, sah ich die Gräber immer näher auf mich zukommen, konnte aber trotzdem neben dem Landekreuz entlang der aufgestellten, rot-weiß-roten Dachreiter auf der Wiese glatt landen.

Wir machten dann weiter noch Notlandeversuche, Sturzflüge usw.

Dann kam die Ausbildung auf einer 2motorigen Maschine, der FW 58 und wir legten bereits größere Strecken zurück, sogar über den Karl Seitz Hof und mein Haus.

Vom Arbeitsplatz durfte ich die Maschine nach Langenlebarn fliegen, wo dann die weitere Ausbildung vorsich ging. Navigation, Funktechnik, Flüge mit der BÜ 131, BÜ 181 und schließlich mit der W 34.

Als ich früher mit meiner Ausbildung fertig war, sollte ich ein solches Flugzeug, ich war bereits B-Pilot, aus Helmstedt holen, um es nach Tulln zu bringen. So fuhr ich dann mit einem A-Piloten als Co-Pilot ausersehen mit der Bahn dorthin.

Alle zum Flugzeug dieser Type gehörenden Geräte wurden eingepackt und ich bekam einen Flugauftrag, es war Februar 1943, dieses Flugzeug nach Halle an der Saale. Am nächsten Tag bekam ich dann nur, bei schlechten Wetter in Etappen zu fliegen war, einen Auftrag nach Karlsbad. Ich überflog das Erzgebirge und als ich den Flugplatz voller Schnee mit einem X als Landekreuz (verbotene Landung) sah, außerdem eine HE 72 mit Kufen und Segelfliegern, wußte ich nicht, was zutun sei.

Ich setzte trotzdem zur Landung an, und bekam mit einer Leuchtpistole, abgeschossenes rotes Signal. Ich startete durch, machte eine Runde und versuchte die 2. Landung. Meinem Co sagte ich, er möge wie ich die Steuersäule stark anziehen, um bei der Landung mit Vollgas die Maschine nicht auf den Kopf zu stellen, da diese sehr kopflastig war.

So kamen wir heil runter, versanken aber mit den Rädern, sofort nach der Landung in den Schnee. Ich wurde aufgefordert, Karlsbad in Richtung Fürstenfeld-Bruck zu verlassen und versuchte unter Ausnützung der größtenmöglichen Startbahn wegzukommen.

Nachdem ich die nötige Startgeschwindigkeit nicht erreichen konnte, kehrte ich zum Flughafengebäude zurück. Ich ließ die Maschine aus diesem Grunde in Karlsbad zurück und wir beide mußten nach einer Nächtigung im Grand Hotel Bupp unverrichteter Dinge die Heimreise antreten. Das Flugzeug war dann bis zur Schneeschmelze nicht verfügbar.

Zurückgekommen nach Langenlebarn machte ich meinen letzten Flug auf der Luftkriegschule nach Klagenfurt. Da ich anschließend nach Abschluß meiner Ausbildung ein Anrecht auf einen Einsatzurlaub hatte, überflog ich in sehr niedrieger Höhe, den Schneeberg, um zu testen, ob ich zum Schifahren dorthin fahren könnte. Zurückgekehrt, borgte ich von einem Freund die Schischuhe aus, und machte einige Tage am Schneeberg meinen wohlverdienten Urlaub.

Der Abschluß war nicht ganz ungetrübt, da ich beim Abfahren, in ein Nebental gelangte und den letzten Zug in Buchberg nur deshalb mit Mühe erreichte, weil ich unterwegs die Sohle der geborgten Schuhe verlor.

Zur weiteren Ausbildung wurde ich dann zu der B1 und B2-Schulung nach Schweinfurt beordert.

Auf einem Arbeitsplatz in Bamberg bei Bayreuth wurde mir auf der JU 52 die Blindfliegerei beigebracht. Nach Bayreuth zurückgekehrt, wurde die Ausbildung auf einem Link-Trainer und auf der Schulung auf der HE 111 fortgesetzt, da wir nach Beendigung der Ausbildung zum KG 52 versetzt werden sollten. Diese Flugzeugtype war mit 2 vierblättrigen Luftschrauben ausgestattet, die jeweils von 2 gekoppelten Motoren gerieben wurden und zum Einsatz gegen England geplant waren. Der Luftkrieg gegen England aber, war geflogen mit E 111 Maschinen sehr verlustreich geworden, man versprach sich mit der neuen Type E 177 größere Erfolge zu erringen. Die Entwicklung dieser Type kam aber über Prototypen nicht hinaus und wurde deshalb nie einsatzbereit gemacht.

Anmerkung: Erst nach dem Krieg konnte ich nach Zuckmaier's 'Teufel's General" mir Gedanken machen über eventuelle Sabotage und mein Erlebnis von Karlsbad. Nach dieser Ausbildung kamen wir, statt zum KG 52, nach Neuruppin, nördlich von Berlin, und sollten zur Nachtjagd eingesetzt werden. Diese Maschinen waren ähnlich dem bekannten Radar mit Fray Lichtenstein- und Würzburggeräten ausgestattet. Geräte, die Dipol-Antennen an der Nase des Flugzeuges angebracht waren, und deren Leitstrahlen die gegnerischen Flugzeuge zu erfassen hatten.

Statt zur Ausbildung auf diese Maschinen zu kommen, lernten wir neue Präsentiergriffe mit dem Gewehr und mußten als Ehrengarde abgestürzte Kamaraden zur letzten Ehre begleiten.

So meldete ich mich zur Reichsverteidigung und kam nach Wels, wo ich kurzfristig ein Kunstflugprogramm absolvieren mußte, wurde dann weiterversetzt nach Crailsheim (Schwaben), wo eine weitere Perfektion mit der AR 96 erfolgte.

BOMBENSCHADEN    

Im Jahre 1944 war ich für einige Tage von Crailsheim, meiner damaligen Einheit beurlaubt. Ich hatte gerade zum Jedleseer Kirtag im September 1994 die Gelegenheit erhalten, meine Mutter zu besuchen. Wien war damals schon mehrmals bombadiert worden, und ich hatte Sorge um die Mutter und unseren Besitz.

Am 10 September 1944 war herrliches Wetter, wolkenloser blauer Himmel und meine Mutter bereitete gerade das Sonntagsessen vor. Sie hatte Suppe und Schnitzel bereits zurecht gemacht als Fliegerarlarm ertönte. Ich bat Sie in die gegenüberliegende Gartenstadt zu laufen, und sich in Stiege 23 in den Luftkeller zu begeben. Ich selbst wollte auf das Überschwemmungsgebiet. In der Folge ging alles sehr schnell: Es waren amerikanische, schnelle vom Typ Marowder, die plötzlich über dem Kahlenberg auftauchten. Ich stand mit zwei Krenns (Hausbewohner) und den Vater des einen neben dem Karolinenhof bei der angebauten Tischlerei "Richard Löwenherz" . Der Inhaber, Herr Hübner, war mit seinem Sohn und seiner Tochter in einem selbstgebauten Luftschutzkeller bereits in Deckung gegeangen. Als ich sah, daß etwas Glitzerndes von den Flugzeugen fiel, wußte ich als Flieger sofort was los war. Die Bomben fielen direkt auf uns. Zeit hatten wir fast keine, und so lief ich rasch in den Keller. Die Jüngeren konnten mir folgen, und kaum waren wir im Keller krachte es, es wurde finster, Staub flog herum, und das Licht fiel aus. Wir aber blieben heil. Der Luftschutzkeller ist heute der Heizraum des Hotels.

Nach weiteren Detonationen war es ruhig. Ich begann, die Kellerstiege hinauf zu steigen. Es wurde immer heller und dann stand ich vor dem Krenn Senior. Er sagte nur "Schöne Bescherung". Er hatte, wie er mir schilderte, die Mitte des Hauses erreicht, kam so in eine neutrale Zone zwischen Druck und Sog der Bomben. Es setzte ihn nur auf den "Hintern",

Wir sahen nun die "Bescherung" an. Hotelzimmer gab es keine mehr. Von den neun Wohnungen des 2.Stocks, standen nur mehr 3. Die Zimmer 1 bis 7, die Wohnung Nummer 8 im 1.Stock, die Portierwohnung und eine zweite im Parterre waren unbenutzbar geworden.Unsere eiserne Bodentüre lag zerknittert wie ein Silberpapier im Park. Das Essen war unbrauchbar, die Uhr blieb um 10.45 Uhr stehen. Die umgestürzte Feuermauer hatte die Tischlerei "Richard Löwenherz" zerstört.

Die erste Bombe fiel beim Luftschutzpunker des Hübners in weiches Erdreich und der Luftdruck tötete alle drei Hübners. Als ich auf die Straße trat, es war noch vor der Entwarnung, blickte ich auf meine Trümmer. Da war nichts mehr zu machen, aber es waren noch einige Bomben gefallen. Auf der Kreuzung Bellgasse/Jedleseerstraße schlug eine mitten in den Kanal, eine im Rundeau ein. Die Splitter gingen in der Gartenstadt trichtermäßig schräg empor. Als ich zur brennenden Humanitas Apotheke gegenüber ging, kam mir ein erster Passant, Herr Hitter von der 16er Stiege zu Hilfe. Wir wollten die brennende Apotheke löschen. Doch eine um die andere Alkoholflasche explodierte und die Trümmer flogen uns um die Ohren, als wir mit unseren Röcken versuchten, die Flammen zu löschen. Einen getöteten Radfahrer, der nahe der Apotheke lag, hatten wir gar nicht bemerkt. Ich lief dann zur Polizei in die Hermann Bahr Straße und machte Meldung. Dort saßen noch alle in den Kellern, da noch keine Entwarnung erfolgt war. Als ich zurückkam, hatten sich nach der Entwarnung schon Leute zu einer Löschkette zusammengestellt und versuchten ihr Glück. Es war leider schon zu spät. Es blieb nur eine Ruine übrig. Die Apotheke wurde nicht wieder aufgebaut. In jener Ecke befindet sich heute ein Wappen.

Der Luftangriff hinterließ viele Narben am damaligen Überschwemmungsgebiet und im Jedleseer Aupark, wo auch viele Fremdarbeiter, die sich aus den nahegelegenen Betrieben dorthin geflüchtet hatten, starben. Ich war froh nicht auf dieses Überschwemmungsgebiet gegangen zu sein, und konnte meine Mutter, die von meinem Vorhaben gewußt hat, nur schwer beruhigen.

Der Krieg ging zu Ende, ohne daß das Haus ein zweites Mal getroffen wurde. Nach den ersten Reparaturen nach dem Treffer, konnte die Bausubstanz durch Anbringen eines Notdaches geschützt werden.

Ende 1944 feierte ich Weihnachten in Brieg (Oberschlesien) und wirkte bei einem Variete mit eigenen Nummern mit. Der Chef des Geschwaders war begeistert und fragte mich, ob ich einen Wunsch hätte. Ich bat um eine Versetzung von der 1. Gruppe (Me 109) kleine Maschine- ich war 191 cm - zur 2. Gruppe des Geschwaders JG 105 in Makersdorf bei St. Pölten (FW 190 - bequeme Maschinen). Ich erhielt die sofortige Versetzung und konnte Silvester und wenig später, am 3. Jänner meinen 21. Geburtstag zu Hause feiern.

Am 20. Juni 1945 von den Amerikanern ( 3. Armee) in Bad Aibling entlassen. Mit Lastwagen (50 Mann auf LKW) wurden wir nach Linz abtransportiert. Einige Zeit verbrachte ich dann in Oberösterreich, wo ich bei der Familie Zimmermeister Huemer in Eferding und später bei Familie Stadelmann nette Aufnahme fand.

Nach meinem kurzen Zwischenaufenthalt in Oberöstereich fuhr ich im Herbst wieder nach Haus und begann im gleichen Jahr in Wien in der Grüngasse die Hotelfachschule. Ich mußte bis Weihnachten den Stoff des 1. Jahres paralell zum Studium des 2. Jahres erlernen und zu Weihnachten eine Prüfung über diesen ablegen. Der Weg zur Schule war damals sehr beschwerlich, da man die Floridsdorfer Brücke nur auf einem Notsteg zu Fuß überqueren konnte. Erst am Engelplatz bestand eine Verbindung zum Franz- Josefs- Kai und dann zur Stadtbahn.

1946 - 1960    

Ich machte mit ausgezeichnetem Erfolg meinen Abschluß und wollte in der Schweiz, wo ich Interlaken, im Hotel Oberland, eine Stellung angeboten bekomme hatte, um meine Kenntnisse erweitern. Die Stelle in der Schweiz bekam ich deshalb, weil das Gebäude in dem die Schule untergebracht war dem Genfer Verband gehörte, der uns nach Abschluß ins Rußland vermittelte. Durch Verweigerung eines Visums - da ich Leutnant bei der Luftwaffe gewesen war  - wurden meine Pläne zunichte gemacht. Darauf inskribierte ich an der Hochschule für Welthandel und legte dort die Klausuren und die erste Staatsprüfung ab.

Unterstützt wurde ich in diesen Jahren, wie auch schon während des Kriegs, von meinem Onkel Karl.  Er war bei einem Bautrupp der Luftwaffe in Trontheim in Norwegen gewesen, verwöhnte uns mit Sendungen von Sardinen, brachte mir norwegische Ski, Handschuhe, und meiner Mutter Silberfüchse von den norwegischen Pelzzüchtern mit. Diese zusätzliche Verpflegung tat uns während des Krieges sehr gut. Nach dem Krieg eröffnete er im 9. Bezirk das Winzerhaus in der Liechtensteinstr. 121 an der Vereinsstiege wieder - in einem Haus, das wir im Jahre 1933 gekauft hatten. Als ich damals an der Hochschule für Welthandel studierte, besuchte ich ihn fast täglich, um etwas zum Essen zu bekommen. Im Billrothspital am Gürtel kauften wir damals von koscheres Dosenfleisch und machten das Mittagsmenü mit Fleischlaiberln. Aus den Zigarettenresten machten der Cousin des Onkels, der damals bei ihm als Kellner arbeitete, und ich unsere Zigaretten, da andere Zigaretten für uns zu teuer waren.

Unvergeßlich ist ein Abenteuer, das ich beim Anschlagen meines ersten Bierfaßes erlitt. Als Onkel mir dies auftrug, standen Gassenkunden Schlange und wollten in Literkrügen Bier holen. Ich lief zum Kühlhaus, das sich hinter der Schankwand befand, drehte den Stecker heraus und schlug das neue Faß an. Da ich nicht richtig die Schraube am Stecherkreuz fixierte, schoß der Stecher gegen die Decke, und das Bier ergoß sich über mich. Mit den Füßen angelte ich ihn wieder heran und führte ihn - das Bier floß noch immer - zwischen zwei Fingern wieder in das Stecherkeuz. Ich schloß die Bierleitung und C02 an, klopfte an die Eiskastentür und meldete dem Onkel die vollbrachte Arbeit. Auf seinem Ruf herauszukommen und ihm zu helfen reagierte ich natürlich negativ und wartete bis alle Kunden gegangen waren. Dann erklärte ich ihm mein Mißgeschick, allgemeines Gelächter war die Folge.

Um den Wiederaufbau nach dem Krieg beginnen zu können, erhielten wir, wie alle zerstörten Bauten in Wien, eine Wiederaufbaugenehmigung. Meine Mutter und ich ließen deshalb von dem Baumeister Wilhelm Nemecek die Pläne und Kostenvoranschläge für den Wiederaufbau machen. Wir bekamen Bezugsscheine für Ziegel und Dachziegel, hatten jedoch leider keine Mittel, einen Baubeginn zu starten. Es vergingen dann Jahre, bis es uns möglich wurde, das schwerbeschädigte Haus wieder aufzubauen. Daneben gab es vom Architekt Wiltschek, ebenfalls von der Liechtensteinstraße, großzügige Pläne für eine Hotelausbau mit separatem Stiegenhaus, einer Kellerbar etc.. Sowohl dieses Projekt, als auch der Wiederaufbau wie erwähnt waren zu dieser Zeit nicht realisierbar. Dafür war nach dem krieg  jede Menge Schutt wegzuräumen. Die Bomben hatten eine Veranda mit Gartenmöbeln und eine Garage durch das umgestürzte Mauerwerk des zerstörten Hauses unter Schutt begraben. Man konnte vom Hof in die jetzigen Zimmer 102, 103 emporsteigen. Unter dem Schutt befand sich auch der Schanigarten, den wir im Jahre 1986 von der Firma Truchler renovieren ließen und eine Mehltruhe, die nach der Bombenentrümpelung dorthin gelangt war. Wir bargen auch noch die Zigarettenspitze, die Großvater mit Namenseindruck anfertigen hatte lassen. Im übrigen Hof lagen 50 m3 Schutt, den ich mit Franz Lainer, einem Fuhrwerksunternehmer aufladen und wegführen half. Rattennester waren genug vorhanden.

1948 konnte ich die Mißwirtschaft der Pächter nicht mehr ertragen, und beschloß, das Geschäft selbst zu übernehmen. Ich mußte deshalb mein Studium im 6. Semester abbrechen.

Im gleichen Jahr, im Frühjahr 1948 lernte ich auch meine spätere Frau Gertrude kennen. Ich lernte meine Frau, als ich mit 2 Freunden dem Gruber Karl (Fleischhauer) und dem Heini Wotoubek am Radstädter Tauern - den ich 1945 als Soldat nach Kriegsende schon überquert hatte - auf der Vindobona Hütte im Matratzenlager kennen. Sie war damals mit ihrer Freundin Luzi Kadlec und ihrem späteren Gatten Kommerzialrat Poldi Schneider ebenfalls zum Schifahren dorthin gekommen. Nach kurzer Zeit gab es ein Verstehen zwischen uns. Und beim ersten Wiedersehen machte ich Ihr einen Heiratsantrag. Nach Absolvierung der HAK und einer Praxis im Restaurant Spacek am Brigittaplatz war meine Gertrude so informiert über das Gewerbe, daß keiner Ihr etwas vormachen konnte.

Am 24. Juni 1950 heiratete ich meine Gertrude, geborene Schmidbauer. Ihr Vater war Inhaber eines leistungsfähigen Tischlerbetriebes an der Floridsdorfer Hauptstraße 22 ( Heute sind dort Wohnhäuser). Am 20.3.1951 kam unsere Tochter Waltraud und am 9.12.1954 unser Sohn Franz. Die schweren Aufbaujahre nemen dem Geschäftsbetrieb brachten es mit sich, daß wir wenig Zeit für die Kinder hatten. Es war bei uns nach dem Bombenschaden ähnlich ergangen wie dem Gründer des Hauses, als dieser  begonnen hatte ein Geschäft aufzubauen.

Am 6. Juni 1948 eröffnete ich also meine Gaststätte. Meine zukünftige Frau half an der Bar, und Eröffnungstag war ein unvergeßlicher Erfolg. Alle ehemaligen Gäste und Bekannten waren neugierig, wie ich mich in dem Geschäft zurechtfinden würde. Nachher hörte man auch ältere Leute sagen:"Was versteht der Bua von an Wein, wenn er nur Soda Himbeer trinkt?" Meine Cousine Käthe, später die Frau des Fleischhauers Franz Pertl und meine Mutter waren in der Küche tätig. Mit dem Kellner Urban Hansl versuchten wir des ersten Start. Geld hatten wir keines. Meine Mutter mußte zwei Äcker in Auersthal verkaufen, um beginnen zu können.

Es war ein schwerer Anfang. Nach einer 13jährigen Verpachtung an verschiedene Pächter und einem “niedergeführten” Geschäft, bedurfte es aufgrund der bereits eingeführten Konkurenz in der Nachbarschaft großer Anstrengung. Die erste Überraschung kam 2 Monate nach Eröffnung: Ich hatte dem Pächter die Kaution bereits zurückerstattet, als mich zwei Monate nach der Geschäftsübernahme ein Exekutivbeamter des Magistrates besuchte, um eine Getränkesteuerforderung bei mir einzutreiben. Wie sich herausstellte, hatte der Pächter anläßlich einer Getränkesteuerüberprüfung eine Nachzahlungsforderung über die damals astronomische Summe von 5000 Schilling erhalten, von der ich nichts wußte. Er hat das aber nach einigem Hin und Her beglichen.

Die Fenster des Lokals waren mit kleinen zusammengesetzten handgemachten Glasplatten ausgestattet, die Ausschenkgläser, die durch dem Bombenschaden zerstört worden waren, sind durch grüne, unansehbare Gläser ersetzt worden.  Die Kühlanlage war kaputt, das Garteninventar nicht mehr vorhanden, die Gartenbeleuchtung zerstört, Veranda und Kegelbahn unbenutzbar usw. - Freunde hatten geholfen, sie wieder in Gang zu setzen: der Lattner Vickerl machte die sehr alten Tische mit den gedrechselten Füßen wieder streichfähig, der Gutmaier Loisl, ein Lackierer der Lohnerwerke, half bei der Restaurierung. Die Holzwände in der Gaststätte wurden neu lasiert und das Lokal frisch ausgemalt. Langsam konnten wir auch die grünen Gläser, die einzigen, die damals zu erhalten waren, gegen weiße, neue Gläser austauschen (Muster der alten sind als Souveniers noch erhalten). Ein gewisser Dahm Poldl fuhr jeden Tag mit Blockeis vor. Auch in der Gartenstadt, die 1951 den Namen Karl Seitz Hof erhielt, warteten die Frauen mit Geschirr, um kleines Blockeis zu kaufen. Es gab damals noch keine elektrischen Kühlschränke...und am Sonntag warteten die Leute in Schlangen, um das Fassbier in Krügeln nach Haus zu bringen. Wir hatten aber auch ein beträchtliches Gartengeschäft mit alkoholfreien Getränken - in der warmen Jahreszeit zu ⅔ Umsatzträger des Gasthauses! Wir verkauften an einem Heiligenabend 3000 Flaschen Bier! Es gab keine Supermärkte, die nun das Hauptgeschäft machten, und keine Kühlschränke. Da aber bei der Brauerei Schwechat auf der Pragerstraße ein Kühldepot vorhanden war, konnten wir auch an diesem Abend mit dem Auto jeweils 10 Holzkisten à 25 Flaschen Bier holen….glücklicherweise musste ein Pferdeknecht dort Dienst machen, da die Brauerei eben in diesen Jahren noch Pferdefuhrwerke einsetzte. Um die Pferde zu füttern, musste also auch jemand auch während der Feiertage in diesen Depot Bereitschaftsdienst versehen - so unbürokratisch war das Leben damals, dass dieser Jemand nebenbei auch die Gastronomie versorgen konnte! Jahre später sollte es so sein, dass diese Menge bei uns nicht einmal das ganze Jahr über verkauft würde, das “Gassengeschäft” total zurückging und mit ein Grund dass der Betrieb am Wochenende Ruhetage einlegte.

Der Gasthausgarten wurde schrittweise wieder mit Lichtern nach altem Muster in Betrieb genommen, detto die Lehmkegelbahn. Holzwände wurden durch Mauerwerk aus Ziegeln oder Ziegelresten des Bombenschadens von einem Maurer, Gustl Zwickmeier, ersetzt, auch die Veranda auf ähnliche Weise. Mein Schwiegervater, der Tischlermeister Josef Schmidbauer, ließ einen Holzladen für die Kegelbahn anfertigen, Kugel und Kegel wurden neu gekauft und verschiedene Vereine veranstalteten lustige Kegelabende, wie in der Vorkriegszeit.

Immerhin hatten diese ersten Jahre dazu geführt, dass wir auch wieder an die Herstellung des zerstörten Hauses denken konnten.

Im Jahr 1950 stellten wir wieder einige Holzzimmer her, deren Einrichtung spartanisch war: Stahlrohrbetten, Waschtische mit Waschbecken und Wasserkrügen (kein Warmwasser), Einzelöfen - alles Materialien, die wir irgendwo ergattern konnten. All das war uns gut genug, um einen kleinen Hotelbetrieb wieder in Gang zu bringen,. Ein Zimmermeister, namens Regner, aus Enzersfeld verlegte die erste Decke unter dem noch mit einem Notdach abgedeckten 2. Stock und so konnten wir, wie erwähnt unsere ersten sieben Zimmer ausbauen und im Altbestand in Betrieb nehmen. Die Preise waren damals S 8,-- für ein Einbettzimmer- und S 11,-- für ein Doppelzimmer.

Ein erstes Zimmer wurde adaptiert und von Herrn Feitzinger, der in der alten "Pollak Fabrik" eine Weberei errichtete, für Arbeiten gemietet. Ein alter Maurer, Herr Lambeitl vom Oberfellplatz, verputzte die Decke mit Karbidkalk, den wir von der Donaufelderstraße mit Schubkarren geholt hatten. Anderer Kalk war zu teuer.

Beim Bombenangriff am 10.9.1944 wurden von den 22 Wohnungseinheiten, wie erwähnt, 8 Wohnungen zerstört. 1950 wagten wir uns an den 2. Stock. Das Notdach wurde entfernt und Baumeister Schuster begann mit seiner Mannschaft den Wiederaufbau. Die aussortierten Ziegel aus dem Schutthaufen auf dem Hofe wurden zu wenig und ich mußte heimkehrend vom Weineinkauf abends versuchen, Ziegel aufzutreiben. Je 10.000 holten wir von der zerstörten Schule von der Kahlgasse und ca. weitere 30.000 Ziegel von anderen bombenbeschädigten Objekten, wo Arbeiter täglich Ziegel putzten und stapelten. Mit primitiven Mitteln wurde ein Globenrad angebracht und Baumeister Schuster fuhr mit seinem Tempo / Dreirad über den Hof und zog die Lasten hoch. Das Hoz, Träme, Sturz- und Sparschalungen holten wir von eienm Lagerplatz vom 10. Bezirk.

Ich bestellte diese Materialien bei dem Platzmeister, mußte aber warten, bis ein Sägegatter aufgestellt wurde. Aus starken, von Abbruchen stammenden Trämen ca. 60 x 20 cm mußten die für uns geeigneten 18 x 24 cm Träme herausgeschnitten werden. Als alles soweit war, fuhr mein Freund, der Zimmermann Hans Reiterer mit mir, alles abzuholen.

Als wir über die Rotundenbrücke fuhren, erlebten wir, auf dem Holz sitzend, die letzte Etappe der Österreichrundfahrt. Zuhause angekommen zogen wir das Holz sofort auf und brachten es in die richtige Position. Dem Zimmermannsglang - ein Spezialknoten - habe ich von ihm gelernt. Das Holz war damals sehr billig, aber es mußte zu dieser Zeit überall gespart werden, um das Haus rasch fertig zu stellen und vor dem weiteren Verfall zu bewahren. Der Dachstuhl wurde von Reiterer gebaut und von Dachdeckermeister Jandl mit neuen Strangfalzziegeln. Wohnungen wurden fertiggestellt, und gegen Erlag von öS 10.000,-- für 5 Jahre zinslos vergeben. 1953 war das Haus voll bewohnbar. 1958 wurde die Fassade am Neuteil mit schmucklosen Kratzputz und der alte Teil mit den erhaltenen Ornamenten mit Spritzputz in Orange neuerstellt, sodaß das Haus einen einheitlichen Charakter bekam.

Die Lokalitäten des Gasthauses wurden ebenfalls langsam erneuert. 1951 haben wir mit der Firma Braun-Boveri ein neues Kühlhaus mit direktem Bieranschluß errichtet. Bis dahin benutzten wir den ehemaligen Bierkeller, wohin wir alle Fässer mit einem Aufzug im Hof (“Pawlatsche”)  ablassen mußten.

Später tauschten wir das alte Schankpult gegen ein neues mit einer Kühlvitrine aus. 1951 begannen wir mit einer Carpiciani Anlage, die ich mit Herrn Ing. Klenkhart von der Firma Wachalovsky entwickelte, mit der Eiserzeugung im alten Kaffeehaus. Die Tüte kostete damals öS 1,~ und da das Geschäft so gut ging, wurde eine 2. Anlage angeschafft, mit der wir im Küchenbereich eine 2. Erzeugung schufen!

1956 bauten wir das Kaffeehaus, indem zu dieser Zeit neben Tischen ein Billiard stand, auf ein Espresso um. Wir nannten es Pinguinespresso, und unser Eis Pinguin - Eis. Von der Firma Schlumberger, dessen Markenzeichen der Pinguin mit dem Kork ist, bekamen wir Vorhänge. Ein Freund von mir Willi Schuller - Werbeleiter von Maggi - entwarf für eine Matratzenfirma drei Symbole, den Pinguin für kühl, eine Gans für weich und einen Elefanten für dauerhaft. Dieses Pinguinsymbol war dann unser Werbezeichen für das Pinguineis. Die Eisanlage wurde in ein neues Pult eingebaut, welches mir wiederum mein Schwiegervater, Josef Schmidbauer, damals Haupstraße, anfertigte. Diese Eiserzeugung wurde aber durch Eskimo Eisprodukte schwer konkurrenziert, da in unserer Umgebung, sowohl in der Bäckerei, im Konsum, beim Kaufmann und im Gemüsegeschäft, diese Produkte angeboten wurden.

Frau Margarete Schützenauer war unsere erste Serviererin, bis sie Herbert Müller heiratete. Später sollte Ihr Sohn eine hübsche Kärntnerin namens Hildegard heiraten, die ebenfalls lange Jahre eine der Seelen unseres Lokals wurde. Beheizt wurde das Espresso mit einem Deckenhalsstrahler, während wir im Gasthaus jahrelang mit Sägespänen heizten. Wenn der Ostwind im Winter blies, und wir einen neuen Einsatz einstellen mußten, war es kalt. Der Hnidek Poldi, ein Schulkollege von mir und Gründer der Bezirkswochenblätter und überhaupt ein kreativer Kopf, schrieb in einer Ausgabe seiner Zeitung "das kälteste Lokal im Nordosten der Stadt".

Mit diesem, meinem Volksschulkollegen, über den man sicher ein eigenes Buch schreiben könnte, hatte ich schon bei meinem "Wirtestart" ein lustiges Erlebnis: Bei der Volksstimme, bei der er beschäftigt war gab es sogenannte Wunderzehner. Für die Zehner die bei Festen ausgegeben wurden, bekam man in der Redaktion öS 100,--. Nachdem er mir eine Zeche von öS 230,--, damals ein beträchtlicher Betrag schuldete, gab er mir 3 dieser Zehner, und bat mich sie für ihn einzulösen.

Ich begab mich zur Redaktion am Fleischmarkt, wo mir der Portier den Weg in den 3. Stock wies. Dort mußte ich meine Personalien bekanntgeben und wurde gefragt, wo ich diese Zehner bekommen hätte, etc. Hnidek selbst konnte sie als Angehöriger des Verlages nicht einlösen. Ich gab also an, noch Student zu sein, was ja auch stimmte, mit dem Geld meine Studiengebühren zu bezahlen, mich rasieren zu lassen und vieles andere mehr. Am Sonntag darauf standen alle diese Einzelheiten in der Volksstimme und ich wurde von den Lesern dieser Zeitung angesprochen. Kein Wunder dass es darüber dann im Lokal zu lautstarken Auseinandersetzungen mit dem Herrn Redakteur kam, der auch auf der Rückgabe der fehlenden 70 Euro bestand - aber irgendwann konnten wir auch darüber wieder schmunzeln.

Es gibt haufenweise Anektoten dieser Art, manchmal spielte auch der Alkohol mit. Das Gasthaus war wie eine Universität des Lebens, mit Zufällen, Peinlichkeiten und manchmal auch Glücksfällen aller Art. Viele davon haben auch anfangs unsere Kellner mitgemacht, der Urban Hansl, der eigentlich Textillehrer war, der Zeilinger Hansl und später der uns allen gut in Erinnerung bleibende Hans Baumgartner. Ein Kellner, der in der Höldrichsmühle gelernt hatte und, von der Gefangenschaft heimgekommen, in Bromberg (dem Meran der Buckligen Welt) als Fleischbeschauer tätig war. Als dann ein Tierarzt diesen Posten übernahm, wanderte er nach Wien. Ich musste ihn, da ich kein Bett mehr frei hatte, in der ersten Nacht als er nach Wien kam in der Veranda unterbringen. Er arbeitete dann teilweise beim Pöcksteiner in der Jedleseer Straße, am Bau in der Siedlung Jedlesee, aber als er zu uns kam blieb er uns bis zu seiner Pensionierung treu und wurde von allen respektvoll mit “Herr Hans” angesprochen. Er wurde zu einer Jedleseer Institution.

Ähnliches Glück hatte ich mit einer Köchin, die jahrelang vom niederösterreichischen Braitenwaida nach Wien pendelte, und nur einmal zu spät kam, da sie wegen Nebels den Bahnhof nicht fand. Die liebe Käthe Breier hat unserer Familie jahrzehntelang unschätzbare Dienste geleistet. Später wuerde sie uns von einem Gastwirt namens Eisenhut aus der Degengasse, dessen Gattin verstorben war, abgeworben.

1960 - 2000