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Hans Gert Graebe / Seminar Wissen /
2017-12-19


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Digitale Technologien

Termin: 19. Dezember 2017, 15.15 Uhr

Ort: Seminargebäude, SG 3-10

Thema 1:

Dominik Demény, Peter Kießling: Biometrische Gesichtserkennung und Mimikresonanz®

Thema 2:

Laura Steglich, Celine Appelroth: Online Consumer Reviews und digitale Bewertungskulturen

Ankündigung

Thema 1:'' Biometrische Gesichtserkennung und Mimikresonanz®

„Zur Verbesserung der Servicequalität werden sämtliche Gespräche auf der ganzen Welt zu jeder Zeit aufgezeichnet.“ Mit diesen Worten versuchte der Autor und Kabarettist Mark Uwe Kling in seinem Buch „Qualityland“ auf eine zukünftige, wenn auch fiktive Welt aufmerksam zu machen, welche durch das massive Sammeln von Daten und Überwachen von Menschen die allgemeine Sicherheit verbessere und auch der Wirtschaft neue Möglichkeiten eröffne.

Die biometrische Gesichtserkennung ist im Bereich der Sicherheitssysteme längst zu einem Standard geworden. Dies führt dazu, dass die verschiedensten Menschen erkannt und wiedererkannt werden können. Der Vortrag beschäftigt sich mit dem „digitalen und gesellschaftlichen Wandel“ dieses Aspektes. Dies meint konkret zunächst die Betrachtung der biometrischen Gesichtserkennung in ihrer Anwendung, technischen Umsetzung und ihrer Grenzen im Alltag. Anschließend folgt eine logische (wenn auch aktuell spekulative) Anknüpfung an das Thema. Ein fiktives Kamerasystem könnte somit nicht nur eine Person erkennen, sondern auch Daten über diesen Menschen sammeln. Im Bereich der Mimikresonanz® würden sich somit Aussagen über eine Person treffen lassen, die sogar über das eigene Bewusstsein des Menschen hinausgehen könnten. Somit wären solche Daten auch wirtschaftlich von großer Bedeutung, um beispielsweise der personenbezogenen Werbung völlig neue Möglichkeiten zu eröffnen – getreu dem Motto: Wir sagen Dir Deine Wünsche, bevor Du sie selbst weißt.

Somit ist durch diesen Vortrag ein breites Spektrum an Informationen gegeben. Beginnend bei der vergangenen Entwicklung, der aktuellen Umsetzung und einer spekulativen Weiterführung, wird auf einen digitalen Wandel im speziellen Fall eingegangen. Dessen technische Umsetzung ist vielleicht gar nicht so spekulativ, wie sie zunächst klingt.

Dominik Demény und Peter Kießling, 11.12.2017

Thema 2: Online Consumer Reviews und digitale Bewertungskulturen

Da unsere Welt immer digitaler wird, ist es kaum verwunderlich, dass das Internet für Konsumenten auch immer beliebter wird, um ihre Bewertungen über Produkte zu teilen. Online Consumer Reviews sind daher ein wichtiger Aspekt im Zeitalter des digitalen Wandels. Sie und die damit einhergehenden Veränderungen sollen Gegenstand des Vortrags sein.

Zunächst soll ein definitorischer Rahmen gebildet und dabei auf Spezifika aus Unternehmersicht und aus Sicht des Konsumenten eingegangen werden. Anschließend wollen wir uns anschauen, welche Varianten von Bewertungsplattformen bzw. -typen es im Internet gibt.

Online-Bewertungen bieten eine gute Möglichkeit für Konsumenten, die Qualität von Produkten besser einschätzen zu können und für Unternehmer, das Meinungsbild der Stakeholder zu erfassen. Aber bieten Online Consumer Reviews wirklich nur Vorteile? Anhand einiger prägnanter Fallbeispiele werden wir Chancen und Risiken aus Sicht der Unternehmer, der Konsumenten und der Rezensenten beleuchten.

Abschließend wollen wir ein kurzes Video als Denkanstoß zeigen und darüber reden, inwieweit sich das Bewertungsverhalten verändert und ob ein Bezug zum digitalen Wandel hergestellt werden kann.

Laura Steglich und Celine Appenrodt, 12.12.2017

Anmerkungen

Im ersten Vortrag ging es um das Thema der Biometrischen Gesichtserkennung. Die technischen Grundlagen sind heute weitgehend unspektakulär. Konkrete Ansätze und Begrifflichkeiten einer entsprechenden Modellierung lassen sich in der Kunst wenigstens mehrere 100 Jahre zurückverfolgen. Entsprechende mathematische Modelle sind mit der Vermessung fotografischer Aufnahmen auch schon lange vor dem digitalen Zeitalter entwickelt worden und spielen heute in umfassenderen Körpermodellierungsverfahren (human motion modeling) eine wichtige Rolle. Hinzu kommen klassische Analyseverfahren für Digitalgrafiken als Basis, die sich auf große Bildkorpora über Verfahren des maschinellen Lernens anwenden lassen. Auf diese Weise konnte Google bereits vor zehn Jahren Personen auf selbst unscharfen Handyfotos mit erstaunlicher Treffsicherheit zuordnen, wie Thomas Kujawa auf dem Workshop "Freie Software und Semantic Web" praktisch demonstrierte. Mit biometrischen Passbildern, wie sie seit 2010 gefordert sind, wird die technische Basis weiter ausgebaut, um das aus Sicht der bürgerlichen Rechtsordnung zentrale Paradigma der Zuordnung privater Verantwortung für Folgen von Handeln auch im Netz durchzusetzen. So weit, so inzwischen unspektakulär, bis hin zum Einsatz neuromorpher Prozessoren in Handys.

Man kann und muss heute davon ausgehen, dass jeder gesellschaftliche Akteur, der dazu technisch in der Lage ist, ob Privatunternehmen, zivilgesellschaftliche Institution oder öffentliche Einrichtung, diese Technologie auf eigene Bilddatenbestände anwendet und daraus Konsequenzen ableitet, die Einfluss auf das eigene private Geschäft oder die Erfüllung eines öffentlichen Auftrags haben. Interessant werden damit auch auf diesem Gebiet Fragen und Mechanismen der gesellschaftlichen Einhegung technischer Möglichkeiten, wenn diese mit anderen zentralen Säulen der bürgerlichen Rechtsordnung im Konflikt stehen, hier vor allem mit den Prinzipien von Privatheit und informationeller Selbstbestimmung. Eine solche Fragestellung ist ein Problem von Technikgebrauch in der Gesellschaft überhaupt, da mit Blick auf den grundlegend janusköpfigen Charakter von Technik erwünschte Effekte und Kollateralschäden immer eng beieinander liegen, derartige Effekte aus verschiedenen Interessensperspektiven verschieden bewertet werden und damit neue technische Möglichkeiten die Machtpositionen verschiedener Akteure verschieden stärken und das Ringen um "Waffenstillstandslinien" neu eröffnet wird.

Die Möglichkeiten von Individualsubjekten und kooperativen Akteuren wurden in der Diskussion beispielhaft am Feldversuch zur Personenerkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz genauer beleuchtet. Dabei wurden zwei Dimensionen deutlich:

  1. Der unmittelbare Einfluss von Individualsubjekten auf solche Prozesse ist beschränkt und reduziert sich im Wesentlichen auf die unproduktive Möglichkeit einer Verweigerungshaltung.
  2. Andererseits ist ein solcher Feldversuch stets in einen komplexen gesellschaftlichen Prozess eingebettet, in den verschiedene Akteure der Legislative, Exekutive, die Medien und zivilgesellschaftliche Akteure eingebunden sind, die dort ihre je eigenen Handlungsspielräume haben und damit die verfassungsrechtlich gebotene Gewaltenteilung praktisch mit Leben erfüllen.
Besonders deutlich wurde die Einbettung eines solchen Feldversuchs öffentlicher Einrichtungen (Bundesinnenministerium, Bundespolizei und BKA) in die prinzipiellen Rahmen öffentlichen Verwaltungshandelns als Wechselspiel zwischen Legislative und Exekutive, wie sie durch das Verwaltungsverfahrensgesetz abgesteckt werden, über das Verwaltungshandeln und politisch-rechtliche Kontrollmechanismen miteinander verzahnt sind. Aus diesen letztlich verfassungsrechtlich verankerten Rahmen ergeben sich Freiheiten der Aktionsmöglichkeiten einzelner Player ebenso wie deren Bedingtheiten von Handeln. Wirksames persönliches staatsbürgerliches Handeln (als Citoyen) bedarf also nicht nur der persönlichen Souveränität von Handeln, sondern auch der genauen Kenntnis dieser gesellschaftlichen Bedingtheiten und institutionellen Einbindungen.

In dieser Diskussion ging der zweite Teil des Vortrags leider wieder etwas unter, der sich mit einer konkreten Anwendung der Bildanalyse beschäftigte, die deutlich über die alleinige Identifizierung von Personen hinausgeht und emotionale Zustände sowie andere mimikbasierte Kommunikationsmuster "analysiert". Das Wort steht hier in Quotes, da unklar blieb, wie ernst die vorgestellte Theorie zu nehmen ist, da sie im Lichte wesentlicher Erkenntnisse moderner Psychologie und Anthropologie, wie sie immer wieder auch in der Vorlesung thematisiert werden, sehr eindimensional daherkommt und klare Züge eines Menschenbilds transportiert, das sich für die Beschreibung komplexer Phänomene des digitalen Wandels als kaum geeignet erwiesen hat. Wie in den Beiträgen Digital Humanities als Forschungsparadigma, Mikrohistorik im digitalen Wandel oder auch Grenzen und Sprachwandel im Raum wird jedoch auch an diesem Beispiel deutlich, welchen Einfluss moderne digitale Technologien auf Forschungsmethodiken, Forschungsfragen und die Relevanz von Anwendungsfeldern dieser Forschungen haben.

Herr Kleemann wies darauf hin, dass heute allerdings ganz andere Anwendungen ähnlicher Art wie automatisches Lippenlesen eine zentralere Rolle spielen und damit nicht nur neue Anwendungsfelder eröffnen, sondern auch Menschen mit Behinderungen vollkommen neue Handlungsoptionen ermöglichen.

Im zweiten Vortrag Online Consumer Reviews und digitale Bewertungskulturen wurde zunächst gezeigt, dass derartige Funktionalitäten insbesondere in Online-Handelsplattformen inzwischen weit verbreitet sind und für Kaufentscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Neben der Erhebung entsprechender Informationen ist dabei die Filterung und personalisierte Präsentation dieser Informationen ein zweiter wichtiger Baustein, wobei wiederum allgemeine Technologien des maschinellen Lernens auf einen speziellen Gegenstandsbereich angewendet werden. Neben einfachen Ratingsystemen, die bereits strukturierte Informationen liefern, kommen auch textuelle Versionen zum Einsatz mit genaueren Kommentaren, die mit Methoden des Natural Language Processing indexiert und systematisiert werden können, um auf den Ergebnissen Methoden des maschinellen Lernens zur Klassifizierung anzuwenden.

Generell geht es darum, ein genaueres Verständnis des Verhältnisses zwischen begründeten Erwartungen, Handlungsvollzügen und erfahrenen Ergebnissen in diesem Bereich zu gewinnen als einem für kooperative Praxen zentralen Aspekt, der in der Vorlesung genauer entwickelt worden ist. Entsprechend unterscheiden sich die Bewertungsplattformen in zwei grundsätzlich verschiedene Typen – Plattformen wie Amazon, die unmittelbaren Zugriff auf die Handlungsvollzüge selbst haben und damit Ergebnisse unmittelbar mit Praxen abgleichen können, und "allgemeine" Bewertungsplattformen, die sich auf den Bewertungsprozess selbst konzentrieren und erst im Zuge des Plattformbetriebs Semantiken und Begriffe für verschiedene Praxen aufbauen.

Obwohl letztere heute wie Pilze aus dem Boden schießen, bleibt es oft ein Rätsel, auf welche selbsttragenden Geschäftsmodelle dabei gesetzt wird, denn es ist heute klar, dass auch der Betrieb einer jeden solchen Plattform deutlichen Ressourceneinsatz erfordert, wenn sie nicht schnell verwahrlosen soll und damit ihre Attraktivität einbüßt. Allerdings ist in diesem Bereich eine ähnliche Dynamik zu beobachten wie früher in der Bloggerszene, der Videofilmer bei YouTube oder der Gamer, wo sich aus einer reinen Amateurszene mit der Zeit eine Profiszene abgesondert hat mit Powerusern, die mit ihrer Tätigkeit Einnahmen erzielen, die für eine kleine Gruppe von Stars sogar einen erheblichen Umfang erreichen können. Die Bedeutung von "Influencern" als Werbeträger befeuert dabei neue Träume vieler und Biografien einzelner "vom Tellerwäscher zum Millionär". Dass es dabei nicht nur auf die eigenen Fähigkeiten ankommt, sondern Zufälle und externe Inszenierungen auf Bühnen mit kurzer Lebenszeit eine mindestens ebenso große Rolle spielen, wird dabei oft übersehen.

Spannend bleibt die Quelle derartiger Geldflüsse. Eine genauere Analyse zeigt, dass es sich hierbei oft um Venture-Kapital handelt, mit dem neuen Technologie- und Geschäftsfelder – hier vor allem im Bereich von Werbung und Branding – frühzeitig besetzt werden sollen, in denen man deutliche Entwicklungspotenziale vermutet und so späteren Return on Investment erwartet. Der Boom allgemeiner Plattformen, so die weitere Vermutung, könnte damit zusammenhängen, dass heute vor allem die Technologien der Auswerteverfahren mit ihren Möglichkeiten des Rückgriffs auf öffentlich verfügbares "semantisches Weltwissen" etwa aus dem Google Knowledge Graph im Zentrum der Entwicklungen stehen und hierfür größere eigene Datenmengen zu Trainingszwecken erforderlich sind, um in diesem Bereich mithalten zu können.

Nicht unerwähnt bleiben soll zum Schluss auch die "ehrliche" Verwendung solcher Rückkopplungen im Zuge der Qualitätssicherungsprozesse von Unternehmen, vor allem im Bereich der Prozessqualität.

Hans-Gert Gräbe, 22.12.2017


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