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Globales Dorf 2.0 (Update zum Artikel „global und lokal – aufruf zu einer entdeckungsreise“ – zolltexte 37, september 2000)
Interview für Zoll + (ein Rückblick 10 Jahre später)

1)
Zitat:
Entgegen der These von Robert L. Thayer, des „Überall Zugleich“ und damit der „Dissoziation“ der geistigen Aktivitäten von Zeit und Raum, sagen Sie Hr. Nahrada, dass „die neuen Informationsmedien auch ein Katalysator sein können, der die Bündelung unserer Aufmerksamkeit auf Räume wieder möglich macht.“

Frage(n)
Wie weit hat sich das für heutige Räume bewahrheitet? Durch Web 2.0 wurde die virtuelle Vernetzung um eine vielfaches erleichtert als im Jahr 2000, in dem ihr Artikel erschienen ist.
Wurde das „Global Village“ im positiven Realität? Leben wir heute 2010 verstärkt im Globalen Dorf? Oder ist z. B. durch Machtkämpfe Copyright / Copyleft oder durch zu große weltweite Unterschiede in der Zugangsmöglichkeit zur virtuellen Wissensressource Internet (z. B. Zensur in China oder keine gut funktionierende Infrastruktur z. B. Afrika), die Utopie heute nicht mehr ganz so euphorisch aufrechtzuerhalten wie im Jahr 2000?

Antwort:
Wenn ich die vergangenen zehn Jahre Revue passieren lasse dann sind sie natürlich anders verlaufen als erhofft; aber auch anders als von den Utopisten des Virtuellen erwartet. Sie standen im Zeichen des 11.September 2001, des amerikanischen Empire und seiner beginnenden Überdehnungskrise, der aufbrechenden inneren Widersprüche der ungeheuerlichen pazifischen Defizitkonjunktur, der scheinbaren Erfolgsgeschichte chinesischer Gigantomanie und damit sicher nicht im Zeichen einer Renaiscance der Räume. Aber das Gefüge der "Globalen Städte" und ihrer "Hinterländer" ist brüchig geworden, eine vielköpfige Hydra aus ökonomischer und Ressourenkrise ist für alle sichtbar aufgetaucht und in den Köpfen hat sich mehr bewegt als erwartet. Ich sage ganz generell: Während im Jahr 2000 das "Global Village" noch mehr oder weniger eine Privatphantasie von mir war, habe ich in dieser Dekade zumindest erstmals Leute getroffen die die vielen scheinbar gegensätzlichen Facetten der Vision zusammenzuzdenken imstande waren. Wenn der Ausdruck "Global Village" oder "Globales Dorf" heute mit Sinn und Inhalt gebraucht wird, dann als genau dieses ineinander von intensiver globaler Vernetzung und Restitution kleinräumiger Lebensfähigkeit und aspektueller Autarkie als das ich es ursprünglich gemeint hatte. ("Aspektuelle Autarkie" meint so etwas ähnliches wie Subsidiarität, also die Feststellung dass Probleme immer besser auf der lokalen Ebene gelöst werden können dass es aber eben auch Ausnahmen gibt. Das bezieht sich eben auch auf die wirtschaftlichen und produktiven Aktivitäten.) Die Vulgata - Bezeichnung vom oberflächlichen Zusammenrücken der Welt, die in den neunzigern so populär war und uns so viele Missverständnisse eingebracht hat ist diskreditiert und nahezu verschwunden. Auf einer theoretischen Ebene hat das Christian Eigner mit seinem wunderbaren Essay "Wenn die Wirtschaft auf den Raum vergisst" eingeleitet, und da ist unglaublich viel weitergegangen. Es kam zu einer Renaissance von Christopher Alexanders "Mustersprache" und wir haben gelernt, das "Globale Dorf" konkret und lebendig zu denken. Und ich glaube immer noch, dass einer Veränderung in der Realität eine solche im Reich des Geistes vorangeht, auch wenn das noch lange nicht bedeutet dass wirklich das Bewusstsein das Sein bestimmt. Wir reden nicht mehr idealistisch über die Welt, weder von "Global Village" im platten Sinn noch, um ein Gegenbeispiel zu bringen, von autozentrierter Regionalentwicklung. Wir denken konkret, im Sinn des Zusammenwachsens und der gegenseitigen Verstärkung von Mustern. Damit werden wir aber auch fähiger, reale Entwicklungen zu verstehen und zu beinflussen.

Es ist ja spannend dass die Globalisierung selbst räumliche Utopien hervorgebracht hat, die aber nichts als platte Repräsentationsfantasien waren, man denke nur an die diversen Inselprojekte vor Dubai. Globale Imagination wird sich immer an Räumen festmachen, auch das Falsche und Verkehrte hat seine Raumbilder wie die Palme oder den Burdj-al-Arab. Und die Übergänge sind fließend: Im Internet ist ein Spiel aufgetaucht das heißt Farmville. Plötzlich beschäftigen sich Millionen und Abermillionen von Menschen mit einem kleinen virtuellen Bauernhof, mit realen Abhängigkeiten wie Wasser und Futter. Man kann sich an den Kopf greifen über solche Kapriolen des Denkens, oder man kann eine große nahezu unbewusste Sehnsucht nach Authentizität feststellen. Also: das Globale Dorf wie ich es gemeint habe, das gibt es weniger denn je aber es liegt mehr denn je in der Luft. Ende 2009 habe ich in Barcelona am "Clear Village Lab" teilgenommen, dort waren die hippsten Designer und Architekten versammelt die man sich vorstellen kann, und wir haben uns ausschließlich mit Dörfern beschäftigt, mit peripheren ländlichen Dörfern genauso wie mit den zerriebenen industriellen und suburbanen Räumen am Rande der Metropolen. Das wäre noch vor einer Dekade in dieser Ernsthaftigkeit und Einhelligkeit unmöglich gewesen. Uns allen war klar: die Utopie ist gut, aber sie gehört gemacht, entwickelt, entworfen.

2)
Zitat:
Sie sagen in Ihrem Artikel aus dem Jahr 2000, die Informationsmöglichkeit im Globalen Dorf verkleinert die Unterschiede zwischen Stadt und Land. (vgl. S.28 – Was ist jenseits der Stadt)

Frage:
Inwiefern sehen Sie das im positiven Sinne verwirklicht?

Antwort:
2007 wurde ich als Sprecher zur Breitbandkonferenz der EU in Brüssel eingeladen, da war der Tenor: wir haben mehr als ein Jahrzehnt verloren, indem wir blind auf die Marktkräfte vertraut haben. Die Einladung kam übrigens auch von der DG Wettbewerb. Also die Aussage war: diejenigen, die die Informationsmöglichkeiten am dringensten brauchen haben sie gar nicht, weil ihnen die Infrastruktur dazu fehlt. Es ist ein "Broadband Gap" entstanden. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land haben sich dramatisch vergrößert. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.

Wahr ist aber auch: dort wo es Informationsangebote gibt werden sie auch wahrgenommen. 2004 haben Freunde von mir das alte Gerichtsgebäude von Kirchbach in der Steiermark gekauft. Wir haben dort sozusagen ein lebendiges Experiment durchgeführt, das bis heute andauert. Die Montagsakademie der Uni Graz wird interaktiv übertragen und die Menschen im ländlichen Raum nehmen das Bildungsangebot wahr. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Auf der letzten Europäischen Dorferneuerungskonferenz in Bratislava hat ein polnischer Regionalpolitiker gesagt: es geht nicht darum, dass sich die ländlichen Räume gleichartig entwickeln wie die Städte, es geht um Gleichwertigkeit. Schön langsam beginnt man einzusehen dass diese Gleichwertigkeit eben auch bedeutet dass man fast alle Dinge völlig anders machen muss als in der Stadt. Die Leute von der DG 3 haben gesagt: wenn wir an einen dünn besiedelten ländlichen Raum Wettbewerbskriterien anwenden, dann bringen wir ihn um. Also müssen wir kooperative Lösungen forcieren, statt vieler Konkurrenten mit eigenen Glasfasern zum Beispiel ein Open Access Network der Gemeinde wie im Waldviertler Lainsitztal.

Diese Kaskaden der Kooperation sind aber immer noch unter den herrschenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immens schwer zu verwirklichen.Es wird noch Jahrzehnte brauchen bis etwas wirklich Herzeigbares entsteht. Aber es hat sich ein immenses Proiblembewusstsein angesammelt und eine neue Freundschaft zum Internet. Die englischen Transition Towns zum Beispiel haben sofort das Medium Wiki entdeckt und darüber ihren Informationsaustausch organisiert. Kooperation auf lokaler Ebene und Kooperation auf virtueller Ebene greifen ineinander. Das ist genauso wichtig wie die starke Aussage von Wolfgang Mazal in der Zeitung der niederösterreichischen Dorferneuerung: "Üblicherweise denkt man, dass es zur Bewältigung der Pflegeproblematik auf Gemeindeebene nozwendig ist etwa den Kindergarten aufzulassen und in die Gemeinde ein Altenheim zu bekommen oder statt in einen Jugendclub künftig in ein Seniorenheim zu investieren. Diese Themen sollten nicht als Alternativen gesehen werden sondern es gilt sie zu verschränken. Durch die Etablierung des Jugendclubs im Seniorenzentrum und des Kindergartens im Altenwohnheim können Gemeinden ein sozial vernetztes und generationenübergreifendes Leben initiieren" (Leben in Stadt und Land, Herbst 2010, Seite 7).

Genau dieses Ineinander ist es auch, das die Verarbeitungsmöglichkeit für die gigantischen Informationsangebote im ländlichen Raum schafft: eine Schule muss eben oft gleichzeitig Erwachsenenbildung betreiben und so fort. Städtische Institutionen sind oft notwendig als Schaltstellen und Informationssspeicher, wirkliche Dezentralisierung ohne starke Zentren ist undenkbar. Ich kann nicht den gesanten Louvre digital in jedem Dorf abspeichern, aber ich kann sehr wohl in jedem Dorf einen virtuellen Museumsrundgang machen wenn er in Paris digitalisiert ist.

Auf einem ökonomischen Weg, als verkäufliche Informationsware, kann das nie und nimmer funktionieren. Wir leider unter der Überproduktion von Information, die dekontextualisiert und reines Image ist. Erst im Kommunikationsprozess stellt sich Brauchbarkeit ein.

3)
Zitat:
Sie erwähnen Kautzen, NÖ, als Beispiel für eine Gemeinde, die sich mit Strom aus Biomasse selbstversorgt. (S. 29, 3. Spalte)

Kommentar:
Güssing im Burgenland ist mittlerweile ein international renommiertes Beispiel dafür. Mir fällt auch die Region Almenland in der Steiermark ein, eine Kooperation aus 13 Gemeinden (Teichalmregion), die sich für Energie aus erneuerbaren Ressourcen, sanften Tourismus, biologische Landwirtschaft etc. entschieden haben. Auf ihrer Plattform befindet sich u. a. das Triesterviertel als Beispiel für ein urbanes, globales Dorf.

Frage:
Sind diese Initiativen zahlreicher geworden in den letzten 10 Jahren? Oder sind es noch immer (leider) eher Randerscheinungen?

Antwort:
Die Initiativen sind zahlreicher geworden, und zwar unter sehr vielen verschiednen Namen. Ich hab die Transition Towns schon erwähnt, und es ist kein Zufall dass ich für den praktischen Zweck einer Zusammenschau auch eine österreichische Online - Community ins Leben gerufen habe: http://transitionaustria.ning.com. Damit soll ein lebendiger Begegnungsort für all diese Initiativen geschaffen werden.

Unlängst haben wir in dem schon erwähnten Glasfaserdorf St. Martin im Lainsitztal einen Workshop abgehalten. Dort hat mich die Ungleichzeitigkeit der verschiedenen Aspekte schon ein wenig überrascht, das heißt dass auf der einen Seite in diesem Fall technisch enorm viel getan wurde, dass aber auf der Inhaltsseite im Vergleich dazu eher wenig realisiert wird welche Möglichkeiten sich bieten, auch die Akteure fehlen. Woanders ist es genau umgekehrt. Dennoch herrscht auch hier das Bewusstsein dass verschiedene Dinge naturwüchsig zusammengehören, zum Beispiel dass eben eine Siedlung mit Glasfaserinfrastruktur im ländlichen Raum durchaus auf der physischen Ebene Elemente wie Coworking (gemeinsames Arbeiten in einem wohnnahen Büro) oder Permakultur und Cohousing (Gemeinschaftseinrichtungen im Wohnbereich) aufweisen sollte. In diesem Sinn ergibt sich eine "Musterwolke" oder hoffentlich bald auch "Mustersprache der Globalen Dörfer", wo lokale Breitbandinfrastruktur und Energieeffizienz ebenso natürlich zusammengehören wie oben das Seniorenwohnheim und der Jugendclub.

Die erwähnte Gemeindekooperation auf der Teichalm ist ein weiteres solches Muster: ein isoliertes Dorf wird niemals zum Globalen Dorf werden können, es bedarf einer lokalen Kooperation von mehreren Gemeinden die einander ganz bewusst ergänzen statt zu konkurrieren, wer das größere Hallenbad hat. Erst dann ist die Chance gegeben, die "kritische Masse" zu erreichen die die Gleichwertigkeit mit der Stadt möglich macht. St. Martin kooperiert zum Beispiel mit Groß-Schönau und Groß-Pertholz, und die benachbarten Gemeinden haben sich quasi die Kompetenzen untereinander strategisch aufgeteilt. Die eine Gemeinde beschäftigt sich vielleicht mit Technologie, Infrastruktur und Verwaltung, die nächste mit Ökologie und neuer polykultureller Landwirtschaft, die dritte mit Fremdenverkehr und Events. Daraus, durch die intensive Vernetzung dieser Kompetenzen, wird dann eine starke Mikroregion. Das ist keineswegs noch eine verbreitete Denkweise, aber wir sehen sie zunehmen. Die Steiermark hat sogar Gemeinden administrativ dazu verpflichtet, Kleinregionsverbünde zu gründen.

Auf der internationalen Ebene beginnen wir jetzt (auch durch die neue Zusammenarbeit mit Clear Village) sehr viel systematischer Beispiele zu sammeln, und es wird dazu 2011 auch eine Konferenz geben. Die verschiednen Muster müssen zusammengebracht und die Entwicklungsmöglichkeiten vervielfacht werden. Ein ganz besonders ermutigendes Beispiel ist das, was mir meine Freunde von Oya, dem kulturkreativen Magazin aus Klein - Jasedow, über die Entwicklung im abgeschriebenen Bundesland Mecklenburg - Vorpommern erzählt haben, wo sich eine Arbeitsgruppe der Landesregierung für die Vision von 500 Bionenergiedöfern stark macht. siehe http://www.nachhaltigkeitsforum.de/.

Es ist schwierig, heutzutage keine selektive Aufmerksamkeit zu haben. Im Grunde genommen sind die Globalen Dörfer natürlich immer noch eine echte Randerscheinung, aber unter der Decke gärt es, reift die Idee und nimmt vielfältige Gestalt an. Als ich im Sommer mit der Bürgermeisterin von Ottensheim zusammensaß, musste ich die "wahre" Bedeutung des Terminus nicht mehr erklären. Das passiert mir immer öfter, und das fühlt sich so an als hätte meine Arbeit Erfolg gehabt. In Wirklichkeit hab ich dazu höchstens einen winzigen Beitrag geleistet.

4)
Zitat:
„Die virtuelle ‚Klosterbibliothek’ des 21. Jahrhunderts gibt Zugriff auf ein Wissensuniversum, das mit herkömmlichen materiellen Mitteln gar nicht mehr an einem Ort zu realisieren wäre. Was zu realisieren wäre, sind vielleicht Vermittlungsorte zu diesem globalen Wissen, solche Orte, an deren die Konfrontation von globalem Wissen stattfinden kann.“

Frage(n):
Sind mit den neuen Möglichkeiten des Web 2.0 (Blogs, Internetforen, sozialen Netzwerken wie Xing oder Facebook, Wikis, Informationsaustausch neben den physischen Seminarräumen/Klassenzimmern auch auf e-learning-Plattformen statt…) diese Vermittlungorte sozusagen schon realisiert? Oder wäre hier noch viel mehr an Potentialen herauszuholen?

Antwort:
In der Tat sind wir ein riesiges Stück weitergekommen. Ich nehm nur zum Beispiel Skype, durch das wir zu unzähligen Gelegenheiten externe Teilnehmer zu Gruppenbesprechungen eingeladen und so Lernprozesse immens bereichert haben. Wikipedia ist ein anderes Beispiel, von dem wir im Jahr 2000 nur träumen konnten, eigentlich nebenbei bemerkt der totale proof of concept einer kooperativen Wissensökonomie: eine gut organisierte "Geschenkökonomie" mit eingebauten Regeln der Fairness und Qualität kann aufgrund der niedrigen Transaktionskosten heute im Internet besser funktionieren als ein großer Verlag oder ein großer Konzern. Aber auch YouTube? oder GoogleVideo? mit seiner immensen Speicherkapazität dienen uns als Archiv für ausiovisuellen Content. Google ist überhaupt trotz aller Berfürchtungen bei weitem der progressivste Faktor, nicht nur wegen der Suchmaschine, sondern auch wegen der klar raumbezogenen Strategie mit Maps, Sketchup und anderen Tools. Google Docs und Zoho geben uns nie gekannte Kooperationsmöglichkeiten ... ich könnte bis übermorgen reden über die Fülle an Werkzeugen die uns die scheinbar so absurde Dekade geschenkt hat.

Und dennoch. Das Potential all dieser Tools, lokales Empowerment hervorzubringen, das steht noch aus. Die zentrale Rolle dafür werden Zugangs- und Lernorte spielen, öffentliche Orte in Gemeinden und Stadtteilen, die nicht nur Internet zugänglich machen, sondern auch die persönliche und organisatorische Betreuung mitliefern, sinnvolle Mediennutzung zu lernen und vor allem zu praktizieren. Wir haben das in Kirchbach bei unseren VideoBridge - Experimenten gesehen, wie wichtig die gemeinschaftliche Rezeption der Medien ist und wie sehr es dazu neuer Rollen und sogar Berufe bedarf, die zwischen der Welt des Lokalen und der Welt des Globalen eine Verbindung herzustellen vermögen - MediatorInnen, ModeratorInnen und ÜbersetzerInnen (im übrigen finde ich geschlechtsneutrale Schreibweise zwanghaft, das nur nebenbei).

Am Beginn dieser Dekade saßen wir noch zusammen und wollten die Hardware schaffen für ein kooperatives Lerncafé. Heute würd ich sagen die Software, die Menschen und ihre Tätigkeiten die da involviert sind, sind wesentlich wichtiger. Die Hardware haben wir durch die Verbilligung von Beamern und Bildschirmen, WLANs und Notebooks quasi gratis bekommen. Physische Zugangsräume die sich zu einer gewaltigen virtuellen Universität vernetzen lassen gibts überall, dieses Problem ist je nach lokalen Voraussetzungen verschieden zu lösen (was oft genug noch fehlt ist das Breitband). Und auch die Bausteine unserer Software sind, wie oben angeführt, schon alle vorhanden oder in rasanter Entwicklung. Es ist wie in der Geschichte vom "Wer hat das Elektroauto umgebracht": Die Industrie baut durchaus brauchbare Dinge, kriegt dann wieder Angst vor der eigenen Courage und vor der akkumulierten Macht der Eigenarbeit.

Irgendwie ist die Entwicklung so paradox wie die Entwicklung der Eisenbahn, die auch als Konkurrenz "privater" Strecken und Projekte begann und schließlich so um 1870 in die Verstaatlichung dieser gesellschaftwwichtigen Infrastruzkturen mündete. Weil die Kooperationstools wie Facebook oder Google Maps so wichtig sind, dürfen und können sie nicht private Domänen bleiben sondern müssen auch irgendwann das werden, was sie dem Inhalt nach schon sind: Gemeingüter, die als gesellschaftliche Infrastruktur von so zentraler Bedeutung sind dass sie nicht mehr einem exklusiven privaten Interesse dienen. Ich bin sehr überzeugt davon dass die Gemeingüter die große Entdeckung des beginnenden Jahrtausends sind, dass an die Stelle des hierarchischen Saates die gesellschaftliche Übereinkunft treten wird und dass die Netzwerke uns dafür vorbereiten und in die Lage versetzen.

Wir brauchen aber nichts und niemanden zu enteignen, sondern müssen nur die Chance haben, diese Technologien in virtuellen kooperativen Verbünden neu zu implementieren. Wir sind im speziellen dabei, eine "virtuelle Universität der Dörfer" vorzubereiten, als Schwarm vieler "kleiner Fische". lokaler Lerninstitutionen, die mit breitbandigen Netzwerken Vorträge und Events miteinander teilen. Eigentum und Verantwortung spielen hier eine große Rolle, eben als gemeinschaftliche, genossenschaftliche, wertebasierte. Selbstverständlich ist das auch gedacht als synchroner Verbund mit einem Archiv auf das die ganze Welt frei zugreifen kann.

Auch hier ist das stärkste Argument, dass durch den Zusammenschluss der vielen kleinen ein Commons entstehen könnte, eine große Infrastruktur, die alle gemeinsam herstellen und benutzen zugleich. Schön langsam breitet sich auch in der Europäischen Union ein Umdenken aus, und die Erkenntnis macht sich breit, dass es nicht darum gehen kann, neue riesige Kapitalkonzentrationen zu schaffen, sondern viel mehr zu erkennen, wo wirklich genuine Potentiale für nachhaltige Commons liegen. Wenn nur ein Bruchteil der Wirtschaftsförderung, mit der man heute große Konzerne füttert, in diese Strukturen der Zivilgesellschaft investiert werden könnte, wäre ein heute gar noch nicht absehbares immenses Potential freigesetzt.

Ich möchte nochmal zurück zum Kloster: Wenn ärmliche ostasiatische Dörfer ganze Populationen von buddhistischen Mönchen ernähren können, dann müssten wir es uns eben auch leisten, globale Kultur- und Wissensarbeiter in lokalen Gemeinden zu beherbergen, im Vertrauen darauf, dass ihr kooperatives Arbeiten an Integrationswissen für hochleistungsfähiges lokale Kreislaufwirtschaften überall auf der Welt diese "Investition" unbeschränkt lohnend macht. Wenn das afrikanische Sprichwort stimmt, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen, so gilt noch viel mehr: es braucht die ganze Welt, um in der heutigen Zeit das Wissen zu schaffen, aus denen sich ein lebenswertes und lebendiges Dorf des 21. Jahrhunderts gestalten lässt. Wer, wenn nicht die Dörfer und Gemeinden selbst, soll diesen Prozess in Gang bringen und am Leben halten? Und wo, wenn nicht hier in der Stille jenseits des lauten Betriebs, lässt sich besser denken und lassen sich Gedanken mithilfe der globalen Netze bedächtiger und solider zusammenbauen?

In diesem Fall brauchen wir also ein "distributed monastery", basierend auf dem unmittelbaren Nutzen den solide geistige Arbeit in lokalen Lebens/Produktionszusammenhängen (um das Wort Wirtschaft mal kurz ins Exil zu schicken) entfaltet. Also ein Kastalien das nicht als pädagogische Provinz organisiert ist, sondern überall in den Landschaften und Lebenszusammenhängen der wirklichen Welt präsent ist. Dann wird auch kein Josef Knecht mehr an der Verselbständigung des Wissens verzweifeln müssen. Mustersprachen sind nämlich die endlich entdeckte Form dessen, was Hesse als Glasperlenspiel vorausgeahnt und erträumt hat - die Versöhnung von strikter Theorie und freier menschlicher Praxis.

5)
Zitat:
„Dennoch fehlt bis dato die systematische Auseinandersetzung mit dem Problem der ‚globalen’ Information als ‚lokaler’ Ressource. Eine mögliche Strategie, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, wäre die Frage nach der Interaktion von ‚globalen’ und ‚lokalen’ Ressourcen eines regionalen Systems.“

Frage(n):
Sie machen deshalb einen Aufruf zu einem dringend benötigten Workshop – der in 3 Schritten ablaufen soll: Identifikation der endogenen Faktoren, Wechselwirkung Landschaft – Kultur / Identifikation der handelnden AkteurInnen – Finden einer Vision, einer globalen Bedeutung der lokalen Lebensphäre? Wurde dieser umgesetzt, erprobt? Wo wurde er angewandt und wie hat sich das auf die Entwicklung globaler Dörfer ausgewirkt?

Antwort:

Wir nähern uns diesem Projekt auf viele Arten und Weisen an, einmal von der physischen Seite, so zum Beispiel mit den ECOVAST Workshops zur ganzheitlichen Auffassung von Kulturlandschaften und zum Erfassen der vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Raum und Kulturmustern. Auf der anderen Seite haben 2010 mehrere Workshops zu multimedialer und breitbandiger Kommunikation zwischen lokalen Communities durchgeführt. Irgendwann werden wir es hoffentlich schaffen, den Übergang zu machen und festzustellen was wirklich interessant und mitteilenswert ist von dem was in einer Region passiert - als Vorbedingung eines gelungenen Austausches von Wissen und Erfahrung.

6)
Frage:
Eine Schlüsselfrage für die Nutzung des web, insbesondere des Web 2.0 ist die Frage, wie Verwaltungen diese Technologien nutzen. Da gibt es ja große Vorbehalte, da ein offener Dialog Kontrollverlust bedeutet und eine Kultur der Transparenz voraussetzt. Was braucht es, damit Verwaltungen Vertrauen in diese Technologien entwickeln und gibt es dafür inzwischen positive Beispiele?

Antwort:

die Frage sprengt den Raum des Interviews - wir heben sie uns für später auf ;-)

7)
Frage:
In den letzten 10 Jahre haben die Diskurse um Nachhaltigkeit in ökologischer, ökonomischer, sozialer und auch kultureller Dimension den Weg in den Mainstream angetreten, nicht zuletzt angeheizt durch Krisen. Wie ist dabei das Potenzial digitaler Kommunikation zu sehen, insbesondere für benachteiligte ländliche Regionen?

Antwort:

die Frage sprengt den Raum des Interviews - wir heben sie uns für später auf ;-)

8)
Frage:
Eine These zu den digitalen Medien lautete vor zehn Jahren, dass sie das Verhältnis Stadt und Land zum beiderseitigen Vorteil verändern könnten. Man hat den Eindruck, dass dies nicht wirklich eingetreten ist. Noch nicht?

Antwort:

die Frage ist implizit schon oben beantwortet.

9)
Frage:
Aus heutiger Sicht: was ist die Sprache und das Vokabular der globalen Dörfer? Welche Kanäle und Formen der Kommunikation haben in den nächsten Jahren das Potenzial, auch Wirkungen auf den Raum und seine Nutzung (Besiedelung, wirtschaftliche Aktivitäten, Kultur) zu entfalten?

Antwort:
Die Sprache der Globalen Dörfer sollte eine Sprache der kulturellen Diversität sein. (Im Unterschied zur Multikulturalität der Metropolen, die in Wahrheit eher Ghettos produziert). Ich habe unlängst in einem Essay geschrieben dass das Globale Dorf nicht einfach eine technische oder ökologische Optimierung unseres Lebens auf diesem Planeten ist; in vieler Hinsicht ist es das natürlich auch, rationeller und nachhaltiger als die von der Natur und ihren Kreisläufen entfremdete Megametropole ist ein Geflecht schlanker und grüner naturverbundener Siedlungsformen allemal: "dieses Dorf ist eingebettet in die "lebenden Maschinen" einer zweiten agrikulturellen Revolution, in Hydro- und Hortikulturen, in einen künstlichen Dschungel höchster biologischer Produktivität, in komplexe Permakulturen mit Mikroklimata, in denen wir mit und nach dem Paradima der Pflanze leben werden. Es ist die wahre Fabrik, der wahre Produktionsort, und der Anteil der Hochtechnologie, die dafür in großstädtischen Zentren produziert werden muss geht ständig zurück. Nach innen und nach außen wird unsere Lebenssphäre wirklich organisch werden, und sie wird daher auch weiter an Gestalt zunehmen statt amorpher zu werden." ( http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?FranzNahrada/NeueTexteUndTexteInArbeit/Schubumkehr).

Aber da ist noch mehr, da ist noch etwas anderes. Da ist die Sehnsucht nach authentischem, auf gewählten Lebensentwürfen basierenden Räumen. Ich habe gerade die Skizzen zu einem Science Fiction Roman begonnen, den ich gerne irgendwann schreiben würde, ein Buch in dem Dörfer und Gemeinschaften "Persönlichkeiten" bekommen und deren extreme kulturelle Unterschiede nicht mehr als Gefahr, sondern als Bereicherung unseres Lebens und unseres Planeten gesehen werden. Diese Bilder machen mir unheimlich viel Lust und Freude. Wenn die Energie die unser Leben bereichert die innere Verfeinerung und nicht die äußere Annexion ist, dann ist kulturelle Vielfalt so wertvoll wie biologische Vielfalt, der Boden auf dem das entsteht, was das Leben lebenswert und interessant macht. Erstmals haben wir die Situation dass kulturelle Vielfalt nicht zu Abschottung und Gegensätzen führen muss, aber auch nicht zum Verschwimmen und Auflösen der Kulturen - eher zu einem hoch kooperativen Nebeneinander.

Der Hauptgrund dafür ist, dass die Probleme der Daseinsbewältigung überall die gleichen sind und die Kulturen oft verschiedene mögliche Antworten auf universelle Fragen geben. Indem wir in den kleinen Räumen wieder konsistente und durchgängige Antworten zu leben versuchen, werden diese Räume ganz naturwüchsig voneinander differieren. Wenn es uns gelingt, zu zeigen dass das notwendig so sein muss, weil unser Leben nur in Gemeinschaft real ist, dass wir aber dennoch uns darauf einigen können dass jedem Menschen freigestellt sein muss Gemeinschaft zu formen, zu wählen und auch zu verlassen, dann können wir die kulturelle Basis einer wahrhaften Weltgesellschaft schaffen. Dann erst blüht nämlich jene Sphäre des Austausches von Möglichkeiten, jenes Repositorium der Alternativen, jene Open Source der Gestaltungsoptionen, die ihrerseits Grundbedingung der Globalen Dörfer ist. Dann entsteht vielleicht auch wieder jenes positive Interesse der Menschen aneinander, das in den Jahren unserer Jugend uns so viel Mut und Zuversicht gegeben hat, die Welt verändern zu können, und das wir in der idiotischen Konkurrenzwelt der Gegenwart so schmerzlich vermissen.

Wir sehen allererste Anfänge solcher Entwicklungen in Künstlerdörfern, Themendörfern wie Bücherdörfer, Schmiededörfer, Fischerdörfer etc,, intentionalen Gemeinschaften, komplementären Dörfern, Keltendörfern, Biodörfern, Gesundheitsdörfern, Geschichtsdörfern, Museumsdörfen, Märchendörfern, Naturgärtendörfer, Seminar- und Tagungsdörfern, Erfinder- und Experimentierdörfer, Auto-, Abenteuer- und Kriegsspieldörfern, spirituellen und religiösen Dörfern und so weiter. Vom touristischen Spektakel über das Hobby zum ernsthaften Lebensentwurf sind es nur einige Schritte. Zumeist auch zur Erkenntnis dass nur ein Mosaik von Subkulturen einen lebenswerten Raum schaffen kann. Das Internet und die Medien wirken wie eine große Destilliermaschine, um Menschen mit ähnlichen Sehnsüchten zusammenzubringen und zu stärken. Wir sollten diese Entwicklungen nicht belächeln oder fürchten, sondern nach Kräften fördern. In Wahrheit liegt hier die große Chance, den Raum, den Lebensraum, den ländlichen Raum wieder zurückzugewinnen und zugleich unserem Leben wieder eine Mitte zu geben.