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Hans Gert Graebe / Seminar Wissen /
2020-11-26


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Chancen und Probleme im digitalen Wandel

Termin: 26. November 2020 15.15 Uhr

Ort: BBB-Raum BIS.SIM

Thema 1: Lucas Müller, Tom Fröbel: Reines E-Learning, die Zukunft des Unterrichts? Wie digital sollte Unterricht an bundesdeutschen Schulen sein?

Thema 2: NN: Rassismus und Sexismus im digitalen Wandel. Chancen und Probleme

Ankündigung

Thema 1: Ist reines E-Learning die Zukunft des Unterrichts? Wie die Gesellschaft selbst, so befindet sich unser vorherrschendes Bildungssystem im stetigen Wandel. Im Zuge dessen erweist es sich als vorteilhaft, wenn die Art und Weise des Unterrichts im Einklang mit dem Erfahrungshorizont der jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft stünde. Daher liegt die Vermutung nicht weit, dass reines „E-Learning“ den Unterricht von morgen bestimmen sollte. Doch was versteht man eigentlich unter E-Learning, und geht reines E-Learning mit gutem digitalen Unterricht einher? Mit Anbruch des Zeitalters der Digitalisierung investierten der Bund und die Länder hohe Summen für die Bereitstellung einer digitalen Infrastruktur. Ist die Beschaffung neuer Hard- und Software dabei wirklich ausreichend, um einen guten digitalen Unterricht zu gewährleisten?

Lucas Müller, Tom Fröbel, 17.11.2020

Thema 2: Algorithmen nehmen in unserer Gesellschaft zunehmen eine bedeutende Rolle ein. Gesichtserkennung entscheidet, ob eine Personen ein Handy entsperren darf, Übersetzungssoftware kann ganze Texte in unterschiedlichste Sprachen übersetzen und Unternehmen nutzen Software, um eine Vorauswahl von Bewerberinnen und Bewerbern zu treffen. Immer wieder verhalten sich solche Systeme aber diskriminierend gegenüber bestimmten Personengruppen. Beispielsweise werden schwarze Personen von Bilderkennungssoftware als Gorillas erkannt und Frauen werden bei einer Kreditüberprüfung als weniger kreditwürdig eingestuft als Männer. Dies stellt die Gesellschaft vor neue Herausforderungen: Was muss getan werden, damit Algorithmen keinen Bias zu bestimmten Personengruppen haben, und wie können sich Personen wehren, die Opfer von Diskriminierung durch Algorithmen geworden sind?

In meinem Vortrag werde ich einige Beispiele von Diskriminierung durch Algorithmen nennen, erklären, warum das Handeln der Algorithmen gar nicht so überraschend ist, und anschließend ethische Fragen diskutieren, die daraus resultieren.

Johanna Zitt, 19.11.2020

Anmerkungen

Im ersten Vortrag ging es um verschiedene Aspekte des Einsatzes "digitaler Medien" im Schulunterricht. Der Titel des Vortrags lautete zwar etwas anders, aber ich verwende den Medienbegriff in Quotes dennoch an dieser Stelle, denn es ging vor allem um Formen der Vermittlung von anderweitig nicht weiter thematisierten Inhalten. Das Verhältnis von Form und Inhalt spielte ebenso keine Rolle wie die Frage nach Vermittlungsformen jenseits eines klassischen Lehr-Lernverständnisses, obwohl die Potenziale des "Digitalen" in dieser Richtung besonders bedeutsam sind. So stand auch weniger die Frage, ob oder gar wie digitale Mittel eine Bereicherung der Vermittlungswerkzeuge darstellen oder ob sie in der Tat (nur) unter der Perspektive "Zukunft des Unterrichts" zu betrachten sind.

In diesen Anmerkungen will ich einen einzigen Komplex ansprechen, der nicht nur im Vortrag, sondern auch in der gesellschaftlichen Debatte um "Digitalisierung von Schulen" unterbelichtet bleibt – die infrastrukturellen betrieblichen Voraussetzungen für E-Learning. Diese Frage bewegt die Betroffenen (und das waren zu allen Zeiten vor allem die Informatiklehrer) seit 25 Jahren. Der private Enthusiasmus jener Personengruppe aus den Anfangsjahren (etwa: Windows NT auf den Rechnern der Schule auf dem aktuellen Stand halten) hat längst seine Grenzen erreicht, und es steht die Frage nach komplexeren Betriebsszenarien für die Infrastruktur, die erforderlich ist, ehe überhaupt "E-Learning" an der Schule genutzt werden kann. Was überhaupt ist "E-Learning"? Zählt darunter jeder im Unterricht integrierte Computergebrauch? Vor 15 Jahren hätte man an dieser Stelle fleißig genickt, wenn der Lehrer den (einen) "Medien-PC" im Klassenraum entsprechend genutzt hätte. Auch der musste aber laufen und Netzzugang haben ("Informatiklehrer – der PC im Raum XY lässt sich nicht starten"), um als "digitales Medium" – ähnlich beschränkt auf Interaktionsformen blieb auch der Vortrag – genutzt werden zu können. Ist LernSax der große Schritt in die Zukunft? Wenigstens wird der strukturelle wie personelle Betrieb jener Infrastruktur vom Land Sachsen abgesichert, wenn auch über ein ÖPP-Modell mit einer Kölner Privatfirma.

Ist aber LernSax ein E-Learning-System? Sind die Begriffe Lernplattform und Lernmanagementsystem zu unterscheiden? Für die Vortragenden waren das Synonyme, so deren Antwort auf eine explizite Nachfrage. Dann blieb aber doch Bedarf, die Möglichkeiten eines Systems wie LernSax von "echten" Lernplattformen wie "Moodle oder OPAL" zu scheiden – als Organisations- und Materialplattform. Dieselbe Diskussion wurde ebenso deutlich bei der Einführung von Almaweb an der Uni Leipzig geführt – in einer Zeit, in der die Uni Leipzig noch einen zweiten Sonderweg ging und kraft einer Rektoratsentscheidung aus dem sächsischen OPAL-Verbund ausstieg, um sich als Moodle-Kompetenzzentrum in der Welt einen Namen zu machen. Die Entscheidung wurde ein paar Jahre später stillschweigend kassiert, die Eigendynamik dieses Dreigestirns (Almaweb, Uni-Moodle, OPAL) kann man seither beobachten. Almaweb wird immer stärker zur Organisationsplattform ausgebaut, über die Stundenpläne, Raumbelegungen, Moduleinschreibungen und Notenverbuchungen umgesetzt werden, Moodle oder OPAL (Achtung: in beiden Fällen Medienbruch; ist das ein Thema?) dienen der Begleitung entsprechender Lernprozesse im Semester und folgen damit der Taktung realweltlicher universitärer organisatorischer Vorgaben.

An diesem digitalen Ort sammeln sich dann auch massiv personenbezogene Daten über "Lernfortschritte" als begehrte Quelle aller Freunde eines "überwachten Lernens" (supervised learning im KI-Jargon – der Mensch als Maschine?). Die Abgrenzung jener Datenbestände in solchen Kursblöcken erleichtert allerdings auch einen DSGVO-konformen Umgang, wenn klare Löschfristen für solche Blöcke genannt sind (wie das die fakultätsinterne OLAT-Lösung vorsah: Löschen nach Ablauf von zwei Jahren). Der Export (und Reimport) solcher Lernmodule als Kursgerüst (samt Material, aber ohne personenbezogene Daten) ist im OLAT möglich, womit auch die vom Anwender dringend gewünschte Wiederverwendungsoption umgesetzt ist.

Nach dem zweiten Vortrag, in dem es um "diskriminierende Algorithmen" ging, blieb ein einziges großes Fragezeichen – um was ging es der Referentin gerade? Die Diskussion war dann auch wesentlich auf zwei Fragen gerichtet, "Was ist ein Algorithmus?" und "Wie geht Diskriminierung?". Da alle konkreten Beispiele im Vortrag aus dem Bereich des Maschinellen Lernens kamen, konzentrierte sich die erste Frage darauf, zu klären, ob neuronale Netze überhaupt unter den Begriff des Algorithmus subsumiert werden können. Der Algorithmenbegriff im Kontext der Churchschen These ist bekanntlich stark an die Architektur des von-Neumann-Rechners und damit die Trennung von Programm und Daten gebunden. Das ist bei neuronalen Netzen bekanntlich nicht mehr der Fall, da Trainingsdaten und sich im Laufe des Trainings einstellende Gewichtsverteilungen wesentlich für die Laufzeitperformanz sind. Weitere für praktisch eingesetzte Algorithmen wichtige Zusammenhänge zwischen Designzeit, Laufzeit, Ausführungsort, zweckbeladenen Ausführungskontexten oder gar gesellschaftlich institutionalisierten Verfahrensweisen spielten für die Referentin keine für das Thema relevante Rolle. Algorithmen sind halt "ein Stück Technik", das "irgendwas berechnet" – selbstverständlich "objektiv", denn es ist ja ein Stück Blech und kein Mensch –, und wenn die Ergebnisse nicht zufriedenstellen (ja, wen eigentlich nicht?), dann müssen die Programmierer halt noch mal ran ...

Ähnlich auch der Diskriminierungsbegriff der Referentin – es gibt nur Opfer und keine Täter wenigstens nicht im "digitalen Universum", alles geschieht anonym aus der Mitte der Gesellschaft heraus usw. Mit seriöser wissenschaftlicher Analyse hat ein solches Begriffssystem wenig zu tun.

Hans-Gert Gräbe, 01.12.2020


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