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(Artikel für Multikosmos)

Eigentlich soll es ja in diesem Artikel ja über menschliche Netzwerke gehen. Aber wie bei vielen Mustern der Menschheitsgeschichte entdecken wir, was die Natur schon alles vor uns erfunden und perfektioniert hat.

Zum Beispiel die symbiotische Beziehung der Pflanzenwurzeln mit Pilzen, den sogenannten «Mykorrhiza», deren mikroskopisch feine Fäden schon die Wurzeln des Keimlings wie eine feine Wolke umhüllen, wodurch die Pflanze nicht nur Nährstoffe, Mineralien, Spurenelemente und Wasser viel besser aufnehmen kann sowie durch Wuchs- und Heilstoffe besser vor Schädlingen geschützt ist. Im Austausch "gibt" die Pflanze organischen Kohlenstoff in der Form von Kohlehydraten, der für die Pilze lebenswichtig ist. Unser Steinpilz zum Beispiel, den wir für ein isoliertes Gewächs halten, ist nur eine "Frucht" eines solchen gigantischen Pilznetzwerkes, das den Waldboden über Kilometer durchzieht. Dabei verbinden die Pilze nicht nur verschiedene Pflanzen miteinander, sondern auch verschiedene Pflanzenarten - es entsteht ein "waldweites Web" im Boden, durch das nachgewiesenermaßen Pflanzen einander indirekt miternähren. In einem Artikel im "Journal of Ecology" 2009 sprachen die Autoren bildlich vom "Sozialismus in der Pflanzenwelt", in der Wissenschaft spricht man vom "Nurse Tree Effekt" den alte auf junge Bäume ausüben können. Es gibt tausende Pilzarten und 80% aller Pflanzenarten sind zur Symbiose fähig. Diese Symbiose schließt auch eine Art "Sprache" mit ein, Botenstoffe durch die die Pflanzen Signale abgeben. Zwischen Pflanzen und Pilzen, aber damit auch zwischen Pflanzen untereinander gibt es eine effektive Kommunikation.

Das Netzwerken ist also keineswegs eine menschliche Erfindung, wiewohl es den Menschen wohl wie keinem anderen Lebewesen gelungen ist, das Netzwerken zu perfektionieren. Netzwerke sind ein uraltes Phänomen; Vielleicht sind sie - neben den Familien und Clans - sogar die älteste soziale Organisationsform überhaupt.

Wovon reden wir also, wenn wir von Netzwerken reden? Wir reden von so etwas wie sekundären gesellschaftlichen Organisationsformen, die über das Territoriale, Enge, Rigide, Dauernde von Familien, Clans und Dorfgemeinschaften hinaus reichen, soziale Beziehungsmuster die durch spezielle Aktivitäten aufgebaut, gepflegt und erhalten werden müssen, die etwas Flexibles und Informelles an sich haben, die zumeist symbiotische Austauschbeziehungen sind - aber auch fast immer einen Aspekt von Ermächtigung und Selbstbehauptung in sich tragen. Netzwerke transportieren Information, Energie und Materie und sind lebenswichtige Komponenten dauerhafter sozialer Systeme. Manchmal verbinden sie gleichartiges, manchmal extrem verschiedenartiges.

Wir wissen heute aus der ethnologischen und sozialanthsopologischen Forschung, daß kaum eine der menschlichen Subsistenzgemeinschaften in Isolation existierte, daß die Welt keineswegs an den Stammesgrenzen endete, sondern daß auch die selbstbezüglichsten Lebensformen in ein weitläufiges Netz von bestandssichernden Austausch- und Schutzbeziehungen eingebunden waren. Von den Anasazi - Indianern etwa wissen wir, dass ihre Netzwerke bis Mexiko und Kalifornien reichten, und dass ihre Pueblos dörfliche Knoten einer durchaus mobilen Kultur waren.

Netzwerke sind also ursprünglich ein Medium des Austausches, nicht des Tausches; während beim Tausch die soziale Beziehung quasi liquidiert wird, die Schuld restlos abgegolten durch das Äquivalent, soll im Netzwerk die soziale Beziehung - als Trägermedium des Austausches - gerade erhalten bleiben. Das Netzwerk garantiert die Wiederholbarkeit und Stabilität der Beziehung, und es funktioniert eigentlich nur über den wechselseitigen Vorteil. Es verbindet Gruppen zumeist über persönliche Beziehungen, auch hier spielen die "Wurzelspitzen", die Botschafter, Reisenden und Entdecker eine entscheidende Rolle.

Diese Netzwerke wurden im Lauf der Geschichte überlagert durch herrschaftsförmige Beziehungen, in denen große Kollektive systematisch die Fähigkeit erlangten, gegen andere Gewalt auszuüben; Sklavenhalter- und Feudalgesellschaften, wobei die letzteren eben auch einen geradezu konstitutiven Netzwerktypus hervorbrachten. Die feudale Herrschaft gründet nicht mehr in der Unterjochung einer Völkerschaft durch die andere, sondern in einem Netzwerk aus Loyalitäten und symbolischen Beziehungen, das bei Bedarf zur gewaltsamen Aufrechterhaltung der Abgabepflichten mobilisiert wird. Selbst die so unpersönliche kapitalistische Gesellschaft mit ihrem überlegenen wachstumsdurstigen Reichtum - und der ihm immanenten beständigen positionellen Knappheit - funktioniert weitgehend mittels Netzwerken; ob es sich um einflussreiche und gut dotierte Posten im Staat oder um lukrative Geschäfte handelt, es gibt immer etwas auszuhandeln. Selbst Sozialreformer werden in diesen Strudel hineingezogen und sind am Ende selbst Bestandteil des Systems, verändern sich bis zur Unkenntlichkeit - wie der genossenschaftliche Sektor es vorexerziert hat. Männerbünde, Seilschaften, Eliten, Clubs, das sind die Orte wo sich Macht ballt, formiert und reproduziert. Und dem beständigen Bedarf an diesem Vitamin B scheint sich niemand entziehen zu können. Motto: Nur wer selbst keine Beziehungen hat, fürchtet sich vor Netzwerken. Und in jeder Beziehung muss man etwas zu bieten haben, um etwas zu bekommen - egal ob Loyalität, Daten, Geld, Patente, Informationen oder schlicht Beziehungen und eine Empfehlung an der richtigen Stelle. Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, sagt das Sprichwort. Der Wert der gehandelten positionellen Güter hat direkt mit ihrer Knappheit zu tun. Geheimhaltung von Wissen ist daher logische Konsequenz, auch wenn es anderen noch so viel nützen könnte.

So dunkel und obskur manche dieser Netzwerk - Typen erscheinen, so wenig hat die Wissenschaft selbst sich dieser Konstitution sozialer Beziehungen von unten zugewandt; eher standen die große historische Persönlichkeit oder die wundersamen Gesetze des Sozialen und der Märkte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das hat sich erst relativ spät geändert, als im Ausgang der industriellen Gesellschaft eine Revolution der Kommunikationsmittel die Menschheit erfasste, die heutzutage eben den Namen "das Netz" trägt. Wie der Mykorrhiza - Pilz ist es um uns gewachsen und gibt uns die Möglichkeit, mit geringen Kosten und geringem Aufwand Verbindung aufzunehmen mit einer stets wachsenden Anzahl von Menschen die sich seiner bedienen.

Das Netz ist gegenwärtig in aller Munde, und es hat schon mehrmals seine Kraft, aber auch seine Ohnmacht gezeigt. Das jüngste und spektakulärste Beispiel sind die Enthüllungen von Wikileaks. Sie erschüttern die Netzwerke der Eliten mit ihrem Insiderwissen, diesem symbolischen Kapital ausschließender Vernetzung.

Doch die neuen Netzwerke balgen sich gar nicht um dieses Kapital. In der Verbindung, die möglich geworden ist durch das Netz, entsteht ein anderer Reichtum, eine andere Art zu produzieren. Dieser Reichtum entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Öffnung, durch die Möglichkeit aller zur Teilhabe und zur Mitarbeit. Ganz augenfällig geworden ist das durch das Beispiel der Wikipedia, die in nur wenigen Jahren das geschafft hat wozu die Enzyklopädia Britannica mehr als 200 Jahre benötigte: zur meistzitierten und umfangreichsten Wissenssammlung der Welt zu werden. Das Netz, und dies ist grundlegend neu, ist zugleich an jedem Ort der Produktion und des Nachdenkens präsent und gibt die Chance, Vorhaben unbeschränkter Kooperation mit großem allgemeinem Nutzen ins Werk zu setzen. Während so der Ort des Denkens und Entwerfens allgegenwärtig ist, haben einige weitere Innovationen die zeitgleich aufgetreten sind das Potential, seine Wirkung unendlich zu vergrößern:

  • die Digitalisierung, die uns die Möglichkeit gibt mit allen Sinnen nicht nur Wissen und Information, sondern auch Anschauung und Gestalt zu teilen
  • die Automatisierung, die uns die Möglichkeit gibt, aus den digitalen Befehlsketten materielle Objekte zu generieren, und die die Produktion in großem Umfang zu dezentralisieren vermag.
  • Die maschinelle Datenspeicherung, die uns die Möglichkeit gibt eine unglaubliche Fülle dieser Modelle und Urbilder zu speichern und zu modifizieren und große Repositorien aufzubauen, die wir kopieren und miteinander teilen können.
Das Netz revolutioniert das Verhältnis von global und lokal: es ist potentiell überall zugleich vermag synchron an vielen Orten zu wirken. Doch um eine wirkliche Verbindung zu schaffen, die positiven Möglichkeiten des Netzes zu realisieren, bedarf es wiederum menschlicher Netzwerke. Das Angebot an möglichen Beziehungen hat sich tausend- bis millionenfach multipliziert: wir müssen die sinnvollen Beziehungen aus dieser Überfülle herausfiltern. Wir müssen uns unsere globalen Nachbarn auf der Basis von Werten suchen, die wir im Innersten teilen. Die tausend Facebook - Freunde sind dafür vielleicht nur ein Durchgangsstadium. Sie erziehen uns zur Konzentration, zum Fokussieren auf das Wesentliche - bei Strafe der Auflösung aller sozialen Beziehungen in Beliebigkeit. Wir wissen plötzlich, dass es in dieser Welt keinen Mittelpunkt und kein Zentrum gibt. Wir wissen dass wir irgendwie mit allen verbunden sind, aber das nur sein können wenn wir radikal bei uns selbst und authentisch bleiben. Dann ziehen wir auch diejenigen an, mit denen wir ganz bewusst einen winzigen Teil am Gemeinschaftswerk der Menschheit realisieren, und vielleicht suchen wir uns mit ihnen auch einen Ort, an dem das Netzwerk, unser Netzwerk, unser Wert, unser Beitrag physische Gestalt annimmt: lokal und global zugleich.

/AusgesonderteGedanken