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Die Vision Von GIVE


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erschienen erstmals in der Zeitschrift MONITOR, März 1998

Labor GIVE - Forschungsgesellschaft für das Leben im Globalen Dorf

Das Labor GIVE ist seit mehreren Jahren bekannt als Veranstalter
von "Global Village", als Promotor der Potentiale von 
Informations- und Kommunikationstechnologie für die Gestaltung
von vernünftigeren, angenehmeren, nachhaltigeren Lebensumgebungen. 
Eine kritische Bilanz dieser Aktivitäten und die Konstitution als 
eigenständiger Verein im März 1998 sind der Anlaß einer grundsätzlichen 
Neuorientierung, die der Rolle als Katalysator und Knotenpunkt
in einem Netzwerk von sozialen Innovationen auch organisatorisch 
Rechnung trägt.

/Diskussion

"Ich habe das Gefühl, daß in unserer Gesellschaft im Detail alles besser, perfekter und rationeller funktioniert, während im Ganzen, im Zusammenspiel der Prozesse und Akteure, es immer unvernünftiger zugeht" -

diese Aussage eines Mitarbeiters der amerikanischen Gruppe "New Alchemy" könnte wie kaum eine zweite die Ausgangssituation und die Bedürfnisse umfassen, die zur Gründung des Vereins GIVE geführt haben.

Die Effizienz der technischen Mittel, durch die wir unsere Ziele erreichen, führt zu einer verstärkten Blockade durch die aggregierten Folgewirkungen - eine Erkenntnis, die spätestens seit den Staus auf der Autobahn zum Allgemeingut geworden sein müßte.

Dabei sind die Folgewirkungen nicht nur prozeßimmanent (auf so zweifelhafte Technologien wie nukleare und Gentechnologie soll also gar nicht angespielt werden). Vielmehr ist jeder Technologie immanent, daß sie Folgewirkungen akkumuliert, die in irgendeiner Form zu überlegen sind und neue Handlungsnotwendigkeiten schaffen.

Eine Gesellschaft, die angesichts fortschreitender Automation vom "Ende der Arbeit" spricht, hat diese Handlungsnotwendigkeiten weitgehend tabuisiert. "Je komplexer die Welt, desto mehr Anstrengung braucht es, sie in Ordnung zu halten. Zwei Dinge gehörig in Beziehung zu setzen braucht gestern 4, heute 8 und morgen 16 Überlegungen und wer an das Ende der Arbeit glaubt muß mindestens hinterm Mond sein" schreibt der Erlanger Technologiephilosoph Ulrich Sigor dazu.

Kein "Ende der Arbeit", sondern jede Menge neue Arbeit

Übertragen auf die Informationsgesellschaft heißt das, daß je mehr Information produziert wird, die Aufgabe der Interpretation und Ordnung dieser Information zunimmt; je komplexer Programme und Infrastrukturen werden, desto mehr wächst der Aufwand der Anpassung. Im Umkreis der neuen Technologien und der Informationsflut entstehen so ständig neue Aufgaben, Meta-Arbeit.

Wie aber diese Arbeit bezahlen, wenn Arbeit nur mehr betriebswirtschaftlich gesehen wird, die Buchhaltung hier nicht mitmacht und der Staat für den Erfolg seiner Wirtschaft spart? Wenn der Erfolg im Wettbewerb davon abhängt, ohne jede Rationalität die Lebenswelt möglichst mit "Produkten" zu überfluten, und die Zunahme von Unordnung dabei genauso in Kauf zu nehmen wie die Umweltverschmutzung?

Hier setzt die Notwendigkeit ein, nicht neue Organisationen zu schaffen, sondern die bestehenden dazu zu bringen, sich die gestiegenen Effizienzpotentiale anderer Akteure zunutze zu machen, sozusagen die richtigen Reflexe zu lernen, um das Synergiepotential mit ihrer Umwelt neu zu lernen. Wir waren eben noch nie so vergesellschaftet wie heute und müssen auch die immanente "Umweltverschmutzung" durch die Produktion technologischen Schrotts und informationellen Overkills erst als solche erkennen und beheben lernen, sozusagen Informationsökologie betreiben. Der kalifornische Computervisionär Douglas Engelbart nannte das dazu notwendige Verfahren "bootstrapping", das heißt sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wie weiland der Baron Münchhausen. Er plädiert für Laborsituationen, in denen verschiedene gesellschaftliche Institutionen und Akteure mit ihren gestiegenen (oder auch lahmgelegten) Effizienzpotentialen so experimentieren, daß nicht gegenseitige Blockaden, sondern gegenseitiges Benutzen im besten Sinn des Wortes herauskommt, und wo auch die Reaktionen und Reflexe abgelegt werden können, die in einer anderen prähistorischen Situation vielleicht sinnvoll für den Erhalt der eigenen Identität waren, zum Beispiel den unbedingten Reflex, um jeden Preis dasselbe Produkt billiger auf den Markt zu werfen.

Selbstorganisation der Akteure und Entwicklungspakte

Ein ganz zentrales Element in dieser Situation ist der Umstand, daß im Zeitalter der Globalisierung sich das Machtverhältnis von Politik und Unternehmen verschoben hat, daß die Frage der "Verantwortung fürs Ganze" von der einen Seite nicht mehr wahrgenommen werden kann, von der anderen Seite (noch) nicht wahrgenommen werden will. "Bootstrap Communities" funktionieren nach dem Prinzip, daß sich die Arrangements der Akteure selbst offen erweisen für die Konstruktion einer nachhaltigen, integrationsfähigen Gesamtlösung, daß wir zwar die Politik benötigen, um Entscheidungen zu treffen, daß aber diese Entscheidungen immer nur so gut oder so schlecht sind wie der gesellschaftliche Lernprozeß und Konstruktionsprozeß von wechselseitigen Vorteilen, der dazu geführt hat. Und diese Konstruktionsprozesse sind wesentlich "postpolitisch", das heißt das Wissen über die Handlungsweise der verschiedenen Akteure existiert zunehmend weniger in einem zentralen Apparat, sondern bei den Akteuren selbst, die daher mit neuen Formen ihres Zusammenwirkens experimentieren müssen.

Viel Theorie, aber erleben wir nicht das genaue Gegenteil? Erleben wir nicht wie sich Oligarchien, Machtballungen, herausbilden, wie die immer schnelleren Züge auf dem Schachbrett der wirtschaftlichen Spekulation über Effizienzvorteile jede langfristige Berechnung hinfällig machen und sogar legal außer Kraft setzen wollen, wie sich dies vor allem in der Debatte über das Multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI) gezeigt hat? Wie das staatlich geförderte Konkurrenzsystem dazu führt, daß statt der notwendigen Aufarbeitung der Folgen dieser Effizienzvorteile wir mit immer mehr Schrott überflutet werden? Die Zukunftsvisionen der Gegenwart zeigen denn auch die Welt der Zukunft als einen gigantischen Schrottplatz, unfähig der Bewältigung ihres eigenen Stoffwechsels.

Die Effizienz von Netzwerken

Dem läßt sich nur entgegenhalten; es wird immer teurer, Schrott zu produzieren und nicht abzusetzen. Die zunehmende Verwandlung von Wirtschaft in Finanzspekulation und das verzweifelte Bemühen um Firmenzusammenschlüsse von gigantischen Dimensionen verraten, daß die bedingten Reflexe des Industriezeitalters auch der Industrie nicht mehr guttun, sodaß ihr die Frage, in welchem Umfeld sie agiert, mitunter doch mehr als dringlich zu Bewußtsein kommt. Die institutionellen Umbrüche zu supranationalen Einheiten schaffen auch ein günstiges Klima für Innovationen der anderen Art, und neben der Globalisierung gibt es auch ein ganz neues Bewußtwerden des Wertes von Regionalisierung, Akteurspakten, gemeinsamer Problembewältigung. Die Forderung der "Group of Lisbon" nach einem "neuen Sozialvertrag" ist innerhalb der Europäischen Union nicht ungehört geblieben und hat zu vielerlei regionalpolitischen Arbeitsgemeinschaften geführt, die gerade auch mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten begründet werden.

Das ist auch ganz logisch und entspricht strenggenommen auch dem Gedanken wirtschaftlicher Effizienz: denn wenn ein System beständig seine Komplexität erhöhen muß, um den Anforderungen der Außenwelt zu genügen, dann ergibt sich daraus eine Zunahme der Menge an Funktionen, Wegen und Prozessen. Wenn in einer Zeit der Beschleunigung der Produktzyklen es prinzipiell nicht mehr tolerabel ist, auf die Behebung eines technischen Problems länger als eine halbe Stunde zu warten, ist es mehr als notwendig, in einer "intelligenten" Umgebung zu agieren, die eine Vielzahl von Funktionen bereitstellen kann, mit kurzen Wegen und wenig Energieaufwand, die sich dann in Summe auch als ein Weniger an toten Kosten summieren. Small is beautiful und Diversity is essential.

Geht so der Zug der Zeit zumindest teilweise in eine Wiederentdeckung des Werts der unmittelbaren Umwelt, so versucht das Labor GIVE das ganze Spektrum der Umweltfaktoren sichtbar zu machen die im betriebswirtschaftlichen Amoklauf einer ganzen Epoche verlorengegangen sind, die sich aber gerade auf Grund der betriebswirtschaftlichen Effizienzgewinne in einer völlig neuen und nachhaltigen Form restituieren lassen - mit dem angenehmen Nebeneffekt, daß damit auch sehr radikale Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen im monetären Sinne verbunden sind.

Globales Dorf im lokalen Sinn

Ausgangspunkt der Tätigkeit von GIVE ist dabei der revolutionäre Umstand, daß sich die Hauptbeschäftigung industrieller Arbeitskraft immer mehr auf den Umgang mit Symbolen und Information verlagert; Selbst in der Industrieproduktion haben computergesteuerte Fertigungsmethoden hauptsächlich dazu geführt, daß der Bedarf an Anpassungsarbeit immens gestiegen ist, während die eigentliche Arbeit immer mehr von flexiblen Automaten erledigt wird.

Vieles von dieser Anpassungsarbeit setzt noch die unmittelbare Präsenz vor Ort voraus, vieles kann aber zunehmend auf Distanz erledigt werden. Das Potential der Telekommunikation, Arbeitsplätze ortsunabhängig zu gestalten, und damit den Beitrag von Telearbeit, von Teledienstleistungen, der Distance Education und so fort für die Entwicklung der "kritischen Masse" lokaler Diversität sichtbar zu machen ist der Ausgangspunkt der Arbeit von GIVE.

Dabei bezieht sich lokale Diversität nicht nur oder vielleicht gar nicht primär auf die rein technologischen Funktionen; auf einen Telearbeiter kommen in der "global integrierten Dorfumgebung" vielleicht vier rein "lokale" Arbeiten, die dennoch ökonomisch und technologisch von der Präsenz und dem Funktionieren von Telearbeit abhängig sind.

Es geht also um eine ökologische Betrachtung, die nicht technologiefeindlich ist sondern in höchstem Maße an bestimmten Technologien - vor allem an der Telekommunikation - interessiert ist und diese im Kontext ganzheitlicher Modelle lokaler Entwicklung sieht. Daß dabei "ganzheitlich" auch im Sinne der größtmöglichen Außensynergien verschiedener Räume und Regionen gemeint ist, versteht sich fast von selbst. GIVE propagiert also nicht das "globale Dorf" als hermetisch abgeschlossene Gettho- und Quarantänestation, wo die mit Chipkarten bewaffneten wohlhabenden Bewohner sich in eine scheinbar noch heile Welt der Dörflichkeit und Nachbarschaft flüchten können, sondern geradezu umgekehrt eine Strategie der Einbeziehung und Vernetzung möglichst vieler unterschiedlicher Siedlungs- und Arbeitsräume. Dafür steht paradigmatisch die Vernetzung von Stadt und Land, von Zentrum und Peripherie, die Benutzung jedes denkbaren Umstandes (einmal die Bevölkerungsdichte, einmal der Reichtum an natürlichen Ressourcen) für die Aktivierung der systemischen Potentiale des jeweiligen Lebensraumes im Verhältnis zu einer globalen Gesellschaft.

Stadt-Pflanzen in globaler Noosphäre

Hauptachse der Tätigkeit ist also die Frage nach der Auswirkung der Telematik auf den Raum, wobei Raum auch die sichtbarste und konkreteste Ausdrucksform gesellschaftlicher Kategorien ist. Lebenschancen, Status, Macht, soziale Integration: all das drückt sich in Räumen und ihrer Ausgestaltung aus. Architektur und Raumplanung sind exekutive Gewalt sozialer Kräfteverhältnisse und Werthaltungen. Räumliche Grenzen und ihre Durchlässigkeit geben mehr Auskunft über das Funktionieren der Gesellschaft als irgendein anderer Faktor. Vor allem aber ist der Raum das Medium des stofflichen Metabolismus, der physikalischen, biologischen und chemischen Prozesse, die unser Leben tragen. Der Raum ist präsent, er braucht nicht hertransportiert werden, er ist sozusagen eine ewige Gratisgabe.

Intelligenter Umgang mit Raum ist daher mehr gefordert als alles andere. John Todd hat in seiner "Arche", einem Glashaus im New Alchemy Institute auf Cape Codd in Massachusets, den Nachweis geführt, daß sich "lebende Maschinen" bauen lassen, in denen hunderte von Naturprozessen so verbunden sind wie in einem Industriebetrieb mit einem einzigen Unterschied: es braucht keine Rohmaterialien und es gibt keinen Abfall. Die Energie der Sonne (und der Anpassungsarbeit leistenden Menschen) kombiniert mit der Vielgestaltigkeit der Materie reicht aus, eine Fülle von Prozessen am Laufen zu halten, die wie von selbst Wärme, Nahrung, Baumaterial und alles Lebensnotwendige in Hülle und Fülle hervorbringen.

Dieses "Paradigma der Pflanze" (Terence McKenna?), die mit ihrem Raum und ihrer Umwelt optimal korrespondiert, ist das Grundmodell für die menschlichen Siedlungsformen, die aus der Erkenntnis der systemischen Gesetzmäßigkeiten entstehen könnten; es ist leicht einzusehen, daß damit "Senkung der Lebenshaltungskosten" in höchstem Maße einhergeht, wenn frei verfügbare lokale Ressourcen und Prozesse aus einer großen Fülle von Möglichkeiten, den lokalen Gegebenheiten angepaßt, optimal kombiniert werden können. Auch verfügen wir schon längst über Modelle der Eigenarbeit und über Partnerschaften zwischen Industrie und dem Sektor der anpassenden Eigenarbeit, wovon der Boom der Baumärkte ein sichtbares Zeugnis ablegt. Daß diese Spielart von Eigenarbeit eher ein Notnagel von amateurhafter Mangelbewältigung ist, weil der Schrott billig und die eigene Arbeit gratis ist, tut der prinzipiellen Möglichkeit keinen Abbruch, daß lokale Metabolismen mit Hilfe fortgeschrittener Technologien konstruiert und verfeinert werden können, die mit Hilfe industrieller Produktion zustande kommen. Die dramatische Verbesserung der Ressourceneffizienz, etwa durch Biomasseeinsatz in dörflichen Kleinkraftwerken, ist ohne industrielle Forschung und Entwicklung nicht zu haben. Ebenso bietet die "Noosphäre", die Möglichkeit des Austausches von Information über die elektronischen Medien, weit besser als alle bisherigen Methoden des Wissenstransfers die Möglichkeit, die lokalen Besonderheiten und den Reichtum an globalen Lösungsmöglichkeiten einander gegenüberzustellen, Lösungen simulativ zu erproben und ständig neue Bausteine einzufügen. Schon jetzt sind Faktoren für Entscheidungen im landwirtschaftlichen Anbau, die sich auf lokale Besonderheiten stützen, mit Satellitenbildern und Computerauswertungen besser zu treffen als rein aufgrund von lokaler Erfahrung oder Vermutungen über die globale Marktlage. Dies könnte sich ebensogut auf die immanent- ökologische Gestaltung von Stadt-Pflanzen beziehen, auf die Berechnung von Stoffströmen, optimalen Standorten und optimalen Synergien. Wesentlich ist, daß die Technik nicht um der Technik willen eingesetzt wird, sondern weil wir erkennen, daß sie unseren Blick für komplexe Vorgänge, Wechselwirkungen und zukünftige Entwicklungen zu schärfen vermag.

Die Funktion von GIVE

Als Promotor dieser "ökologischen Vision" agiert das Labor GIVE nicht als reine Forschungsinstitution, sondern auch beratend und beteiligt in der "Mediation" zwischen verschiedenen Akteuren, die erkennen, daß eine Neuorientierung ihrer Aktivitäten durch Wahrnehmung von Synergiepotentialen ihre interne und externe Effizienz zu steigern vermag. Die Methoden dazu sind uralt, und wir haben sie lediglich verlernt. Ohne auf die Praxis selbstorganisierender Systeme näher einzugehen, sei an diesem Punkt zum Beispiel eine Betrachtung der indianischen Ratsversammlung ("Medicine Wheel") empfohlen, die neuerdings in Managementkreisen wieder zu Ehren kommt. Die Kunst der Integration von heterogenen Elementen zu einem funktionierenden System, das in-Gang-bringen des kreativen Prozesses der Selbstorganisation, ist nämlich ohne gerichtete Aufmerksamkeit und Respekt vor der Individualität und den Zielen jedes einzelnen Teilnehmers nicht zu haben. Es ist wichtig, daß im Umkreis von GIVE auch diese Kunst der Moderation und Mediation - die wir kulturell vollkommen verlernt haben - praktiziert wird, wenngleich wir selbst darin nicht unsere Hauptaufgabe sehen.

Die Funktion von GIVE ist vielmehr die Bereitstellung eines Repository von Beispielen und Praktiken, wie sich die richtige Kombination von globaler Integration durch Informationstechnologien und lokaler Handlungsfähigkeit finden läßt - aufgrund derer sich Beispiele, gute und schlechte, studieren und Erfahrungen transferieren lassen, Vorschläge machen, Alternativen aufzeigen lassen neue Akteure problemlösend einbezogen, neue Rollenteilungen und Deals definiert und globale Ressourcen gefunden werden können.

Organisationsweise von GIVE

GIVE ist als Verein organisiert, in dem einerseits Forschungs- und Entwicklungsprojekte in strategischen Partnerschaften oder Projektaufträgen bearbeitet werden, der aber andererseits selber "virtuelles Zentrum" für ein Netzwerk von unterstützenden Einzelpersonen oder Institutionen ist, die die Ziele von GIVE teilen und sich schwerpunktmäßig verschiedenen Arbeitsbereichen zuordnen wollen, um durch Synergien zur Tätigkeit von GIVE beizutragen.

Derzeit existieren vier Arbeitsbereiche, die durch ein kleines Team koordiniert werden und in denen jeweils eigene und externe Projekte durchgeführt werden. Es ist Organisationsprinzip von GIVE, möglichst wenige eigene Projekte in einem Arbeitsbereich zu führen,um als Organisation nicht zu verbürokratisieren, aber durch die Mitglieder von GIVE mit genügend synergetischen Außenprojekten verbunden zu sein und auch selbst solche anzuregen.

Arbeitsbereich 1: Stadtlabor-Landlabor

In besonderem Maße gilt dies für die eigene Involvierung in die Entwicklung lokaler Akteursnetze und Tele-Öko-Communities. Das Prinzip der Beachtung des räumlichen Zusammenhanges soll natürlich auch bei uns selber beachtet werden: daher ist die katalytische Arbeit in der engeren Umgebung (sprich: in Floridsdorf) notwendiger Bestandteil der demonstrativen Aktivitäten. Der Raum links der Donau ist aus mehreren Gründen interessant: einerseits entsteht hier im Gefolge der Wiener Stadterweiterung eine Fülle von neuen einschlägigen städtebaulichen Experimenten (autofreier Stadtteil, HomeWorker? etc), inmitten der Relikte verschiedener - auch experimentierfreudiger - Phasen des sozialen Wohnbaus. Andererseits handelt es sich um eine selbst noch im Kern "dörfliche" Umgebung. Akteursnetzwerke wie der arbeitsmarktpolitische Verbund sind hier auf fruchtbaren Boden gefallen.

Gleichzeitig existiert in diesem Bereich auch die Enklave der internationalen Organisationen, und das neue Subzentrum an der Donau, sind Hochschulen angesiedelt worden, existieren Forschungsabteilungen und kollaborative Forschungszentren der Industrie und sollen weitere entstehen. Ein fast unvergleichliches Synergiepotential für nachhaltige Stadtentwicklung ist also gegeben, das aber in der Praxis kaum genutzt wird.Auch die drei (!!) bereits existierenden "Telezentren" in Floridsdorf könnten viel stärkere Wirkung entfalten.

GIVE kann hier mit einer spezifischen Vision versuchen, Identitäts- und Zusammenarbeitsbildend zu wirken. Diese Vision besteht darin, daß die eigene räumliche Umgebung möglichst vielen Akteuren als regionales Demonstrationsfeld für ihre eigenen überregionalen Angebote dient: Stadt- und Umwelttechnologien, die in Wien entwickelt werden, kommen hier erstmals zum Einsatz, und Wien verstärkt so seine Funktion als "Mutterstadt" und "Musterstadt" für das Leben im 21. Jahrhundert. Gleichzeitig wird die kleinräumige, dörfliche Struktur bewußt weiterentwickelt, sodaß diese Funktion als Provider und Wissenszentrum auch und gerade in Hinblick auf die Entwicklung des ländlichen Raumes ausgeübt werden kann, wofür die Präsenz bzw. Nähe von Vetmed und BOKU weitere günstige Voraussetzungen schafft und wofür telematische Brücken gebaut werden müssen.

Die Emphase auf den ländlichen Raum, die in der Arbeit von GIVE zum Ausdruck kommt, verlangt aber auch nach der Realisierung zumindest eines weiteren Projektes, das demonstriert, was sich auf der anderen Seite der Brücken abspielt. Das "Landlabor" von GIVE soll auch perspektivisch der Sitz der Institution "Global Village Institut" werden. Ein Standort dafür ist noch nicht gefunden, doch bestehen derzeit sehr ermutigende Kontakte und Projekte mit der niederösterreichischen Stadt- und Dorferneuerung. Weiters ist GIVE sowohl in Kroatien als auch in Griechenland im Gespräch über die alternative Entwicklung von ländlichen Siedlungs- und Lebensräumen. Nur hier läßt sich in vollem Umfang das Potential einer stofflichen Kreislaufwirtschaft demonstrieren.

Dafür wurden in der Vergangenheit viele Denkmodelle gesammelt, deren praktische Erprobung nun ansteht. Eine Wiederaufnahme des Kontaktes zu ökologischen und geomantischen Architekten und eine verstärkte Konzentration auf Europa sollen diese Erprobung erleichtern. Dennoch ist es weiterhin interessant, Ansätze wie die Archology von Paolo Soleri in Arizona auf einer räumlich kleineren Dimension umzusetzen, also das Insistieren auf der Notwendigkeit einer sehr dichten Siedlungsform, die die Potentiale von Diversität, Integration und Urbanität ausnützt und doch die Natur in ihr nur teilweise geschlossenes Raumgefüge einlädt, auch in grundlegend neue Raumkonzepte umzusetzen. Sollte uns das im "Landlabor" selber nicht gelingen, hoffen wir doch, daß das "Medienlabor" dazu beiträgt, daß es woanders geschieht.

Arbeitsbereich 2: Medienlabor

Eine der Grundlagen der Arbeit von GIVE seit 5 Jahren bildet die Überzeugung, daß wirksame Veränderungen auch immer das Resultat der morphogenetischen Wirkung von Bildern, Vorstellungen und Modellen sind. Ein Teil der Arbeit von GIVE widmet sich daher den künstlerischen und architektonischen Versuchen, die Phantasien und Ahnungen von den Möglichkeiten eines im Inneren weitgehend vom Automobil befreiten und auf Integration mit der Natur ausgerichteten Lebensraumes zu sammeln und zu präsentieren. Gerade die frühe Arbeit und die Vernetzung mit amerikanischen Visionären wie J.Smyth, R.Register, T.Gwilliam sowie die Kontakte mit Arcosanti und anderen amerikanischen Labors haben hier eine gute Ausgangsbasis geschaffen, die zu einer Wanderausstellung ausgebaut wird, die eines der primären "Produkte" von GIVE darstellt. Darüber hinaus erschließt sich mit dem sich abzeichnenden Medium des digitalen Videos ein hervorragendes Mittel des Wissenstransfers "on demand". Fertigkeiten und Know-How lassen sich mit diesen Technologien besser vermitteln als je zuvor; deswegen bleibt es ein wichtiges Ziel von GIVE, nicht nur Träume zu vermitteln, sondern auch die Werkzeuge zu inventarisieren und zu verbreiten, durch die sich Tele-Ökocommunities tatsächlich ihrer eigenen lokalen Ressourcen in dem Ausmaß bedienen können, die die emphatische Rede vom "Blühen der Stadtpflanzen" rechtfertigt. Eine der wesentlichen Bedingungen dafür ist die Freiheit der Information und der ungehinderte Zugriff auf das kulturelle Erbe der Menschheit. GIVE erforscht daher alle Möglichkeiten, gehaltvolle Information und Urbilder automatisierter Produktion ökonomisch abgesichert produzieren und verbreiten zu können, ohne sie lizensieren zu müssen. Austausch- und Arbeitsteilungsverträge im globalen Maßstab könnten einer neuen Mediensphäre hochwertigen Inhalt sichern.

Arbeitsbereich 3: Theoriebereich

Die Bemühungen im Gefolge der Nachhaltigkeitsdebatte, zu einer qualitativen Betrachtungsweise des Zusammenwirkens der verschiedenen Subsysteme im Umkreis der menschlichen Produktion zu gelangen, die Forderung des Club of Rome "mit der Natur zu rechnen". erscheint auch im Kontext von GIVE wesentlich; eine Verständigung über Bausteine einer alternativen Wirtschaftstheorie, die die Ebenen kulturell überformter Ökosysteme, der verschiedenen Momente des Produktionsprozesses (materielle und geistig-modellbildende) sowie der gesellschaftlichen Regulationsweise(n) nicht nur als aggregierte Geldgrößen, sondern als qualitativen Metabolismus betrachtet, erscheint überfällig. Dabei sollen die Unterschiede zwischen "formeller Ökonomie" und den verschiedenen Arten von "Abkopplungsversuchen" (Tauschwirtschaft, Subsistenz, soziale Ökonomien, Nachhaltigkeitsbündnisse, lokale Ökonomien, usf.) sowie mögliche neue Synergien zwischen diesen verschiedenen Arten des Wirtschaftens (und der Sozialbeziehung) besonders thematisiert werden. Ein besonderes Augenmerk gilt aber nicht nur der bewußt- praktischen Ebene neuer Regulationsversuche, sondern auch der unbewußt-faktischen Binnengesetzmäßigkeiten der neuen Technologien und Produktivkräfte selbst. Während die wirtschaftstheoretische Chimäre einer staatlich gelenkten Planwirtschaft obsolet geworden ist, ist erkennbar, daß gesellschaftliche Arbeit einen ungeahnten Vergesellschaftungsgrad erreicht hat. Die Abhängigkeit von den Irrationalitäten einer planlosen Vergesellschaftung greift so prekär in die Lebensgestaltung aller Gesellschaftsmitglieder ein, daß sich die Frage einer neuen Synthesis nicht mehr abweisen läßt und sich jenseits der alten, abstrakten politischen Vergesellschaftung schon längst tausend Ausdrucksformen geschaffen hat. Diese zu entschlüsseln und in eine vernünftige Form überzuführen ist die Aufgabe des Theoriebereiches.

Arbeitsbereich 4: Vernetzungsbereich

GIVE hat hier wohl die meisten Traditionen; die drei Global Village Symposien und ihre Nachfolgeveranstaltungen waren Ansatzpunkte für eine transdisziplinäre Betrachtung des Themenkomplexes Telekommunikationstechnologie und Raum. Stand beim ersten Symposium (1993) die Vernetzung wissenschaftlicher Disziplinen (Architektur, Soziologie, Informationstechnologie) untereinander im Vordergrund, so ging es beim zweiten Symposium (1995) darum, Entscheidungsträger und Stadtplaner zu involvieren, während beim dritten Symposium (1997) die Vernetzung von telematikbewußten Orten und global kommunizierenden Organisationen die Hauptsache war.

Der Vernetzungsbereich von GIVE ist sozusagen die "Spinne", die immer wieder neue Netzknoten und Positionen einnimmt, um die Neuformierung von Institutionen im Sinne einer Stärkung von Dezentralisierung und lokaler Handlungsfähigkeit voranzutreiben. Im Jahr 1998 widmete sich GIVE vorübergehend intensiv den kulturellen Institutionen. In weiterer Folge ist eine Konzentration auf die Stadt-Land Thematik geplant.

Nachwort für Unterstützer

Es ist geplant, daß sich die Aktivitäten von GIVE zu 70% aus dem Overhead von Forschungs- und Beratungsaktivitäten inklusive wissenschaftlicher Konferenzen und Ausstellungen finanzieren und zu 30% aus freien Zuwendungen, Subventionen und Spenden von Mitgliedern und Sympathisanten.

Die Kontonummer von GIVE ist 90.230.921 bei der PSK.Bank (60.000).