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Hans Gert Graebe / Seminar Wissen /
2017-12-12


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Ausgestaltung der digitalen Gesellschaft

Termin: 12. Dezember 2017, 15.15 Uhr

Ort: Seminargebäude, SG 3-10

Thema 1:

Eric Beier, Marcel Max Lehmann: Film im digitalen Wandel

Thema 2:

Steven Kalinke, Clara Kruckenberg: Liquid Democracy

Ankündigung

Thema 1: Film im digitalen Wandel

Nach seiner Dominanz als Leitmedium des 20. Jahrhunderts befindet sich der Film gegenwärtig in einer spannenden multiperspektivischen Übergangsphase. Während Streaming-Angebote immer mehr aus dem digitalen Boden sprießen, kämpfen lokale Kinos um ihren Erhalt. Streaming als Möglichkeit von Medienverbreitung schlägt vor allem im 21. Jahrhundert immer größere Wurzeln. Das Fußballspiel im Livestream schauen, am Abend noch ein, zwei Serien am Laptop streamen. Onlineportale wie Netflix, YouTube o.ä. beschleunigen und vereinfachen gleichzeitig die Filmverbreitung. Der Film in seinem ursprünglich starrem Dispositiv, gebunden an den Kinosaal, verändert sich, durch die zeitlich und örtlich unabhängige Möglichkeit des On-Demand Streams. Zu jeder Zeit, an jedem Ort, in aller Fülle – Die Entwicklung eines grenzenlosen Filmvergnügens. Worin liegen jedoch die Grenzen? Und in welcher Dimension sehen wir die Bedeutung des Kinos aus heutiger Sicht? Befindet sich der Umgang mit Filmen in einem „digitalem Wandel“, im Übergang zu einer neuen Dimension oder ist noch Platz für eine weitere Form „des Filme Genießens“? Denn, während die einen die Befürworter für die unendliche Anziehungskraft des Cloud-Denkens sind und diese als gesellschaftliches Empordenken wahrnehmen, sehen ihre Gegner die fortschreitende Entmaterialisierung als Niedergang unserer Kultur.

Basierend auf diesen Überlegungen und Gedankenexperimenten wird im Diskurs sowohl das Streaming, mit seiner Geschichte und Spielarten, gleichauf neutral analysiert, wie das Kino in seiner reinen Form. Darauf aufbauend wird versucht, den Stellenwert der jeweiligen Formen zu diskutieren, um möglichst entscheidende Vor- und Nachteile zu finden bzgl. gesellschaftlicher, moralischer und technisch fortschrittlicher Gesichtspunkte.

Eric Beier, Marcel Lehmann, 05.12.2017

Thema 2: Liquid Democracy

Die vielfaltigen, sich stetig erweiternden Arten der Kommunikationsmöglichkeiten im Internet werden in den letzten Jahren zunehmend als Chance auf eine Ausweitung und Verbesserung von politischen Beteiligungsmöglichkeiten betrachtet. Eine Antwort auf die Fragen, wie neue webbasierte Verfahren politische Beteiligung grundlegend verändern können, bietet das Konzept der Liquid Democracy. Das Konzept verbindet Aspekte der direkten und indirekten Demokratie, sodass ein flexibles Online-Voting System entsteht, das politische Beteiligungsmöglichkeiten einfacher und vielseitiger macht. Ein berühmtes Beispiel für Liquid Democracy ist das Projekt „Liquid Feedback“. Die von der Piraten-Partei gegründete Plattform zog in den Jahren 2010/2011 eine große Aufmerksamkeit auf sich, als das politische Bündnis begann, die Plattform für parteiinterne Abstimmungen zu nutzen. Doch was würde passieren, wenn man den Rahmen vergrößern und auf einer Liquid Democracy Plattform über landespolitische Themen abstimmen würde? Mit dieser Frage hat sich im letzten Jahr das „LDP-Projekt“ beschäftigt. Das im Rahmen des Citizen-Science Moduls entstandene Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, eine Online-Plattform zu erstellen, auf der Mitglieder nach dem Liquid-Democracy System über realpolitische Themen abstimmen, aber auch selbst Themen zur Abstimmung bringen können. Ziel des Vortages ist es, einen kurzen Einblick in das Projekt zu geben. Hierzu soll einmal näher auf das Konzept Liquid Democracy eingegangen, aber auch erläutert werden, inwiefern das Projekt den Anspruch eines Citizen Science Projekts erfüllt.

Steven Kalinke, Clara Kruckenberg — 11.12.2017

Hans-Gert Gräbe, 7.12.2017

Anmerkungen

Im ersten Vortrag ging es um das Thema Film im digitalen Wandel. Das Thema selbst blieb eigenartig unbestimmt und der Vortrag – eigentlich waren es zwei, denn die von den beiden Vortragenden präsentierten Teile hatten kaum Berührungspunkte – sehr merkwürdig. Einmal mehr gilt das, was ich schon zum Seminar am 28.11.2017 angemerkt hatte – eigene enge Erfahrungshorizonte wurden kaum transzendiert, und auch die durchaus rege Diskussion blieb in einem solchen Muster stecken. Das ist umso bedauerlicher, als von der ersten Vorlesung an immer wieder demonstriert wurde, dass mit solchen Phänomenen zu rechnen ist und das Transzendieren von Erfahrungshorizonten – gelegentlich auch etwas prononcierter als Filterblase bezeichnet – sowie das Zusammendenken von scheinbar unzusammenhängenden Phänomenen für ein tieferes Verständnis des digitalen Wandels unumgänglich und für einen akademischen Diskurs essentiell ist. Das Fehlen dieses Merkmals weist darauf hin, dass auch diesmal ein akademischer Diskurs allenfalls simuliert wurde.

Ich möchte diese Einschätzung am Beispiel der Frage genauer ausführen, die sich aus dem zweiten Vortragsteil ergeben hatte und welche die gesamte Diskussion dominierte, so dass der erste Vortragsteil – wie in solchen Konstellationen oft zu beobachten – in der Diskussion komplett unter den Tisch fiel.

Die diskutierte Fragestellung möchte ich wie folgt paraphrasieren: Ist Streaming und Netflix der Tod des Kinos? Mit einer einigermaßen ernsthaft ausgeführten Recherche hätte man dazu schnell folgende Traditionslinien finden können, aus denen heraus sich dann auch das Thema hätte entwickeln lassen:

  • Einordnung und Wurzel von "Streaming und Netflix" im Videoverleihgeschäft (das wurde wenigstens noch am Rande erwähnt, meine Nachfrage in dieser Richtung stieß auf komplettes Unverständnis).
  • Digitalisierung von Videoinhalten als Basis des Verleihgeschäfts und die verschiedenen Wellen der dabei zur Anwendung gekommenen Standards und Medien bis hin zur klassischen Videokasette.
  • Private Digitalisierung von Inhalten über Videorecorder und deren Vorläufer im Schmalfilmbereich.
  • Digitalisierung von Inhalten aus Broadcast-Medien und Tauschszenen für derartige Inhalte zu verschiedenen Zeiten, zuletzt als netzgestütztes Filesharing.
Besonders letzteres kann als Quelle heutiger Streaming-Technologien und darauf aufbauender Geschäftsmodelle kaum unterschätzt werden. Allerdings ist die Entwicklung der Video-Tauschszene nur ein magerer zweiter Aufguss gegenüber den Auseinandersetzungen um Filesharing und Streaming-Technologien im Audiobereich um 2000 herum. Auch dies kann hier nur angedeutet werden:
  • Der technische Aufbau entsprechender Filesharing-Netzwerke, die Wirkung der Entwicklung relevanter Standards und Protokolle (der Vortrag blieb an dieser Stelle mit dem Verweis auf "TCP/IP" extrem dünn, es geht um ganz andere Protokolle) reicht weit über die Tauschszenen hinaus.
  • Die "Befreiung" von Musik aus den "Fängen digitaler Eigentümer" als ideologische und kultur-politische Konstituante der entsprechenden politischen Auseinandersetzungen hatte eine deutlich größere Bedeutung. Die kommerzielle Einhegung von Napster hat ein ganz anderes Kaliber als die Geschäftsphilosophie der Betreiber etwa von kino.to, bei denen reiner Kommerz im Vordergrund stand und von einer Kritik der eigentumsrechtlichen Schließung von Kulturgütern nicht einmal mehr in Ansätzen die Rede war.
  • Die Dynamik kommerzieller Strukturen wie Apples ITunes, aber auch von Streamingdiensten wie Spotify oder Plattformen wie Youtube, die sich unmittelbar aus diesen Tauschplattformstrukturen entwickelt haben, ist nur auf dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um Rechtspraxen zu verstehen, mit denen versucht wird, den Ansatz "geistiges Eigentum" mit den technischen Gegebenheiten des digitalen Zeitalters in Einklang zu bringen.
  • Den damit verbundenen extremen Zentralisierungstendenzen einer inhärent dezentralen Technologie leistet die "bequeme" Nutzbarkeit von Spotify, Netflix und all den anderen großen Plattformen durch ein in derartigen Fragen wenig aufgeklärtes Publikum deutlich Vorschub.
Der "gläserne Bürger", der gern jeden Tag über dieses Phänomen schwätzt, ist es also letztlich selbst, der durch sein Handeln erst die Bedingungen schaffen hilft, in denen Gläserne-Bürger-Technologien angewendet werden können.

Dummerweise ist eine solche Sicht selbst eindimensional, denn die technische Infrastruktur und die kommerziellen Institutionen, denen wir dabei im Alltag begegnen, haben ja durchaus auch ihre praktischen Vorteile, wie in der Diskussion immer wieder unterstrichen wurde. Eine Auseinandersetzung mit den sozio-technischen oder gar macht-technischen Implikationen dieser praktischen Vorteile ist allerdings kaum auf Individualebene möglich, sondern erfordert Reflexionen und dann auch praktisches Handeln in kooperativen staatsbürgerlichen Zusammenhängen. Ein solches Niveau hatten wir schon einmal in der Seminardiskussion am 14.11.2017 erreicht. Diesmal waren wir in der sich entfaltenden Seminar-Atmosphäre allerdings weit davon entfernt, derartige Zusammenhänge überhaupt thematisieren zu können.

Kommen wir zum ersten Teil des Vortrags, dessen Zielrichtung mir auch im Nachgang nicht klar geworden ist. Ein Spannungsbogen, der von der "Laterna magica" bis zum "Film im digitalen Wandel" reichen soll, muss schon sehr genau austariert sein und einer klar nachvollziehbaren Linie folgen. Eine solche Linie hat sich mir leider nicht erschlossen. Der Schwerpunkt der Ausführungen lag auf einer (technischen) "Geschichte der bewegten Bilder" und damit auf einem extrem engen technischen Bereich. Der "digitale Wandel" wurde mit einer kleinen Videosequenz abgehandelt, aus der sich mir vor allem erschloss, dass all die vorgestellten Technologien heute keine Rolle mehr spielen, weil Kinos heute "irgendwie mit dem Computer" arbeiten. Irgendwelche Projektoren müssen irgendwelche amerikanischen Normen erfüllen (warum?) und seien deshalb sauteuer (deshalb?). Dass Kinofilme auch produziert werden, es neben Streamingdiensten noch immer Filmverleihstrukturen und Kinoketten gibt, welche Rolle dabei geistige Eigentumsrechte spielen und wie sich diese auf technische und kommerzielle Strukturen auswirken, dass es eine "Verwertungskette" für Filme gebe, in denen nicht nur die Kinos eine Rolle spielen, solche Aspekte wurden allenfalls in der Diskussion kurz angerissen.

Deutlich gehaltvoller, wenn auch wie immer nach 17 Uhr nur im allerengsten Kreis diskutiert, war der zweite Vortrag Citizen Science und Liquid Democracy. Unter dem Stichwort Citizen Science ging es dabei zunächst um verschiedene Formen kooperativer Praxen, welche durch das Internet mit seinen leichtgewichtigen Kommunikationsstrukturen überhaupt erst ermöglicht werden. Für eine genauere Analyse entsprechender Phänomene ist jeweils der Zusammenhang zwischen Zielen, Formen und Praxen genauer zu untersuchen. Unter dem Begriff Citizen Science werden Formen und Praxen versammelt, deren Ziel als Hobbyforschung bezeichnet werden kann. Eine Abgrenzung oder gar Relatierung zum Begriff einer etablierten Wissenschaft, die als Institution von der Allgemeinheit alimentiert wird, ist schwierig, zumal auch der letztere Begriff in Zeiten zunehmender Drittmittelforschung seine Konturen weiter verändert.

Eine solche Einordnung blieb denn auch in Vortrag und Diskussion vage, der Schwerpunkt lag eher auf Beispielen entsprechender kooperativer Praxen, arbeitsteiliger Strukturen und Motivationslagen. Damit öffnet sich aber die Perspektive der Analogiebetrachtung hin zu anderen kooperativen Praxen im Hobby- und Freizeitbereich (Briefmarkensammeln und Modelleisenbahner wurden genannt) und bringt den Begriff Science selbst in Abgrenzungsschwierigkeiten. Jede von diesen Szenen hat ihre eigenen Begrifflichkeiten und Begriffswelten in einer uns "Normalos" unbekannten und unverständlichen Detailliertheit – so wie ein Botaniker mehr zu unterscheiden weiß als Gänseblümchen von Nichtgänseblümchen. Dieser enge Zusammenhang zwischen Begriffen wie Szenen, Begriffswelten, Expertentum, Filterblasen und Fiktionen als Erscheinungs- und Artikulationsformen kooperativer Praxen begleitet uns in der Vorlesung schon eine ganze Weile und wird dort auch noch genauer zu entwickeln sein.

Im zweiten Teil des Vortrags ging es um das Konzept Liquid Democracy. Um dieses Konzept ist es seit dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um eine angemessene netztechnische Unterstützung von Demokratieprozessen um 2011 herum inzwischen sehr ruhig geworden. Damals war die Piratenpartei auf dem Höhepunkt ihrer Popularität und hatte versucht, entsprechende Instrumentarien im politischen Betrieb zu verankern. Geblieben sind hiervon vor allem Petitionsplattformen, die es erlauben, Petitionen einfach zu initiieren und entsprechende Unterstützerkreise zu organisieren.

Der geringe allgemeine Erfolg demokratietheoretisch fundierter Instrumentarien hat sicher auch mit den gesammelten praktischen Erfahrungen zu tun, in denen sich gezeigt hat, dass solche Instrumente nur in einem kleinen Spektrum von Konflikten weiterhelfen. Die klassische Formel der Open Source Szene "rough consensus and running code" zeigt eine andere Herangehensweise, strittige Fragen zu prozessieren – schrittweises Fixieren weitgehend unstrittiger Punkte und Sammeln weiterer praktischer Erfahrungen zu den strittigen Punkten. In strittigen Fragen helfen Abstimmungen jenseits eines Meinungsbilds oft nicht weiter, sondern untergraben Motivationslagen und Engagement. Das Grundproblem der qualifizierten Minderheiten und damit die Brücke zu den weiter oben entwickelten Konzepten von Szenen und Expertentum kann mit einfachem Management von Abstimmungsverhalten sowieso nicht zielführend angegangen werden.

Links zu Diskussionen über digital basierte Konsensverfahren:

Hans-Gert Gräbe, 14.12.2017


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