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Franz Nahrada / Buchprojekt Globale Doerfer /
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Dieses Buch ist der Versuch, die Resultate vieler Jahre Forschung und Beobachtung zusammenzufassen, die um die Frage sinnvoller Modelle für unsere Zukunft als Menschheit auf diesem Planeten kreisen. Gibt es einen kohärenten Rahmen, innerhalb dessen sowohl eine maximale Dynamik menschlicher Entwicklung in kultureller Differenziertheit als auch eine stabile und friedliche gemeinsame Lebensgrundlage in Einklang mit dem Netzwerk der Biosphäre geschaffen werden kann? Und gibt es einen Ausdruck dafür, Begriff und allgemeinste Charakteristik zugleich, so etwas wie eine Elementarform, [1] in der dieser Rahmen angelegt ist und die sich zu einer reichhaltigen und attraktiven Realität entwickeln kann? Ich habe mich immer mehr dazu entschlossen, den Begriff Globale Dörfer zu verwenden, jenes von Marshall McLuhan ersonnene schillernde Oxymoron, in der handfeste lokale physische Realität mit den extremsten Möglichkeiten der globalen Kommunikation in einen spannenden Tanz eintritt, aus dem letztlich eine totale Umgestaltung der Welt resultiert. ˧

"Globales Dorf" verwandelt sich dabei aus einer scheinhaften, zugleich illusionären und doch höchst wirksamen medialen Projektion in eine zunehmend materielle Realität, die nur im Plural real ist: in eine Vielzahl von alten und neuen, bewusst gestalteten Lokalitäten, die die Herausforderungen des Umganges mit begrenzten Ressourcen vor dem Hintergrund der beständigen Kommunikation mit den unbegrenzten kreativen Potentialen einer globalen Denk- und Entwicklergemeinschaft annehmen und die in diesem Sinn letztlich zu einer globalen Noosphäre verwachsen. ˧

Es gibt vier Bedeutungen der Metapher "Globales Dorf" bei McLuhan, und es scheint dass ihm diese Ambiguität nicht störte, sondern sogar behagte. ˧

Die erste Bedeutung ist wie gesagt das "as if": Wir werden mit Realitäten in Echtzeit konfrontiert, die den Eindruck erwecken als spiele sich das was wir über die Medien erleben in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ab. Das stiftet nicht nur Faszination, sondern auch Schmerz, Verwirrung und Abstoßung, ˧

Die zweite Bedeutung ist das, was er auch oft die elektronische Tribalisierung genannt hat und die im scharfen Kontrast steht zur ersten Bedeutung. Es bilden sich kulturelle Blasen, abgegrenzte Räume die in gewissen Weise wie virtuelle Stammes- oder Dorfkulturen funktionieren. Oft genug wird "Globale Dörfer" in diesem Sinn verwendet - und wie gesagt, das ist durchaus im Sinn des Erfinders. ˧

Die dritte Bedeutung ist allerdings der Umschlag in die materielle Welt. Die Intensivierung der virtuellen Beziehungen führe zur Entstehung von Orten, die mit der Energie diese virtuellen Beziehungen aufgeladen sich der "Renaissance des Lokalen", der "kosmolokalen" oder "hyperlokalen" Bildung von gemeinschaftlicher Lebensgestaltung und der Fokusierung auf reale lokale Sphären derselben zuwenden. Hier hakt unser Begriff der dem Buch den Namen und die Perspegtive gibt, ein. ˧

Erst dadurch kommt die vierte BHedeutung zustande, die das Scheinhafte der ersten Bedeutung, das Fragmentierte der zweiten und das Isolierte der dritten in eine komplexe Realität aufhebt, in der tatsächlich die "Dörfer" dieser Welt in eine Kooperative Beziehung miteinader treten und die anfängliche Phrase vom "Globalen Dorf" dann doch noch ihre volle Berechtigung erhält.

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Eine Annäherung an diese Realität ist meine subjektive, von lebensgeschichtlichen Zufällen geprägte Reihe von nachhaltigen Eindrücken, die sich zu einer Theorie und zu einem Weltbild verfestigen, ein wenig zu skizzuieren ˧

Die zwei bestimmendsten und nachhaltigsten dieser Eindrücke haben sich in die innere Polarität des Begriffes "Globale Dörfer" verwandelt. ˧

Auf der einen Seite steht die Möglichkeit, menschliches Wissen mit Hilfe der elektronischen Medien völlig neu zu organisieren, sodass es einerseits alle seine Kontexte und Voraussetzungen expliziert und andererseits überall verfügbar wird. Mehr als das, die Grenzen zwischen Informationsübertragung und Herstellung materieller Güter sind fließend geworden, dezentrale Automation, Fabrikation und Replikation entwickeln sich zur Antithese der großen Industrie. All das, was bislang nur in Städten möglich war, ist aufgrund der globalen Vernetzung letztendlich auch an den Peripherien denkbar geworden. Es passiert dort freilich nicht auf dieselbe Art und Weise und erfordert einen sehr hohen Grad an Koordination und Bildung und auch hier kritische Massen, aber es eröffnet neue Chancen nicht nur des Überlebens, sondern kollektiver Selbstbestimmung und einer kulturellen Renaissance der peripheren Regionen.Eine unabdingbare Voraussetzung wäre, dass handlungsrelevantes Wissen aus seinen proprietären Fesseln gelöst und als globales Gemeingut organisiert wird. Eine weitere Voraussetzung wäre die Etablierung starker regionaler Zentren, die nicht nur weltweit miteinander forschend kooperieren, sondern auch ein lokales Netz komplementärer Kompetenzknotenpunkte etablieren - auch und gerade in ursprünglich ländlichen Regionen. ˧

Lebensgeschichtlich hat sich für mich die Beschäftigung mit den neuen Formen der Wissensorganisation und den Potentialen der digitalen Medien vor allem aus meiner Auseinandersetzung mit den frühen und noch entwicklungsoffenen Hypermedia Systemen, vor allem HyperCard, ergeben. Aber erst das Zusammentreffen mit dem Medienvisonär Kim H. Veltman hat mich zu einer Systematik der Modalitäten des Digitalen angespornt und für mich begreiflich gemacht, wie die unendlichen Möglichkeiten der digitalen Technologie auseinander hervorgehen und einander befördern. ˧

Auf der anderen Seite stand zunehmend die Faszination durch die Möglichkeiten "der Welt außerhalb des Computers", unserer Lebensräume und der Potentiale der Einbettung von Technologie in Lebenswelten mit menschlichen Dimensionen. Im Wesentlichen geht es um die Frage, welche neuen und zusätzlichen Optionen die Technologie der Kommunikation auf den Raum hat und wie sie dessen Möglichkeiten unterstützt. Doch dazu sind Raum - Erfahrungen der verschiedensten Art notwendig. ˧

Der lebensgeschichtliche Zufall, der dabei den Ausschlag gab, war die Begegnung mit der griechischen Dorfkultur auf der Insel Samos, die ich in einem Prozess eines beginnenden Niedergangs ab 1982 kennenlernen durfte. Beides war für mich gleich ergreifend: die intensive Lebendigkeit sowohl was die sozialen Beziehungen als auch die Einbettung in eine über viele Generationen gepflegte und bereicherte Natur anbelangte, als auch die Unerbittlichkeit mit der der Einzug des Tourismus und externer Verlockungen zum Exodus der jungen Generation führte, bis aus den lebendigen Dörfern binnen kurzer Zeit Ruinen wurden. ˧

In der Tat sind diese beiden so verschiedenen Ausgangspunkte, das riesige Potential der elektronischen Medien als Quelle und Speicher und Beschleuniger von Wissen und Können einerseits und die Potentiale eines pflegenden und regenerativen Mensch-Naturverhältnisses genau die Polarität, die meine Wahrnehmung und meine Phantasie in den folgenden Jahrzehnten bestimmten. Einmal in diese Polarität zwischen global und lokal gelangt, entdeckte ich auf beiden Seiten der Gleichung immer neue Manifestationen, immer neue Potentiale der Entwicklung und vor allem der wechselseitigen Befruchtung. Später lernte ich zu erkennen, dass es um die Herausbildung von Mustern ging. ˧

Auf der physischen Seite war es vor allem die Auseinandersetzung mit dem städtebaulichen Experiment Arcosanti in der Wüste von Arizona, das ich von 1987 bis 1995 viermal besuchte und auch die Gespräche mit dem Begründer Paolo Soleri, die mich nachhaltig neeindruckten. Arcosanti ist das ehrzeigige Projekt, eine Stadt von 5000 Menschen auf der Grundfläche eines kleinen Dorfes zu bauen und damit einen dreidimensionalen Organismus zu schaffen, der der umliegenden Landschaft alle Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Soleri war davon überzeugt, dass sich unsere Städte entwickeln wie Organismen, dass es einen evolutionären Grundzug zu steigender Komplexität gäbe, der durch eine bewusste Optimierung der räumlichen Strukturen in Richtung Mehrfachnutzung, Kompaktheit und Lebendigkeit ausgeglichen werden müsse. Diese Evolution bedeute sparsamen und effektiven Umgang mit Ressourcen ("Frugality") und ziele nicht ins Wachstum, sondern in angepasste Größen ("Miniaturisation"). ˧

Dies wurde ergänzt durch die Freundschaft mit einem seiner Schüler, dem Architekten Joseph Smyth, dem ich damals in Thousand Oaks nördlich von Los Angeles begegnete und der in einer kühnen Vision Soleris Theorien für die Umwandlung der Autostadt LA in ein Netzwerk von fußgängerorientierten verdichteten "urbanen Dörfern" umsetzen wollte, verbunden durch ein neues Netzwerk von öffentlichen Verkehrsmitteln. Die kreative Phantasie von Josephs Raumentwürfen zeigte mir mit einem Schlag, wie viel Potential europäische gewachsene Raumstrukturen für unsere Zukunft enthalten. Später sollten viele weitere Architekten und Planer an der Schnittlinie von amerikanischer Unbekümmertheit und Innovationsfreude und europäischer (und asiatischer) Raumweisheit dazukommen, die ich auf die Global Village Konferenzen in Wien einladen konnte. ˧

Auf der Seite der Informationstechnologie und der Wissensorganisation war es vor allem die Begegnung mit Douglas Engelbart in Stanford 1990, die mein Weltbild auf völlig neue Grundlagen stellte. Engelbart ist in vielem der erste Pionier eines Verständnisses der Computertechnik als Kommunikations- und Denkwerkzeug gewesen, er wollte die Potentiale des menschlichen Denkens, des menschlichen Intellekts über ein passendes Interface zum Computer als Wissensspeicher vervielfachen. Dafür hat er die wesentlichen Basisinnovationen erfunden, er hat zur selben Zeit die Computermaus, die "Fenstertechnik", also das simultane Darstellen mehrerer Anwendungsbereiche, Textstellen oder Prozesse auf einem Bildschirm und den Hyperlink, das heißt die Möglichkeit, assoziative Verbindungen am Computer darzustellen - etwas, was wir mit dem World Wide Web heute für selbstverständlich nehmen. ˧

Engelbart begrüßte mich aber zu meiner großen Überraschung in unserem Gespräch als Soziologen, etwas was ich nicht erwartet hätte. Er war fasziniert von der Frage, welche Wirkungen das Human Interface in der Gesellschaft hat. Einerseits würde es die Zugänglichkeit und die wechselseitige Erhellung und Erweiterung des Wissens unterstützen, aber eben auch die Multiperspektivität. In dieser Multiperspektivität sah er auch einen Schlüssel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Um mir das praktisch zu demonstrieren schickte er mich auf einen Besuch in das Institute for the Research on Learning ins nahegelegene Palo Alto - und tatsächlich war dieser Besuch ein Schlüsselerlebnis. ˧

(Engelbarts Forschungsmethode der Bootstrap Communities. Kleine Gemeinschaft mit Multiperspektivität anztizpiert große Herausforderungen.) ˧

(Zusatz Medizinrad) ˧

(Die Forschungsfrage) ˧

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[1] So mancher Leser wird beim Wort Elementarform an das Kapital von Karl Marx denken, an die innere Polarität der Ware, aus der sich eine ungeheure Dynamik der Wertformen entwickelt. Sie enthält sowohl das Element der Naturbeziehung als auch das der gesellschaftlichen Vermittlung der Bedürfnisse, aber in einer falschen, krisenhaften und destruktiven Form. Das Bedürfnis ist von seiner gesellschaftlichen Realität getrennt, die gesellschaftliche Realität erscheint als äußerer, beschränkender Maßstab der Zahlungsfähigkeit.

[2] Ein beliebiges Beispiel mit Literaturstellen wie diese Bedeutungen durcheinander geworfen werden siehe https://www.grin.com/document/378270: " „Das global village ist zentral vernetzt, bie­tet ein hierarchiefreies Nebeneinander von unterschiedlichen Medien und Kommunikationsformen. Die auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigten In­formationen bewirken eine Kommunikation, die überall und gleichzeitig stattfin­det.“ (Giesecke, 2002, S.227). Elektronische Medien bringen die ganze Menschheit in einem einzigen globalen Dorf zusammen. Alle Menschen neh­men daran teil, dass Information und Kommunikation sofort und ständig ver­fügbar ist. Die maßgeblichen drei Eigenschaften sind: Simultan, permanent und interdependent, formuliert Grampp (vgl. Grampp, 2011, S.93). „Alle Fest­stellungen sind kurzlebig und Wahrheiten sind nicht mehr in Stein gemeißelt, keine zusammenhängende Logik, sondern nur Statements, Momentaufnah­men von extrem kurzer Haltbarkeit“, wie Dreyer es formuliert (ebd. S.75).
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Kein Wunder dass ein solcher Nicht - Begriff aus der Mode gekommen ist!"